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Full text of "Die Geschichte von den Leuten aus dem Lachswassertal. Mit zwei Beilagen. Übertragen von Rudolf Meißner"

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Einleitung 


Die Geſchichte von den Leuten aus dem Lachs waſſertal hat, 
abgeſehen von einzelnen Epiſoden, einen beſchraͤnkten 
Schauplatz, umſpannt aber dafür einen großen Zeitraum. Mit 
der Beſiedelung des Zvammsfjord, der vom Breidifjord nach 
Oſten ſich ins Land hineinzieht, beginnt die Saga, in den Taͤ⸗ 
lern, die von Norden, Weſten, Suͤden her in den innerſten 
Teil des Sjords auslaufen, im ‚Tälerbezirf‘ ſpielt ſich der 
Hauptteil der Saga ab, und in dem unweit der Muͤndung des 
Zgvammsfjord gelegenen Helgafell nehmen wir Abſchied von 
den Menſchen, deren Schickſale uns hier erzaͤhlt werden. 

Es ſind die Schickſale von acht Geſchlechtern, natuͤrlich nicht 
mit gleicher Ausfuͤhrlichkeit geſchildert; die Solge der Geſchlechter 
iſt bezeichnet durch: Ketil Slachnaſe, deſſen Tochter Unn, deren 
Sohn Thorftein den Roten, deſſen Sohn Olaf Seilan, deſſen 
Neffen goͤskuld, deſſen Sohn Olaf Pfau, deſſen Sohn Kjartan 
und Neffen Bolli und ſchließlich durch Bollis Sohn Bolli. 
Am Beginn der Saga ſteht wie ſo oft die gewaltige Geſtalt des 
Königs Harald Schoͤnhaar, der den Trotz der norwegiſchen 
Zaͤuptlinge zerbricht oder fie aus dem Lande treibt (872 bis 
ungefähr 943), am Schluß Rönig Olaf der Heilige, gefallen 
in der Schlacht bei Stikleſtad 1030, der das ftörrifche Volk end⸗ 
gültig dem Chriſtentum unterwirft. Auch die in der Zwiſchen⸗ 
zeit in Norwegen herrſchenden Sürften treten mit Ausnahme 
von Eirik Blutaxt und der beiden Jarle Eirik und Svein, 
die Olaf dem Heiligen vorangehen, in der Saga auf: gakon, der 
juͤngſte Sohn des Harald Schoͤnhaar, gefallen im Kampf gegen 
die Söhne Eiriks in der Schlacht von Sitje 961; Harald Grau⸗ 
mantel, gefallen etwa 970 im Kampf gegen den Daͤnen Gold⸗ 
Sarald; der Jarl Zakon, ermordet 995; Olaf Tryggvaſon, ge⸗ 
fallen in der Seeſchlacht bei Svoldr im Jahre 1000. 

Die Saga beginnt um die Mitte des 9. Jahrhunderts, das 
letzte, was ſie erzaͤhlt, iſt der Tod des Gellir, des Sohnes der 
Gudrun (1073). 

Dieſer Gellir iſt der Großvater des Geſchichtsſchreibers Ari, 
der feine fruͤhſte Jugend bei ihm in Helgafell verlebte. 


1 Meißner, Lachstalſaga 1 


Die Einleitung erzählt, wie das Geſchlecht des mächtigen 
Zerſen Ketil Flachnaſe aus Norwegen auswandert und in 
Island ‚Land nimmt‘. Unn (in andern Quellen Aud), die 
Stammmutter der maͤchtigſten Geſchlechter am Breidifjord, 
gründet den Hof Zvamm, wo fie ihren Enkel Olaf Seilan zum 
Erben einſetzt und das in Beſitz genommene Land verteilt. 
Dann beginnt die eigentliche Saga von den Leuten im Lachs⸗ 
waſſertal. Die Zauptperſonen find Zoͤskuld, fein Sohn Olaf 
Pfau, und deſſen Sohn Rjartan. Dieſer Teil endet mit der für 
Kjartans Tod vollzogenen Rache, reicht alſo bis Kap. 56. 
Zoͤs kuld iſt ein Neffe des Olaf Seilan, ein Sohn des Roll und 
der Thorgerd, einer Schweſter des Olaf. Bei der Hochzeit er⸗ 
hält Koll das ganze Cachswaſſertal als Mitgift (Rap. 5). 
Sobald ſich die Erzählung dem Zoͤskuld zuwendet, tritt gvamm 
mit ſeinen Bewohnern voͤllig zuruͤck. Olaf Seilans Sohn war 
der maͤchtige und geſchichtlich ſehr bedeutſame Häuptling Thord 
Bruͤller: auf feinen Vorſchlag wurde ungefähr 965 die Ein⸗ 
teilung der Inſel in Viertel und die damit zuſammenhaͤngende 
Thing⸗ und Gerichtsordnung feſtgeſetzt. Waͤhrend er in an⸗ 
dern Erzählungen eine wichtige Rolle ſpielt, ſteht er in der 
unfrigen ganz im Zintergrunde, aber doch als der erſte Mann 
im ganzen Bezirk, deſſen Wille entſcheidend iſt; vgl. Kap. 16. 
Zoͤskuld hauſt auf dem noch jetzt beſtehenden Zofe Zoͤskulds⸗ 
ſtadir am ſuͤdlichen Ufer des Lachswaſſers. Seine Mutter 
Thorgerd verlaͤßt Island nach dem Tode ihres Mannes, ver⸗ 
heiratet ſich in Norwegen mit Herjolf, wird bald zum zweiten 
Male Witwe und kehrt wieder nach Island zuruͤck; ihr und 
Zerjolfs Sohn Hrut wird in Norwegen erzogen. Weiter er⸗ 
zahlt die Saga von Zoͤskulds Verheiratung mit der ftolzen 
Jorunn, und von den Kindern, die der Ehe entſprießen. Von 
dieſen iſt der aͤlteſte Sohn Thorleik fuͤr die Saga wichtig, als 
Vater des Bolli. 

Zoͤskuld bringt von einer Auslandsreiſe eine ſtumme Sklavin 
als Nebenfrau mit, die er auf dem großen Markt an der Muͤn⸗ 
dung des Goͤtaelf gekauft hat. In Island gebiert ſie einen 
Sohn, der den Namen Olaf erhaͤlt. Hösfuld belauſcht eines 
Tages Mutter und Kind und macht dabei die Entdeckung, daß 


2 


die Mutter nur aus Stolz ihre Stummbeit angenommen bat. 
Er erfährt nun, daß die Sklavin die Tochter des iriſchen Königs 
Myrkjartan iſt und Melkorka heißt. Mit 15 Jahren iſt ſie in 
Kriegsgefangenſchaft geraten. Das Verhaͤltnis zwiſchen den 
beiden Srauen wird allmählich unerträglich, Melkorka bekommt 
einen eigenen Hof im Cachswaſſertal, dort waͤchſt Olaf auf 
(Kap. 13). 

Zrut, Söskulds Halbbruder, kehrt nach Island zuruͤck und 
erhebt Anſpruch auf den ihm vorenthaltenen Anteil am muͤtter⸗ 
lichen Erbe. Der Zwift zwiſchen beiden Brüdern wird ſchließ⸗ 
lich auf Jorunns Rat beigelegt, und Hrut richtet ſich feinen 
Zof in Hrutsftadir ein. Dieſer Hof lag ſuͤdlich von Rambsnes 
an der Oſtkuͤſte des Fvammsfjord. Die Hefte des von Hrut 
errichteten Tempels, fuͤr die ſchon der Sagaſchreiber Intereſſe 
hatte (Kap. 19), find noch zu ſehen. 

Von Kapitel 20 ab wird Olaf Pfau, der Sohn des Hösfuld 
und der Melkorka, Zauptperſon der Saga. — Das Verhältnis 
zwiſchen Zoͤskuld und Melkorka iſt ſchlechter geworden, fie 
verheiratet ſich mit Thorbjoͤrn Skrjup, der Olaf die Mittel für 
eine Auslandsreiſe gibt. Olaf geht zunaͤchſt nach Norwegen, 
wo er ehrenvolle Aufnahme bei Harald und der Röniginmutter 
Gunnhild findet. Dann ſegelt er nach Irland und wird dort 
von König Myr kjartan als Enkel anerkannt. Das Anerbieten 
des Königs, fein Nachfolger zu werden, lehnt er ab, und kehrt 
nach Island zuruͤck. Auf den Rat Zoͤskulds wirbt er um Thor⸗ 
gerd, die Tochter Egils, die zuerſt den Magdsſohn ſtolz zuruͤck⸗ 
weiſt, dann aber doch von ihm gewonnen wird. Olaf baut den 
Zof Zjardarholt, auf der Nordſeite des Cachswaſſertals gegen 
über dem auf dem ſuͤdlichen Ufer liegenden Hof feines Vaters. 
Zjardarholt iſt jetzt ein Pfarrhof. 

Olafs Tüchtigkeit und Reichtum, ſeine verbindung mit der maͤch⸗ 
tigen Familie des Egil, erheben ihn zum Arger der Jorunn 
weit über die ehelichen Söhne des Zoͤskuld, von denen ihm 
Thorleik, der den Hof Kambsnes (etwas noͤrdlich von Hruts 
ſtadir) uͤbernommen hat, feindlich geſinnt iſt, waͤhrend der 
zweite Sohn Bard Freundſchaft mit ihm hält. Das zeigt ſich 
beim Tode Zoͤskulds (Kap. 26). Thorleik weigert ſich dem 


er | 3 


fterbenden Vater gegenüber, Olaf, den unehelich Geborenen, 
als gleichberechtigten Erben anzuerkennen, waͤhrend Bard da⸗ 
zu bereit iſt. Nach dem Erbmahl gewinnt aber Olaf ſeinen 
galbbruder Thorleik dadurch, daß er deſſen Sohn Bolli zur 
Erziehung uͤbernimmt, — ein verhaͤngnisvoller Entſchluß. 
Von Kap. 28 ab geht die Saga zum naͤchſten Geſchlecht uͤber. 
Junaͤchſt wird von Thurid, der Tochter Olafs, erzaͤhlt, von 
ihrer kurzen, ungluͤcklichen Ehe mit dem Norweger Geirmund, 
den Olaf von einer zweiten Reife mitgebracht hat. Geirmund 
verlaͤßt ſie, Thurid raubt ihm ſein Schwert Sußbeißer, uͤber 
das er einen Fluch aus ſpricht. Die ſes Schwert ſchenkt Thurid 
ihrem Vetter und Ziehbruder Bolli. 

Im Kap. 32 wird die Familie des Oſvifr auf Laugar im 
Saͤlingstal vorgeſtellt. Auch Oſvifr ſtammt von Ketil Flach⸗ 
naſe ab. Das Saͤlingstal oͤffnet ſich nach dem innerſten nord⸗ 
oͤſtlichen Zipfel des Zvammsfjord, am Ausgang des Tales 
liegt Saͤlingsdalstunga (auch nur Tunga genannt). Caugar, 
ſo genannt nach einer warmen, zum Baden benutzten Quelle, 
liegt etwas aufwärts im Tal. Auf Saͤlingsdals tunga ſitzt der 
Bauer Thorarin, der Sohn des Thorir. 

Unter den Kindern des Oſpifr ift es die Tochter Gudrun, die 
jetzt in den Vordergrund tritt. Der auch aus andern Erzaͤh⸗ 
lungen wohlbekannte Geſt, der Sohn des Oddleif, deutet ihr 
an der warmen Quelle ihre Traͤume auf vier Ehen, in denen 
ſich das Geſchick ihres Lebens erfüllen ſoll. Die beiden erſten 
Ehen werden in Kap. 34 und 35 behandelt, die erfte endet 
durch Scheidung, die zweite damit, daß ihr Gatte ertrinkt. 
Nachdem Gudrun wieder Witwe geworden und auf den Hof 
ihres Vaters zuruͤckgekehrt iſt, beginnt ihre Bekanntſchaft mit 
Kjartan, dem Sohne des Olaf Pfau, und Bolli, Rjartans Jieh⸗ 
bruder (Kap. 39). Kjartan und Gudrun lieben ſich, aber es 
kommt nicht zur Verlobung, denn Kjartan entſchließt ſich zu 
einer Reiſe nach Norwegen. Beim Abſchied gibt Gudrun ihre 
leidenſchaftliche Liebe zu erkennen, indem fie Kjartan bittet, 
ſie mitzunehmen. Stolz und unwillig weiſt dann Gudrun 
Kjartans Verlangen, daß fie drei Jahre auf ihn warten möge, 
zuruͤck. 


4 


Kjartan tritt feine Reife auf dem Schiffe des Ralf an, der aus 
einer angeſehenen Familie des Nordviertels ſtammt. Bolli be⸗ 
gleitet ihn. Der folgende Abſchnitt uͤber ihre Erlebniſſe in Nor⸗ 
wegen findet ſich auch in andern Quellen. Kjartan trifft in 
Trondhjem mit Koͤnig Olaf Tryggvaſon zuſammen, leiſtet 
zunaͤchſt dem Drängen des Königs, der die Islaͤnder durch 
Uberredung und Drohung zum Chriftentum zu bekehren ſucht, 
Widerſtand, wird aber ſchließlich durch den Eindruck, den 
der König auf ihn macht, überwältigt und laͤßt ſich taufen. 
Kjartan wird dann über die Zeit, die er Gudrun angegeben 
hatte, durch den König in Norwegen zuruͤckgehalten, aber 
Bolli kehrt heim und wirbt, obgleich Olaf Pfau abraͤt, obgleich 
Gudrun ihm erklaͤrt, daß fie auf Kjartan warte (Rap. 42), um 
die Geliebte ſeines Freundes. Gudrun, von ihrem Vater und 
ihren Brüdern gedrängt, an der Treue des Geliebten zweifelnd, 
da Bolli ihr von Kjartans Neigung zu Ingeborg, der Schweſter 
des norwegiſchen Rönigs, erzählt, gibt ſchließlich nach. 

Als Rjartan im Sommer darauf mit Kalf in der Zvita im 
Borgarfjord landet, hört er, daß Gudrun feit dem Winteran⸗ 
fang des vergangenen Jahres mit Bolli vermaͤhlt iſt. Kjar⸗ 
tan laͤßt ſich bewegen, Hrefna, die Schweſter feines Reifes 
gefaͤhrten Kalf, zur Frau zu nehmen, und nun hofft Olaf 
Pfau, daß es möglich fein werde, ein ertraͤgliches Verhaͤltnis 
zwiſchen den Höfen Zjardarholt und Laugar zu wahren. Er 
haͤlt deshalb an den gewohnten gegenſeitigen Beſuchen und 
Einladungen feſt. Aber grade dadurch fuͤhrt er herbei, was er 
fernhalten will. Kjartan erwidert die Seindſeligkeiten Gud⸗ 
runs und ihrer Brüder durch eine grobe Verhoͤhnung (Rap. 47) 
und noͤtigt Thorarin auf Saͤlingsdalstunga, der feinen Hof 
an Bolli verkauft hat, dieſen Handel ruͤckgaͤngig zu machen. 
Gudrun reizt nun ihre Brüder auf, Kjartan zu überfallen, und 
zwingt auch Bolli, an dem Juge teilzunehmen. Im, Schweine⸗ 
tal‘, nicht weit von Saͤlingsdalstunga, wird Kjartan ange⸗ 
griffen und von Bolli mit dem Schwert Sußbeißer getötet 
(Rap. 49). Das geſchah nach den aͤlteſten islaͤndiſchen Annalen 
im Jahre 1003, und wenn der Tag, Donnerstag nach Oſtern, 
in der Saga richtig angegeben iſt, am 1. April. — 


Olaf Pfau verhindert, daß Rache an Bolli genommen wird, nur 
eine Geldbuße muß er erlegen. Ja, Olaf geht noch weiter, er 
ſorgt dafür, daß Bolli und Gudrun nun doch den Hof Saͤlings⸗ 
dalstunga erhalten. Die Söhne des Osvifr werden des Landes 
verwieſen. Olaf Pfau überlebt den Tod feines Lieblings ſohnes 
noch um drei Jahre. — 

Nach Olafs Tode reizt ſeine Witwe Thorgerd ihre Soͤhne auf, 
an Bolli Rache zu nehmen. Bolli wird in einer Sennhuͤtte des 
Saͤlingstals überfallen und getötet (Kap. 55). 

Von nun an wendet ſich die Saga durchaus der Gudrun zu; 
neben ihr tritt als ihr Sreund, Ratgeber und Beſchuͤtzer Snorri 
der Bode, die Hauptgeftalt der Eyrbyggjaſaga, bedeutſam her: 
vor. Die Leute des Lachswaſſertals, die Brüder Rjartans, find 
jetzt Nebenfiguren und werden nur noch erwähnt, foweit es 
die Beziehung zu Gudrun, ihren Söhnen und ihrem vierten 
Gatten erfordert. 

Auf Gudruns Bitte tauſcht Snorri mit ihr den Wohnſitz, 
Gudrun zieht nach Helgafell, Snorri nach Saͤlingsdalstunga. 
Aus der Ehe Gudruns mit Bolli ſtammen zwei Söhne, Thor⸗ 
leik und der nachgeborene und deshalb nach dem Vater ge⸗ 
nannte Bolli. Thorleik wird aufgezogen von Thorgils, dem 
Sohne der Zalla, der Tochter des weiſen Geſt, der Gudruns 
Traͤume gedeutet hat. Thorgils iſt der Urenkel der Thorhild, 
einer Schweſter des Olaf Seilan. Er wohnt auf Tunga im Soͤr⸗ 
datal (an der Suͤdſeite des Zvammsfjord). Zwifchen ihm und 
Snorri beſteht Seindfchaft. 

Thorgils bemuͤht ſich eifrig, Gudruns Gunſt zu erringen, 
aber ſie haͤlt ihn in Abſtand. Unterdeſſen hat Snorri einen 
tiefangelegten Plan erſonnen, in dem er verſchiedene Ziele 
verbindet. Erſtens will er ſeinem Freunde Thorkel, dem 
Sohne des Eyjolf, die Hand der Gudrun verſchaffen, zwei⸗ 
tens der Kachſucht Gudruns, die, wie er weiß, an nichts 
anderes denkt als an den ungefühnten Tod ihres Gatten, eine 
ungefaͤhrliche Richtung geben, und drittens will Snorri dem 
Thorgils einen boͤſen Streich ſpielen. Er uͤberredet Gudrun, 
ſich mit der Rache an Helgi, dem Sohne des Zardbein, zu be⸗ 
gnügen. Zelgi hatte ohne perfönliche Urſache an dem Zuge 


6 


gegen Bolli teilgenommen, dieſem die erfte ſchwere Wunde 
verſetzt und nach dem Falle Bollis Gudrun auf das grauſamſte 
verhoͤhnt. — Thorgils ſoll durch ein zweideutiges Ehever⸗ 
ſprechen, das in Wirklichkeit Gudrun nicht bindet, veranlaßt 
werden, die Sührung des Rache zuges neben den beiden Söhnen 
der Gudrun zu uͤbernehmen. Wenn dann Thorgils betrogen 
iſt, ſoll Thorkel, Eyjolfs Sohn, hervortreten und Gudruns 
Zand erhalten. | 

Alles geht dem verſchlagenen Snorri nach Wunſch. Thorgils 
laͤßt ſich durch die plumpe Lift fangen, der Rachezug gelingt, 
Zelgi wird in feiner Sennhuͤtte im Skorratal uͤberraſcht und 
nach tapferer Gegenwehr gefaͤllt. Bolli, Bollis Sohn, verſetzt 
ihm mit dem Schwert Sußbeißer die Todeswunde (Kap. 64). 
Thorgils erfaͤhrt aus Gudruns Mund, daß er betrogen iſt, 
kommt aber nicht dazu, ſich zu raͤchen, da er bald darauf auf 
dem Allthing erſchlagen wird. 

Nun beginnt der letzte Teil der Saga: er berichtet von den Er⸗ 
eigniſſen waͤhrend der vierten Ehe Gudruns, einer Ehe, die am 
Hochzeitstage beinahe ſchon wieder in Stuͤcke geht (Kap. 69). 
Die nun voͤllig erwachſenen Soͤhne Bollis wollen ſich an dem 
Tode gelgis nicht genügen laſſen, ſondern planen einen Kache⸗ 
zug gegen Zjardarholt. Sie werden durch Snorri daran 
verhindert, der eine endguͤltige Suͤhne zwiſchen Bollis Soͤhnen 
und den Brüdern Kjartans zuſtande bringt (Rap. 71). 
Thorkel reiſt mit ſeinem und Gudruns Sohn Gellir nach Nor⸗ 
wegen, um ſich Holz zum Kirchenbau zu beſorgen. Nach feiner 
Kuͤckkehr ertrinkt er auf einer Sahrt vom innern Hvamms⸗ 
fiord nach Zelgafell. Damit find alle Träume Gudruns in Er⸗ 
füllung gegangen, fo wie fie Geſt gedeutet hatte (Rap. 76). — 
Der Schluß der Saga ſchildert Gudruns Alter und Tod. 
Das iſt der weſentliche Inhalt der Saga, der klare Verlauf 
der gaupthandlung. Aber dem Stamme entfprießen Aſte und 
Gezweig, eine grünende Sülle von Neben handlungen und 
Epiſoden, die hier uͤbergangen ſind. 

Das allgemeine Urteil uͤber die Saga lautet: gute Kompo⸗ 
ſition, ganz ausgezeichnete Charakterſchilderung, Unzuverlaͤſ⸗ 
ſigkeit in hiſtoriſchen Dingen. 


In früheren Zeiten, als man in treuherziger Weiſe jeden kleinen 
Einzelzug, jedes von den Perſonen der Saga geſprochene 
Wort fuͤr buchſtaͤblich wahr anſah, war der Vorwurf hiſto⸗ 
riſcher Unzuverlaͤſſigkeit ein größerer Makel als heutzutage, 
wo die Gefahr des entgegengeſetzten Extrems bedrohlich wird. 
Vom kuͤnſtleriſchen Standpunkt aus waͤre es an ſich ja voͤllig 
gleichguͤltig, wie weit die Saga geſchichtlich iſt, aber unſere 
Auffaſſung von dem Entſtehen und Werden dieſer einzigarti⸗ 
gen Erzaͤhlungen haͤngt zum großen Teil von der Beantwor⸗ 
tung dieſer Frage ab. 

Die Zauptgeſtalten unſrer Saga find ohne Zweifel geſchicht⸗ 
liche Perſonen, ihre verwandtſchaftliche Verknuͤpfung beruht 
auf einer im ganzen zuverlaͤſſigen Überlieferung. 

Die Genealogie iſt der fichere Halt der islaͤndiſchen Geſchichte, 
die ja weſentlich Familien⸗ und Gaugeſchichte iſt. Man hat 
mit Recht darauf hingewieſen, daß die forgfältige Seftftellung 
der Verwandtſchaftsverhaͤltniſſe eine große rechtliche Bedeu⸗ 
tung hatte, z. B. für die VDerſorgungs pflichten und die von der 
Kirche eingefuͤhrten Ehehinderniſſe. An dem allgemeinen ge⸗ 
nealogiſchen Intereſſe nimmt natuͤrlich auch der Sagaerzaͤhler 
teil, aber ſein Fiel liegt auf einem anderen Gebiete. Widerſpruͤche 
gegen diejenige genealogiſche Überlieferung, die uns als ver⸗ 
haͤltnismaͤßig zuverläffig gilt, kommen daher in vielen Er⸗ 
zaͤhlungen vor, ſie ſetzen die ſubjektive Geſchichtlichkeit einer 
Saga nicht herab. 

Das gleiche gilt von der Chronologie. Die genaue chronologiſche 
Ordnung des geſchichtlichen Stoffes kommt erſt durch fremden 
Einfluß und nach fremdem Vorbilde zuſtande, ſie iſt etwas 
Gelehrtes und der aͤlteren volkstuͤmlichen Überlieferung fremd. 
Verſtoͤße gegen die Chronologie, die auf Sorgloſigkeit beruhen, 
die durch ein naives Sorterzählen bedingt werden, find durch⸗ 
aus unbedenklich.! Man darf es z. B. als eine unbewußte 
Entſtellung der Tatſachen anſehen, wenn gelegentlich einmal 
eine bekannte, bedeutende Perſoͤnlichkeit, die zu der beſtimmten 


1 Gunnar in der Nala hat feinen treuen Bund von Olaf Pfau zum Be 
ſchenk bekommen, der ihn aus Irland mitgebracht hat. Der Hund muͤßte 
darnach ungefähr 36 Jahre alt geworden fein. 


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Zeit nicht mehr gelebt haben kann, in die Handlung eingeführt 
wird, vielleicht an Stelle eines urfprünglich hier erwähnten, 
weniger bekannten Mannes (ſo ſteht es in unſerer Saga mit 
dem Goden Sallſtein im 34. Kap.). Etwas aͤhnliches iſt es, 
wenn im Kap. 56 Snorris uͤberſiedlung nach Tunga mit 
wohlbekannten Zaͤndeln begruͤndet wird, die damals ſchon 
aͤngſt abgeſchloſſen waren. 

Das Erzählen iſt in Island zu einer Kunſt ausgebildet, nicht 
erſt in den Zeiten der Schrift. Dieſe Kunſt muß den ihr über: 
lieferten Stoff formen, nach ihren eigenen Geſetzen. Sie muß 
unter Umſtaͤnden bluͤhende Schilderung an Stelle einer duͤr⸗ 
ren Nachricht ſetzen, fie muß eine einheitliche Handlung ſchaffen 
durch Motivierung, wo ihr nur eine Reihe von aufeinander 
folgenden Tatſachen vorliegt, ſie muß lebendige Menſchen dar⸗ 
ſtellen durch Charakter zeichnung. Dabei macht aber die Saga 
ſtets den Anſpruch, die Wahrheit zu erzaͤhlen, und es iſt bei 
den islaͤndiſchen Verhaͤltniſſen ganz unmöglich, daß fie ſich in 
phantaſtiſcher Weiſe mit der Wahrheit in Widerſpruch ſetzt, 
die in der reichen Überlieferung lebt, dem geiſtigen Beſitztum 
der großen Samilien und der ihnen zugehoͤrenden abhaͤngigen 
Leute. Aber durch allmaͤh liche, in einmal feſtgelegter Richtung 
immer ſtaͤrker wirkende Umformung kann ſich die Saga mit 
der Zeit ſehr erheblich von der geſchichtlichen Wahrheit ent⸗ 
fernen und von ſich aus wieder auf die freie Überlieferung 
entſcheidenden Einfluß gewinnen. 

Von Anfang an muß die Saga die Wirklichkeit mit einer Fuͤlle von 
Einzelheiten aufgenommen und feſtgehalten haben, beſonders 
in Verknuͤpfung mit dem Ort, an dem das Ereignis vor ſich 
geht. Die natuͤrliche Annahme iſt es, daß ſich die Überfälle 
auf Kjartan und Bolli genau fo zugetragen haben, wie die 
Saga berichtet, nicht, daß ein ſpaͤterer Erzaͤhler oder gar der 
„Sagaſchreiber nach der Ortlichkeit die D arſtellung geſchaffen 
hat. Solange die Saga ſich in der bekannten Gegend bewegt, 
wo ſie durch Generationen hindurch ihr Leben fuͤhrt, duͤrfen wir 
ihr auch in Einzelheiten großes Vertrauen ſchenken. Gewiſſe 
Dinge ſcheiden natuͤrlich ohne weiteres aus, vor allem die 
Juͤge, die offenſichtlich dazu dienen, die Erzaͤhlung auszubreiten, 


9 


3.8, die gerade in unferer Saga häufigen Schilderungen der 
Brautwerbungen und Sefte. Ein gutes Beiſpiel einer ſolchen 
oͤden Ausbreitung ift die Schilderung der Werbung und Zoch⸗ 
zeit des jüngeren Bolli (Kap. 70). 

Anders iſt es, wenn die Saga den islaͤndiſchen Schauplatz 
verlaͤßt. Wir fuͤhlen ſofort, daß hier der Phantaſie des Er⸗ 
zaͤhlers mehr Freiheit gelaſſen iſt. Zoͤskuld, Olaf Pfau, Kjar⸗ 
tan, Thorkel, Eyjolfs Sohn, Thorleik und Bolli, Bollis Söhne, 
reiſen nach Norwegen und treten in Beziehungen zu den nor⸗ 
wegiſchen Zerrſchern. Stets geraten dieſe in Verzuͤckung über 
die unbaͤndige Vortrefflichkeit dieſer Islaͤnder, machen den 
Verſuch, fie bei ſich zu behalten und beſchenken fie verſchwen⸗ 
deriſch beim Abſchied. Ganz beſonders kraß tritt das beim 
juͤngeren Bolli hervor, der im Auslande wirklich eiwas an 
den braven Schelmuffsky erinnert. 

Doch auch abgeſehen von dieſen zum Teil naiven, ſich allzuaͤhn⸗ 
lichen Schilderungen finden ſich gerade bei dieſen Auslandreiſen 
ſchwerwiegende Widerſpruͤche gegen die beſte Überlieferung. 
Zöͤskulds Verhältnis zu König Zakon dem Guten iſt zeitlich 
kaum denkbar; was von Brut erzählt wird, ſtimmt nicht zum 
Bericht der Njalsſaga, der zwar ebenfalls ausgeſchmuͤckt iſt, 
aber in den Grundzuͤgen mehr Anſpruch auf Glaubwuͤrdigkeit 
hat. Das Liebesverhaͤltnis Hruts zur Königin Gunnhild wird 
uͤbrigens in unſerer Saga zwar nicht erwaͤhnt, aber das Beneh⸗ 
men Gunnhilds beim Abſchiede Hruts weiſt doch deutlich dar⸗ 
auf hin (Kap. 19). Die Reife des Thorkel und des Gellir 
nach Norwegen (Rap. 74) iſt unvereinbar mit fonft bekann⸗ 
ten Tatſachen und wohl ganz und gar erfunden. 

Daß Rjartan in Nidaros von Olaf Tryggvaſon zum Chriſten⸗ 
tum bekehrt wird, iſt gewiß hiſtoriſch, daß er aber durch den 
König fo lange in Norwegen zuruͤckgehalten wird, iſt un moͤg⸗ 
lich, und das Verhältnis Kjartans zu Ingeborg! iſt ganz 
offenbar erſonnen, um Gudruns Nachgiebigkeit gegenuͤber 
Bollis Werbung zu begründen und den verhaͤngnis vollen 
Kopfſchmuck in die Erzaͤhlung einzuführen. Der Aufenthalt des 


1 Vgl., was in der Njalsſaga (Kap. 31) von Gunnars Verhältnis zur Ver: 
wandten des Jarl Hakon erzaͤhlt wird. 


10 


Olaf Pfau bei Harald Graumantel und Gunnhild, feine Fahrt 
nach Irland, ſeine Anerkennung durch Myrkjartan, den iri⸗ 
ſchen König, iſt in einer Weiſe erzählt, die ſich ſehr weſentlich 
von der Darſtellung der in Island ſpielenden Ereigniſſe unter⸗ 
ſcheidet. Es iſt kein uͤbertriebenes Mißtrauen, wenn man die 
ganze Geſchichte der Melkorka in das Gebiet der Erfindung 
verweiſt. Ganz natuͤrlich erſcheint es, daß man in der Nach⸗ 
kommenſchaft des Olaf Pfau das Beduͤrfnis empfunden hat, 
durch eine in jenen Zeiten wohl mögliche Geſchichte die iriſche 
Sklavin Melkorka über die ſtolzen isländifchen Bondentoͤchter 
zu erhoͤhen. Wir ſehen ja in unſerer Erzaͤhlung deutlich, wie 
Samilienüberlieferung dem jüngeren Bolli eine Mitwirkung, 
vielmehr eine Hauptrolle bei dem Rachezug gegen Helgi zu⸗ 
weiſt, die ihm nicht zuſteht, und wie dadurch die chronologiſche 
Ordnung im letzten Teil der Saga voͤllig zerſtoͤrt wird. Bolli 
wird erſt nach dem Tode ſeines Vaters geboren. Nach der 
Saga wartet Gudrun mit ihrer Rache, bis Bolli nach islaͤn⸗ 
diſchem Recht muͤndig, das heißt zwölf Jahre alt geworden iſt. 
Nach dem gelungenen Rachezug erſt vermaͤhlt fie ſich mit 
Thorkel. In Wirklichkeit aber muß dieſe Vermaͤhlung bald 
nach dem Tode des aͤlteren Bolli ſtattge funden haben, da Thor⸗ 
kels und Gudruns Sohn im Jahr 1073 im Alter von 65 Jah⸗ 
ren ſtirbt. Trotzdem gibt die Saga im Kap. 76 das richtige 
Todesjahr des Thorkel an (1026), obgleich nach der uͤbrigen 
Chronologie der Saga Thorkels und Gudruns Sohn Gellir 
dann den König Olaf den Heiligen im zarteſten Kindesalter 
beſucht haben muͤßte. 

Die islaͤndiſche Saga ſteht einzig da durch die Fuͤlle der aus 
dem Leben gegriffenen Geſtalten, und beſonders unſere Saga 
nimmt in dieſer Beziehung einen hohen Rang ein. Die Saga 
wird dramatiſch, indem aus den Charakteren die eigentliche 
Zandlung entwickelt wird. Auch hier muß man zwiſchen zwei 
Auffaſſungen einen Mittelweg zu finden verſuchen. 

Weder iſt hier alles Runft, noch alles Abbild der Wirklichkeit. 
Eine feſte Grenze zwiſchen Saga und der die Wirklichkeit auf⸗ 
nehmenden Überlieferung iſt uͤberhaupt nicht zu ziehen. Die 
eigentuͤmliche Schaͤrfe der Auffaſſung von menſchlichen Cha⸗ 


11 


rakteren, diefe Klaraͤugigkeit muß in der einen wie in der an⸗ 
dern dageweſen fein. Daß eine Geſtalt wie Snorri nach dem 
Leben gezeichnet iſt, beweiſt die Ubereinſtimmung der Erzaͤh⸗ 
lungen, in denen er auftritt. 

In der Kritik der Saga ſpielt das, Typifche‘, wie mir ſcheint, 
eine gefaͤhrliche Kolle. In dem „Krieg der Geſchlechter“ z. B. 
muͤſſen ſich gewiſſe Erſcheinungen immer wiederholen, ſo lange 
er währt. Daß ein liebendes Weib in ihrer Hoffnung auf den 
Beſitz des Geliebten betrogen, deſſen Untergang herbeifuͤhrt, 
iſt ſozuſagen ein Urphaͤnomen. Wenn Gudrun auf dieſe Weiſe 
einige Ahnlichkeit mit Brynhild hat, ſo iſt damit nicht bewieſen, 
daß ihre und Kjartans Geſchichte nach den Eddagedichten um⸗ 
gebildet iſt. 

Daß die Saga kuͤnſtleriſche Porträts gibt, d. h. Züge der 
Wirklichkeit aus wahlt, andere unterdruͤckt, damit das Bild 
einer einheitlichen Auffaſſung entſpreche, iſt ſelbſtverſtaͤndlich. 
Aber Geſtalten wie Gudrun oder Hallgerd find aus der Bes 
obachtung is laͤn diſchen Lebens entſtanden, und wenn fie mit 
Frauen eingewanderter Dichtung oder mit der iriſchen Königin 
Gormflaith Verwandtſchaft zeigen, fo iſt das ein Zufall, und 
kein verwunderlicher. 

Die Geſtalten der islaͤndiſchen Saga ſind Krieger und Bauern, 
gelden und Alltags menſchen zugleich; fie haben ſtolze Zelden⸗ 
gedanken, ein hochgeſpanntes Ehrgefuͤhl, einen freien Geiſt, 
der fie zu Gefährten der Koͤnige macht, und daneben zeigen 
ſie oft eine enge, an die Scholle, an den Beſitz ſich klammernde 
Geſinnung, niedere Bauernverſchlagenheit. Sie ſtolzieren in 
Scharlachkleidern, unter vergoldeten Helmen, eine gute Waffe iſt 
ein hochgeſchaͤtztes Kleinod, und der Speer, die Axt, das Schwert 
find allzeit bereit, Blut zu trinken; für gewöhnlich aber führen 
die Männer das Leben des Großbauern im Werktagskleide, 
der überall mit zugreifen kann, und jedenfalls in der Arbeit 
geübt iſt, die der Knecht ausführt. Trotz aller kuͤhnen See⸗ 
fahrten, trotz der wilden gaͤndel, der Menſchengluͤck und Mens 
ſchenleben vernichtenden Zuſammenſtoͤße ſind es doch im 
Grunde Bauerngeſchichten, die wir vor uns haben. Das ge⸗ 
rade iſt hier das Ergreifende, daß unmittelbar aus der ge⸗ 


12 


meinen Alltaͤglichkeit gewaltige Menſchengroͤße, ungeheures 
Schickſal auffteigt. 

Das Leben des Bauern iſt ewig einfoͤrmig wie die Natur, von 
der er abhängt. Nicht bloß die Ereigniſſe, die Händel und 
Kaͤmpfe, alle die mit der Bewahrung und Vermehrung des 
Beſitzes zuſammenhaͤngenden Dinge muͤſſen ſich immer und 
ewig wiederholen, ſondern auch die durch ein ſolches Leben in 
der Geſchlechterfolge gebildeten Charaktere. Das gilt ganz be⸗ 
ſonders fuͤr die einſame, durch das Weltmeer von aller Nach⸗ 
barſchaft getrennte Inſel. Auch die moderne Bauernerzaͤhlung 
arbeitet weſentlich mit feſtſtehenden Typen. Sie kann nicht an⸗ 
ders verfahren, wenn ſie das Leben nachbilden will. Man 
darf daher das auf derartige typiſche Erſcheinungen! gegruͤn⸗ 
dete Mißtrauen gegen die Wahrhaftigkeit der islaͤndiſchen 
Saga nicht uͤbertreiben. 

So wie die Saga von den Leuten aus dem Lachs waſſertal hier 
vorliegt, iſt ſie im 13. Jahrhundert niedergeſchrieben; es werden 
Perſonen erwähnt, die in den erſten Jahrzehnten des 13. Jahr⸗ 
hunderts geſtorben ſind. Damit iſt nicht geſagt, daß es die 
erſte Niederſchrift iſt. Uberhaupt muß man den vorliegenden 
Text als das Endergebnis einer langen Entwicklung anſehen. 
Es iſt wahrſcheinlich, daß fuͤr die Einleitung und andere 
Stellen eine ältere Faſſung der Landnama (des Buches von 
der Beſiedlung Islands) zugrunde gelegt iſt, die der Benutzer 
für eine Schrift des Ari angeſehen hat. Serner geht der Be⸗ 
richt uͤber den Aufenthalt Kjartans in Norwegen und die Be⸗ 
kehrung der Islaͤnder auf eine ſchriftliche Quelle zuruͤck. Zier 
muß man alſo von einer ſchriftſtelleriſchen Taͤtigkeit ſprechen. 
Neben dem Kuͤckweis, wie früher geſagt ift‘ findet ſich öfters 
die Wendung , wie früher geſchrieben ift‘. Doch das betrifft 
nur Nebendinge. 

Die Frage, ob der Kern der Saga, die geſchloſſene, wohlge⸗ 
ordnete Zaupterzaͤhlung erſt im Zeitalter der Schrift zuſtande 
gekommen iſt, kann, wenn uͤberhaupt, nur im großen Ju⸗ 
ſammenhange der geſamten Sagaliteratur beantwortet werden. 
Es iſt ſicher, daß man ſchon vorher die beſondere Kunſt der 
Sagaerzaͤhler bewunderte, große Stoffmaſſen gedaͤchtnis maͤßig 


13 


und geiftig zu beherrſchen. Etwas völlig Neues ift durch die 
Anwendung der Schrift nicht entſtanden, aber die Schrift be⸗ 
guͤnſtigte das ſchon vorher lebendige Streben des Zuſammen⸗ 
faſſens und Ausbreitens und geſtattete das Einſchieben von 
laͤngeren und kuͤrzeren Epiſoden in weit hoͤherem Maße, als 
es vorher moͤglich war. 

Das konnte in mehr oder minder geſchickter Weiſe geſchehen: 
es entſtanden Ungleichheiten, Widerſpruͤche, es blieben ver⸗ 
räterifche Naͤhte ſtehen, wo eine Verbindung haͤtte hergeſtellt 
werden muͤſſen u. aͤ. So iſt auch in unſerer Saga nicht der uͤber⸗ 
lieferte Stoff durch einen kuͤnſtleriſchen Willen geformt, ſie iſt 
nicht ein Werk aus einem Guß, ſondern etwas allmählich Zu⸗ 
ſammengewachſenes, ein Bau, an dem tuͤchtige Meiſter im 
Geiſt der alten Kunſt, aber auch Handwerker in groͤberer und 
geiſtloſer Weiſe weitergearbeitet haben. Manche Zuͤge in Be⸗ 
ſchreibungen deuten auf jüngere Zeiten, in der Sprache 3. B. 
das franzoͤſiſche Modewort cortois ‚böfifch‘, das uns hier wie 
in andern Erzaͤhlungen oͤfters begegnet. 

Ein Stuͤmper war vor allem der Mann, der den letzten Teil 
der Saga zu einer Ariſtie des juͤngeren Bolli umgeſtaltete. Er 
hat dadurch nicht bloß die Chronologie in Unordnung gebracht, 
was man wohl verſchmerzen konnte, ſondern auch die kuͤnſt⸗ 
leriſche Wirkung der ganzen Saga außerordentlich herabge⸗ 
mindert. Der mit fo uͤberſchwaͤnglichem Lobe bedachte Bolli 
bleibt doch, verglichen ſelbſt mit Kjartan, eine ganz ſchatten⸗ 
hafte Geſtalt, die uns völlig gleichguͤltig läßt. Unertraͤglich faſt 
iſt hier die leere Geſchwaͤtzigkeit, mit der die typiſchen Gegen⸗ 
ftände der Erzählung, Werbung, Hochzeitsfeft, Ausreiſe, Auf⸗ 
nahme beim norwegiſchen Könige, behandelt werden. Auf⸗ 
geputzt in der fremdlaͤndiſchen Slitterpracht des Rittertums 
reitet Bolli durch die ernſte islaͤndiſche Berglandſchaft, und 
auch im uͤbrigen hat er eine unangenehme Ahnlichkeit mit den 
unwiderſtehlichen, aber ſonſt mehr oder minder unausſtehlichen, 
nüchternen und hirnloſen Helden des hoͤfiſchen Romans. 
Dem Weſen der alten Erzaͤhlerkunſt entſpricht es, daß durch 
die Vorſtellung der unverbruͤchlichen Vorausbeſtimmung eine 
Reihe von Ereigniſſen miteinander eng verbunden werden. 


14 


Das Schickſal verkündet fich in Träumen und in den Geſichten 
beſonders begabter Menſchen, die zwar in die Zukunft ſchauen, 
aber das Kom mende, auch wenn es ſie ſelbſt betrifft, nicht ab⸗ 
wenden Pönnen. In unſerer Saga iſt es vor allem der Tod 
Kjartans, das Hauptereignis der Erzählung, auf das in dieſer 
Weiſe hingedeutet wird: durch den Fluch des Geirmund 
(Kap. 30), Olafs Traum (31), ſeine ſchlimme Ahnung bei 
Kjartans Beſuchen in Caugar (39), durch Geſt am Lachs⸗ 
waſſer (33), König Olaf beim Abſchiede Rjartans (43). Selgi 
ſieht voraus, daß er durch den Sohn, den Gudrun im Schoße 
trägt, fallen ſoll (Rap. 55). König Olaf der geilige ahnt, daß 
Thorkel keinen Nutzen von feinem Bauholz haben wird (Kap. 
74). Thorſtein weiß, daß Thorkel ſeinen Tod auf der Segel⸗ 
fahrt nach Zelgafell finden wird und ſucht fie um jeden Preis 
zu verhindern (Kap. 76). Der Hauptteil iſt durch die Träume 
der Gudrun, die der weiſe Geſt in der eindrucksvollen Szene 
an der warmen Quelle (Kap. 33) auf ihre vier Ehen deutet, 
zuſammengehalten. Der Anfang dieſes Teils iſt durch die Per⸗ 
ſonenvorſtellung in Kap. 32 deutlich bezeichnet, er kann gerade⸗ 
zu eine Saga von der Gudrun genannt werden. Der Unter⸗ 
redung an der warmen Quelle entſpricht genau das Geſpraͤch 
Gudruns mit ihrem Lieblingsſohne Bolli (Kap. 78), ein er⸗ 
greifender Schluß. Gudrun antwortet auf die draͤngende Srage 
ihres Sohnes mit einem Reim, der auf Kjartan zu beziehen 
iſt. Die Entwicklung des Verhaͤltniſſes von Gudrun zu Kjar⸗ 
tan bis zu dem tragiſchen Abſchluß wird durch dieſe Schluß⸗ 
ſzene auch aͤußerlich als der Kern der Gudrun ⸗Saga bes 
zeichnet. 

Wie gerade uͤber dieſem Abſchnitt aller Glanz islaͤndiſcher Er⸗ 
zaͤhlungskunſt ausgebreitet iſt, wie hier die Zandlung in ra⸗ 
ſchem Schritt vorwaͤrts geht, alles einzelne ſich zuſammenfuͤgt 
zu einheitlicher Wirkung, die Spannung mit jeder Szene ſtaͤr⸗ 
ker wird bis zur vernichtenden Entladung, wie gerade hier 
der Erzähler durch die Kraft der Anſchauung ſich als echten 
Kuͤnſtler erweift, — dies alles und mehr wird man ohne weis 
teres auch in der Überſetzung erkennen. Nur auf eins möchte 
1 Offenbar iſt ein Reim vest (für verst): best beabſichtigt. 


15 


ich hier hinweiſen: wie der Erzähler in feinem Gefühle bemüht 
ift, Bollis Verhalten gegen den von ihm einſt fo geliebten ZJieh⸗ 
bruder bis zu einem gewiſſen Grade begreiflich zu machen. Er 
laͤßt uns ahnen, daß waͤhrend des Aufenthalts in Norwegen 
eine Entfremdung zwiſchen beiden eintritt. Bolli muß in jeder 
Beziehung hinter Kjartan zuruͤckſtehen, das zeigt ſich beim 
Schwimmkampf und uͤberhaupt im Verhaͤltnis zum Könige. 
Bei der Szene in der Herberge der Islaͤnder macht Kjartan 
eine verletzende Außerung gegen Bolli, die andern muͤſſen den 
Ausbruch eines Streits verhindern. Man beachte das kuͤhle 
Geſpraͤch der beiden bei der Abreiſe Bollis (Rap. 41). Der Zin⸗ 
weis auf Ingeborg ſoll Kjartan zu irgendeinem Wort in be⸗ 
zug auf Gudrun, zu einem Gruß, Auftrag veranlaſſen. Aber 
Kjartan iſt zu ſtolz dazu. Bolli beruft ſich Gudrun gegenüber 
darauf, daß Kjartan bei diefer Gelegenheit geſchwiegen hat. 
Nach islaͤndiſcher Auffaſſung iſt die Verlobung, die ſtets vor 
Zeugen ftattfindet, ein KRechtsgeſchaͤft wie die Eheſchließung. 
KRjartan und Gudrun find für andere nicht verlobt, daher neh⸗ 
men Kjartans Brüder keinen Anſtand, Bolli bei feiner Wer: 
bung zu unterſtuͤtzen und mit nach Laugar zu reiten, während 
allerdings der feiner fuͤhlende Olaf zuruͤckbleibt. Bolli macht 
einen, freilich ungeſchickten, Verſuch, Kjartan zu verföhnen 
(Kap. 45), an dem Diebſtahl des Schwerts und des Kopf- 
putzes iſt er nicht beteiligt, Kjartans gegen ihn gerichtete 
Verhoͤhnungen laͤßt er ſich gefallen, er widerſpricht oder ſchweigt, 
wenn feine Leute gegen Kjartan Drohungen ausſtoßen (Schluß 
des 47. Kap.). Widerwillig, nur gezwungen durch Gudrun, 
ʒieht er mit aus zum Überfall, die Oſvifrſoͤhne mißtrauen ihm 
mit Recht, er greift erſt in den Kampf ein, als er nicht anders 
kann. Schweigend verſetzt er dem Freund die Todeswunde 
und bettet den Sterbenden auf ſeinem Schoß. Tief empfindet 
er der leidenſchaftlich triumphierenden Frau gegenüber, daß 
er vergebens den Freund geopfert hat, um die Liebe der Gud⸗ 
run zu erringen. j 

Die Schilderung des Überfalls auf die Sennhuͤtte Bollis ſteht 
auf gleicher Höhe der Erzaͤhlungskunſt; durch die ahnenden 
Worte des Helgi iſt ſchon hier Bollis nachgeborner Sohn als 


16 


Raͤcher beſtimmt, die oben erwaͤhnte Veraͤnderung der urſpruͤng⸗ 
lichen uͤberlieferung alſo vorausgeſetzt. Eine ganz eigenartige 
Szene iſt die Schilderung der im Buſch raſtenden Angreifer 
durch den Hirten des Helgi (Rap. 63). In der Njalsſaga (Kap. 
69) wird erzählt, wie ein Hirt die im Buſch ſchlafenden Feinde 
des Gunnar nach ihren Waffen und Kleidern ſo beſchreibt, 
daß Njal fie erkennt; aber der Hörer oder Leſer erfährt hier 
nicht die Einzelheiten der Schilderung. 

Kap. 32 bis 56 (Bollis Tod) iſt ebenfo ein Teil der durch die 
Träume eingeleiteten Gudrunſaga wie der mit Zoͤskuld bes 
ginnenden Saga von den Bewohnern des Lachswaſſertals; 
durch dieſes Ubereinandergreifen find beide feſt verklammert. 
Auf den Soͤhepunkt der ganzen Erzählung, Kjartans Tod, 
hindeutend, iſt die Geſchichte von Olafs Tochter Thurid ein⸗ 
geſchoben. Die Ehe der Thurid mit dem Norweger Geirmund iſt 
ſonſt nicht bekannt, und die Epiſode beruht gewiß auf Erfindung. 
Das Schwert Sußbeißer mit dem darauf laſtenden Fluch ſoll 
in die Samilie gebracht werden. Wie Geirmunds Sluch deutet 
auch der Traum Olafs voraus (Kap. 31). Da unmittelbar 
darauf (Kap. 33) Gudruns Träume erzählt werden, fo iſt hier 
etwas viel zuſammengehaͤuft an dieſer Grenze zweier Ab⸗ 
ſchnitte. Seltſam iſt auch die Einfuͤhrung der Kinder Olafs: 
Thurid wird ſchon im Kap. 24 erwaͤhnt, Kap. 28 werden dann 
Olafs Kinder ohne Thurid aufgezaͤhlt. 

Die Saga von goͤskuld und Olaf kann für uns nicht das ſelbe 
Intereſſe haben wie der zweite Teil. Zier fehlen die großen, 
menſchlich ergreifenden Schickſale. Indeſſen beſteht dieſer Teil 
nicht, wie es auf den erſten Blick ſcheinen koͤnnte, aus einer 
loſen Folge von chronikartig angereihten Geſchichten und Ge⸗ 
ſchichtchen; das, worauf alles bezogen wird, iſt das Aufſteigen 
1 Im Kap. 60 ſagt Gudrun zu Thorgils, daß Thorlei' ſich keinen andern 
Suͤhrer des Rachezuges gegen Helgi wuͤnſchen würde als Tyorgils. Zier hat 
der ditere Bruder die ihm gebührende Stelle. In der Befchreibung der An: 
greifer durch den Hirten dagegen (Kap. 63) wird zuerſt der jüngere Bruder 
Bolli, dann erſt Thorleik aufgeführt. In der Strophe des Thorgils (Kap 65) 
wird Bolli gar nicht genannt, Thorleik iſt der Fuhrer. Dieſe wie die beiden 


auf Thorgils (Kap. 67) ſich beziehenden Strophen ſtammen wohl aus feiner 
Saga, die am Schluß von Kap. 67 erwähnt wird. 


2 Meißner, Lachstalſaga 17 


des von einer Sklavin geborenen Olaf zu Reichtum und Macht, 
feine Erhebung über die Brüder; der Höhepunkt ift die Er⸗ 
werbung der Thorgerd, der Tochter eines der ſtolzeſten Ge⸗ 
ſchlechter, und der Bau des ſtattlichen Zofes Zjardarholt, die 
Begruͤndung des Gluͤckes, das im zweiten Teil der Saga zer⸗ 
bricht. Dieſes Endziel wird aber auf allerlei Umwegen erreicht: 
ſo entſteht der Eindruck einzelner, ʒum Teil vortrefflich ausge⸗ 
malter Bilder. 

Die Vorgeſchichte des Hofes Zjardarholt gibt Veranlaſſung 
zur Erzählung von Hrapp (Kap. 10, 17, 24), Thorſtein Surt 
und Thorkel Zipfel (Rap. 18). Die Geſchichte des Totſchlaͤgers 
Thorolf, der zu Thord Goddi im Lachs waſſertal flieht und 
von deſſen tapferer Frau Vigdis gegen Ingjald geſchuͤtzt wird 
(Kap. 14 ff.), führt dazu, daß Olaf Pfau von Thord Goddi 
zur Erziehung angenommen und zum Erben eingeſetzt wird. 
Da, wie bemerkt, der Abſchnitt über Kjartan der eigentlichen 
Saga von den Lachswaſſerleuten und der Gudrunſaga ge⸗ 
meinſam iſt, ſo iſt es begreiflich, daß das Geſchick mancher Per⸗ 
ſonen erſt in dieſem Teil zum Abſchluß kommt. So geſchieht 
es mit Thorleik (Kap. 38). Hier zeigt ſich die Erhebung Olafs 
über feine Halbbrüder in der Vollendung, denn er zwingt 
Thorleik, feine Rachegedanfen gegen rut aufzugeben und Is⸗ 
land zu verlaſſen, ebenſo wie Olaf im vorhergehenden Kapitel 
jeinem Oheim Hrut als befehlender Häuptling gegenuͤbertritt. 
Hrut verſchwindet übrigens aus der Saga, ohne daß fein Tod 
berichtet wird. — 

Die Beziehungen des erſten Teils gehen aber uͤber Bollis Tod 
hinaus. Bei der Gründung des Hofes Zjardarholt (Rap. 24) 
werden drei gaus leute Olafs, An der Weiße, An der Schwarze 
und Beinir vorgeſtellt, von denen zunaͤchſt nicht weiter die 
Rede iſt. An der Weiße entdeckt das geſtohlene Schwert Kjar⸗ 
tans (Rap. 46), An der Schwarze (Reifigmagen) begleitet 
Kjartan auf feinem Ritt nach dem Saurboò und fällt von der 
Hand Bollis in deſſen Sennhuͤtte, aber Beinir kommt uͤber⸗ 
haupt erſt wieder am Schluß der ganzen Saga, im Kap. 7 5 
vor, wo er mit der Axt hinter feinem Herren Halldor bereits 
fteht, einen der beiden feindlichen Beſucher niederzuſchlagen. 


18 


Der wunderliche Dagabund und Schwaͤtzer Hrapp, der bei 
dem Überfall auf Zelgi ſich beteiligt und von Zelgi erſtochen 
wird (Kap. 63), weiſt zuruͤck auf den Zrapp des erſten Teils. 
Zoͤskuld ſteht hinter feinem Sohne Olaf durchaus zuruͤck. So⸗ 
weit er überhaupt beſondere Züge zeigt, ift er wenig ſympa⸗ 
thiſch, habgierig für ſich und feinen Lieblings ſohn, nicht waͤh⸗ 
leriſch in den Mitteln, wo es ſeinen Vorteil gilt, ſo in ſeinem 
Verhalten grut gegenüber. Noch auf feinem Totenbett betrügt 
er ſeine ehelichen Soͤhne zugunſten Olafs. 

Olaf Pfau! ſteht in hellerem Lichte. Sein Sinn fuͤr aͤußeren 
Glanz, Entfaltung des Reichtums zeigt ſich bei dem Einzug 
in Zjardarholt (Rap. 24), dem Aufwand für das zu Ehren 
feines Vaters gehaltene Erbmahl (Kap. 27), dem Bau der 
praͤchtigen Halle (Rap. 29), deren Andenken in der Drapa 
eines Skalden bewahrt iſt. Im weiteren Verlauf der Erzaͤhlung 
treten andere bedeutendere Züge feines Charakters hervor. Er 
gehört zu der Gattung der milden, friedliebenden Häuptlinge, 
die in der isländifchen Saga den ſtreit⸗ und kampffrohen 
gegenuͤberſtehen, ohne daß ihnen der Vorwurf der Furchtſam⸗ 
keit gemacht werden konnte. Dabei iſt der Gegenſatz zu Maͤn⸗ 
nern wie Snorri wohl zu beachten. Auch dieſer wendet in un⸗ 
ſerer wie in andern Erzählungen oft Streit und Blutvergießen 
ab. Sein Beweggrund iſt der wohlverſtandene Vorteil, Olafs 
Friedensliebe beruht auf edler Geſinnung. Er verhindert den 
Ausbruch der Sehde zwifchen Thorleik und Zrut (Rap. 37, 38). 
Er verſucht zwar, Bolli von der Werbung um Gudrun abzu⸗ 
halten und uͤbernimmt nicht, wie es die Sitte verlangt haͤtte, 
die Fuͤrſprache bei Osvifr. Nachdem aber die Verlobung ſtatt⸗ 
gefunden hat, ſetzt er alles daran, den Frieden zu erhalten. Er 
geht zu Bollis Hochzeit, bemüht ſich in jeder Weife, Kjartan 
zu beruhigen. Nach dem Tode des von ihm uͤber alles gelieb⸗ 
ten Sohnes tritt er ſchuͤtzend vor Bolli (Rap. 49 ff.), verbietet 
ſeinen Soͤhnen, an Bolli Rache zu nehmen, ja, er ſendet eine 
Schutzmannſchaft nach Laugar, die einen Angriff der empoͤr⸗ 
I Daß pã auf den Pfau (päfugl) zu beziehen iſt, unterliegt keinem Zweifel. 


Befonders in England war der Pfau ſeit alter Zeit beliebt, dort werden ihn 
die UHorweger und Islaͤnder kennen gelernt haben. 


2 19 


ten Verwandten aus dem Nord viertel und dem Borgarfjord 
abwehren ſoll. Er laͤßt auch nicht zu, daß Bolli geaͤchtet wird, 
und gibt ihm ſchließlich den Zof Saͤlingsdalstunga zuruͤck, 
den Kjartan von Thorarin gekauft hatte (Kap. 8 1). Dieſe Milde 
wird faſt zur Schwaͤche in dem allerdings verdaͤchtigen Abſchnitt 
von Geirmund und Thurid (Kap. 29, 30). 

Olafs Bild iſt gehoben durch fein Verhaͤltnis zu feinem Halb: 
bruder Thorleik, deſſen grob-fchwerfälligen Stolz er völlig zu 
uͤberwinden weiß. Thorleik iſt ſcharf gezeichnet, beſonders in 
feinem Benehmen gegen Brut, deſſen ritterliche Unterſtuͤtzung 
er auf fo tuͤckiſche Weiſe vergilt (Kap. 37). 

Kjartan und Bolli find gut gegen einander geſtellt. Bereits 
oben iſt darauf hingewieſen, wie der Erzaͤhler bemuͤht iſt, ſchon 
im Kjartan⸗Abſchnitt durch einzelne, mit ficherer Überlegung 
angebrachte Züge unſer Verſtaͤndnis und unfere Teilnahme 
auf Bolli zu lenken, ihn nicht ganz im Dunkeln zu laſſen neben 
der lichten Siegfriedgeſtalt des andern. Kjartan ſelbſt beſitzt 
nicht nur die Schoͤnheit eines Maͤrchenprinzen und die Waffen⸗ 
tuͤchtigkeit und Koͤrpergewandtheit eines Helden, ſondern iſt 
zum Gluͤck auch mit ſehr menſchlichen Eigenſchaften ausge⸗ 
ſtattet. Er hat das Weſen eines Menſchen, der ſich ſeiner ſieg⸗ 
haften Perſoͤnlichkeit bewußt iſt, ein Weſen, das zwiſchen lie⸗ 
benswuͤrdig und launiſch ſich bewegt. Er iſt unbeſonnen in 
feinen Entſchließungen, übermütig, ſorglos und leichtſinnig, 
tolldreiſt. Wie ſchnell wandelt ſich fein Verhaͤltnis zum König; 
erſt will er lieber das unſinnige Wageſtuͤck unternehmen, den 
König in feinem Haufe zu verbrennen, als ſich von ihm bes 
kehren zu laſſen, dann kann er es kaum erwarten, bis er die 
Taufe empfaͤngt. Aus Stolz ſchweigt er im entſcheidenden 
Augenblick über fein Verhältnis zu Gudrun. Wie ein verzog⸗ 
nes Rind, das ſchlecht behandelt iſt, benimmt er ſich Hrefna ge⸗ 
genuͤber, die dann auch ſeine haſtige und faſt beleidigende 
Werbung in wuͤrdiger und zugleich kluger Weiſe abſchlaͤgt 
(Kap. 44). Er geht ſeinem Vater zu Liebe, der den Bruch zwi⸗ 
ſchen den beiden Höfen vermeiden will / mit zur Gaſtung nach 
Laugar, eröffnet aber im Widerſpruch dazu die Reihe der ge⸗ 
genſeitigen Beleidigungen, indem er Bollis Geſchenk zuruͤck⸗ 


20 


weiſt. Er benutzt jede Gelegenheit, Gudrun zu zeigen, was fie 
an ihm verloren hat, bezeichnenderweiſe auch durch eine kin⸗ 
diſche Prachtentfaltung; den Oſpifrſoͤhnen gegenüber beweiſt 
er grenzenloſe Verachtung, gibt ſie durch die winterliche Be⸗ 
lagerung von Laugar dem allgemeinen Zohn preis, reizt, in⸗ 
dem er den Kauf von Saͤlingsdalstunga ruͤckgaͤngig macht, 
Bolli und Gudrun aufs aͤußerſte, und doch kann er ſich nicht 
den ken, daß Bolli es nach alledem wagen ſollte, die Waffe ge⸗ 

gen ihn zu erheben (Rap. 48). Ausgelaſſen ſpottet er am Tage 
ſeines Todes uͤber den Traum des An und ſchickt in ſeinem 
ſtolzen Übermut die Begleiter zurück, die ihm die ſorgende Aud 
mitgegeben hatte. 

Unter den Brüdern Kjartans tritt nur Zalldor hervor, der die 
uͤberlegenheit und Milde des Vaters geerbt hat. So zeigt er 
ſich bei der durch Snorri vermittelten endgültigen Suͤhne 
(Kap. 71). Wuͤrdig bei allem Gehorſam ſteht er feiner wilden 
Mutter gegenüber, er weift den rohen Helgi zurecht (Rap. 5 5) 
und durchſchaut Gudruns ſcheinbare Ruhe (Kap. 56). Am 
lebendigſten iſt er im Kap. 7s geſchildert, wo er die freche An⸗ 
maßung des Thorkel und des Thorſtein klug und ſelbſtbewußt 
zu ruͤckweiſt. 

Snorri wird ganz ſo gezeichnet, wie wir ihn aus andern Er⸗ 
zaͤhlungen kennen, nur daß die dunklen Seiten des Charakters 
faſt gar nicht hervortreten. Einmal allerdings, da er dem von 
Thorgils gekraͤnkten Audgisl mit bezeichnenden Worten die 
Mord waffe in die Zand druͤckt, zeigt er ſich als der gefährliche, 
nicht vergeſſende, vorſichtige und nie fehlende Zaſſer (Kap. 67). 
Mit keiner Silbe verraͤt er ſeine Befriedigung uͤber den Sall 
des Seindes. Schon bei dem durch Zauber verurſachten Tode 
des Thord, Gudruns zweitem Gatten, tritt er als ihr Beſchuͤtzer 
auf (Kap. 36), verſpricht ihr die Rache, will aber ſelbſt Zeit 
und Weiſe beſtimmen. Er liebt es, die Dinge ſich entwickeln 
zu laſſen und womöglich durch andere zu wirken. Sein Zaupt- 
ſtreich iſt, wie er Thorgils veranlaßt, ſeinen und Gudruns 
Zwecken zu dienen, und ihn dabei um den Lohn betrügt, wie 
er Lambi und Thorſtein den Schwarzen, die mit gegen Bolli 
ausgezogen waren, zwingen laͤßt, an dem Kachezug gegen 


21 


Zelgi, ihren Kameraden und Schwager, teilzunehmen (Kap. 
59, 60). Auch hierbei hält er ſich ganz im Hintergrunde. Seine 
Überlegenbeit erweift ſich als wohltaͤtig, indem er Gudrun und 
ihre Söhne von den Brüdern Kjartans abhaͤlt und ſchließlich 
die friedliche Suͤhne durchſetzt (Kap. 7 1), die er gleich nach Bol⸗ 
lis Tode Gudrun vergeblich vorgeſchlagen hatte (Rap. 56). 
Zum Lobe Thorkels, ihres vierten Gatten, weiß Gudrun nur 
zu ſagen, daß er ein mächtiger Häuptling geweſen ſei. Thorkel 
iſt ein Enkel des Thord Gellir, ein Sohn des wenig ſympathi⸗ 
ſchen, aus der Gislaſaga bekannten Eyjolf. Unſere Saga ſtellt 
ihn dar als einen Mann, der ganz unter dem Einfluſſe Snor⸗ 
ris ſteht, der ſtolz und machtgierig iſt, deſſen Taten aber durchaus 
nicht ſeinem Zochmute entſprechen. Er unterliegt dem geaͤchte⸗ 
ten Grim, gegen den er prahleriſch ausgezogen iſt (Rap. 57, 
58); er muß Gudrun weichen, als er Hand an Gunnar, den 
Thidranditò ter, legen will (Rap. 69), und erleidet mit feinem 
Freunde Thorſtein eine ſchmaͤhliche Niederlage, als ſie dem 
vortrefflichen Halldor den Hof Zjardarholt abzwingen wollen 
(Rap. 75). Sein Hochmut, den Rönig Olaf der Heilige fo gut 
charakteriſiert, zeigt ſich in der von ihm gegebenen Deutung 
des Traumes, der feinen Tod verkuͤndet (Kap. 74). 

Die Geſtalt, um deretwillen unſere Saga zu den ewigen 
Meiſterwerken der Weltliteratur gehoͤrt, iſt Gudrun, die Toch⸗ 
ter des Osvifr, ihrer Art nach verwandt der Zallgerd aus der 
Njalsſaga, aber doch weit menſchlicher uns anſprechend. Don 
der Szene, da das Maͤdchen an der warmen Quelle im Saͤ⸗ 
lingstal ſeinen ſchweren Traͤumen nachſinnt, bis zum Schluß, 
da die Greiſin, die ſich mit der ganzen Leidenſchaft ihres We⸗ 
ſens dem Chriſtentum ergeben hat, in der Kirche zu Helgafell 
im Gebete ringt, hält uns die Runft des Erzaͤhlers in dem 
Bann dieſer Frau gefangen. Wollte man dieſe Kunft zerglie⸗ 
dern, muͤßte man die Geſchichte noch einmal erzaͤhlen. Denn 
hier iſt alles charakteriſtiſch, nicht nur Handlung, Geberde, 
andeutende Rede, praͤgnantes Wort, wildes, leidenſchaftliches 
Ausbrechen, ſondern auch ganz beſonders das Schweigen. Wie 
beredt iſt uns dieſes Schweigen bei ihrem erſten Beſuch in 
Hjardarholt nach Kjartans Verheiratung den kraͤnkenden 


22 


Worten Rjartans gegemüber, und beſonders beim Anblick des 
eigentlich für ne beſtimmten Ropftuhes (Rap. 46)! Welche 
unheimliche Starrbeit in ihrem Benehmen beim Tode Vollis 
(Kap. 55)! Rubig ſchreitet fie vom Bach, wo ſie waͤbrend des 
Kampfes gewaſchen hat, den Seinden entgegen und fragt ſie 
aus, laͤchelnd duldet ſie, daß der wilde Helgi feinen blutigen 
Speer an ihrem Mantel abwiſcht. Ein Caͤcheln, das Tod be⸗ 
deutet. 

Auch die andern Frauen ſind in unſrer Saga beſonders gut 
charakteriſiert, die harmloſe Hrefna, die ſtolze und wilde Egils⸗ 
tochter Thorgerd, die trotz des Widerſpruchs ihrer Soͤhne mit⸗ 
reitet gegen Bolli, um fie ſcharf zu machen‘, die mutige Aud 
(Rap. 35), im erſten Teil die hochmuͤtige und eiferſuͤchtige 
Jorunn, Hösfulds Frau, die wackere Vigdis (Rap. 15) und 
die koͤnigliche Geſtalt der Ahnmutter am Anfang der Erzaͤh⸗ 
lung. 

Unſere Saga weiß nichts davon, was anderswo berichtet wird, 
daß Unn als Chriſtin nach Island gekommen ſein ſoll, waͤh⸗ 
rend ihre Nachkommen vom Chriſtentum wieder abfielen. 
Der neue Glaube veraͤndert die Menſchen unſerer Erzaͤhlung 
nicht, wie etwa den Gudlaug, Snorris Sohn, wenn auch Rjartan 
die Saften hält und die altgewordene Gudrun den Pfalter 
lieſt und kanoniſch lebt. Ungebrochen ſteht der mit dem Chriſten⸗ 
tum unvereinbare Schickſalsglaube. Abgeſehen von der ganze 
Ereignis folgen verkettenden Vorausbeſtimmung, zeigt ſich das 
hier wie in andern Erzaͤhlungen durch viele Einzelzuͤge und 
Wendungen. Thorolf und Asgaut kommen uͤber den an⸗ 
geſchwollenen Lachsfluß, weil fie mutig find und ihnen ‚länge: 
res Leben beſtimmt ift‘ (Kap. 15). Der elende Thorkel, der die 
Osvifrſoͤhne im inter halt liegen und Kjartan heranreiten ſieht, 
verhindert feinen Hirten, Kjartan zu warnen:, meinſt du, Narr, 
jemanden das Leben erhalten zu koͤnnen, dem der Tod be⸗ 
ſtimmt iſt? Manche haben die Gabe, jemandem anzumerken, 
ob er vom Gluͤck auserſehen iſt, ſo Grim gegenuͤber Thorkel, 
und Snorri gegenüber Grim (Kap. 58). Andrerſeits ſieht 
Olaf Pfau dem Geirmund an, daß Ungluͤck von ihm ausgeht 
(Kap. 20). 


23 


Ebenſo wie die Träume und Vorahnungen, das wunderfame 
Vorausblicken einzelner Begabter, übernahm die chriftliche 
Zeit die übrige Sülle des alten Volksglaubens; unfere Saga 
ift eine ergiebige Quelle dafür, und manches aus der Reihe 
wechſelnder Bilder erhaͤlt dadurch ſeine beſondere Stimmung. 
Zier iſt zu erwähnen der Widergaͤnger Hrapp, der feinen 
Zof veroͤdet, und als gewaltiger Seehund mit Menſchenaugen 
das dem Untergang geweihte Schiff umkreiſt, auf dem Thor⸗ 
ſtein Surt in den Zvammsfjord einfegelt, um von Zrapps 
Hof Beſitz zu nehmen (Kap. 18). Erſt durch den Gluͤcksſohn 
Olaf Pfau wird er zur Ruhe verwieſen (Rap. 24). In der 
Geſchichte der Kotkelleute iſt beſonders zu beachten die Schil⸗ 
derung des Wetterzaubers (Kap. 35) und, was von dem boͤſen 
Blick erzählt wird (Rap. 37, 38). Gefährlich iſt die Wirkung 
einer Verwuͤnſchung, das zeigt fich beim Schwerte Sußbeißer, 
ferner bei dem Fluch, den Oſpifr über Audun (Kap. 5 1), und 
Zalldor uͤber Thorſtein und Thorkel ausſpricht (Rap. 75). 
Die Geſchichte Thorkels ſchließt mit einer ſehr wirkſamen 
Szene. Am Abend des Tages, an dem Thorkel im Hvamms⸗ 
fjord ertrunken iſt, geht Gudrun nach ihrer Gewohnheit in 
Zelgafell zur Kirche (Rap. 76). In der Dunkelheit tritt ihr 
am Eingang zum Kirchhof ein Geſpenſt entgegen, das ſich 
uͤber ſie neigt und ihr eine große Neuigkeit ankuͤndet, vor der 
Kirchentuͤr glaubt fie Thorkel und feine Begleiter zu erblicken, 
von deren Kleidern das Seewaſſer trieft. Schließlich ſei noch 
auf das wunderſame Schwert Skoͤfnung hingewieſen, deſſen 
Griff die Sonne nicht beſcheinen darf und das man nicht in 
Gegenwart von Frauen zuͤcken ſoll (Rap. 57). 

Unſere Saga iſt in vielen Handfchriften bewahrt, noch heute 
ein Volksbuch, ein geliebtes und hochgeehrtes Erbe der Ver⸗ 
gangenheit. 

Kritiſch herausgegeben iſt ſie von Kr. Kaalund, Kopenhagen 
1889 - 1891, mit deutſchem Kommentar von demfelben als 
Bd. 4 der altnordiſchen Saga⸗Bibliothek, Halle 1896. 

Dieſer Text der Saga⸗Bibliothek iſt hier zugrunde gelegt. 


24 


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Ketill flatnefr 
Björn enn austroeni Unnr —* Öläfr hviti 
——— 


Ottarr Kjallakr porsteinn raudr 


Helgi porgrimr borgerdr—Dala-Kollr —Herjölfr Osk— Has 
| 


Viga-Styrr 


Gsvifr Hrütr porsteinn sr: 
Asdis — Snorri godi 
Höskuldr—Jörunn — Melkorka 
— N 
porleikr Bärdr 
Bolli Oläfr päi— porgerdr 
Gudrun — pördr Bolli 8 porkell 


pördr köttr porleikr Bolli Gellir 


puridr — Geirmundr Gudmundr Kjartan — Hre; 


Grõa Hallr Bardi Asgeirr 


[® — = verheiratet mit] 


VERWANDTSCHAFTSBEZIEHU!) 


Alsteinn DPörhildr Olafr feilan— Alfdis 


‚artr Alfr i Dölum Pordr gellir pöra porsteinn 


Eyjölfr gräi borkell kuggi borskabitr 
Snorri 
Dorkell porsteinn Börkr Porgrimt 
Porgils Hölluson 
Snorri godi 


— 


He fna Steinborr  Halldörr 


in 


ıINGEN DER HAUPT PERSONEN 


Die Geſchichte von 
den Leuten aus dem 
Lachs waſſertal 


I. Aetil Slachnaſe und feine Familie 

etil Slachnaſe! hieß ein Mann, der Sohn des Björn 
Buna; er war ein maͤchtiger Zerſe in Norwegen und 
aus einer angeſehenen Samilie. Er wohnte in Romsdal im 
Romsdalgau; der liegt zwiſchen Nord⸗ und Suͤdmoͤre. Ketil 
Flachnaſe hatte Yngvild zur Srau, die Tochter des Ketil Wis: 
der, eines vornehmen Mannes. Sie hatten fuͤnf Kinder. Ein 
Sohn hieß Björn aus dem Oſten,? der zweite Zelgi Bjolan. 
Thorunn Horn hieß die eine Tochter Retils, fie war vermaͤhlt 
mit Helgi dem Mageren, dem Sohne Eyvinds des Norwegers 
und der Rafarta, der Tochter des Irenkoͤnigs Kjarval. Unn, 
die Grundgeſcheite, war die zweite Tochter Ketils. Sie war 
vermaͤhlt mit Olaf dem Weißen, dem Sohne Ingjalds, des 
Sohnes Frodis des Rühnen,? den die Svertlinge erſchlugen. 
Jorunn Mutterwitz hieß die dritte Tochter Ketils. Sie war die 
Mutter Retils des Siſchers, der Land nahm in Kirkjubö.“ Sein 
Sohn war Asbjoͤrn, der Vater des Thorſtein, deſſen Sohn war 
Surt, der Vater Sighvats, des Geſetzſprechers. 


2. Ketil beſchließt, Norwegen zu ver: 
laſſen 

n den ſpaͤten Lebenstagen Retils hob Koͤnig Harald 
Schoͤnhaar ſich zu ſolcher Macht. daß kein Gaukoͤnig im 
Lande mehr etwas galt oder ſonſt ein Häuptling, vielmehr er 
allein über ihre Befugniſſe beſtimmen wollte. Als nun Retil 
erfuhr, daß von Konig Harald ihm das gleiche zugedacht fei 
wie den andern Großen: keine Buße zu bekommen für Der: 
wandte und ſich ſelbſt in einen Pächter umgewandelt zu 
ſehen, da berief er feine Derwandten zu einem Thing und hob 
ſo an zu ſprechen: „Bekannt iſt euch, wie ſich die Dinge zwi⸗ 
ı mit Ketil Slachnaſe und feinen Kindern beginnt auch die Eyrbyggiafage. 
Die eine Tochter heißt hier und in anderen Quellen nicht Unn ſondern Aud, 
und das Verhältnis Ketils zum Könige iſt ein ganz anderes. So hieß er 
wahrſcheinlich, weil er in Jaͤmtland aufgewachſen war. Bjolan iſt keltiſch. 
Unrichtig; von dem Daͤnenkoͤnig Srode, den die Svertingsföhne erſchlugen, 
erzählt Saxo. Kirkjubò, Hof im füdlichen Island. Sighvat war Geſetzes⸗ 
ſprecher von 1076 — 1083. 


2 


27 


ſchen mir und Rönig Harald geſtaltet haben; darüber iſt nicht 
weiter zu reden, denn wichtiger iſt es fuͤr uns, einen Entſchluß 
zu faſſen gegenuͤber dem uns noch drohenden Unheil. Ich weiß 
beſtimmt, daß Konig Harald uns feindfelig geſinnt iſt; ich 
meine, daß wir von dieſer Seite nichts Gutes zu erwarten 
haben. Meiner Anſicht nach ſtehen uns zwei Wege offen: 
das Land zu fliehen oder uns erſchlagen zu laſſen, jeder 
auf ſeinem Platz. Ich bin ja nun ganz bereit, des gleichen 
Todes zu ſterben wie meine Verwandten, doch nicht will ich 
euch in ſo großes Unheil bringen durch meinen Entſchluß 
allein: ich kenne ja die Geſinnung meiner Verwandten und 
Freunde, daß ihr euch nicht von uns trennen werdet, ſollte 
es auch etwa eine Maͤnnerprobe gelten, wenn ihr mir folgt.“ 
Bjoͤrn, Ketils Sohn, antwortete: „Kurz werde ich meinen 
Willen erklären: ich will dem Beiſpiele angeſehener Männer 
folgen und aus dieſem Lande fliehen. Ich verſpreche mir keine 
Frucht davon, daheim zu warten auf die Knechte des Königs 
Zarald, und daß fie uns dann von unſerm Eigentum vertreiben 
oder auch ein fuͤr allemal ein Ende mit uns machen.“ 

Dieſen Worten folgte großer Beifall, man ſagte, das ſei maͤnn⸗ 
lich geſprochen. Der Beſchluß wurde feſt gemacht, daß man 
auswandern ſollte; denn die Söhne Ketils ſetzten ſich eifrig 
dafür ein, und keiner widerſprach. Björn und gelgi wollten 
nach Island fahren, woher ihnen manche lockende Runde ges 
kommen war. Sie ſagten, da ſei gutes Land zu haben, ohne 
daß man es mit Geld zu kaufen brauche: da treibe die See 
reichlich Wale ans Land, der Lachs fang ſei gut und fonft Ge⸗ 
legenheit zur Sifcherei Sommer und Winter. Ketil erwiderte: 
„Auf dieſe Siſchgruͤnde bringt ihr mich nicht mehr in meinen 
alten Tagen.“ Ketil erklaͤrte dann feine Abſicht, ihn zoͤge es 
mehr nach Weſten uͤbers Meer: da ſei es gut zu leben. Weit⸗ 
umher waren ihm druͤben die Gegenden bekannt, da er dort 
uͤberallhin auf Raubzuͤgen gekommen war. 


28 


3. Bjoͤrn und gelgi, die Söhne Ketils, und 
ihr Schwager Zelgi der Magere ſiedeln 
ſich in Island an 

arnach lud Ketil zu einem großen Sefte ein. Damals 

vermaͤhlte er feine Tochter Thorunn Zorn mit Zelgi dem 
Mageren, wie ſchon oben geſchrieben iſt. Dann ruͤſtete ſich 
Ketil zu feiner Abreiſe nach Weſten übers Meer. Seine Tochter 
Unn fuhr mit ihm und außerdem viele ſeiner Verwandten. 
Die Söhne Ketils fegelten in demſelben Sommer nach Island 
und mit ihnen ihr Schwager Helgi der Magere. Björn, Ketils 
Sohn, kam mit ſeinem Schiff ins Weſtland in den Breidifjord 
und ſegelte in den Sjord hinein, und zwar laͤngs der Suͤdkuͤſte 
bis dorthin, wo ein Sjord ſich ins Land einſchnitt; ein hoher 
Berg ſtand auf der Zalbinſel oͤſtlich des Sjordes. Nicht weit 
vor dem Lande lag eine Inſel. Bjoͤrn ſagte, ſie wollten ſich 
da eine Zeitlang aufhalten. Bjorn ging mit einigen Leuten 
ins Land hinauf und wanderte an der Rüfte umher. Zwifchen 
Berg und Strand war das Land ſchmal. Die Gegend ſchien 
ihm zur Anſiedlung geeignet. Da fand Björn feine Zochſitz⸗ 
pfeiler in einer Bucht ans Land getrieben und meinte, daß ibm 
damit die Hofftätte angewieſen ſei. Darauf nahm Björn dort 
das ganze Land zwiſchen der Stafa und dem Hraunfjord in Bes 
fig und baute ſich dort feinen Hof, der ſeitdem Bjarnarhoͤfn! 
heißt. Björn wurde genannt ‚aus dem Oſten!. Seine Frau war 
Gjaflaug, die Tochter Kjallaks des Alten. Ihre Söhne waren 
Ottar und Kjallak. Deſſen Sohn war Thorgrim, der Vater 
des Totſchlags⸗Styr? und des Vermund, die Tochter Kjallaks 
hieß Helge. Sie war verheiratet mit Veſtar auf Eyr, 
dem Sohn des Thorolf Blaſenkopf, der fi auf Eyr? ange⸗ 
1 Hafen des Björn, Hof an der Nordkuͤſte der Halbinſel zwiſchen Sara: und 
Breidifiord. Der „hohe Berg“ iſt nach dem Hof genannt (Biarnarhafnarfiall). 
2 Von dem wilden Styr handelt der erſte Teil der Heidarvigaſaga. Sein 
eigentlicher Name iſt Arngrim, der Beiname bedeutet Kampf, Getuͤmmel. 
Seine Tochter Asdis wurde die Srau des Boden Snorri. “ Eyr, berühmter 
Hof weſtlich von Bjarnarhoͤfn. Nach den Bewohnern dieſes Hofes iſt die S. 27 
Anm. 1 erwähnte Erzählung benannt. Steinthor tritt als ein angeſehener 
Häuptling auch in unſerer Saga auf (Rap. 71). 


29 


fiedelt hatte. Ihr Sohn war Thorlak, der Vater des Steinthor 
auf Eyr. 

gelgi Bjolan kam mit feinem Schiff an die Suͤdkuͤſte und nahm 
das ganze Kjalarnes! in Beſitz zwiſchen Kollafjord und Zval⸗ 
fiord und wohnte bis in fein Alter auf Esjuberg. 

Zelgi der Magere kam mit feinem Schiff an die Nordkuͤſte und 
nahm das ganze Gebiet am Eyjafjord in Beſitz zwiſchen Sig⸗ 
lunes und Keynisnes und wohnte auf Rriftnes.? Von dieſem 
gelgi und der Thorunn ſtammt das Geſchlecht der Eyjafjord⸗ 
leute. 


4. Aetil und Unn in Schottland. 


Unn verlaͤßt Schottland 
etil Slachnaſe kam mit ſeinem Schiff nach Schottland 
nd wurde gut aufgenommen von vornehmen Leuten, 
denn er war ein beruͤhmter Mann und aus edlem Geſchlecht; 
man bot ihm an, ſich im Lande einzurichten, wie er wollte. 
Retil machte ſich dort ſeßhaft und ebenſo feine Verwandtſchaft 
mit Ausnahme ſeines Tochterſohnes Thorſtein. Der zog gleich 
auf Raubfahrt aus und plünderte weit umher an den ſchot⸗ 
tiſchen Rüften und war immer ſiegreich. Später ſchloß er einen 
Vertrag mit den Schotten und erhielt das halbe Schottland, 
das er als Konig beherrſchte. Er hatte zur Frau Thurid, die 
Tochter des Eyvind, die Schweſter Helgis des Magern. Die 
Schotten hielten den Vertrag nicht lange, ſondern überfielen 
ihn treulos. So berichtet Ari, der Sohn des Thorgils, der 
Gelehrte, vom Ende des Thorſtein. 
Unn, die Grundgeſcheite, war in Caithnes, als ihr Sohn Thor⸗ 
ſtein fiel. Und als ſie das erfuhr, daß Thorſtein tot war — 
auch ihr Vater lebte nicht mehr — da glaubte ſie dort nicht 
mehr in die Höhe kommen zu konnen. Sie ließ heimlich im 
Walde ein Srachtſchiff bauen. Und als das Schiff ganz fertig 
war, ruͤſtete fie es zur Sahrt und hatte eine große Menge Geld 
1 Rialarnes, Kuͤſtenſtrecke nordoͤſtlich gegenüber Reykjavik zwiſchen den 
beiden genannten Sſorden. ? Kriſtnes, Hof füdlich von Akreyri. Helgi war 
Chrift; aber daneben wandte er ſich an Thor, wenn es ſich um Seefahrt oder 


gefährliche Lagen handelte. Der Erzähler beruft ſich hier wahrſcheinlich 
auf eine Saſſung der Candnama, die er dem Ari zuſchreibt. 


30 


mit ſich. Ihr folgte ihre ganze Verwandtſchaft, ſoweit fie noch 
am Leben war, und die Leute wiſſen kaum ein anderes Bei⸗ 
ſpiel dafür zu finden, daß eine Frau aus ſolcher Kriegs wirr⸗ 
nis mit gleichgroßem Reichtum und Gefolge entronnen ſei. 
Daran kann man ſchon ſehen, daß ſie hoch uͤber andere Frauen 
hervorragte. Unn hatte auch mehrere Maͤnner von großer 
Tuͤchtigkeit und edler Abſtammung mit ſich. Koll wird der Mann 
genannt, der vor allen andern hervorragte im Gefolge der 
Unn; das machte beſonders feine Abkunft, er war ein gerſe 
ſeinem Stande nach. Dann war auch ein Mann in der Be⸗ 
gleitung der Unn, der Zoͤrd hieß. Auch er war von edler Ab⸗ 
kunft und tuͤchtig. 

Unn ſegelte, ſobald ſie fahrtbereit war, nach den Orkneys. Dort 
hielt fie ſich einige Zeit auf. Zier vermaͤhlte fie Gro, die Tochter 
Thorſteins des Roten. Sie wurde die Mutter der Greiloͤd, die 
mit dem Jarl Thorfinn vermaͤhlt war, dem Sohne des Jarl 
Torf⸗Einar, des Sohnes Rögnvalds, des Jarls von More. 
Ihr Sohn war Hlödvir, der Vater des Jarl Sigurd, des Va⸗ 
ters des Jarl Thorfinn. Daher ſtammt das ganze Geſchlecht 
der Orkneyjarle. 

Dann ſegelte Unn mit ihrem Schiff nach den Särder und ver⸗ 
weilte auch da eine Jeitlang. Dort vermaͤhlte ſie die zweite 
Tochter des Thorſtein, die Olof hieß. Von ihr ſtammt das vor⸗ 
nehmſte Geſchlecht auf dieſen Inſeln, die ſogenannten Gata⸗ 
maͤnner. 


5. Unn kommt nach Island und nimmt 


Land am Hvammsfjord 

un macht ſich Unn fertig zur Abreiſe von den Särder 

und gibt ihren Schiffsgenoſſen bekannt, daß ſie beab⸗ 
ſichtige, nach Island zu fahren. Sie nahm mit ſich Olaf 
Seilan, den Sohn Thorſteins des Roten, und Olafs Schweſtern, 
die noch unverheiratet waren. Dann ging ſie in See und hatte 
eine gute Sahrt und kam mit ihrem Schiff an die Suͤdkuͤſte 
bei Vikrarſkeid. Dort ſtrandete ihr Schiff und ging völlig ver⸗ 
loren, alle Menſchen und die Ladung wurden geborgen. — 
Darauf ſuchte fie mit zwanzig Mann ihren Bruder gelgi auf. 


31 


Als fie auf feinen Hof gekommen war, trat er ihr entgegen 
und lud fie zu ſich ein mit neun Mann ihrer Begleitung. Sie 
antwortete ihm zornig und ſagte, ſie habe nicht gewußt, daß 
er ein fo armſeliger Mann fei, und verließ feinen Hof. Sie 
dachte nun daran, ihren Bruder Björn am Breidifjord aufzu⸗ 
ſuchen. Als der von ihrer Abſicht gehoͤrt hatte, ritt er ihr mit 
großem Gefolge entgegen und empfing ſie freundlich und 
lud ſie zu ſich ein mit allen ihren Begleitern, denn er kannte 
wohl den ftolzen Sinn feiner Schweſter. Das geftel ihr ſehr gut 
und ſie dankte ihm fuͤr ſein großartiges Anerbieten. Sie blieb 
bei ihm den Winter uͤber, man bewirtete ſie auf das praͤchtig⸗ 
ſte, denn die Mittel dazu waren zur Genuͤge vorhanden, und 
das Gut wurde nicht geſpart. 

Und im Srühling fuhr fie über den Breidifjord und kam zu 
einer Landfpige, wo fie mit ihren Begleitern das Tagmahl 
hielt. Daher der Name Dagverdarnes;! von dort aus erſtreckt 
ſich der Medalfells ſtrand. Dann fuhr ſie mit ihrem Schiff weiter 
in den Zvamms fjord hinein und kam da zu einer Land ſpitze, 
wo ſie ſich eine Zeitlang aufhielt. Dabei verlor Unn ihren Ramm: 
daher der Name Kambsnes. Dann beſuchte ſie das ganze 
Talgebiet der Gegend und nahm Land in Beſitz, ſo weit als 
fie Luft hatte. Schließlich fuhr fie mit ihrem Schiff in den 
innerſten Teil des Sjords. Dort waren ihre Zochſitzpfeiler ans 
Land getrieben. Damit ſchien es ihr gegeben zu fein, wo fie 
ihren Wohnſitz nehmen ſollte. Sie ließ einen Hof bauen, der 
ſeitdem Hoamm? heißt und wohnte dort. 

In demſelben Fruͤhling, in dem Unn den Hof von hvamm 
einrichtete, verheiratete ſich Koll mit Thorgerd, der Tochter 
Thorſteins des Roten. Die Zochzeit richtete Unn aus; fie gab 
der Thorgerd das ganze Lachswaſſertal mit, und Roll baute 
ſich einen Hof ſuͤdlich des CLachswaſſers. Roll war ein fehr be⸗ 
deutender Mann. Ihr Sohn war Z3öͤskuld. 


6. Unn teilt Land aus 


ann vergab Unn mehreren Maͤnnern Anteile an dem 
von ihr in Beſitz genommenen Lande. Dem Soͤrd gab 


I Dagverdr, ziemlich früh eingenommen. ? { Hvammi, ‚in dem kleinen Tal‘. 


32 


fie das ganze Hördatal bis zum Skramuhlaupwaſſer. Er 
wohnte auf Zoͤrdabolſtad und war ein ausgezeichneter Mann, 
mit trefflicher Nachkommenſchaft. Sein Sohn war Asbjoͤrn 
der Reiche, der auf Asbjarnarſtadir im Örnolfstal wohnte: er 
hatte zur Frau Thorbjörg, die Tochter des Skeggi vom Mid: 
fjord. Ihre Tochter war Ingeborg, verheiratet mit Illugi dem 
Schwarzen; deren Söhne waren Zermund und Gunnlaug 
Schlangenzunge. Das nennt man das Geſchlecht der Leute 
von Gilsbakki. 

Unn ſprach zu ihren Leuten: „Nun ſollt ihr den Lohn emp⸗ 
fangen fuͤr eure Arbeit. Es mangeln uns ja nicht die Mittel, 
euch eure Muͤhe und euren guten Willen zu vergelten. Es iſt 
euch bekannt, daß ich dem Manne, der Erp heißt, dem Sohne 
des Jarl Meldun, die Freiheit gegeben habe: bei einem Mann 
von ſo edler Abkunft konnte es nicht meine Abſicht ſein, ihn 
Knechtsnamen tragen zu laſſen.“ Unn verlieh ihm dann das 
Gebiet von Saudafell zwiſchen dem Tunguwaſſer und Mitt⸗ 
waſſer. Seine Kinder waren Orm und Asgeir, Gunnbjoͤrn 
und Halldis, die mit Alf von den Tälern? vermaͤhlt war. — 
Dem Soͤkkolf gab fie das Soͤkkolfstal, und dort wohnte er bis in 
ſein Alter. 

Einer ihrer Freigelaſſenen hieß Zundi, er war ſchottiſcher Ab⸗ 
kunft. Ihm gab fie das Zundatal. — 

Ein vierter Knecht der Unn hieß Vifil, dem gab ſie das Vifils⸗ 
tal. — 

Osk hieß die vierte Tochter Thorſteins des Roten. Sie war die 
Mutter Thorſtein Surts des Klugen, der die Sommerſchalt⸗ 
woche erfunden hat. 

Thorhild hieß die fuͤnfte Tochter Thorſteins. Sie war die 
Mutter des Alf von den Tälern; viele Männer führen ihr 
Geſchlecht auf ihn zuruͤck. Seine Tochter war Thorgerd, die 
Stau des Ari, des Sohnes des Mar von Reykianes,* des 
1 Gilsbakki und Asbjarnarſtadir find Höfe in der Myraſysla. ? Thorgils, 
der Enkel dieſes Alf fpielt vom Kap. 57 der Saga ab eine bedeutende Rolle. 
Thorſtein Surt ſchlug vor, jedes ſiebente islaͤndiſche Jahr um eine Woche 
zu verlängern. Der Vater des Thorſtein und Mann der Osk war Hallſtein, 


Sohn des Thorolf von Moſtr, vgl. Rap. 10 und 34. * Reykianes, r 
in der Bardaſtrandarſysla an der Nordkuͤſte des Breidifford. 


3 Meißner, Lachstalſaga 33 


Sohnes Atlis, des Sohnes Ulfs des Schielers, und der Björg, 
der Tochter des Eyvind und Schweſter Zelgis des Magern. 
Daher ſtammen die Leute von Keykjanes. 

Die ſechſte Tochter Thorſteins des Roten hieß Vigdis. Don ihr 
ſtammen die Leute von Höfdi im Eyjafjord. 


7. Unn ſtirbt. Olafs Nachkommenſchaft. 
Zoͤskuld, der Sohn des Koll 


laf Seilan war das juͤngſte Kind Thorſteins; er war 

groß und ſtark, ſchoͤn von Anſehen und in jeder Weiſe 
tuͤchtig. Ihn ſchaͤtzte Unn vor allen hoch und erklaͤrte ihren 
Leuten, daß fie dem Olaf alle ihre Guͤter in I vamm nach ihrem 
Ableben zugedacht habe. Unn begann nun ſehr die Alterslaſt 
zu fühlen; fie rief Olaf Seilan zu ſich und ſprach: „Es ift mir 
der Gedanke gekommen, Lieber, daß es für dich Zeit iſt, dich 
zu verſorgen und zu heiraten.“ — Olaf nahm das wohl auf 
und ſagte, er wolle in dieſer Sache ihrem Rate folgen. Unn 
ſprach: „Ich möchte am liebſten, daß deine Hochzeit zu Ende 
dieſes Sommers gefeiert werde, da iſt es am leichteſten, alles 
nötige anzuſchaffen, denn ich vermute, daß unſere Freunde 
ſich in großer Anzahl einfinden werden; es wird ja das letzte 
Seſt ſein, das ich ausrichte.“ Olaf erwiderte: „Du haſt recht, 
doch ich will nur eine Frau nehmen, die weder dein Gut, noch 
dein Anſehen vermindert.“ Im gerbſt desfelben Jahres nahm 
Olaf Seilan die Alfdis! zur Frau. Die Hochzeit fand in gvamm 
ſtatt. Unn hatte große Roften für das Seſt aufgewandt, denn 
weit und breit auch aus anderen Gegenden hatte ſie ange⸗ 
ſehene Leute einladen laſſen. Ihre Brüder Björn und Helgi 
Bjolan lud fie ein, fie kamen mit großem Gefolge. Serner 
kamen Roll von den Tälern, ihr Schwiegerenkel, und Hörd aus 
dem Zoͤrdatal und viele andere angeſehene Maͤnner. Die Hoch: 
zeitsgäfte waren ſehr zahlreich, und doch hatten durchaus nicht 
alle ſich eingefunden, die Unn eingeladen hatte, denn fuͤr die 
Leute aus dem Eyjafjord war es ein langer Reiſeweg. — 
Das Alter druͤckte damals Unn ſchon ſehr, ſo daß ſie nicht vor 


1 KHaͤheres uͤber die Werbung um Alfdis wird in der Grettisſaga (Rap. 10) 
erzählt mit Hinweis auf unſere Stelle. 


34 


Mittag aufſtand und ſich früh zu Bett legte. Keinem geſtat⸗ 
tete ſie, mit ihr etwas zu beſprechen, von der Stunde an, wenn 
fie abends zur Ruhe ging bis zu der Zeit, daß fie angekleidet 
war; zornig antwortete ſie, wenn jemand ſich nach ihrem Be⸗ 
finden erkundigte. 

Am Sochzeitstage ſchlief Unn ziemlich lange, war aber doch 
auf, als die Eingeladenen kamen, fie ging ihnen entgegen und 
empfing ihre Verwandten und Sreunde mit Wuͤrde; ſie ſagte, 
es ſei liebenswuͤrdig von ihnen, daß ſie von ſo weither ſie 
aufgeſucht hätten: „ich meine da beſonders Björn und Zelgi, 
doch euch allen will ich meinen Dank ſagen, die hierher ge⸗ 
kommen find.” Dann trat Unn in den Zochzeitsſaal ein und 
mit ihr eine große Geſellſchaft. Und als alles im Saale Platz 
genommen hatte, bewunderten die Gaͤſte, wie praͤchtig das Seſt 
ausgerichtet war. Da ſprach Unn: „Björn nehme ich zum Zeus 
gen, meinen Bruder, und gelgi, und meine andern Verwandten 
und Freunde: diefen Hof mit allem Hausrat, wie ihr ihn jetzt 
vor euch ſeht, uͤbergebe ich meinem Enkel Olaf zum Eigentum 
und freier Verfügung.” Darauf ſtand Unn auf und fagte, fie 
wolle in ihre Kammer gehen, in der fie zu ſchlafen pflegte; fie 
bat die Gaͤſte, ſich zu vergnuͤgen, wie jeder es am liebſten haͤtte, 
und die Menge ſollte ſich das Zausbraͤu gut munden laſſen. 
Man erzaͤhlt, daß Unn von hohem und kraͤftigem Wuchs ge⸗ 
weſen ſei. Sie ging ſchnell durch den Saal nach der Tuͤr, und 
die Männer ſprachen untereinander, wie ſtattlich die Srau noch 
ſei. Die Maͤnner tranken nun am Abend, bis es ihnen Jeit 
ſchien, ſchlafen zu gehen. 

Am naͤchſten Morgen ging Olaf Seilan in das Schlafgemach 
ſeiner Großmutter Unn. Und als er in das Gemach eintrat, 
ſaß Unn im Bett gegen die Kiſſen gelehnt. Sie war tot. Olaf 
ging darauf in den Saal zuruͤck und verkuͤndete dieſe Neuig⸗ 
keit. Die Maͤnner ſprachen ihre Bewunderung daruͤber aus, 
wie Unn ihre Hoheit bis zum letzten Augenblick bewahrt habe. 
So feierte man nun beides auf einmal, die Hochzeit Olafs und 
den Leichen ſchmaus für Unn. Am letzten Tage des Seftes 
wurde Unn in den Hügel überführt, der für fie beſtimmt war. 
Sie wurde in einem Schiff im Hügel begraben und vieles 


3° 35 


Gut ihr mitgegeben; dann wurde der Hügel über ihr zuge» 
worfen. — 

Olaf Seilan übernahm nun den Hof in Hyamm mit allem zu= 
gehörigen Vermögen unter Zuftimmung feiner Verwandten, 
die anweſend waren. Und als das Seftzu Ende ging, gab Olaf 
den angeſehenſten Maͤnnern zum Abſchied praͤchtige Geſchenke. 
Olaf wurde ein maͤchtiger Mann und ein großer Zaͤuptling. 
Er wohnte in Jvamm bis in fein Alter. 

Die Kinder des Olaf und der Alfdis waren Thord Brüller,! 
der vermaͤhlt war mit Hrodny, der Tochter des Skeggi vom 
Midfjord: ihre Söhne waren Eyjolf der Graue, Thorarin 
Sohlenſtirn, Thorkel Ruggi; eine Tochter des Olaf Seilan 
war Thora, die vermaͤhlt war mit Thorſtein Dorſchbeißer, 
dem Sohne des Thorolf von Moſtr; ihre Söhne waren Boͤrk 
der Starke und Thorgrim, der Vater des Goden Snorri. Die 
zweite Tochter Olafs hieß Helge, fie war vermaͤhlt mit Gun⸗ 
nar, dem Sohne der Zlif. Ihre Tochter war Jofrid?, vermaͤhlt 
mit Thorodd, dem Sohne des Odd von Tunga, ſpaͤter mit 
Thorſtein, dem Sohne des Egil; eine zweite Tochter des Gun⸗ 
nar, Thorunn, war vermaͤhlt mit Zerſtein, dem Sohne des 
Thorkel, des Sohnes des Blundketil. Thordis hieß eine dritte 
Tochter des Olaf, ſie war vermaͤhlt mit dem Geſetzſprecher 
Thorarin,“ dem Bruder des Kagi. 

In der Zeit, als Olaf in ſvamm wohnte, wurde fein Schwager 
Koll von den Tälern krank und ſtarb. Höskuld, Rolls Sohn, 
war noch jung, als ſein Vater ſtarb, ſein Verſtand aber gereift 
1 Beruͤhmter Saͤuptling. Auf feine veranlaſſung erfolgte ca. 965 die Einteilung 
des Landes in Viertel und die Ordnung der Thinge in den Landes vierteln. 
Seine Stimme war, „als wenn ein Stier bruͤllte“ (Geſchichte vom Hühner: 
thorir Kap. 13). Als im Auftrage des daͤniſchen Königs Harald ein Zauberer 
in Walfiſchgeſtalt in den Breidifſord hineinſchwimmt, watet ihm ein rieſiger 
bruͤllender Stier entgegen (Heimskringla, Saga des Königs Olaf Tryggvaſon 
Kap. 33). Eyjolf, der Graue (d. i. der Bde), tötet den geaͤchteten Gisli 
(Bislafaga): Eyjolfs Sohn Tyorkel ſpielt als vierter Gatte der Gudrun im 
letzten Teil unſerer Saga eine bedeutende Rolle. Die Werbung des Thor: 
odd um Jofrid iſt auf das anmutigſte in der Geſchichte vom Zuͤhnerthorir 
erzaͤhlt. Jofrids und Thorſteins Tochter iſt Helga, die Beliebte des Gunnlaug 
Schlangenzunge. Thorarins Bruder Blum war der zweite Mann der Jall: 
gerd, der Tochter des Soͤskuld (NHjala Kap. 13 ff.). 


36 


über die Zahl feiner Jahre hinaus. Höskuld war ein fchöner 
und tuͤchtiger Menſch. Er übernahm den Hof und das ganze 
Vatererbe; nach ihm wird der Hof genannt, auf dem Roll ge⸗ 
ſeſſen hatte; er heißt ſeitdem Zoͤskuldsſtadir. 

Bald war Soͤskuld wohl angeſehen auf feinem Hofe, vieles 
gab ihm ſichern Halt, Verwandte und Freunde, die Roll, fein 
Vater, fuͤr ſich gewonnen hatte. Thorgerd aber, die Tochter 
Thorſteins und Mutter des Hösfuld, war damals noch eine 
junge Frau und ſehr ſchoͤn. Sie fuͤhlte ſich nicht mehr behag⸗ 
lich in Island nach dem Tode Rolls, fo erklaͤrte fie ihrem 
Sohne gòͤskuld, daß ſie mit dem ihr zukommenden Vermögens: 
anteil Island verlaſſen wolle. Hösfuld fagte, der Gedanke 
falle ihm ſchwer, daß ſie ſich ſcheiden ſollten, aber er wolle in 
dieſem wie in allen andern Dingen ihrem Willen nicht ent⸗ 
gegen fein. Zoͤskuld kaufte für feine Mutter die Hälfte eines 
Schiffes, das in Doͤgurdarnes an Land lag. 

Thorgerd begab ſich an Bord mit reichem Gut. Und dann ging 
Thorgerd in See, das Schiff hatte gute Sahrt und kam nach 
Norwegen. Thorgerd hatte in Norwegen eine große Vettern⸗ 
ſchaft und viele angeſehene Verwandte. Sie empfingen fie wohl 
und machten ihr alle Anerbietungen, die ſie ſich von ihnen wuͤn⸗ 
ſchen konnte. Thorgerd nahm das wohl auf und ſagte, es ſei 
ihre Abſicht, dort im Lande ſich niederzulaſſen. Thorgerd war 
nicht lange Witwe, bis ſich ein Mann fand, der um ſie anhielt. 
Der hieß Herjolfz er war feinem Stande nach ein belehnter 
Zerr, reich und hochgeſchaͤtzt. Herjolf war ein großer und ſtar⸗ 
ker Mann; nicht war er ein ſchöͤner Mann dem Geſicht nach, aber 
doch ſehr ſtattlich anzuſchauen; vor allen als Kaͤmpfer aus⸗ 
gezeichnet. Und als es zu dieſer Bewerbung kam, hatte Thor⸗ 
gerd die Entſcheidung zu geben, da ſie Witwe war; und mit 
Juſtimmung ihrer Verwandten ſchlug fie dieſen Heiratsantrag 
nicht ab, fie vermaͤhlte ſich mit Zerjolf und zog auf feinen 
Hof mit ihm; zwiſchen ihnen entſtand ein herzliches Einver⸗ 
nehmen. Thorgerd ließ das bald merken, daß fie ungewoͤhn⸗ 
lich tuͤchtig war; Herjolfs Hauswefen ſchien nun viel beſſer 
und wuͤrdiger zu ſein, ſeit er eine ſolche Frau neben ſich hatte, 
wie Thorgerd war. — 


37 


8. rut, der Sohn Zerjolfs und der Thor: 
gerd, wird geboren. Nach dem Tode Serjolfs 
kehrt Thorgerd er Island zurüc und 
tirbt 


erjolf und Thorgerd waren nicht lange verheiratet, bis 

ihnen ein Sohn geſchenkt wurde. Der Knabe wurde mit 
Waſſer benetzt und erhielt ſeinen Namen, man nannte ihn 
rut. Er wurde bald groß und ſtark, da er aufwuchs. Er war 
beſſer gewachſen als alle andern, hoch und in den Schultern 
breit, in der Mitte ſchmal, wohlgeſtaltet an Händen und Süßen. 
Zrut war der ſchoͤnſte aller Maͤnner, ſo wie ſein Muttervater 
Thorſtein oder Ketil Slachnaſe geweſen waren; außerordent⸗ 
lich tuͤchtig war er in jeder Beziehung. 
gerjolf wurde krank und ftarb. Den Leuten ſchien das ein 
großer Verluſt. Da ſehnte ſich Thorgerd wieder nach Island 
und wollte ihren Sohn Zoͤskuld aufſuchen, denn fie liebte 
ihn über alles; und Hrut konnte fie wohlgeborgen unter 
feinen Verwandten zuruͤcklaſſen. So machte ſich Thorgerd auf 
zur Sahrı nach Island und kam zu Soͤskuld, ihrem Sohne, 
ins Cachswaſſertal. Der empfing feine Mutter mit Ehrerbie⸗ 
tung; fie hatte reiches Gut mit ſich und blieb bei Zoͤskuld bis 
zu ihrem letzten Tage. Wenige Winter nach ihrer Ankunft 
fiel Thorgerd in tödliche Krankheit, ſtarb und wurde ins 
Zuͤgelgrab gelegt. Zoͤskuld nahm ihr ganzes Gut an ſich, 
während doch Hrut, fein Bruder, hätte die Hälfte bekommen 
follen. 


9. Zoͤskuld verheiratet ſich mit Jorunn. 
Ihre Kinder 


n dieſer Zeit herrſchte über Norwegen Hakon, der Pflege⸗ 
ſohn Adelſtans. Zoͤs kuld war fein Gefolgsmann; er lebte 
immer abwechſelnd einen Winter beim Rönig gakon oder auf 
feinem Hofe; fein Name war ſowohl in Norwegen wie in Is⸗ 
land hochangeſehen. 

Ein Mann hieß Bjoͤrn; er wohnte im Bjarnarfjord und hatte 
dort Land genommen; nach ihm iſt der Sjord genannt. Dieſer 


38 


—— 


Sjord fchneidet nördlich vom Steingrimsfjord ins Land ein, 
zwiſchen beiden! erſtreckt ſich ein Bergruͤcken. Björn war ein 
Mann von angeſehener Verwandtſchaft und reich an Gut. 
Seine Frau hieß CLjufa. Ihre Tochter war Jorunn, ein ſchoͤnes 
Mädchen und ſehr ſtolz; ungewoͤhnlich hervorragend durch ihren 
Verſtand. Sie galt fuͤr die beſte Partie im ganzen Weſtlande. 
Von dieſem Mädchen hatte 3oͤskuld Kunde bekommen, und 
auch davon, daß Bjoͤrn der erſte Bonde war im ganzen Strand⸗ 
gebiet. Zoͤskuld ritt aus mit neun Mann und ſuchte Björn, 
den Bonden, im Bjarnarfjord auf. Er wurde da wohl emp⸗ 
fangen, denn Björn wußte gut Beſcheid über Zoͤskulds vor⸗ 
trefflichen Ruf. Nach einiger Zeit kam Hösfuld mit feiner Be⸗ 
werbung heraus, Björn antwortete guͤnſtig und ſagte, nach 
feiner Meinung konne feine Tochter ſich nicht beſſer verheiraten, 
doch wollte er es ihrer Entſcheidung uͤberlaſſen. Und als dieſe 
Sache der Jorunn vorgetragen wurde, antwortete ſie in folgender 
Weiſe: „Nur ſolche Kunde haben wir über dich, Zoͤskuld, daß 
wir deinen Antrag guͤnſtig beantworten muͤſſen, denn wir 
glauben, die Frau iſt wohl verforgt, die ſich mit dir verheira⸗ 
tet; doch ſoll mein Vater endgültig darüber entſcheiden, denn 
ich will in dieſer Sache dem ʒuſtimmen, was er fuͤr gut haͤlt.“ 
Mag man nun uͤber dieſe Sache kuͤrzer oder laͤnger verhandelt 
haben,? das Ende war, daß Jorunn dem Soͤskuld mit großem 
Gut verlobt wurde; die Hochzeit ſollte in Zoͤskuldsſtadir ge⸗ 
feiert werden. Zoͤskuld ritt nun fort mit dieſem Entſcheid, 
nach Haufe auf feinen Hof, und blieb zu Haufe, bis die Hoch- 
zeit fein ſollte. Björn kam von Norden zur Hochzeit mit ſtatt⸗ 
licher Begleitung. Bei 3oͤskuld waren auch viele eingeladene 
Gaͤſte, Freunde und Verwandte, dieſes Seft war ſehr großartig. 
Und als das Seft zu Ende ging, machte ſich jeder auf den Weg 
nach gauſe in guter Freundſchaft und mit würdigen Geſchenken. 
Jorunn, die Tochter Bjoͤrns, blieb zuruͤck auf Zoͤskuldsſtadir 
und übernahm die Wirtſchaft mit Zoͤskuld. An ihrem Ver⸗ 
halten war das bald zu erkennen, daß fie klug und tuͤchtig, in 
vielen Dingen erfahren, doch immer etwas ſtolz ſein wuͤrde. 


1 Die beiden Sjorde liegen an der weſtkuͤſte des Meerbuſens Hunafloi (Nord⸗ 
often). ? Sormelhaft. 


39 


Ihr Zuſammenleben mit Zoͤskuld war gut, wenn fie das auch 
im Alltagsverkehr nicht beſonders merken ließen. 

Zoͤskuld wurde nun ein großer Häuptling; er war maͤchtig und 
tat kraͤftig, an Gut mangelte es nicht; er ſtand in keiner Hinſicht 
in geringerem Anſehen als fein Vater Roll, Zoͤskuld und Jo⸗ 
runn waren nicht lange verheiratet, bis ihnen Kinder geſchenkt 
wurden. Einer ihrer Söhne hieß Thorleiß; er war das aͤlteſte 
ihrer Kinder; ein zweiter Bard. Ihre Tochter hieß Zallgerd, ! 
die ſpaͤter den Beinamen Langhoſe bekam. Eine andere Toch⸗ 
ter hieß Thurid. Alle waren vielverſprechende Kinder. — 
Thorleik war groß und ſtark und von ſehr ſtattlichem Aus⸗ 
ſehen, zuruͤckhaltend und barſch; die Leute glaubten Anzeichen 
in ſeinem Weſen zu bemerken, daß er nicht gerade ein Mann der 
Billigkeit werden würde, Zoͤskuld ſagte immer, er würde ganz 
nach der Art der Samilie vom Strandgebiet ſchlagen. Bard, 
Zoͤskulds Sohn, war auch von anſehnlicher Geſtalt, mit gutem 
Verſtand begabt und ſtark; er hatte ein Weſen an ſich, als ob 
er mehr den Verwandten ſeines Vaters aͤhnlich werden wollte. 
Bard war ſchon in ſeiner Jugend umgaͤnglich und beliebt. 
Zoͤskuld liebte ihn am meiſten von feinen Kindern; Hösfulds 
Zausweſen ſtand nun in reicher Blüte und Glanz. In dieſer 
Zeit verheiratete Zöskuld feine Schweſter Gro an DVeleif den 
Alten. Ihr Sohn war Holmgang-Berfi.? 


IO. 3rapp der Totſchlaͤger und feine 
Leute 
rapp hieß ein Mann, er wohnte im Cachswaſſertal, noͤrd⸗ 
lich des Fluſſes gegenüber von goͤskuldsſtadir. Der Hof 
hieß dann nach ihm Srappsftadir, nun ift da Wüftung. Hrapp 
war ein Sohn des Sumarlidi und wurde Hrapp der Totſchlaͤ⸗ 
ger genannt; er war ein Schotte von vaͤterlicher Seite her, 
aber das ganze Geſchlecht ſeiner Mutter ſaß auf den Zebri⸗ 
den; dort war er auch geboren. Er war ein großer und ſtarker 
Mann. Er dachte nicht daran, nachzugeben, wenn auch die 
mindere Staͤrke auf ſeiner Seite war; und weil er, wie geſagt, 


1 Die Hallgerd der Njalsſaga. * vgl. Kap. 28. Sòͤskulds Schweſter Gro iſt 
vorher nicht erwähnt. 


40 


unvertraͤglich war und nicht Buße geben wollte, wenn er ein Un⸗ 
recht getan hatte, fo war er aus den weſtlichen Kolonien übers 
Meer gefluͤchtet und hatte ſich da Land gekauft, wo er wohnte. 
Seine Frau hieß Vigdis und war eine Tochter des gallſtein. 
Ihr Sohn hieß Sumarlidi. Ihr Bruder hieß Thorſtein Surt, ! 
der damals auf Thorsnes wohnte, wie oben geſchrieben iſt; 
dort war Sumarlidi zur Erziehung und ein vielverſprechen⸗ 
der Knabe. Thorſtein war verheiratet geweſen, feine Frau 
aber damals ſchon tot. Er hatte zwei Töchter. Eine hieß Gudrid, 
die andre Osk. Gudrid war verheiratet mit Thorkel Zipfel, der 
auf Svignaſkard? wohnte. Er war ein großer Häuptling und ein 
kluger Mann, ein Sohn des Raudabjoͤrn. Osk aber, die andere 
Tochter des Thorſtein, war mit einem Manne vom Breidifjord 
vermaͤhlt; der hieß Thorarin. Er war ein mutiger Mann und 
beliebt und lebte bei ſeinem Schwiegervater Thorſtein, denn 
Thorſtein neigte ſich da ſchon ſeinem Ende zu und bedurfte 
ſehr ihrer Sürforge. 

Zrapp war den meiften Menſchen nicht nach dem Sinn; er 
war zu Gewalttaͤtigkeiten geneigt gegen ſeine Nachbarn; er 
ließ manchmal vor ihnen Worte fallen, es wuͤrde ihnen ſchwer 
fein, in feiner Naͤhe Haus zu halten, wenn fie einen andern 
Mann fuͤr beſſer hielten als ihn. Die Bauern alle aber kamen 
zu demſelben Entſchluß: fie gingen zu Hösfuld und berichteten 
ihm von ihrer ſchwierigen Lage. Zoͤskuld bat fie, es ihm anzu⸗ 
zeigen, wenn Hrapp ihnen irgend ein Unrecht zufügen ſollte, 
„denn es ſoll ihm nicht gelingen, mich zu berauben an Maͤn⸗ 
nern oder Gut.“ 


II. Zoͤskuld reift nach Norwegen 

hord Goddi hieß ein Mann, der im Lachs waſſertal noͤrd⸗ 
lich des Sluſſes wohnte, der Hof hieß dann nach ihm God⸗ 
daſtadir. Er war ein ſehr reicher Mann; Kinder hatte er nicht; 
das Land, auf dem er wohnte, hatte er gekauft. Er war Hrapps 
1 Der Wohnſitz des Thorſtein Surt iſt oben (Rap. 6) nicht angegeben, ebenſo 
war dort der vater des Thorſtein und Gatte der Osk, naͤmlich Hallſtein, 
Sohn des Thorolf Moſtrarſkegg nicht genannt worden. Thorsnes, Halbinſel 
an der Suͤdkuͤſte des Breidifiord, berühmte Kult: und Thingftätte. ? Svigna⸗ 
ftard, Hof in der Myraſysla. 


41 


Nachbar und hatte oft von ihm zu leiden. Zoͤskuld nahm fich 
feiner an, fo daß er feinen Hof halten konnte. Vigdis! hieß 
ſeine Frau, ſie war eine Tochter des Ingjald, des Sohnes des 
Olaf Seilan. Sie war die Brudertochter des Thord Bruͤller 
und eine Schweſtertochter des Thorolf Rotnafe von Saudafell. 
Thorolf war ein tapfrer Degen und hatte ein gutes Auskom⸗ 
men. An ihn wandten ſich immer ſeine Verwandten, wenn ſie 
Zilfe brauchten. Digdis war ihrem Manne gegeben mehr mit 
Kuͤckſicht auf fein Vermögen als auf fein Anſehen. Thord 
hatte einen Knecht, der mit ihm ins Land gekommen war; 
der hieß Asgaut; er war groß und tuͤchtig; und wenn er auch 
ein Knecht hieß, ſo haͤtten ſich doch wenige, wenn ſie auch Freie 
waren, ihm gleichſtellen konnen. Und gute Dienfte wußte er 
feinem Zerrn zu leiſten. Mehr Knechte noch hatte Thord, wenn 
auch nur dieſer eine erwaͤhnt wird. 

Thorbjörn hieß ein Mann; er wohnte im Lachswaſſertal als 
naͤchſter Nachbar Thords talaufwaͤrts von feinem Zofe. Er 
hatte den Beinamen Skrjup; reich war er an Gut, meiſt be⸗ 
ſtand es in Silber und Gold; ein großer Mann war er an 
Wuchs und von gewaltiger Kraft. Er hatte nicht eben eine 
offene Hand gegenüber den Leuten aus dem Volke. 

Zoͤskuld, der Sohn des Roll von den Tälern, empfand es als 
nachtraͤglich für das Anſehen feines Zausweſens, daß fein 
Zof weniger gut gebaut war, als er es haben wollte. Er kaufte 
ſich ein Schiff von einem Manne von den Shetlandinſeln. Das 
Schiff lag auf an der Mündung der Blanda.? Dieſes Schiff 
rüftete er zur Fahrt und erklaͤrte, daß er ausreiſen wollte, aber 
Jorunn übernahm die Aufſicht über den Hof und die Rinder. 
Nun gingen fie in See und hatten gluͤckliche Fahrt. Sie erreichten 
Norwegen ziemlich im Süden: fie landeten in Zordland, dort, 
wo ſpaͤter die Handelsftadt Bergen lag. Er zog fein Schiff an 
Land und fand da eine große Menge von Verwandten, deren 
Namen hier aber nicht erwaͤhnt werden. Damals hielt Koͤnig 
Zakon ſich in der WIR? auf. Zoͤskuld aber begab ſich aber nicht 
1 Ingjald wird im Kap. 7 nicht unter den Söhnen des Olaf Seilan erwähnt. 


Vigdis iſt nach anderer Überlieferung eine Tochter des Olaf Seilan. Die Blanda 
mündet in den Junafiord (Rord⸗Island). ? Gegend des Kriſtianiafjords. 


42 


zu Rönig Hafon, denn feine Verwandten hatten ihn mit offenen 
Armen aufgenommen. Es blieb ftill dieſen ganzen Winter über. 


I2. Zoͤskuld kauft eine Sklavin 


u Anfang des naͤchſtens Sommers geſchah es, daß der 

König mit dem Landesaufgebot oſtwaͤrts ! nach Brennd? 
zur gebotenen Verſammlung zog und Frieden fuͤr ſein Land 
erneuerte, wie es die Geſetze fuͤr jeden dritten Sommer be⸗ 
ſtimmten. Dieſe Verſammlung war zwiſchen den Sürften feſt⸗ 
geſetzt, um die Sachen zu erledigen, über welche die Rönige 
zu entſcheiden hatten. Man ſah es als eine Dergnügungsreife 
an, diefe Derfammlung aufzuſuchen, denn da fanden ſich Ceute 
aus faſt allen Ländern ein, von denen wir Kunde haben. Zoͤs⸗ 
kuld brachte ſein Schiff zu Waſſer, er wollte ebenfalls dieſe 
Verſammlung beſuchen, da er im Winter nicht zum Koͤnige 
gekommen war. Auch zu einem gandelsmarkt fand man ſich 
dort zufammen. Dieſe Ver ſammlung war ſehr beſucht; da 
gab es ein ſehr froͤhliches Treiben, Trinkgelage, Spiele und 
Beluſtigungen aller Art; Dinge von Bedeutung ereigneten ſich 
nicht. Viele von ſeinen Verwandten, die in Daͤnemark lebten, 
traf Hösfuld dort. 
Und eines Tages, als Zoͤskuld mit einigen Maͤnnern ausging 
ſich zu vergnügen, ſah er ein praͤchtiges Zelt, das abſeits von 
den andern Buden ſtand. Höskuld ging dahin und trat in das 
Zelt ein, da ſaß vor ihm ein Mann in einem Samtgewande, 
der einen ruſſiſchen gut auf dem Kopfe hatte. Zoͤskuld fragte 
den Mann nach feinem Namen; er nannte ſich Gilli, — „aber 
viele wiſſen beſſer Beſcheid, wenn ſie meinen Beinamen hoͤren: 
man nennt mich Gilli, den Kuſſen.“ Zoͤskuld ſagte, daß er ihn 
oft habe erwähnen hören, als den reichſten der Maͤnner, die 
zur Kaufmannſchaft gehörten. Da ſprach Zoͤskuld: „Du wirft 
uns wohl Dinge verkaufen koͤnnen, die wir gern einhandeln 
möchten.” Gilli fragte, was er und feine Gefaͤhrten kaufen woll⸗ 
1 Die Richtungsbezeichnungen beziehen ſich nicht auf den einzelnen Ort, 
ſondern das ganze Gebiet, zu dem der Ort gehört. Das iſt beſonders bei den 
Ortsangaben in Island zu beachten, wo immer die Landesviertel gemeint 
find. * Brennd vor der Mündung des Goͤtaelf. Im Islaͤndiſchen Brenney⸗ 
jar, die ganze Inſelgruppe. 


43 


ten. Zoͤskuld ſagte, daß er eine Sklavin kaufen wolle, „falls du 
eine anzubieten haſt“. Gilli erwiderte: „Ihr glaubt mich da⸗ 
durch in Verlegenheit zu ſetzen, daß Ihr Dinge zum Kauf be⸗ 
gehrt, von denen Ihr meint, daß ich ſie nicht vorraͤtig habe; 
aber das iſt doch nicht fo ausgemacht, wie es ſcheint.“ Zoͤskuld 
hatte bemerkt, daß ein Vorhang quer durch das Zelt ging. Da 
hob Gilli den Vorhang auf und goͤskuld ſah, daß zwoͤlf Frauen 
im innern Zelt ſaßen. Gilli ſagte, Zoͤskuld ſolle hingehen und 
zuſehen, ob er eine von dieſen Frauen kaufen wolle. Das tat 
Zöskuld. Sie ſaßen alle in einer Reihe quer durch das Zelt. 
Zoͤskuld betrachtete genau dieſe Frauen. Er ſah, daß eine 
Frau am Ende nahe der Jeltwand ſaß; ſie war aͤrmlich ge⸗ 
kleidet. Zoͤskuld bemerkte, daß die Frau von ſchoͤnem Ausſehen 
war, fo weit man etwas von ihr ſehen konnte. Da ſagte Zoͤs⸗ 
kuld: „Wie hoch ſoll dieſe Frau kommen, wenn ich ſie kaufen 
will.“ Gilli antwortete: „Du ſollſt fuͤr ſie drei Mark Silber 
bezahlen.“ „Es ſcheint mir,“ ſagte goͤskuld, „als rechneteſt 
du dieſe Sklavin ziemlich teuer an; das iſt ja der Preis fuͤr 
drei.“ Da antwortete Gilli: „Du haſt recht darin, ich ſetze ſie 
teurer an als die andern; waͤhle dir nur irgendeine von den an⸗ 
dern elfen und bezahle fuͤr ſie eine Mark Silber, aber dieſe mag 
in meinem Beſitz bleiben.“ Zoͤskuld ſagte: „Ich muß erſt wiſſen, 
wie viel Silber in dem Beutel iſt, den ich an meinem Guͤrtel habe.“ 
Er bat Gilli, die Wage zu bringen und griff nach ſeinem Beutel. 
Da ſprach Gilli: „Dieſes Geſchaͤft ſoll ohne Betrug von meiner 
Seite vor ſich gehen: es iſt da naͤmlich ein großer Fehler vorhan⸗ 
den, was die Frau anlangt. Ich will, daß du das vorher weißt, 
Söskuld, ehe wir dieſen Kauf abſchließen.“ goͤskuld fragte, 
was das ſei. Gilli antwortete: „Dieſe Frau iſt ſtumm; auf 
vielerlei Weiſe habe ich verſucht, ſie zum Sprechen zu bewegen, 
aber nie ein Wort aus ihr herausgebracht; es iſt wirklich 
meine Überzeugung, daß dieſe Srau nicht ſprechen kann.“ 
Da ſagte Zoͤskuld: „Bring die Geldwage und laß uns fehen, 
wie viel der Beutel wiegt, den ich hier habe.“ Gilli brachte die 
Wage; fie wogen das Silber, es war drei Mark Silbergewicht. 
Da ſagte Zoͤskuld: „Es ſteht nun fo, daß dies unſer Handel fein 
ſoll: nimm du das Silber hier, und ich werde dieſe Frau 


44 


nehmen. Ich geſtehe, daß du dich wacker bei dieſem Gefchäft 
benommen und mich offenbar nicht haſt dabei uͤbervorteilen 
wollen.“ Darauf kehrte Zoͤskuld in fein Zelt zuruͤck. Am ſelben 
Abend ging 3oͤskuld mit ihr zu Bette. Und am naͤchſten Mor: 
gen, als man ſich anzog, ſprach Zoͤskuld: „Geringen Aufwand 
ſieht man an der Kleidung, die Gilli der Reiche dir gegeben 
hat; es iſt aber freilich wahr, daß es eine groͤßere Aufgabe 
fuͤr ihn war, zwoͤlf zu kleiden, als fuͤr mich eine einzige.“ 
Darauf ſchloß Zoͤskuld eine Rifte auf, nahm gute Frauen⸗ 
kleider heraus und gab ſie ihr; da ſtimmten nun auch alle 
Maͤnner darin uͤberein, daß gute Kleider ihr ſtanden. 

Als nun die Sürften die Sachen erledigt hatten, über die 
nach den Geſetzen zu verhandeln war, wurde dieſe Derfamm- 
lung geſchloſſen. Da ſuchte Zoͤskuld den Rönig Sakon auf und 
begruͤßte ihn ehrerbietig, wie es ſich gebuͤhrte. Der Koͤnig be⸗ 
trachtete ihn und ſagte: „Deine Begrüßung, Zoͤskuld, würden 
wir auch angenommen haben, wenn du dich ſchon etwas fruͤher 
an uns gewandt haͤtteſt; doch ſoll es auch ſo gut ſein.“ 


13. Zoͤskuld kehrt nach Island zuruͤck. Olaf 
Pfau wird geboren. Melkorka gibt ſich zu 


erkennen 
arauf nahm der Konig Hösfuld mit aller Freundlich⸗ 
keit auf und bat ihn, auf ſein Schiff zu kommen — 
„und bleib bei uns, ſo lange du in Norwegen dich aufhalten 
willſt.“ Zoͤskuld antwortete: „Habt Dank für Eure Einladung, 
aber ich habe nun in dieſem Sommer vieles zu beſorgen; der 
Umſtand beſonders, daß ich die Abſicht hatte, mir Bauholz 
zu verſchaffen, iſt die Urſache geweſen, daß ich ſo lange ge⸗ 
zoͤgert habe, Euch aufzuſuchen.“ Der Bönig bat ihn, nach der 
Wik zu fegeln. Zöͤskuld verweilte beim Koͤnige eine Zeit: 
lang. Der Konig verſchaffte ihm Bauholz und ließ damit 
fein Schiff befrachten. Da ſprach der Rönig zu Zoͤskuld: 
„Nicht will ich dich hier laͤnger bei uns aufhalten, als es dein 
Wunſch iſt; aber ich fuͤrchte, der Erſatz wird uns ſchwer wer⸗ 
den, wenn dein Platz leer iſt.“ Dann begleitete der Rönig 
Zoͤskuld ans Schiff und ſagte: „Als Ehrenmann habe ich dich 


45 


erprobt; ich glaube faſt, daß du zum letztenmal aus Nor⸗ 
wegen ſegelſt, ſolange ich hier Herr bin.“ Der Konig zog 
einen Goldring vom Arm, der eine Mark wog, und gab ihn 
Zoͤskuld, und ein Schwert gab er ihm als zweites Kleinod, 
das auf eine halbe Mark Goldes zu ſtehen kam. Zoͤskuld 
dankte dem Rönige für die Gaben und für alle die Ehre, die 
er ihm erwieſen hatte. Dann ging Zoͤskuld an Bord und 
ſegelte ab. Sie hatten guten Wind und erreichten das Land 
an der Suͤdkuͤſte; ſie ſegelten dann weſtwaͤrts an Reykjanes und 
weiter an Snaefellsnes voruͤber und hinein in den Breidifjord. 
Zoͤskuld landete in der Mündung des Lachswaſſers; er ließ 
die Ladung aus dem Schiff tragen und das Schiff noͤrdlich 
des Lachswaſſers an Land ziehen, und errichtete dort einen 
Schuppen daruͤber, und man ſieht da noch die Grundmauern, 
wo er den Schuppen bauen ließ. Er ſchlug dort Zeltbuden 
auf, darnach heißt die Gegend Budental. Dann ließ Hösfuld 
das Bauholz nach Haus ſchaffen; das ging leicht, da der Weg 
nicht lang war. Darauf ritt Zoͤskuld nach Haufe mit einigen 
Leuten und wurde gut empfangen, wie zu erwarten war; das 
Gut war in der Zwifchenzeit wohl verwaltet worden. Jorunn 
fragte, wer die Frau in feinem Gefolge ſei. Zoͤskuld antwor⸗ 
tete: „Du wirſt glauben, ich wolle dich mit meiner Antwort 
zum beſten haben: ich weiß ihren Namen nicht.“ Jorunn 
ſprach: „Zweierlei iſt möglich, entweder luͤgt das Geruͤcht, das 
mir zugetragen wurde, oder du haſt noch mehr mit ihr ge⸗ 
ſprochen, als fie nur nach dem Namen gefragt.“ Zoͤskuld 
ſagte, er wolle das nicht beſtreiten und erzählte ihr alles wahr⸗ 
heitsgemaͤß; er bat auch um gute Behandlung fuͤr dieſe Frau 
und fagte, es fei fein Wunſch, daß fie ſich im Haufe aufhalten 
duͤrfe. Jorunn ſprach: „Ich werde nicht Streit anfangen mit dei⸗ 
ner Maͤtreſſe, die du dir von Norwegen mitgebracht haſt, wenn 
ſie auch Schwierigkeiten im Haus machen ſollte; unter dieſen 
Umſtaͤnden kann es mir nur recht ſein, daß ſie taub und ſtumm 
iſt.“ — Hösfuld ſchlief jede Nacht bei feiner Hausfrau, ſeitdem 
er heimgekehrt war, und gab ſich mit der Fremden wenig ab. 
Jedermann mußte ihr adliges Weſen bemerken und ebenſo, 
daß ſie durchaus nicht ohne Verſtand war. 


46 


Ende des Winters gebar Höskulds Nebenfrau einen Knaben. 
Soͤskuld wurde herbeigerufen, und man zeigte ihm das Kind. 
Ihm wie den andern ſchien es, daß man niemals ein ſchoͤneres 
und adligeres Rind geſehen hätte. Zoͤskuld wurde gefragt, wie 
der Knabe heißen ſollte. Er befahl, den Knaben Olaf zu nen⸗ 
nen; kurz vorher war naͤmlich ſein Mutterbruder Olaf Seilan 
geſtorben. Olaf war ein ganz ungewoͤhnlich praͤchtiges Kind, 
und goͤskuld ſchenkte dem Knaben feine ganze Zuneigung. 
Im Sommer darauf ſagte Jorunn, daß die Maͤtreſſe irgend 
eine Arbeit uͤbernehmen oder ſonſt den Zof verlaſſen muͤſſe. 
Zoͤskuld beſtimmte, daß fie den Ehegatten aufwarten und im 
uͤbrigen ihren Knaben beſorgen ſollte. Und als der Knabe 
zwei Jahre alt war, konnte er vollſtaͤndig ſprechen und lief 
allein herum wie ein Kind von vier Jahren. 

Eines Morgens geſchah es, daß Hösfuld ausging, um feinen 
Sof zu beſichtigen. Das Wetter war gut, die Sonne ſchien und 
war ſchon etwas geſtiegen; er hoͤrte menſchliche Stimmen. 
Er ging nach der Seite, wo ein Bach an dem Abhang der 
gofwieſe entlang lief; dort ſah er zwei Geſtalten und er⸗ 
kannte ſie; es waren ſein Sohn Olaf und ſeine Mutter; er wußte 
nun auf einmal, daß ſie nicht ſtumm war; denn ſie redete da 
eifrig mit dem Kinde. Zoͤskuld trat darauf zu ihnen und fragte 
ſie nach ihrem Namen, er ſagte, es koͤnne ihr nun nichts mehr 
helfen, ſich noch länger zu verftellen. 

Sie ſagte, es ſolle auch nicht mehr geſchehen; ſie ſetzten ſich zu⸗ 
ſammen nieder am Wieſenabhang. Dann ſprach fie: „Willſt du 
meinen Namen erfahren, fo heiße ich Melkorka.“ Zoͤskuld bat 
fie, ihm mehr von ihrem gerkommen zu ſagen. Sie antwor⸗ 
tete: „Myrkjartan heißt mein Vater; er iſt Konig in Irland; von 
dort kam ich, als ich fuͤnfzehn Jahr alt war, in Kriegsgefan⸗ 
genſchaft.“ Hösfuld fagte, fie habe allzulange eine fo gute Ab⸗ 
kunft verſchwiegen. Dann ging Soͤskuld ins Haus und er⸗ 
zählte Jorunn das Unerwartete, das ihm begegnet war. Jo⸗ 
runn fagte, man wiſſe ja nicht, ob fie die Wahrheit ſage; fie 
ſelbſt habe kein Intereſſe fuͤr ſolch fremdartiges Volk. Damit 
brachen ſie das Geſpraͤchab. Jorunn behandelte ſie ſeitdem keines⸗ 
wegs freundlicher, HösFuld aber gab ſich nun oͤfters mit ihr ab. 


47 


Kurze Zeit darauf, als Jorunn einmal ſchlafen ging, zog ihr 
Melkorka Schuh und Strümpfe aus und legte alles auf der 
Diele zufammen. Jorunn nahm die Strümpfe und ſchlug fie 
ihr um die Ohren. Melkorka wurde zornig und verſetzte ihr 
einen Sauftfchlag auf die Naſe, daß das Blut heraus ſprang. 
zoͤskuld kam dazu und trennte fie. Darauf ließ er Melkorka 
fortziehen und gab ihr eine Wohnſtaͤtte oben im Lachswaſſer⸗ 
tal; Melkorkaſtadir hieß die ſeitdem — nun iſt dort Wuͤſtung 
— fie lag ſuͤdlich des Lachswaſſers. Dort richtete ſich Melkorka 
ihr Haus ein; goͤskuld gab ihr dazu alles, was man brauchte; 
ihr Sohn Olaf zog mit ihr dorthin. Bald ſah man an Olaf, 
als er aufwuchs, daß er uͤber andre Maͤnner hervorragen 
werde an Schönheit und Kitterlichkeit. 


14. Thorolf erſchlaͤgt Hall, den Bruder des 
Ingjald und findet Schutz bei Pigdis auf 
Goddaſtadir 


ngjald hieß ein Mann; er wohnte auf den Saudeyjar 

(Schafinſeln); ſie liegen im Breidifjord; man nannte ihn 
den Boden von Saudey; er war ein wohlhabender Mann in 
anſehnlicher Stellung. 
Zall hieß ſein Bruder, ein großer und ruͤſtiger Mann. Er 
war arm; die meiſten Menſchen ſagten, er ſei zu wenig nuͤtze. 
Zwifchen den Brüdern war im allgemeinen wenig Einver⸗ 
ſtaͤndnis. Ingjald meinte, Hall gebe ſich nicht Muͤhe genug, 
nach der Art höher ſtehender Männer ſich zu betätigen, und 
Zall meinte, Ingjald taͤte zu wenig, um feines Bruders Haus: 
halt zu beſſerm Gedeihen zu bringen. 
Ein Siſchplatz liegt im Breidifjord, Bjarneyjar genannt.“ Da 
liegen mehrere Inſeln bei einander, ſie gaben reichen Sangertrag. 
In jener Zeit fuhren die Leute oft dorthin zur Siſcherei; da war 
Sommer und Winter viel Volk beieinander. Sehr wichtig 
ſchien es dabei den verſtaͤndigen Männern, daß fich die Leute 
draußen auf den Sifchgründen gut vertrugen; es war der 


1 In der Njala gehören dieſe Inſeln dem Thorvald, dem erſten Manne der 
Hallgerd, der Tochter os kulds. Thorvald wird dort erſchlagen (Hiela Kap. 9 ff.). 


48 


Glaube, die Sifcherei ſei weniger ergiebig, wenn Streitigkeiten 
vorkaͤmen; darauf achteten auch die meiſten mit Sorgfalt. 
Eines Sommers, wird erzaͤhlt, kam all, der Bruder Ingjalds, 
des Goden von Saudey, auf die Bjarneyjar, um dort zu fifchen. 
Er hatte ein Boot gemeinſam mit einem Mann, der Thorolf 
hieß. Der war vom Breidifjord, nicht viel mehr als ein armer 
Herumſtreicher, aber doch ein raſcher Burſch. Hall blieb dort 
eine Zeitlang und wollte da vor den andern als ein vornehmer 
Mann angeſehen ſein. 

Es war eines Abends, als fie an Land kamen, Hal und Thor⸗ 
olf, und ſollten nun den Fang teilen. all wollte ſowohl die 
Teile machen als auch wählen, weil er ſich für den hoͤher⸗ 
ſtehenden anſah. Thorolf wollte aber von feinem Recht nicht 
ablaſſen und brauchte drohende Worte. Sie ſtritten ſich einige 
Zeit lang, aber jeder blieb bei feiner Meinung. Da greift Hal 
nach dem Bootshaken, der neben ihm lag, und will ihn Thorolf 
über den Kopf ſchlagen. Nun laufen die Maͤnner zwifchen beide 
und halten ihn feſt. Hal war raſend, konnte aber diesmal 
nichts ausrichten, und ihr Fang blieb ungeteilt. Thorolf ging 
fort an dem Abend, und Zall nahm allein den ganzen Sang, 
der beiden gehoͤrte; da ſah man, wer von den beiden mehr 
zu ſagen hatte. all nahm ſich nun einen andern Mann an Thor⸗ 
olfs Stelle in fein Boot und fuhr zum Fang wie ſonſt. Thor⸗ 
olf war uͤbel zufrieden mit dem Ausgang; er meinte, bei 
dieſem Streit Schmach erlitten zu haben; er blieb aber doch 
auf den Inſeln und ſann nur darauf, dieſen Haken, der gegen 
feinen Willen krumm gebogen war, wieder zu ſtrecken. Hall 
zeigte keine Furcht und war uͤberzeugt, daß keiner dort, im 
Gebiete ſeines Geſchlechtes, es wagen wuͤrde, ſich mit ihm zu 
meſſen. 

Es war ein ſchoͤner Sommertag, als Hall ausruderte, fie waren 
zu dreien auf dem Boot; der Fiſch biß gut an dem Tage; 
fie ruderten abends nach Haufe und waren ſehr luſtig. Thorolf 
hatte Halls Tun den ganzen Tag über beobachtet und abends auf 
dem Landungsplatz Poſten gefaßt, als Halls Boot herankam. 
Hall ruderte vorn am Steven. Er ſprang über Bord und wollte 
das Boot an Land ziehen. Und als er hinausſprang, war Thor: 


4 Meißner, Cachstalſaga 49 


olf da und verſetzte ihm gleich einen Schwertſchlag. Der Hieb 
traf den als an den Schultern, fo daß der Kopf abſprang. Thor⸗ 
olf ſuchte das Weite, und alls Gefährten machten ſich auf⸗ 
geregt mit der Leiche zu ſchaffen. Die Neuigkeit verbreitete ſich 
über die Inſeln, der an Hal veruͤbte Totſchlag; das erſchien 
als eine Kunde von Wichtigkeit, denn der Mann ſtammte aus 
vornehmer Verwandtſchaft, wenn ihm auch das Schickſal nicht 
be ſonders guͤnſtig geweſen war. Thorolf ſuchte nun von den 
Inſeln fort zu kommen, denn er konnte dort auf niemanden 
rechnen, der ſeine Zand uͤber ihn halten ſollte nach dieſer 
ſchweren Tat. Er hatte da auch keine Verwandten, von denen er 
Hilfe erhoffen konnte, dagegen ſaßen Männer in der Naͤhe, 
die, das war mit Gewißheit zu erwarten, ihm nach dem Leben 
trachten würden und große Macht hatten, fo 3. B. Ingjald, 
der Bode von Saudey, Halls Bruder. Thorolf verſchaffte ſich 
Überfahrt nach dem Hauptlande. Er reiſte in aller Zeimlichkeit. 
Von ſeiner Fahrt iſt nichts bekannt, bis er eines Tages gegen 
Abend nach Goddaſtadir kam. Vigdis, die Frau des Thord Goddi, 
war irgendwie mit Thorolf verwandt; deshalb hatte er ſeinen 
Weg nach dieſem Hof genommen; auch wußte Thorolf ſchon 
von früher her, wie es da ſtand, daß Vigdis willensſtaͤrker 
war als Thord, ihr Mann. Und gleich am Abend, als Thorolf 
dort angekommen war, ſuchte er Vigdis auf und erzählte ihr 
von feiner Not und bat fie um ilfe. Vigdis antwortete fol⸗ 
gendermaßen auf feine Rede: „Nicht will ich unſre Derwandt- 
ſchaft verleugnen; auch habe ich uͤber dieſe Tat, die du veruͤbt 
haſt, nur die Meinung, daß ich dich deshalb nicht fuͤr einen 
ſchlechteren Mann anſehe; doch weiß ich im voraus, daß die 
ſich felbft und ihr Hab und Gut aufs Spiel ſetzen, die dir Hilfe 
gewaͤhren: ſo maͤchtig ſind die Maͤnner, die dieſe Sache verfolgen 
werden. Thord, mein Mann“, fagte fie, „ift kein großer Held; 
Entſchluͤſſe, die wir Frauen faſſen, mangeln oft der Voraus⸗ 
ſicht, wenn es auf den Ausgang ankommt. Aber doch denke 
ich durchaus nicht daran, dich im Stich zu laſſen, da du nun 
einmal hier Hilfe zu finden hoffſt.“ Dann fuͤhrte ihn Vigdis 
in einen Schuppen und bat ihn, auf ſie zu warten; ſie legte 
ein Schloß vor die Tuͤr. Dann ging ſie zu Thord und ſprach: 


50 


„Zier iſt ein Mann gekommen, der Herberge erbittet. Er heißt 
Thorolf und iſt ein entfernter Verwandter von mir; es wäre 
gut für ihn, wenn er länger hier bleiben konnte, vorausgeſetzt, 
daß du ihm den Aufenthalt geſtatteſt.“ Thord ſagte: „Er ſei nicht 
dafür, daß Fremde ſich auf dem Hof einquartierten. Er möge 
ſich da den naͤchſten Tag ausruhen, wenn er nicht etwas auf dem 
Kerbholz haͤtte, ſonſt ſolle er ſich ſo ſchnell alsmoͤglich auf den Weg 
machen. Vigdis erwiderte: „Jugeſagt habe ich ſchon die Beher⸗ 
bergung, und mein Wort nehme ich nicht wieder ʒuruͤck, wenn es 
auch Leute gibt, die nicht ſeine Freunde ſind.“ Darauf erzaͤhlte 
fie Thord von dem Tode alls, und zugleich, daß Thorolf ihn 
erſchlagen habe, der da auf den Hof gekommen war. Thord ward 
darüber böfe, er ſagte, das wiſſe er ſicher, Ingjald würde ihn 
viel Geld bezahlen laſſen fuͤr die Gaſtfreundſch aft, die ſchon jetzt 
dem Manne gewaͤhrt worden ſei — „weil wir ihn hinter Schloß 
und Riegel geborgen haben“. Vigdis antwortete: „Nicht wird 
Ingjald Geld von dir fordern fuͤr die Gaſtfreundſchaft einer 
Nacht, denn der Mann ſoll den ganzen Winter uͤber hier blei⸗ 
ben.“ Thord ſagte: „Auf die ſe Weiſe läßt du mich alles ver⸗ 
ſpielen, und es iſt gegen meinen Willen, daß ein ſolcher Un⸗ 
gluͤcksmenſch ſich hier aufhält,“ Aber Thorolf blieb doch den 
Winter uͤber dort. 

Das erfuhr Ingjald, der den an ſeinem Bruder veruͤbten Tot⸗ 
ſchlag zu verfolgen hatte. Er ruͤſtete ſich zur Fahrt ins Tal⸗ 
gebiet, als der Winter zu Ende ging; er zog das Reiſeboot 
ins Waſſer, das er beſaß; ſie waren zwoͤlf Mann zuſammen. 
Sie ſegelten ab vor einem ſcharfen Nordweſt und kamen abends 
in der Cachswaſſermuͤndung an. Sie zogen das Keiſeboot 
hinauf und begaben ſich am Abend nach Goddaſtadir und kamen 
nicht unerwartet. Sie wurden dort wohl empfangen. 
Ingjald nahm Thord auf die Seite und erklaͤrte, was ihn 
dorthin gefuͤhrt habe; es ſei ihm bekannt, daß Thorolf, der 
gall erſchlagen habe, ſich dort aufhalte. Thord ſagte, das fei 
nicht wahr. Ingjald bat ihn, die Sache nicht zu beſtreiten: „wir 
zwei wollen einen Handel miteinander ſchließen; du gibſt den 
Mann heraus und zwingſt mich nicht, Gewalt anzuwenden, 
und ich habe hier drei Mark Silber, die ſollen dein Eigen ſein. 


4° 51 


Ich will auch auf die Klageanſpruͤche verzichten, die ich gegen 
dich habe, weil du Thorolf beherbergt haſt.“ Thord ſchien das 
ein ſchoͤnes Geld, dazu war ihm Verzicht auf den Klageanſpruch 
zugeſagt, vor dem er am meiſten Angſt gehabt hatte, weil er 
meinte, dabei Verlufte an Hab und Gut zu erleiden. Thord 
ſprach da: „Ich werde nun vor den Leuten mich ganz gegen 
unſere Verabredung benehmen, aber doch ſoll dies ſo unter uns 
beiden abgemacht ſein.“ Sie ſchliefen dann, bis die Nacht ver⸗ 
ging und ſich allmaͤhlich dem Tage zuneigte. 


15. Vigdis rettet Thorolf 

ann ſtanden Ingjald und ſeine Leute auf und kleideten 

ſich an. Vigdis fragte Thord, worüber er und Ingjald 
am Abend geſprochen haͤtten. Er ſagte, ſie haͤtten vielerlei ge⸗ 
ſprochen und ſeien uͤbereingekommen, es folle eine Haus⸗ 
ſuchung abgehalten werden und er und Vigdis aus der Sache 
ſein, wenn Thorolf da nicht gefunden wuͤrde: „Ich habe nun durch 
meinen Knecht Asgaut den Mann wegbringen laſſen.“ Vig dis 
fagte, fie gebe nichts auf Lügen, es ſei ihr auch verhaßt, daß 
Ingjald in ihrem Haus herumſchnuͤffeln ſolle, Thord möge 
aber in dieſer Sache tun, was er fuͤr gut halte. Dann hielt 
Ingjald dort eine Zausſuchung ab und fand den Mann nicht. 
Unterdeſſen kam Asgaut zuruͤck, und Vigdis fragte ihn, wo 
er ſich von Thorolf getrennt habe. Asgaut antwortete: „Ich 
habe ihn in unſern Schafſtall gebracht, ſo wie Thord befohlen 
hatte.“ Digdis ſagte: „Kann etwas bequemer für Ingjald auf 
der Straße liegen, wenn er zum Schiff zuruͤckkehrt? Es iſt 
nicht ſchwer zu erraten, daß ſie dieſen Plan geſtern abend 
zuſammen verabredet haben. Ich will, daß du auf der Stelle 
gehſt und ihn fo ſchnell als möglich fortbringſt. Du ſollſt ihn 
nach Saudafell zu Thorolf ſchaffen. Wenn du das tuſt, was ich 
dir befehle, ſollſt du auch etwas dafür bekommen: die Freiheit 
will ich dir geben und ſo viel Geld, daß du reiſen kannſt, wo⸗ 
hin du willſt.“ Asgaut verſprach das und ging zum Schafſtall 
und fand Thorolf dort. Er for derte ihn auf, fo ſchnell als moͤg⸗ 
lich ſich auf den Weg zu machen. Jur ſelben Zeit ritt Ingjald 
von Goddaſtadir ab, denn er dachte nun die Ware fuͤr ſein Geld 


52 


einzufordern. Und als er vom Hofe etwas weiter talab ge⸗ 
kommen war, ſahen fie zwei Männer auf ſich zufchreiten, das 
waren Asgaut und Thorolf. Es war früh am Morgen und 
noch wenig Tageslicht. Asgaut und Thorolf waren nun in die 
ſchlimme Klemme geraten, daß ſie auf der einen Seite den 
Ingjald, auf der andern das Lachswaſſer hatten. Der SIuß 
war ſehr hoch, feſtes Eis lag an beiden Ufern, aber nach der 
Mitte zu war das Eis aufgegangen, der Fluß ſah ſehr ge⸗ 
faͤhrlich aus. Thorolf ſprach zu Asgaut: „Nun, ſcheint mir, 
haben wir zwifchen zwei Dingen zu wählen. Das eine iſt, wir 
warten hier am Ufer und wehren uns, ſo wie Mut und 
Manneskraft uns taugt; freilich iſt wohl zu befuͤrchten, daß 
Ingjald bald unſer Leben in feiner Hand haben wird. Das 
andere iſt, wir verſuchen es mit dem Sluffe; aller dings wird 
das auch nicht gefahrlos fein.“ As gaut bat ihn, ſelbſt ſich zu ent⸗ 
ſcheiden, er ſagte, er wuͤrde ihn nicht verlaſſen, „was fuͤr einen 
Entſchluß du hier auch faſſen magft.“ Thorolf erwiderte: „Wir 
wollen in den Fluß.“ Und das tun fie nun; fie machen ſich fo 
leicht als moͤglich. Dann gingen ſie hinunter zum Eiſe, ſprangen 
in den Fluß und ſchwammen. Und weil fie Kraft und Mann⸗ 
heit hatten und ihnen längeres Leben beſtimmt war, kamen 
ſie uͤber den Fluß und auf das feſte Eis auf der andern Seite. 
Gerade in dem Augenblick, als ſie das Ufer erreicht hatten, 
kam gegenüber Ingjald mit feinen Begleitern an den Sluß. 
Da nahm Ingjald das Wort und ſagte zu ſeinen Begleitern: 
„Was iſt nun zu tun? Sollen wir in den Fluß oder nicht?“ 
Sie ſagten, er habe zu beſtimmen; ſie wuͤrden ſich ſeiner 
Einſicht unterwerfen; doch ſchiene ihnen der Fluß unpaſſier⸗ 
bar. Ingjald ſagte, das ſei auch fo; „wir wollen den Sluß auf⸗ 
geben.“ Und als Thorolf und Asgaut das ſahen, daß Ingjald 
und ſeine Leute ſich nicht in den Fluß wagten, da rangen ſie 
erſt ihre Kleider aus und machten ſich dann auf die Wande⸗ 
rung und wanderten den ganzen Tag; ſie kamen abends nach 
Saudafell. Dort wurden ſie wohl aufgenommen, denn da war 
Zerberge fuͤr jedermann. Und noch am ſelben Abend trat As⸗ 
gaut vor Thorolf Rotnaſe und erzaͤhlte ihm die ganze Geſchichte, 
die fie dorthin geführt hatte, daß Vigdis, feine Verwandte, ihm 


33 


diefen Mann geſchickt habe, der zu ihm gekommen fei, damit 
er bei ihm galt und Schutz finde. Er ſagte ihm alles, was auf 
dem Zofe des Thord Goddi vorgefallen war. Dazu wies er die 
Wahrzeichen vor, die ihm Vigdis für Thorolf mitgegeben 
hatte. Thorolf antwortete folgenderweiſe: „Nicht werde ich 
dieſe Wahrzeichen verleugnen; ich will gewiß nach ihrer Wei⸗ 
fung mich dieſes Mannes annehmen; ich finde, daß Vig⸗ 
dis dieſe Sache brav durchgefuͤhrt hat; es iſt ein großer Jam⸗ 
mer, daß eine ſolche Srau ſo unwuͤrdig verheiratet iſt; und du, 
Asgaut, magſt hier bleiben, ſo lange es dir beliebt.“ Asgaut 
ſagte, daß er nicht lange dableiben koͤnne. Thorolf nimmt fich 
nun ſeines Namensvetters an und macht ihn zu ſeinem Ge⸗ 
folgsmann. Er und Asgaut ſcheiden als gute Freunde, und 
Asgaut macht ſich auf den Heimweg. 

Nun iſt von Ingjald zu erzaͤhlen, daß er nach Goddaſtadir 
zuruͤckkehrte, nachdem Thorolf ihm entkommen war. Da hatten 
ſich Männer aus den naͤchſten Höfen auf das Gebot der Vig⸗ 
dis eingefunden; es waren da nicht weniger als zwanzig 
Mann beiſammen. Und als Ingjald mit ſeinen Leuten auf 
den Hof gekommen war, rief er Thord zu ſich und ſprach: „Un⸗ 
ehrlich haſt du dich gegen uns benommen, Thord,“ ſagte er, 
„denn wir wiſſen das beſtimmt, daß du dieſem Mann zur 
Flucht verholfen haft.“ Thord fagte, das ſei eine unbegruͤn⸗ 
dete Beſchuldigung; nun kam ihre ganze Verabredung, die 
Ingjald und Thord miteinander getroffen hatten, ans Licht. 
Ingjald wollte nun ſein Geld wiederhaben, das er dem Thord 
gegeben hatte. Vigdis war bei ihrer Unterredung zugegen und 
ſagte, es ſei ihnen ergangen, wie ſies verdient haͤtten; ſie ver⸗ 
langte von Thord, daß er dieſes Geld nicht behalte: „denn 
du haſt, Thord,“ ſagte ſie, „dieſes Geld auf unehrliche Weiſe 
erworben.“ Thord erwiderte, es muͤſſe nun ſchon alles nach 
ihrem Willen gehen. Darauf ging Vigdis hinein zu der Kiſte, 
die Thord gehoͤrte, und fand da am Boden einen ſchweren Geld⸗ 
beutel. Sie nahm den Beutel und kam damit heraus, dorthin, wo 
Ingjald ſtand, und bat ihn, das Geld in Empfang zu nehmen. 
Ingjald machte froͤhliche Augen, als er den Beutel ſah, und 
ſtreckte die gand darnach aus. Vigdis hob den Geldbeutel und 


54 


ſchlug ihn damit auf die Naſe, fo daß gleich das Blut zur 
Erde floß. Dabei bedachte ſie ihn mit vielen hoͤhnenden Worten, 
ſagte ihm auch, daß er dieſes Geld niemals mehr zuruͤcker⸗ 
halten ſolle, und hieß ihn ſich fortſcheren. Ingjald ſah, daß es 
das beſte fuͤr ihn ſei, ſich ſo ſchnell als moͤglich auf den Weg 
zu machen. Das tat er auch und raſtete nicht eher auf der 
Fahrt, bis er nach Haufe kam, und er war übel zufrieden mit 
feiner Reife. 


16. Vigdis ſcheidet ſich von Thord 
nterdeſſen kam Asgaut nach Haufe. Vigdis empfing ihn 
herzlich und fragte ihn, ob ſie in Saudafell gute Auf⸗ 

nahme gefunden haͤtten. Er erzaͤhlte, wie gut ſie es getroffen 
haͤtten, und ſagte ihr auch die Worte wieder, die Thorolf zum 
Schluß geſprochen hatte. Ihr gefiel das wohl. „Du haſt nun, 
Asgaut,“ ſagte ſie, „deine Sache gut gemacht und getreulich; 
ſo ſollſt du nun auch gleich ſehen, wofuͤr du dich gemuͤht haſt. 
Ich gebe dir die Freiheit, fo daß du dich von dieſem Tage ab 
einen freien Mann nennen darfſt; dazu ſollſt du das Geld 
annehmen, das Thord fuͤr den Kopf meines Verwandten Thor⸗ 
olf bekommen hat; ſo iſt das Geld beſſer angewandt.“ As⸗ 
gaut dankte ihr fuͤr dieſe Schenkung mit paſſenden Worten. 
Im Sommer darauf nahm ſich Asgaut einen Platz auf einem 
Schiff, das bei Dagverdarnes lag. Das Schiff ging in See. Sie 
hatten ſtarken Wind und keine lange Reife; fie kamen nach 
Norwegen. Dann fuhr Asgaut nach Daͤnemark und machte ſich 
dort ſeßhaft, und er galt als ein wackerer Mann. Und damit 
iſt ſeine Geſchichte zu Ende. 

Infolge der Verabredung zwiſchen Thord Goddi und Ing⸗ 
jald, dem Saudeygoden, die ſie gegen das Leben Thorolfs, 
des Verwandten der Digdis, geſchloſſen hatten, zeigte dieſe nun 
offene Seindſeligkeit gegen Thord Goddiz ſie erklaͤrte, daß fie ſich 
als von ihm geſchieden betrachte, und reiſte zu ihren Ver⸗ 
wandten und teilte ihnen das mit. Thord Bruͤller billigte dieſes 
Vorgehen nicht — er war das Oberhaupt der Familie, — in⸗ 
deſſen blieb alles ruhig. Vigdis hatte aus Goddaſtadir kein 
anderes Gut mitgenommen als ihre Schmuckſachen. Die Leute 


35 


von hvamm ließen verlauten, daß fie gedächten, auf die Hälfte 
des Vermoͤgens Anſpruch zu machen, das Thord Goddi zu 
ſeiner Verfuͤgung gehabt hatte. Daruͤber wurde er ſehr be⸗ 
ſorgt und ritt gleich zu Zoͤskuld und berichtete ihm von feiner 
Not. Zoͤskuld ſprach: „Du haft ja ſchon das Zittern bekommen, 
wenn du es nicht mit ſo großmaͤchtigen Gegnern aufnehmen ſoll⸗ 
teſt. Da bot Thord Hösfuld Geld für feine Hilfe und ſagte, er 
wolle ſichs etwas koſten laſſen. Zoͤskuld ſagte: „Es iſt ja be⸗ 
kannt, daß, wenn es nach dir geht, kein Menſch mit deinem 
guten Willen von deinem Geld etwas haben ſoll.“ Thord 
antwortete: „Diesmal wird es doch nicht ſo ſein, denn ich bin 
gern bereit, dir das ganze Geld rechtskraͤftig zuzuſichern. 
Außerdem will ich mich erbieten, deinen Sohn Olaf zur Er⸗ 
ziehung aufzunehmen und ihm nach meinem Tode mein gan⸗ 
zes Dermögen zu vermachen; denn ich habe keinen Erben hier 
im Lande und meine, ſo iſt das Geld beſſer angewendet, als 
wenn die Verwandten der Digdis ihre Tatzen drüber ſchlagen.“ 
Damit war Zoͤskuld einverſtanden und ließ alles in einem 
Vertrage feſtmachen. Melkorka war nicht damit zufrieden; die 
Erziehung durch Thord kam ihr wie eine Erniedrigung vor. 
goͤskuld ſagte: fie ſei ſehr kurzſichtig: „Thord iſt ein alter 
Mann und kinderlos, ich erwarte, daß fein ganzes Vermoͤgen 
nach ſeinem Tode Olaf zufaͤllt; und du kannſt deinen Sohn 
beſuchen, ſo oft du willſt.“ Darauf nahm Thord den ſieben⸗ 
jährigen Olaf zu ſich und gewann ihn ſehr lieb. Dies erfuhren 
die Leute, die Anſpruͤche an Thord Goddi machten, und es 
ſchien ihnen nun ſchwieriger, ihre Sorderung zur Geltung zu 
bringen. oͤskuld ſchickte dem Thord Bruͤller reiche Geſchenke und 
bat ihn, in dieſer Sache nicht ſeinem Unwillen nachzugeben, denn 
geſetzlich hätten fie kein Geld von Thord zu beanſpruchen; er 
ſagte, Vigdis koͤnne gegen Thord nichts vorbringen, das erwie⸗ 
ſen ſei und als Scheidungsgrund gelten koͤnne; „und Thord 
war deshalb nicht unwuͤrdiger. wenn er auf Mittel und Wege 
ſann, ſich des Mannes zu entledigen, der auf Thords Koſten 
lebte und ſo voller Schuld war wie ein Dornbuſch voller 
Stacheln /. — Und als dieſe Mitteilung von Zoͤskuld mit großen 
Geldgeſchenken an Thord Bruͤller kam, ließ ſich Thord be⸗ 


56 


ruhigen und fagte, das Vermögen ſei in guter Fand, wenn 
Zoͤskuld darüber Verfuͤgung hätte; und er nahm die Geſchenke 
an, und es blieb dann Ruhe in dieſer Sache, freilich war 
das Verhältnis kuͤhler, als vorher. Olaf wuchs bei Thord 
Goddi auf und wurde groß und ſtark; er war ſo ſchoͤn, daß 
ihm darin keiner gleich kam. Als er zwoͤlf Winter alt war, 
ritt er zum Thing, und die Leute aus andern Gegenden konn⸗ 
ten ſich nicht genug tun, einen ſo herrlich gewachſenen Men⸗ 
ſchen zu bewundern. Olaf war aber auch ſehr forgfältig in 
ſeiner Bewaffnung und Kleidung; ſo fiel er gleich vor allen 
andern Maͤnnern ins Auge. Thords Anſehen hatte ſich ſehr 
gehoben, ſeit Olaf zu ihm gekommen war. goͤskuld gab Olaf 
einen Beinamen und nannte ihn Pfau. Dieſer Name haftete 
an ihm. 


I7. Hrapp ſtirbt und geht um 

s wird von Hrapp erzaͤhlt, daß er immer gewalttaͤtiger 

in ſeinem Verhalten wurde; er vergriff ſich nun ſo oft 
an ſeinen Nachbarn, daß ſie ſich kaum vor ihm bewahren 
konnten. Dem Thord vermochte Hrapp nichts mehr abzuge⸗ 
winnen, ſeitdem Olaf begann auf eigenen Fuͤßen zu ſtehen. 
Zrapp hatte feinen Charakter behalten, aber die Kräfte waren 
nicht mehr dieſelben, denn das Alter begann ihn zu druͤcken, ſo daß 
er ſchließlich bettlaͤgerig wurde. Da rief Hrapp feine Frau Vig⸗ 
dis zu ſich und ſprach: „Ich bin nie kraͤnklich geweſen,“! fagte 
er, „daher iſt es wahrſcheinlich, daß dieſe Krankheit unſerm 
Juſammenleben ein Ende machen wird. Und wenn ich geſtor⸗ 
ben ſein werde, iſt es mein Wille, daß man mir eine Grube 
in der Tuͤr des Kuͤchenhauſes grabe und mich dort in der 
Tuͤr aufrecht ſtehend beiſetze. Auf dieſe Weiſe werde ich um 
ſo genauer das Zausweſen uͤberwachen koͤnnen.“ Darauf 
ſtarb Hrapp. Alles wurde fo ausgeführt, wie er es befohlen 
hatte, denn ſie wagte es nicht anders. Und wenn es gefaͤhrlich 
war, mit ihm anzubinden, ſo lange er lebte, ſo wurde es nun 
noch viel ſchlimmer, als er tot war. Denn er ging nun oft um. 
Man erzaͤhlte, daß er die meiſten Leute ſeines Zaushaltes bei 
1 Typiſche Wendung. 


57 


feiner Widergaͤngerei getötet habe. Große Beſchwerde machte er 
den meiften, die in der Naͤhe wohnten. Der Hof von Hrapps⸗ 
ſtadir veroͤdete. Digdis, Hrapps Witwe, zog nach Weſten zu 
ihrem Bruder Thorſtein Surt. Er nahm fie zu ſich mit ihrem 
Vermögen. Nun ging es wieder wie früher, daß die Leute zu 
Zöskuld kamen und ihm die Not klagten, die ihnen Hrapp 
machte, und ſie baten ihn, auf irgend eine Weiſe Abhilfe zu 
ſchaffen. Zoͤskuld ſagte, das ſolle geſchehen. Er ritt mit einigen 
Ceuten nach Hrappsſtadir und ließ Hrapp ausgraben und ihn an 
einen Ort bringen, wo weder Vieh in der Naͤhe zur Weide ging 
noch Menſchen ihres Weges zogen. Damit hörte Zrapps Um⸗ 
gehen fo ziemlich auf. Sumarlidi, der Sohn Hrapps, übernahm 
das Erbe nach ihm, ein großes, ſchoͤnes Dermögen. Sumarlidi 
begann im Fruͤhjahr darauf feine gaushaltung auf Zrapps⸗ 
ſtadir; aber als er dort eine kurze Zeit gewohnt hatte, verfiel 
er in Wahnſinn und ſtarb bald darauf. Nun fiel ſeiner Mut⸗ 
ter Vigdis der ganze Beſitz dort zu. Sie will aber den Hof 
in Hrappsftadir nicht übernehmen; daher bekommt Thorſtein 
Surt dieſes ganze Gut in feine Hand zur Verwaltung. Thor⸗ 
ſtein war damals ſchon etwas betagt, aber doch noch ſehr mann⸗ 
haft und ganz frifch.! 


18. Thorſtein Surt ertrinkt mit Tochter, 
Schwiegerſohn und Enkelin 
In dieſer Zeit erhoben ſich zu großem Anſehen auf Thors⸗ 
I nes die Vettern Thorfteins Boͤrk der Starke? und deffen 
Bruder Thorgrim. Bald zeigte ſich, daß die beiden Bruͤder 
die erſten und am hoͤchſten geſchaͤtzten Maͤnner ſein wollten. 
Und als Thorſtein das bemerkte, wollte er ſich nicht mit ihnen 
in einen Wettkampf einlaſſen. Er erklaͤrte feinen Leuten, daß 
er feinen Wohnſitz wechſeln und nach Hrappsftadir im Lachs⸗ 
waſſertal uͤberſiedeln wolle. Thorſtein Surt ruͤſteteſich nach dem 
Fruͤhjahrsthing zu feiner Reife, das Vieh aber ſollte am Strande 
2 Boͤrk und Thorgrim find die Söhne des Thorftein Dorſchbeißer und der 


Thora, der Tochter des Olaf Seilan (vgl. Kap. 7); ſie ſind rechte Vettern 
des Thorſtein Surt. 


58 


entlang getrieben werden. Thorftein ließ das Keiſeboot klar 
machen und ging an Bord mit elf andern. Darunter waren 
Thorarin, ſein Schwiegerſohn und Osk, Thorſteins Tochter, 
und Hild, Thorarins Tochter fuhr auch mit, fie war drei Jahr 
alt. Thorſtein hatte ſtarken Suͤdweſtwind; ſie nahmen ihren 
Kurs fjordeinwaͤrts auf die Stroͤmungen zwifchen den Inſeln,! 
und zwar auf die Enge, die Kolkiſtuſtroͤmung heißt, da iſt die 
Stroͤmung beſonders ſtark unter dieſen Engen im Breidifjord. 
Es war ein unſicheres Segeln, hauptſaͤchlich deswegen, weil die 
Ebbe eintrat; und der Wind war nicht guͤnſtig; denn es war ein 
Wetter mit Regenfchauern, ſtarker Wind, wenn es ſich auf⸗ 
klaͤrte, und dazwiſchen flaute. Thorarin ſteuerte und hatte 
die Braſſen ſich um die Schultern gelegt, denn es war eng auf 
dem Schiff; viele Kiſten waren an Bord und das Schiff war 
hoch beladen; die Küfte lag nahe; das Schiff hatte wenig 
Fahrt, denn die Strömung ging ihnen heftig entgegen. — Da 
ſegelten ſie auf eine Klippe auf, doch ohne Schaden zu nehmen. 
Thorſtein befahl, gleich das Segel fallen zu laſſen, und hieß 
die Maͤnner Bootshaken nehmen und das Schiff abbringen. 
Der Verſuch wurde gemacht, gelang aber nicht, denn es war 
ſo tief an beiden Bordſeiten, daß die Bootshaken keinen Grund 
faßten; es blieb ihnen nur übrig, auf die Flut zu warten; vor⸗ 
laͤufig war noch Ebbe unter dem Schiffe. 

Sie ſahen während dieſer Zeit einen Seehund im Strome, der 
viel größer war als andere. Er ſchwamm lange um das Schiff 
herum und hatte keine kleinen Schwimmfloſſen. Ihnen allen 
kam es ſo vor, als ob er Menſchenaugen haͤtte.? Thorſtein be⸗ 
fahl ihnen, den Seehund zu erſchießen. Sie verſuchten es auch, 
aber vergeblich. 

Nun kam die Slut. Und als es beinah fo weit war, daß das 
Schiff flott werden konnte, da kam eine ſcharfe Boͤ und brachte 
es zum Kentern, und alle Menſchen, die auf dem Schiff waren 
ertranken, einer ausgenommen. Er trieb mit Schiffshoͤlzern 
ans Land. Sein Name war Gudmund. Nach ihm heißen die 
Inſeln dort Gudmundsinſeln. 


Am Eingang des vammsflord. ? es iſt Hrapp, der Thorſtein von Hrapps⸗ 
ſtadir fernhalten will. 


59 


Gudrid, die mit Thorkel Zipfel verheiratet war, hatte nun 
Erbanſpruch nach dem Tode ihres Vaters Thorſtein Surt. 
Die Kunde von dieſem Ereignis verbreitete ſich weit, daß Thor⸗ 
ſtein ertrunken war und die andern mit ihm, die dort verun⸗ 
gluͤckt waren. Thorkel ſandte gleich nach dieſem Manne, nach 
Gudmund, der da an Land getrieben war. Und als er zu Thor⸗ 
kel gekommen war, ſchloß diefer heimlich einen Handel mit ihm 
ab, daß er in der Reihenfolge, wie es Thorkel ihm angegeben 
hatte, von dem Ertrinken der Leute erzaͤhlen ſollte. Das ge⸗ 
lobte Gudmund. Nun forderte ihn Thorkel in Gegenwart vieler 
Maͤnner auf, uͤber dieſes Ereignis ſeine Ausſage zu machen. 
Da erzaͤhlte Gudmund ſo: erſt, ſagte er, ſei Thorſtein ertrun⸗ 
ken, dann Thorarin, fein Schwiegerſohn (damit fiel das Erbe 
an gild, weil fie die Tochter Thorarins war); darauf, fuhr er 
fort, ſei das kleine Maͤdchen ertrunken (ſomit blieb Osk ihr 
naͤchſter Erbe, ihre Mutter); dieſe ſei zuletzt umgekommen — 
und fo mußte das ganze Vermoͤgen an Thorkel Zipfel fallen, 
weil ſeine Frau das Erbe von ihrer Schweſter zu beanſpruchen 
hatte. 

Dieſe Ausſage wurde nun von Thorkel und ſeinen Leuten 
gefliſſentlich verbreitet, aber vorher hatte Gudmund die Sache 
etwas anders erzaͤhlt. Den Verwandten Thorarins erſchien 
nun dieſes Jeugnis ziemlich zweifelhaft, ſie ſagten, ſie wuͤr⸗ 
den ſich ihm ohne Probe nicht unterwerfen, und erhoben 
Anſpruch auf das halbe Vermoͤgen neben Thorkel. Thorkel 
aber verlangte das ganze fuͤr ſich allein und for derte ſie auf, 
die Reinigungsprobe nach Brauch und Sitte an zuſtellen. Die 
Reinigungsprobe fand damals in der Weiſe ſtatt, daß man 
unter einen Erdſtreifen treten mußte, indem ein Stuͤck Raſen 
von dem Boden gelöft wurde.! Die beiden Enden des Rafens 
ftreifens ſaßen im Boden feft, und der Mann, der die Reinigung 
auszufuͤhren hatte, mußte darunter treten. Thorkel Jipfel 
durfte wohl ſeine Zweifel daruͤber haben, ob es beim Ertrinken 
der Maͤnner ſo zugegangen war, wie er mit Gudmund nach 
deſſen ſpaͤterer Ausſage behauptet hatte. Die Heiden fühlten 


1 Unter dem feſtſitzenden Rafenftreifen wurde die Erde ſoweit ausgehoben, 
daß ein Mann unter dem Streifen ſtehen konnte. 


60 


nicht geringere Verantwortung, wenn fie ſo etwas zu vertreten 
hatten, als jetzt die Chriſten empfinden, wenn Reinigungs: 
proben vorgenommen werden. Der galt als gereinigt, der unter 
den Erdſtreifen trat, ohne daß er uͤber ihm einbrach. 

Thorkel Zipfel verabredete nun mit zwei Maͤnnern, ſie ſollten 
ſich anſtellen, als gerieten ſie uͤber irgend etwas in Streit, und 
ſich dabei in der Naͤhe halten, wenn die Reinigungs probe vor⸗ 
genommen wuͤrde; fie ſollten dabei dem Kröftreifen fo nahe 
kommen, daß jedermann ſehen muͤßte, daß ſie ihn zum Ein⸗ 
brechen gebracht haͤtten. Darnach traf der Mann ſeine Vorbe⸗ 
reitungen, der fuͤr Thorkel die Reinigung leiſten ſollte. Und 
ſofort, nachdem er unter den Erdftreifen getreten war, liefen 
dieſe beiden Maͤnner, die dazu beſtimmt waren, mit den 
Waffen auf einander los; fie ſtießen bei dem Rafenftreifen zus 
ſammen und ftürzten da beide zu Boden, natürlich brach da⸗ 
bei der Erdſtreifen ein. Da ſprangen die Männer zwifchen 
beide und brachten ſie auseinander; das machte keine Muͤhe, 
denn fie führten den Kampf nicht ernſtlich. Thorkel Zipfel 
verlangte nun ein Urteil über den Ausfall der Reinigungs⸗ 
probe. Da riefen nun alle ſeine Leute, daß die Probe ſich zu 
ſeinen Gunſten entſchieden haͤtte, waͤre nicht die Stoͤrung da⸗ 
zwiſchen gekommen. So nahm denn Thorkel das ganze be⸗ 
wegliche Gut an ſich, aber das Land in Hrappsſtadir! ließ er 
wuͤſt liegen. 


19. rut kommt nach Island 

un iſt von Hösfuld zu erzählen, daß er ſich in hochan⸗ 

geſehener Stellung befand. Er war ein großer Zaͤupt⸗ 
ling. Er verfuͤgte auch uͤber das große Vermoͤgen, auf das ſein 
Bruder Hrut, der Sohn gerjolfs, Anſpruch hatte. Diele Leute 
ſagten, das wuͤrde eine große Lichtung in ſeinem Walde geben, 
wenn er einmal genötigt ſei, den Bruderteil vom Mutter⸗ 
erbe auszuzahlen. Hrut war Gefolgsmann des Rönigs Harald, 
des Sohnes der Gunnhild, und empfing von ihm große 
Ehrungen; das kam beſonders daher, daß er ſich bei jeder 
Maͤnnerprobe vor allen auszeichnete. Gunnhild aber, die Rö- 
! vigdis, Hrapps Frau, muß ſchon vor dieſem Streit geſtorben fein. 


61 


nigin, ſchaͤtzte ihn fo hoch, daß fie innerhalb des Gefolges 
keinen ihm an die Seite ftellen wollte, weder an Redegabe noch 
an andern Eigenſchaften. Und wenn ein Maͤnnervergleich ge⸗ 
macht wurde! und man über maͤnnliche Vortrefflichkeit ſprach, 
da konnte jedermann bemerken, daß Gunnhild es wie Ge⸗ 
dankenloſigkeit oder Mißgunſt vorkam, wenn man jemanden 
Zrut an die Seite ſtellen wollte. Weil nun rut in Island einen 
großen Vermoͤgensanteil und eine angeſehene Verwandtſchaft 
wahrzunehmen hatte, ſo kam ihm der Wunſch, dor thin zu 
reifen. Er ruͤſtete ſich zur Sahrt nach Island. Der Rönig gab ihm 
ein Schiff zum Abſchied und verſicherte, daß er ihn als wackern 
Mann erprobt habe. Gunnhild geleitete Hrut zum Schiff und 
ſprach: „Ich brauche das nicht leiſe zu ſagen, daß ich dich er⸗ 
probt habe als einen uͤber alle hervorragenden Mann, denn 
du haſt die gleiche Tuͤchtigkeit gezeigt wie die beſten hier im 
Lande, und Verſtand weit mehr als fie.“ Dann gab fie ihm 
einen Goldring und ſagte ihm Lebewohl; darauf zog fie den 
Mantel uͤber ihr Zaupt und kehrte haſtig zur Stadt zuruͤck, 
aber Hrut ſtieg an Bord und ging in See. 

Er hatte gute Sahrt und erreichte den Breidifjord. Er ſegelte 
hinein auf die Inſeln zu, fuhr dann in den Breidiſund und 
landete bei RKambsnes und warf die Stege aus. Die Kunde von 
der Ankunft des Schiffes verbreitete ſich, und daß Brut, der 
Sohn gerjolfs, Schiffsherr ſei. Nicht freute ſich Zoͤs kuld über 
dieſe Neuigkeit, und nicht machte er ſich auf, ihn zu begruͤßen. 
Zrut zog das Schiff an Land und ſorgte für feinen Schutz. 
Er baute dort einen Zof, der ſeitdem Bambsnes? hieß. 

Dann ritt Hrut zu goͤskuld und forderte fein muͤtterliches Erbe. 
Zoͤskuld fagte, er habe nichts herauszuzahlen, feine Mutter 
ſei nicht ohne Vermoͤgen aus Island gekommen, als fie mit gerj⸗ 
olf ʒuſammengetroffen ſei. Hrut war darüber unwillig und ritt 
mit dieſem Beſcheid davon. Alle Verwandten Hruts erwieſen ihm 
Ehre, nur goͤskuld nicht. rut wohnte drei Winter in Kambsnes 
und forderte immer wieder fein Dermögen von Zoͤskuld auf 
Thingen oder andern geſetzlichen Verſammlungen und erwies 


1 Der maͤnnervergleich, das Abſchaͤtzen der Krieger und Saͤuptlinge, war 
eine beliebte und nicht ungefaͤhrliche Unterhaltung. ? Vgl. Kap. 25. 


62 


ſich dabei als guter Sprecher. Die meiften ſagten, Jrut habe 
recht in feinem Anſpruch, aber Zoͤskuld hob hervor, daß Thor: 
gerd ohne feine Zuftimmung ſich mit Herjolf vermaͤhlt habe, 
und ſagte, er ſei nach dem Geſetz Vormund ſeiner Mutter ge⸗ 
weſen; weiter kamen ſie nicht miteinander. 

Im Herbſt darauf folgte Zoͤskuld einer Einladung des Thord 
Goddi. Das erfuhr Hrut und ritt nach Zoͤskuldsſtadir mit elf 
Mann. Er trieb zwanzig Stuͤck Rindvieh fort, ebenſoviel ließ 
er da. Dann ſandte er einen Mann zu Soͤskuld und ließ fagen, 
bei wem man das vieh ſuchen ſolle. Die Hausleute Zoͤskulds 
liefen gleich zu den Waffen, und den naͤchſten Nachbarn wurde 
Botſchaft geſandt, ſo kamen fuͤnfzehn Mann zuſammen. Jeder 
von ihnen ritt, was er nur reiten konnte. rut mit feinen Leuten 
bemerkte die Verfolger erſt, als er kurz vor feinem Hof Kambs⸗ 
nes war. Hrut und die Seinen ſtiegen ſogleich ab und feſſel⸗ 
ten ihre Pferde und nahmen vorwaͤrts auf einer Sandbank 
Stellung, und Brut ſagte, dort wollten fie den Angriff an⸗ 
nehmen; er meine, wenn es auch langſam damit ginge, Zoͤs⸗ 
Puld das Dermögen abzufordern, fo ſolle man doch nicht fagen, 
er ſei vor Hösfulds Knechten davongelaufen. Hruts Begleiter 
ſagten, es würde die Übermacht auf der andern Seite fein. 
Zrut erwiderte, das kuͤmmere ihn nicht, ſie ſollten nur um ſo 
ſchlimmer fahren, je zahlreicher fie ſeien. Die Leute vom Lachs= 
tal ſprangen nun aus den Saͤtteln und ruͤſteten ſich zum 
Kampf. Brut bat feine Leute, den Unterſchied in der Zahl 
nicht zu achten, und lief den Seinden entgegen. Er hatte einen 
Selm auf dem Kopf, das gezuͤckte Schwert in der einen, den 
Schild in der andern Hand; er war der beſte aller Fechter. 
Zrut war ſo zornig, daß wenige ihm folgen konnten. Beide 
Parteien hielten ſich gut eine Zeitlang; aber bald merkten die 
Lachstalleute, daß fie auf ihrer Seite keinen hatten, der Hrut 
gewachſen war; denn er toͤtete da zwei Maͤnner in einem An⸗ 
lauf. Darauf baten die Cachstalleute um Frieden. Hrut ſagte, 
gewiß ſollten fie Frieden haben. Zoͤskulds Hausleute waren 
da alle verwundet, die noch aufrecht ſtanden, und vier waren 
erſchlagen. Hrut fuhr heim und war etwas verwundet, feine 
Gefaͤhrten aber nur leicht oder gar nicht, denn er hatte ſich 


63 


am meiſten hervorgetan. Der Ort heißt Bampftal, wo fie mit 
einander gefochten hatten. rut ließ dann das Vieh ſchlach⸗ 


ten. 

Von Zoͤskuld wird erzählt, daß er ſchnell Leute an ſich zog, ſo⸗ 
bald er von dem Raub erfuhr, und nach Haufe ritt. Zu gleicher 
Zeit kamen auch feine Zausleute nach Haufe; fie erzählten ihm, 
wie uͤbel es ihnen ergangen war. Zoͤskuld wurde zornig darüber 
und fagte, Zrut ſolle ihm gewiß nicht noch einmal Raub und 
Maͤnnerverluſt zufügen. Den ganzen Tag über ſammelte er 
Leute um ſich. Da ging Jorunn, die Hausfrau, mit ihm zu 
ſprechen und fragte ihn, was er zu tun gedenke. Er ſagte: 
„Es iſt nichts beſonderes im Werk, doch moͤchte ich gern, daß 
man kuͤnftig von etwas anderm mehr reden ſoll als von mei⸗ 
nen erſchlagenen Jaus leuten.“ Jorunn erwiderte: „Deine Ab⸗ 
ſicht iſt abſcheulich, wenn du vor haſt, einen ſolchen Mann zu 
töten, wie dein Bruder iſt, da doch manche fagen, es wäre 
nicht ohne Rechtsgrund geweſen, wenn rut auch ſchon früher 
feinen Vermoͤgensanſpruch in dieſer Weiſe geltend gemacht 
haͤtte; nun hat er bewieſen, daß er nicht laͤnger wie ein Baſtard in 
ſeinen Rechten behandelt werden will, da er nach ſeiner Abkunft 
etwas zu fordern hat. Gewiß hat er nicht ohne weiteres ſich ent⸗ 
ſchloſſen, mit dir den Kampf aufzunehmen, ſondern er muß ſich 
einer gewiſſen Unterſtuͤtzung durch maͤchtigere Maͤnner verſichert 
haben; denn mir iſt erzaͤhlt worden, daß Botſchaften in der 
Stille zwiſchen Thord Bruͤller und Hrut hin und her gegangen 
ſind; ſolche Dinge ſcheinen mir beachtenswert. Thord wird die 
Gelegenheit guͤnſtig vorkommen, etwas zu unternehmen, in 
einer Lage, wo der Rechts fall fo durchſichtig iſt. Du weißt ja 
wohl, Hösfuld, daß, ſeit die Geſchichte mit Thord Goddi und 
Vigdis vorgefallen iſt, nicht mehr ein fo freundliches Verhaͤlt⸗ 
nis beſteht zwiſchen dir und Thord Bruͤller wie fruͤher, wenn 
du auch fürs erſte durch Geſchenke die Seindfeligfeit der Ver⸗ 
wandten abgelenkt haft. Ich bin davon überzeugt, Zoͤskuld,“ 
ſagte fie, „daß fie es wohl fühlen, wie fie in ihren Anſpruͤchen 
ſehr gewaltſam von dir ʒur Seite gedraͤngt ſind und deinem 
Sohne Olaf. So waͤre es denn raͤtlicher fuͤr uns, wenn du deinem 
Bruder in anſtaͤndiger Weiſe entgegen kaͤmeſt, denn vom gereiz⸗ 


64 


ten Wolf ift zu erwarten, daß er zupackt; ich follte denken, daß 
Zrut das gut und mit Billigkeit aufnehmen wird, denn, wie 
man mir ſagt, iſt er ein verſtaͤndiger Mann; er wird ja einſehen, 
daß dies auch beiden zur Ehre gereicht.“ Zoskuld ließ ſich 
durch Jorunns Zureden ſehr beruhigen; was fie ſagte, ſchien 
ihm der Wahrheit gemaͤß zu ſein. 

Nun gingen Leute zwiſchen ihnen hin und her, die beiden be⸗ 
freundet waren, und legten HösPulds Sriedensvorfchläge Zrut 
vor. Und grut nahm das wohl auf, fagte, daß er gewiß ſich mit 
Zoͤskuld vergleichen wolle, er ſei lange dazu bereit geweſen, 
gu te Bruͤder ſchaft mit ihm zu halten, fo wie es hätte fein koͤn⸗ 
nen, wenn nur goͤskuld ihm fein Recht gegönnt haͤtte. Zrut 
ſagte auch, er wolle Hösfuld Genugtuung für den Schaden 
zugeſtehen, den er ihm angetan habe. Es wurde nun dieſe 
Sache zum Ende und Abſchluß gebracht zwifchen den Brüdern 
Zoͤskuld und grut; fie begannen ſich von da an als gute Bruͤ⸗ 
der gegeneinander zu halten. 

grut nahm ſich nun feiner Wirtſchaft an und wurde ein Mann, 
der etwas zu bedeuten hatte; nicht draͤngte er ſich dazu, uͤber⸗ 
all mitzutun, aber wenn er etwas anfaßte, ſollte es nach ſei⸗ 
nem Willen damit gehen. Zrut verlegte nun feinen Hof und 
wohnte bis in feine alten Tage an dem Orte, der jetzt Zruts⸗ 
ftadir! heißt. Einen Tempel hatte er in feinem Zofbezirk, da⸗ 
von ſieht man noch jetzt die Spuren. Jetzt wird die Stelle Weg 
der Trolle genannt, da geht nun die allgemeine Straße. Zrut 
verheiratete ſich und nahm die Frau, die Unn hieß, die Tochter 
des Mord Geige. Unn ſprach die Scheidung gegen ihn aus, 
daraus entſtand der Streit zwifchen den Lachstalleuten und 
denen von Sljotshlid.? Hrut nahm eine zweite Srau, die Thor⸗ 
bjoͤrg hieß; fie war eine Tochter des Armod.? Hrut hat auch 
noch eine dritte Frau gehabt, wir kennen aber ihren Namen 
nicht. Sechzehn Söhne hatte Hrut und zehn Töchter mit den 


licht weit von Kambsnes. Der Hof beſteht nicht mehr. Anſpielung 
auf den Prozeß zwiſchen Gunnar von öͥlidarendi in der Candſchaft Sljots⸗ 
hlid (ſuͤdliches Island) und Hrut. Gunnar zwingt Hrut den Vermögens: 
anteil, auf den Unn Anſpruch hat, auszuschlen (Njals ſaga). Über Armod 
vgl. den Anfang von Kap. 33. 


5 Meißner, Lachstalſaga 65 


legten beiden Frauen. Die Leute erzählen, daß Jrut eines 
Sommers fo zum Thing gekommen fei, daß vierzehn feiner 
Söhne mit ihm waren. Das hat man deshalb feſtgehalten, weil 
es als ftolze Große und Kraft erſchien; alle feine Söhne waren 
tuͤchtige Männer. 


20. Mel korka verheiratet ſich mit Thorbjoͤrn 


Skrjup und ſendet Olaf ins Ausland 

oͤskuld ſaß nun auf feinem Zof und neigte ſich dem hoͤ⸗ 

heren Alter zu, ſeine Soͤhne waren da zu Maͤnnern er⸗ 
wachſen. Thorleik übernahm die Wirtſchaft auf dem Hof, 
der Kambsnes! heißt, und Hösfuld zahlte ihm fein Erbteil 
aus. Er verheiratete ſich darauf und nahm eine Frau, die 
Gjaflaug hieß, die Tochter des Arnbjoͤrn, des Sohnes des Slei⸗ 
tu⸗Bjoͤrn und der Thorlaug, der Tochter des Thord von Höfdi;? 
das galt als eine anſehnliche Partie; Gjaflaug war eine ſchoͤne 
Frau und ſehr ſtolz. Thorleik war nicht leicht zu behandeln 
und immer zum Kampf bereit; zwiſchen den Verwandten rut 
und Thorleik entftand kein beſonderes Verhaͤltnis. Bard, Zoͤs⸗ 
kulds Sohn, war zu Haufe bei feinem Vater; er hatte nicht 
weniger in dem Zausweſen zu ſchaffen als Hösfuld. Von 
Zoͤskulds Töchtern iſt hier wenig die Rede; doch ſtammen auch 
von ihnen Maͤnner ab. 
Olaf, oͤskulds Sohn war nun auch völlig erwachſen und der 
ſchoͤnſte aller Männer an Geſtalt, den man je geſehen hat. Er 
hielt ſich forgfältig in Bewaffnung und Kleidung. Melkorka, 
Olafs Mutter, wohnte in Melkorkaſtadir, wie oben geſchrieben 
ift. Zoͤskuld entzog ſich jetzt mehr der Sorge für Melkorkas 
Zaushalt, als es fruͤher geweſen war; er ſagte, das ſchiene 
ihm nicht minder die Sache ihres Sohnes Olaf zu ſein, und 
Olaf verſprach ihr auch alle Hilfe, die er zu gewaͤhren imſtande 
ſei. Melkorka meinte, daß fie von Zoͤskuld ſchmaͤhlich behan⸗ 
delt werde, und ſann darauf, irgend etwas ins Werk zu ſetzen, 
daß ihm übel gefiele. Thorbjoͤrn Skrjup? hatte vor allem Mel⸗ 
korka bei der Wirtſchafts fuͤhrung unterſtuͤtzt; er hatte ihr 


1 Vergl. Kap. 25. Sof im Nordviertel an der Oſtkuͤſte des Skagaflords. 
5 
8 Del Kap. 11. 


66 


einen Heiratsantrag gemacht, nachdem fie einige Zeit auf dem 
Zofe geweſen war; doch fie verhielt ſich abweiſend. 

Ein Schiff lag am Lande in Bordeyri im Hrutafjord.! rn 
hieß der Schiffsfuͤhrer; er war ein Gefolgsmann des Koͤnigs 
Harald, des Sohnes der Gunnhild. Melkorka hob ein Geſpraͤch 
an mit ihrem Sohne Olaf, als ſie einmal zuſammen waren: 
es ſei ihr Wunſch, daß er ausreiſe, um ſeine maͤchtigen Ver⸗ 
wandten zu beſuchen, „denn ich habe die Wahrheit geſprochen, 
Myrkjartan iſt wirklich mein Vater und Koͤnig der Iren; nun 
bietet ſich dir bequeme Gelegenheit, in Bordeyri auf ein Schiff 
zu kommen.“ Olaf ſagte: „Ich habe daruͤber mit meinem 
Vater geſprochen, er iſt nicht beſonders geneigt, darauf einzu⸗ 
gehen; nun iſt auch der Beſitz meines Pflegevaters ſo beſchaffen, 
daß er mehr in Land und Vieh beſteht, als daß islaͤndiſche 
Ware vorhanden wäre.“ Melkorka antwortete: „Nicht will ich, 
daß man dich noch laͤnger einen Magdsſohn nennt, und wenn 
der Umſtand die Reife verhindert, daß du zu wenig Gut dazu 
haſt, fo will ich lieber mich dazu entſchließen, den Thorbjoͤrn zu 
heiraten, wenn du auf dieſe Weiſe leichter zur Reife kommſt als 
ſonſt; denn ich ſetze voraus, er wird dir die Ware ʒur Verfuͤgung 
ſtellen, die du glaubſt mitnehmen zu muͤſſen, wenn er mein Ja⸗ 
wort erhaͤlt. Es iſt auch der Vorteil dabei, daß Zoͤskuld doppelten 
Arger haben wird, wenn er die beiden Nachrichten erhaͤlt, daß du 
aus dem Lande gereiſt und ich verheiratet bin.“ Olaf ſagte, 
die Mutter ſolle ganz nach ihrem Willen alles einrichten. Da⸗ 
rauf ſprach Olaf mit Thorbjoͤrn, daß er Ware von ihm auf 
Borg nehmen und ihm gute Vorteile dabei gewaͤhren wolle. 
Thorbjoͤrn antwortete: „Das kann nur unter der Bedingung 
geſchehen, daß ich Melkorkas Jawort erhalte; dann meine ich, 
wird mein Vermoͤgen dir ebenſo zur Verfuͤgung ſtehen, wie 
dasjenige, das du zu verwalten haſt.“ Olaf ſagte, das ſolle 
geſchehen, wie es raͤtlich ſei; ſie beſpra hen nun miteinander 
die Dinge, die fie vorhatten, und alles dieſes ſollte in Heim= 
lichkeit vor ſich gehen. 

Zoͤskuld redete mit Olaf, er ſolle ihn auf das Allthing beglei- 


1 Der Hrutafiord bildet das ſuͤdlichſte ende der großen Meeresbucht Funafloi 
im nördlichen Island. Bordeyri liegt am weſtlichen Ufer. 


5 67 


ten. Olaf fagte, er Pönne das nicht, weil er in der Wirtſchaft 
zu tun habe, er wolle am Lachswaſſer eine Laͤmmerweide ein⸗ 
friedigen laſſen. Zoͤskuld gefiel das wohl, daß Olaf ſich in der 
Wirtſchaft betätigen wollte. Dann ritt Zoͤskuld zum Thing, 
aber in Lambaſtadir! ruͤſtete man ſich zur Hochzeit, und Olaf 
allein ſetzte den Zeirats vertrag feſt. Olaf bekam dreißig Zun⸗ 
derte an Ware aus der ungeteilten Maſſe und ſollte da⸗ 
für nichts zu bezahlen haben. Bard, Zoͤskulds Sohn, nahm 
an der Hochzeit teil, er war mit ihnen im Einverſtaͤndnis bei 
ihrem Vorhaben geweſen. Und als das Seft zu Ende war, ritt 
Olaf zum Schiff, ſuchte rn, den Schiffs fuͤhrer, auf und nahm 
ſich ſeinen Platz an Bord. Und ehe Mutter und Sohn von ein⸗ 
ander ſchieden, übergab fie ihm einen großen goldnen Singer: 
ring und ſprach: „Dieſes Kleinod gab mir mein Vater als 
Geſchenk beim erſten Jahn, ich glaube, er wird es wiederer⸗ 
kennen, wenn er es ſieht.“ Ferner legte fie ihm in die Hand 
ein Meſſer und einen Guͤrtel und bat ihn, dieſe ihrer Pflege⸗ 
mutter zu geben: „ich denke, ſie wird dieſe Wahrzeichen nicht 
verleugnen.“ Und weiter ſprach Melkorka: „Ich habe dich 
ausgeſtattet, ſo gut ich nur konnte, und dich gelehrt, iriſch zu 
ſprechen, ſo daß es fuͤr dich nichts ausmachen wird, wo du 
auch in Irland landen magſt.“ Darauf nahmen ſie Abſchied 
von einander. Gleich, nachdem Olaf an Bord gekommen war, 
ſtellte ſich Sahrwind ein, und fie gingen in See. u 


21. Olaf in Norwegen und Irland 

un kam Hösfuld vom Thing nach Haufe und erfuhr 

dieſe Neuigkeiten. Sie gefielen ihm ſehr wenig; aber 
weil die Beteiligten Verwandte waren, beruhigte er ſich und 
ließ es ſein, wie es war. 
Olaf und feinen Reifegefährten war der Wind guͤnſtig, und. ſie 
kamen nach Norwegen. Orn trieb Olaf an, den Hof König 
Zaralds aufzuſuchen, er ſagte, der Konig erweiſe manchen 
hohe Ehre, die keineswegs beſſere Maͤnner ſeien als Olaf. 
Olaf ſagte, er ſei bereit. Nun reiſten Olaf und Orn an den 


1 Der Hof des Thorbjörn. Er wurde erft fo genannt nach dem Sohne des 
Thorbiörn und der melkorka. 


68 


Hof und wurden dort gut aufgenommen. Der Rönig ſah 
gleich Olaf wegen feiner Familie als einen Bekannten an und 
lud ihn ſofort ein, bei ihm zu bleiben. Gunnhild erwies Olaf 
große Achtung, ſobald fie erfuhr, daß er ein Neffe Hruts ſei; 
doch ſagten manche Leute, es würde ihr auch eine Freude ge⸗ 
weſen ſein, mit Olaf zu reden, ohne daß er es andern haͤtte 
verdanken muͤſſen. 

Olaf wurde mißgeſtimmt, als der Winter dem Ende zuging. 
Orn fragte ihn, was ihm Betruͤbnis mache. Olaf antwortete: 
„Eine Fahrt habe ich vor nach Weſten übers Meer, und es läge 
mir viel daran, wenn du mir dazu helfen Fönnteft, daß die 
Keiſe waͤhrend dieſes Sommers zuſtande kaͤme.“ Orn bat 
Olaf, nicht an ſo etwas zu denken, er wiſſe nichts daruͤber, 
ob man auf Schiffe rechnen koͤnnte, die die Fahrt nach Weſten 
übers Meer machen wuͤrden.! Gunnhild kam zu ihrem Ge⸗ 
ſpraͤch und ſagte: „Nun höre ich euch fo reden, wie es bis⸗ 
her noch niemals vorgekommen iſt, daß ihr zweierlei Mei⸗ 
nung habt.“ Olaf begruͤßte Gunnhild und brach das Ge⸗ 
ſpraͤch nicht ab. Darauf ging Orn weg und Gunnhild und 
Olaf ſetzten das Geſpraͤch fort. Olaf erklaͤrte ſeine Abſicht und 
betonte, wie viel ihm daran läge, daß die Keiſe zuſtande 
komme, er wiſſe es mit Sicherheit, daß Koͤnig Myrkjartan fein 
Muttervater ſei. Da ſprach Gunnhild: „Ich werde dir die Mit⸗ 
tel zu dieſer Fahrt verſchaffen, fo daß du mit ſolchem Aufwand 
reiſen kannſt, wie du willſt.“ Olaf dankte ihr fuͤr ihre Worte. 
Darauf ließ Gunnhild ein Schiff ruͤſten und ſorgte fuͤr die 
Bemannung, ſie bat Olaf, zu beſtimmen, wie viel Leute er 
mit ſich nehmen wolle nach Weſten uͤbers Meer. Olaf be⸗ 
ſtimmte die Jahl auf ſechzig Mann, und fuͤgte hinzu, es kaͤme 
hauptſaͤchlich darauf an, daß die Schiffs leute mehr das Aus⸗ 
ſehen von Kriegern als von Handelsleuten hätten. Sie ſagte, 
fo ſolle es fein. Nur Orn wird genannt von den Reifegenoffen. 
Dieſe Mannſchaft war wohlausgeruͤſtet. Rönig Harald und 
Gunnhild geleiteten Olaf zum Schiff und ſagten, ſie wollten 


1 Daß fie die Reife nicht auf ihrem eigenen Schiff machen, erklaͤrt ſich wohl, 
wie das Solgende zeigt, aus der Abſicht Olafs, ſeinem Großvater als krie⸗ 
geriſcher Schiffs fuͤhrer gegenuͤb erzutreten. 


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ihm nun noch ihre Gluͤckwuͤnſche mitgeben, entſprechend der 
freundlichen Geſinnung, die ſie gegen ihn gehabt haͤtten; und 
König Harald ſagte, das fiele ihnen leicht, denn ein ſtattlicherer 
Mann ſei nicht aus Island gekommen in ihren Tagen. Da 
fragte Rönig Harald, wie alt er ſei. Olaf antwortete: „Ich bin 
jetzt achtzehn Winter alt.“ Der König ſprach: „Solche, wie 
du biſt, verſprechen ungewöhnliche Männer zu werden; du 
biſt ja kaum aus dem Kindesalter heraus. Suche uns nur 
gleich wieder auf, wenn du zuruͤckkommſt.“ Darauf wuͤnſchten 
ihm der Rönig und Gunnhild gluͤckliche Reife. Olaf und feine 
Leute ftiegen an Bord und gingen gleich in See. 

Das Wetter war ihnen nicht guͤnſtig waͤhrend des Sommers. 
Sie hatten ſtarke Nebel, ſchwache oder widrige Winde, wenn 
es uͤberhaupt wehte; ſie wurden weit auf dem Meer umher⸗ 
getrieben, die meiſten an Bord uͤberkam das Gefuͤhl, verirrt 
zu ſein auf der See. Endlich geſchah's, daß der Nebel ſich hob 
und ſich Wind ſpuͤren ließ; da begann man zu ſegeln. 

Nun beriet man ſich, wie man den Kurs auf Irland nehmen 
ſollte, die Leute konnten darüber nicht einig werden. rn ſtand 
auf der einen Seite, aber der größte Teil der Maͤnner wider⸗ 
ſprach ihm. Sie behaupteten, Orn habe ſich ganz und gar ver⸗ 
irrt, ſie ſagten, die Mehrzahl muͤſſe den Ausſchlag geben. End⸗ 
lich wurde es Olaf zur Entſcheidung vorgelegt. Olaf aber ſagte: 
„Ich will, daß die den Ausſchlag geben, die verſtaͤndiger ſind; 
denn ich glaube, daß uns der Rat törichter Maͤnner um fo 
weniger taugt, je mehr ihrer beieinander ſind.“ Damit er⸗ 
ſchien nun die Sache ausgemacht, nachdem Olaf dies geſprochen 
hatte; und Orn beſtimmte von nun an den Kurs. 

Sie ſegelten nun Nacht und Tag und hatten immer gleich 
ſchwachen Wind. Es geſchah in einer Nacht, daß die Leute der 
Wache aufſprangen und die Maͤnner ſo ſchnell als moͤglich auf⸗ 
ſtehen hießen; fie ſagten, fie ſaͤhen Land fo nahe vor ſich, daß fie 
faſt mit dem Steven auf Grund gekommen waͤren. Das Segel 
war geſetzt und ganz ſchwacher Wind. Die Maͤnner ſprangen 
gleich auf und Örn befahl, man folle beidrehen, um womöglich 
vom Lande fortzukommen. Olaf fagte: „Wir haben hier keine 
Wahl mehr, denn ich ſehe, daß der Achterſteven ſchon uͤber die 


70 


Brecher hinüber iſt; laßt das Segel fallen fo ſchnell als möglich, 
wir wollen unſern Entſchluß faſſen, wenn es heller Tag iſt un d 
man dieſes Land erkennen kann.“ Darauf ließen ſie die Anker 
fallen, die gleich Grund faßten. Viel ging die Rede hin und 
her waͤhrend der Nacht, wohin ſie wohl gekommen waͤren. 
Und als es hell geworden war, erkannten ſie, daß es Irland 
war. Da ſprach Orn: „Ich glaube, wir haben keinen guͤnſtigen 
Landungsplag gefaßt, denn dieſe Gegend hier iſt weit von den 
Häfen und gandelsplaͤtzen, wo den Ausländern Srieden zuge⸗ 
ſichert iſt; wir werden nun von der Ebbe trocken geſetzt wie 
Stichlinge; ſo weit ich die Geſetze der Iren kenne, ſoll es mich 
nicht wundern, wenn fie Hand auf die Ladung legen, die wir 
fuͤhren, denn ſie ſprechen da ſchon von Strandgut, wo noch 
viel tieferes Waſſer iſt hinterm Achter ſteven.“ Olaf ſagte, es 
wuͤrde ihnen kein Schade geſchehen: „Ich habe aber geſehen, daß 
ſeit heute fruͤh am Lande Leute zuſammenlaufen, die Iren 
machen ſich Gedanken uͤber die Ankunft des Schiffes. Dann 
habe ich heute morgen, als Ebbe war, beobachtet, daß ein Waſſer⸗ 
lauf bei dieſer Landfpige fich einſchneidet, aus dem die See 
nicht ganz abſtroͤmte. Und wenn unſer Schiff nicht beſchaͤdigt 
ift, wollen wir unſer Boot aus ſetzen und unſer Schiff bis dort⸗ 
hin ſchleppen.“ Es war lehmiger Grund, wo ſie vor Anker ge⸗ 
legen hatten, und keine Planke in ihrem Schiff beſchaͤdigt; 
Olaf ließ nun das Schiff an den angegebenen Platz bringen 
und warf da Anker. 

Und als der Tag weiter vorſchritt, kam eine große Menſchen⸗ 
menge hinunter zum Strande. Dann fuhren zwei Männer in 
einem Boote zum Schiff. Sie fragten, wer die Eigentuͤmer dieſes 
Schiffes ſeien. Olaf gab ihnen Beſcheid und antwortete iriſch, fo 
wie ſie gefragt hatten. Als aber die Iren erfuhren, daß es Nor⸗ 
weger feien, verlangten fie mit dem Hinweis auf ihre Geſetze, 
daß fie ihr Gut zur Verfuͤgung ſtellten, es würde ihnen da 
kein Schade geſchehen, bis der König in dieſer Sache entſchie⸗ 
den haͤtte. Olaf antwortete, ſo ſeien die geſetzlichen Beſtimmun⸗ 
gen, wenn kein Dolmetſcher bei den Kaufleuten ſei. „Und ich 
kann euch in Wahrheit verſichern, daß ihr friedliche Leute vor 
euch habt; aber doch werden wir uns nicht ergeben ohne Wider⸗ 


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ſtand.“ Da erhoben die Iren ihren Kriegsruf und wateten in 
die See, ſie hatten den Plan, das Schiff ſamt den Leuten an 
Land zu ziehen, es war nicht tiefer, als daß ihnen das Waſſer 
bis unter die Arme reichte, oder denen, die am größten waren, 
nur bis an die Zoſenguͤrtel. Die Senke aber, in der das Schiff 
ſchwamm, war ſo tief, daß man keinen Grund faſſen konnte. 

Olaf befahl, die Waffen herauszuholen und die Borde von 
Steven zu Steven zu beſetzen. Sie ſtanden auch ſo eng, daß alles 
mit Schilden gedeckt war, und ein Speerende ſtreckte ſich heraus 
neben jeder Schildſpitze. Olaf trat nach vorn an den Steven, er 
war ſo geruͤſtet, daß er eine Bruͤnne trug und einen vergolde⸗ 
ten Helm auf dem Kopfe hatte. Er hatte ein Schwert umge⸗ 
guͤrtet, deſſen Griff war mit Goldſchmuck geziert. In der Zand 
trug er einen Hafenfpieß, der auch für den Hieb gebraucht werden 
konnte, mit vortrefflicher Zierarbeit auf dem Blatt. Einen roten 
Schild hielt er vor ſich, darauf war ein goldener Löwe gemalt. 
Und als die Iren dieſe Zurüftung ſahen, ſank ihnen das Herz, fie 
fuͤrchteten nun, daß es nicht ſo leicht ſein wuͤrde, ſich des Gutes 
zu bemaͤchtigen, wie ſie gedacht hatten; die Iren gaben daher 
ihren Angriff auf und liefen in einen Zaufen zuſam men. Bald 
verſtaͤrkte ſich immer mehr das Gerede in der Menge, es ſei 
leicht zu erkennen, daß dies ein Kriegsſchiff ſei un d fie noch 
mehr Schiffe zu erwarten haͤtten. Sie ſandten daher eilig Bot⸗ 
ſchaft zum Rönige; es traf ſich grade bequem, daß der König 
ganz in der Naͤhe zur Gaſtung war. Er kam gleich mit Gefolge 
dorthin geritten, wo das Schiff lag. Es war nicht weiter vom 
Lande bis zu der Stelle, wo das Schiff ſchwamm, als daß 
man ſich gut gegenſeitig verſtehen konnte. Oft hatten die Iren 
ſie mit Schuͤſſen angegriffen, doch war Olaf und ſeinen Leuten 
kein Schade geſchehen. Olaf ſtand da in der oben beſchriebenen 
Rüftung, und die Leute ſprachen mit Bewunderung davon, wie 
praͤchtig der Mann ſei, der das Schiff befehligte. Als aber Olafs 
Schiffsgefaͤhrten eine große Ritterfchar heranreiten ſahen, und 
ſie erſchien ſehr kriegeriſch, da wurden ſie kleinlant, denn ſie 
meinten, daß fie es nun mit einer großen Übermacht zu tun be⸗ 
kaͤmen. Als Olaf aber hoͤrte, was die Leute ſich einander 
zuraunten, bat er ſie feſten Muts zu ſein: „denn unſre Sache 


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nimmt eine gute Wendung, nun begrüßen die Iren ihren 
König Myrkjartan.“ Darauf ritten jene fo nahe an das Schiff, 
daß man verſtehen konnte, was auf der andern Seite geſprochen 
wurde. Der Konig fragte, wer der Fuͤhrer des Schiffes ſei. 
Olaf nannte feinen Namen und fragte, wer der ſtattliche Ritter 
ſei, mit dem er das Geſpraͤch fuͤhre. Der antwortete: „Ich heiße 
Myrkjartan.“ Olaf ſprach: „Biſt du der Konig der Iren?“ Er 
antwortete, fo ſei es. Darauf fragte der Koͤnig nach allgemei⸗ 
nen Neuigkeiten. Olaf gab uͤber alle Dinge wohl Beſcheid, 
nach denen er gefragt wurde. Weiter fragte der Koͤnig, von 
wo ſie ausgeſegelt ſeien und weſſen Maͤnner ſie ſeien. Und 
dann fragte der Koͤnig noch genauer nach Olafs Abkunft als 
zuerſt, denn der Konig fand, daß dieſer Mann ein ſtolzes 
Benehmen zeigte, und nur ſoweit Auskunft geben wollte, als 
er gefragt wurde. Olaf ſagte: „Das will ich Euch zu wiſſen 
geben, daß wir von Norwegen ausgeſegelt ſind, und dies ſind 
hier Gefolgs leute des Koͤnigsarald, des Sohnes der Gunnhild, 
alle Männer, die an Bord find. Und inbezug auf meine ger⸗ 
kunft habe ich Euch zu ſagen, Herr, daß mein Vater in Island 
lebt und Zoͤskuld heißt — er iſt ein Mann aus maͤchtigem 
Geſchlecht; aber was meine muͤtterliche Familie angeht, 
ſo moͤchte ich glauben, daß Ihr ſie beſſer kennt als ich; denn 
Melkorka heißt meine Mutter, und mir iſt es als verbuͤrgte 
Wahrheit geſagt, daß fie deine Tochter iſt, König; das hat 
mich zu der weiten Keiſe getrieben, und nun erwarte ich mit 
Spannung, was du auf meine Worte erwidern wirſt.“ 

Der König ſchwieg darauf, dann unterhielt er ſich mit feinen 
Leuten; die Verſtaͤndigen wollten vom Könige wiſſen, was 
wohl an dieſer Angabe wahres ſei, die der Fremde gemacht 
hatte. Der Konig antwortete: „Das iſt leicht zu erkennen an 
dieſem Olaf, daß er aus edlem Geſchlecht ſtammt, ob er nun 
unſer Bluts verwandter iſt oder nicht, und ebenſo ſteht feſt, 
daß er vorzuͤglich iriſch ſpricht.“ 

Darauf richtete ſich der Koͤnig im Sattel auf und ſprach: 
„Nun ſollſt du die Antwort auf deine Worte hoͤren: ich will 
allen Frieden gewaͤhren, der ganzen Schiffsmannſchaft. Was 
du aber über die Verwandtſchaft mit uns vorbringft, das 


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müffen wir noch näher beſprechen, ehe ich darauf eine Ant⸗ 
wort geben kann.“ 

Darauf wurden die Laufſtege ausgelegt und Olaf ging an 
Land und ſeine Gefaͤhrten vom Schiff. Die Iren ſahen nun 
mit Bewunderung, wie kriegeriſch dieſe Maͤnner waren. Olaf 
grüßte da den König mit Anſtand, nahm den Helm ab und 
verneigte ſich vor dem Koͤnige, der Konig aber empfing ihn 
mit großer Freundlichkeit. Sie nahmen nun das Geſpraͤch wie⸗ 
der auf mit einander; Olaf brachte aufs neue ſeine Sache 
vor, in langer, lebhafter Rede.!“ Das war der Schluß, daß 
er ſagte, er habe den Ring an der Zand, den ihm Melkorka 
zum Abſchied in Island uͤbergeben habe mit der Mitteilung: 
„daß du, König, ihn ihr als Jahngeſchenk gegeben habeſt.“ 
Der Rönig nahm den Ring, ſah ihn an und wurde blutrot im 
Geſicht. Darauf ſprach der Koͤnig: „Wahr find die Zeichen 
und was gewiß ebenſo ins Gewicht faͤllt: du haſt eine ſo große 
Samilienaͤhnlichkeit von deiner Mutter her, daß man dich wohl 
daran erkennen kann. Und aus dieſen Gruͤnden will ich ohne 
Bedenken hiermit unſere Blutsverwandtſchaft feſtſtellen, Olaf, 
mit dem Zeugnis der Männer, die hier gegenwärtig find und 
meine Rede hören. Dazu ſoll kommen, daß ich dich einlade an 
meinen Sof mit aller deiner Mannſchaft; und die Ehre, die 
euch zuteil werden ſoll, wird ſich danach richten, welchen Ge⸗ 
winn ich in dir finde, wenn ich dich erſt ſchaͤrfer erprobe.“ 
Darauf ließ ihnen der Koͤnig Reiſepferde geben und beftimmte 
Leute, die ihr Schiff beſorgen und die Ladung, die fie hatten, 
behuͤten ſollten. Der Koͤnig ritt dann nach Dublin, und dem 
Volke ſchien das ein denkwuͤrdiges Ereignis, daß der Konig 
von einem Enkel begleitet wurde, dem Sohne ſeiner Tochter, die 
vor langem als Kriegsgefangene aus dem Lande gefuͤhrt wor⸗ 
den war im Alter von fuͤnfzehn Jahren. Am meiſten aber wurde 
Melkorkas Pflegemutter von dieſer Kunde ergriffen. Sie war 
bettlaͤgerig, Sorge ſowohl wie Alter hatten ſie geſchwaͤcht, doch 
ging ſie ohne Stab, Olaf aufzuſuchen. Da ſprach der Koͤnig zu 
Olaf: „Zier iſt nun die Pflegemutter der Melkorka gekommen, 
ſie wirdſich von dir wollen erzählen laſſen, wie es Melkorka geht.“ 
i Sormeſhafte wendung 


74 


Olaf nahm fie zu ſich mit beiden Händen und feste die Alte auf 
ſeinen Schoß, dann erzaͤhlte er ihr, daß ihre Pflegetochter in 
gutem Behagen in Island ſaͤße. Olaf reichte ihr Meſſer und 
Guͤrtel, die Alte erkannte die Stuͤcke und weinte Freuden⸗ 
traͤnen, ſie ſagte, beides ſei wahr, daß der Sohn der Melkorka 
ein Prachtsmann ſei, „doch hat er es auch von der Mutter 
mitbekommen.“ Die Alte blieb friſch den ganzen Winter uͤber. 
Der König kam wenig zur Ruhe, denn fortwährend gab es 
damals feindliche Einfaͤlle in den Weſtlaͤndern. Der Bönig 
ſchlug den Winter über Wikinger und Räuber von feinen 
Kuͤſten zuruͤck. Olaf mit ſeiner Mannſchaft war auf dem 
Köͤnigsſchiffe und mit dieſer Mannſchaft war nicht gut anzu⸗ 
binden, wenn man ihr feindlich gegenuͤberſtand. Der Koͤnig 
beſprach mit Olaf und deſſen Gefaͤhrten alle Plaͤne; er erfand 
Olaf als klug, und dabei kuͤhn bei jeder Maͤnnerprobe. 

Und gegen Ende des Winters berief der König eine Verſamm⸗ 
lung, die war ſehr zahlreich beſucht. Der Koͤnig ſtand auf, eine 
Re de ʒu halten. Er hob folgendermaßen an: „Es iſt euch bekannt, 
daß im letzten gerbſt ein Mann hierher gekommen ift, der Sohn 
meiner Tochter, zugleich auch von edler Abkunft vaͤterlicher⸗ 
ſeits; Olaf ſchaͤtze ich als einen ſo tuͤchtigen und heldenmaͤßi⸗ 
gen Mann, wie wir ſeinesgleichen hierzulande nicht haben. 
Nun will ich ihm die Koͤnigswuͤrde anbieten nach meinem 
Tode, denn Olaf eignet ſich beſſer zum Landesherrn als meine 
Soͤhne.“ Olaf dankte ihm fuͤr dieſes Anerbieten mit ſehr be⸗ 
redten und ſchoͤnen Worten, ſagte aber, er wolle es doch nicht 
auf die Gefahr ankommen laſſen, ob Myrkjartans Söhne 
das dulden würden, wenn der Koͤnig ſtuͤrbe. Er ſagte, beſſer 
ſei eine kurze Ehre, als eine lange Schmach. Er wolle nach Nor⸗ 
wegen reiſen, ſobald es gefahrlos fuͤr die Schiffe ſei hinuͤber⸗ 
zuſegeln. Seine Mutter würde wenig Freude mehr haben, wenn 
er nicht zuruͤckkehrte. Der Koͤnig ſagte, Olaf ſolle nach eigenem 
Willen handeln. Darauf wurde die Verſammlung geſchloſſen. 
Und als Olafs Schiff fahrtbereit war, geleitete ihn der Koͤnig 
zum Schiff und gab ihm einen Speer mit goldner Einlegearbeit, 
ein prachtvolles Schwert und noch manch andres Gut. Olaf 
wuͤnſchte Melkorkas Pflegemutter mitzunehmen. Der König 


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fagte, dazu fei kein Grund vorhanden, und ſo fuhr fie nicht 
mit. Olaf ſtieg an Bord mit feinen Leuten, und der Konig 
und Olaf verabſchiedeten ſich in der beſten Freundſchaft. Da⸗ 
rauf ging Olafs Schiff in See. Sie hatten guten Wind und 
erreichten die norwegiſche Kuͤſte, und die Runde von Olafs 
Sahrt verbreitete ſich weit; fie ʒogen dann das Schiff an Land. 
Olaf verſchaffte ſich Pferde und machte ſich mit ſeinen Gefaͤhr⸗ 
ten auf den Weg, den Konig aufzuſuchen. 


22. Olaf kehrt nach Island zur uͤck 

laf, Zöskulds Sohn, kam nun an den Hof des Königs 

Harald und fand guten Empfang beim Rönig, und bei 
Gunnhild noch weit beſſeren. Sie luden ihn zu ſich ein und 
redeten ihm eifrig zu. Olaf nahm das an und blieb mit Orn 
am goflager. Der Rönig und Gunnhild erwieſen Olaf ſolche 
Ehre, wie ſie niemals ein Auslaͤnder von ihnen empfangen 
hatte. Olaf gab dem Könige und Gunnhild manche ſeltene 
Kleinode, die er im Weſten in Irland bekommen hatte. Der 
König ſchenkte Olaf zum Julfeſt einen ganzen aus Scharlach 
geſchnittenen Anzug. Olaf ſaß nun da in Ruhe den Winter 
über, Im Fruͤhling aber, als die Zeit vorſchritt, ka m es zum 
Geſpraͤch zwiſchen dem · Koͤnige und Olaf: er bat den Koͤnig 
um Urlaub, im Sommer nach Island zu fahren: „Ich habe 
da!, ſagte er, „angeſehene Verwandte zu beſuchen.“ Der Rönig 
antwortete: „Es waͤre mir am liebſten, daß du fuͤr immer bei 
mir bliebeſt und dir hier eine Stellung waͤhlteſt, wie ſie deinem 
eignen Wunſche entſpricht.“ Olaf dankte dem Koͤnige für das 
ehrenvolle Angebot, ſagte aber, er möchte doch lieber nach Ts: 
land fahren, wenn es nicht gegen den Willen des Königs ſei. 
Da antwortete der König: „Ich will hierin nicht unfreund⸗ 
ſchaftlich gegen dich fein. Fahre du nur im Sommer nach Is⸗ 
land, denn ich ſehe, daß dein Sinn ganz darauf gerichtet iſt; 
doch ſollſt du keine Muͤhe und Sorge wegen deiner Vor⸗ 
bereitungen haben, dafuͤr werde ich ſorgen.“ Damit endeten 
ſie das Geſpraͤch. 
Der König Harald ließ im Fruͤhling ein Schiff zu Waſſer 
bringen: das war ein Laftfchiff, ein großes und tuͤchtiges 


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Sahrzeug. Dieſes Schiff ließ der König mit Bauholz bes 
frachten und vollftändig ausruͤſten. Und als das Schiff ſegel⸗ 
fertig war, ließ der Konig Olaf rufen und ſprach: „Dieſes 
Schiff ſoll dein Eigen ſein, Olaf. Ich will nicht, daß du 
dieſen Sommer als Sahrgaſt anderer Leute von Norwegen 
nach Island reifen ſollſt.“ Olaf dankte dem Rönige mit 
paſſenden Worten für feine Hochherzigkeit. Darauf bereitete 
ſich Olaf zur Abreiſe. Und als er fertig war und Sahrwind 
ſich einſtellte, ging Olaf in See. Er und der Koͤnig ſchieden von 
einander in größter Herzlichkeit. Olaf hatte guten Wind in den 
Sommertagen und landete mit ſeinem Schiff bei Bordeyri im 
Zrutafjord. Die Nachricht von der Ankunft des Schiffes ver⸗ 
breitete ſich ſchnell, und auch, wer der Schiffs fuͤhrer war. Zoͤs⸗ 
kuld erfuhr die Ankunft ſeines Sohnes Olaf und war hoch er⸗ 
freut und ritt ſofort nordwaͤrts zum Hrutafjord mit einigen 
Leuten. Da war ein frohes Wiederſehen von Vater und Sohn. 
Zoͤskuld lud Olaf zu ſich ein. Olaf ſagte, er nehme das an. 
Olaf brachte ſein Schiff an Land, ſein Gut ließ er nach dem 
Weſtlande ſchaffen. Als alles beſorgt war, ritt Olaf mit elf 
Mann vom Norden heimwaͤrts nach Zoͤskulds ſtadir. Hösfuld 
begruͤßte ſeinen Sohn freundlich. Auch die Bruͤder nahmen 
ihn mit Freundlichkeit auf und alle andern Verwandten; am 
beſten aber ſtand er ſich mit Bard. 

Olaf wurde berühmt wegen feiner Fahrt. Jugleich wurde auch 
allgemein ſeine Abſtammung bekannt, daß er ein Tochterſohn 
des Irenkoͤnigs Myrkjartan war. Das verbreitete ſich über das 
ganze Land, ebenſo, welche Ehren ihm von maͤchtigen Maͤn⸗ 
nern erwieſen waren, die er beſucht hatte. Olaf brachte auch 
großes Gut heim, er blieb nun den Winter uͤber bei ſeinem 
Vater. 

Melkorka kam gleich ihren Sohn Olaf zu beſuchen. Olaf begruͤßte 
fie mit aller Sreundlichkeit; fie fragte ihn nach ſehr vielen Dingen 
aus Irland, vor allem nach ihrem Vater und ihren anderen 
Verwandten. Olaf berichtete ihr alles, was fie wiſſen wollte. 
Sie fragte auch gleich, ob ihre Pflegemutter noch am Leben 
ſei. Olaf ſagte, ja ſie lebe noch. Melkorka fragte dann, warum 
er ihr nicht habe den Gefallen tun wollen, ſie mit nach Island 


77 


zu bringen. Da antwortete Dlaf: „Den Leuten war es nicht 
recht, Mutter, daß ich deine Pflegemutter aus Irland weg⸗ 
fuͤhrte.“ „Es mag wohl ſo ſein,“ ſagte ſie. Da merkte man, 
daß ihr das ſehr gegen ihren Wunſch war. 

Melkorka und Thorbjörn hatten einen Sohn, der hieß Lambi. 
Er war groß und ſtark und ſeinem Vater gleich an Geſicht und 
Sinnesart. 

Als nun Olaf den Winter uͤber in Island geweſen war und 
der Srühling kam, redeten Vater und Sohn darüber, was nun 
Olaf vornehmen ſollte. „Das iſt mein Wunſch,“ ſagte 3oͤskuld, 
„daß wir dir eine Frau ſuchen und du dann Goddaſtadir, den 
Zof deines Pflegevaters, uͤbernimmſt; da iſt auch ein großer 
Vieh ſtand; du koͤnnteſt dort die Wirtſchaft führen mit meiner 
Unterſtuͤtzung.“ Olaf antwortete: „Daruͤber hab ich mir bis⸗ 
her wenig Gedanken gemacht; ich weiß nicht, wo wohl die 
Frau ſitzen mag, die zu bekommen ich als beſonderes Gluͤck 
anſehen ſollte; du kannſt dir denken, daß ich mich weit um⸗ 
ſchauen werde, ehe ich mir eine erwaͤhle; doch weiß ich gewiß, 
daß du nicht die Rede auf diefe Sache gebracht haft, ohne et⸗ 
was beſtimmtes im Sinne zu haben, auf das ſie auslaufen 
ſoll.“! goͤskuld ſprach: „Richtig haft du vermutet. Ein 
Mann heißt Egil;? er iſt der Sohn des Skallagrim. Er 
wohnt in Borg am Borgarfjord. Egil hat eine Tochter, die 
Thorgerd heißt. Um dieſes Maͤdchen gedenke ich für dich an⸗ 
zuhalten, denn das iſt die allerbeſte Partie im ganzen Borgar⸗ 
fjord und druͤber hinaus; es iſt auch zu erwarten, daß die 
Verſchwaͤgerung mit den Myrarleuten ? dein Anſehen mehren 
wird.“ Olaf antwortete: „Deiner Umſicht will ich mich hierin 
anvertrauen, und ganz nach meinem Sinn iſt dieſe Heirat, wenn 
fie zuftande kommt; aber ebenſo kannſt du dir denken, Vater, 
wenn dieſer Antrag geſtellt und nicht angenommen wird, daß 
mir das uͤbel gefallen wuͤrde.“ Zoͤskuld ſagte: „Wir wollen 
es eben verſuchen, dieſe Sache ins Werk zu ſetzen.“ Olaf bat 
ihn zu tun, was er für gut hielte. Es kam nun die Zeit des 
Allthings heran. Zoͤskuld ruͤſtete ſich zur Thingfahrt und forgte 
Borg heißt Myrar, die Moore. 


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für ein großes Gefolge. Olaf, fein Sohn begleitete ihn. Sie 
überzelteten ihre Thingbude. Da waren viele Menſchen zu⸗ 
ſammengekommen. Egil, Skallagrims Sohn, war auf dem 
Thinge. Alle Leute ſprachen daruͤber, die Olaf ſahen, was 
fuͤr ein ſchoͤner und adliger Mann er ſei. Er war ſtattlich an⸗ 
getan mit Waffen und Kleidern. 


23. Olaf wirbt um Thorgerd, die Tochter 
Egils 

ines Tages, ſo wird erzaͤhlt, gingen Vater und Sohn, 

Zoͤskuld und Olaf, aus ihrer Thingbude, um Egil auf⸗ 
zuſuchen. Egil begrüßte fie herzlich, denn Zoͤskuld und er 
kannten ſich gut von früheren Begegnungen her. Zoͤskuld kam 
nun mit ſeiner Werbung fuͤr Olaf zutage und hielt um Thor⸗ 
gerd an. Sie war auch dort auf dem Thinge. Egil nahm 
dieſe Sache wohl auf und ſagte, daß er gutes gehoͤrt habe uͤber 
vater und Sohn. „Ich weiß auch, Zoͤskuld, daß du ein Mann 
von beſter Abkunft und hochangeſehen biſt, und Olaf iſt be⸗ 
ruͤhmt durch ſeine Keiſe; es iſt nicht zu verwundern, daß 
Maͤnner wie er ihren Blick uͤber das naheliegende hinaus 
richten, denn es mangelt ihm nicht edle Abkunft und gutes Aus⸗ 
ſehen, aber doch muß ich dies erſt mit Thorgerd beſprechen, denn 
es waͤre keinem Manne moͤglich, Thorgerd ohne ihre Juſtimmung 
zu bekommen.“ Zoͤskuld ſprach: „Ich bitte, Egil, daß du das 
mit deiner Tochter beſprichſt.“ Egil ſagte, daß ſolle geſchehen. 
Egil ging nun, ſeine Tochter aufzuſuchen, und ſie begannen 
ihre Unterredung. Da ſprach Egil: „Ein Mann heißt Olaf 
und iſt der Sohn des Soͤskuld. Er iſt nun einer der be⸗ 
ruͤhmteſten Männer. Sein Vater goͤskuld iſt mit einer Werbung 
für Olaf zutage gekommen und hat um dich angehalten. Ich 
habe die Sache ganz deiner Entſcheidung anheimgeſtellt. Ich 
wuͤnſche nun deine Antwort zu wiſſen, und ſo ſcheint uns, als 
wenn es nicht ſchwer fein Pönnte, auf dieſe Bewerbung zu ant⸗ 
worten, denn dieſer Antrag iſt ehrenvoll.“ Thorgerd erwiderte: 
„Das habe ich dich ſagen hoͤren, daß du mich am liebſten 
habeſt von deinen Kindern, aber nun, meine ich, bewaͤhrſt du 
das nicht, da du mich mit dem Sohn einer Magd verheiraten 


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willſt, mag er auch ftattlich fein und noch fo prächtig auftreten.“ 
Egil ſagte: „Du biſt in dieſer Sache nicht ſo gut unterrichtet 
wie in andern; haft du das nicht gehört, daß er der Tochter⸗ 
ſohn des Irenkoͤnigs Myrkjartan iſt? Er iſt viel edler geboren 
muͤtterlicherſeits als von der Vaterſeite her, und die würde 
uns auch ſchon durchaus ebenbuͤrtig fein.“ Thorgerd ſchien das 
nicht anerkennen zu wollen. Nun brachen ſie das Geſpraͤch 
ab und jedes blieb bei ſeiner Meinung. 

Am Tage darauf ging Egil zur Thingbude Hösfulds. Zoͤskuld 
begruͤßte ihn freundlich. Sie begannen nun die Unterhaltung. 
goͤskuldfragte, wie es mit dem Zeiratsantrage gegangen ſei. Egil 
zeigte ſich wenig zufrieden und erzaͤhlte alles, wie es verlaufen 
war, er fagte, die Sache ſitze feſt. Zoͤskuld mußte dem beiſtim⸗ 
men. „Doch glaube ich, daß du das beſte gewollt haſt.“ Olaf 
war nicht bei ihrem Geſpraͤch zugegen. Darauf ging Egil fort. 
Olaf erkundigte ſich nun, wie es mit dem geiratsantrage 
ſtuͤnde. Zoͤskuld ſagte, die Sache ſei ins Stocken gekommen 
durch Thorgerd. Olaf ſprach: „Nun iſt es ſo, wie ich es dir 
vorausgeſagt habe, Vater, daß mir es übel gefallen würde, 
wenn ich eine ſchmaͤhliche Antwort fuͤr die Werbung erhalten 
ſollte. Es war zuerſt mehr dein Gedanke, daß dieſe Sache 
aufgebracht wurde. Nun aber will auch ich dafuͤr ſorgen, daß 
ſie nicht hier zu Boden faͤllt. Wahr iſt doch das Sprichwort: 
Was man nicht ſelbſt beſorgt, freſſen die Woͤlfe; ich werde 
jetzt gleich zur Thingbude Egils gehen.“ Soöskuld fagte, er 
möge beſtimmen, was geſchehen ſolle. Olaf hatte ſich fo ge⸗ 
richtet, daß er den Scharlachanzug trug, den ihm Koͤnig Harald 
geſchenkt hatte. Auf dem Kopfe trug er einen vergoldeten 
Selm und in der Hand das koſtbare Schwert, das ihm Koͤnig 
Myrkjartan gegeben hatte. 

Nun gingen Soͤskuld und Olaf zur Thingbude Egils. Zoͤs⸗ 
kuld trat zuerſt ein und Olaf folgte ihm auf dem Fuße. Egil 
begrüßte fie freundlich, und Zoͤskuld ſetzte ſich neben ihm nie⸗ 
der, aber Olaf blieb ſtehen und ſchaute ſich um. Er ſah, daß 
eine Frau auf der Querbank in der Thingbude ſaß; die Srau war 
ſchoͤn und vornehm und gut gekleidet. Er dachte ſich, daß es Thor⸗ 
gerd, Egils Tochter, ſein muͤſſe. Olaf ging zu der Querbank und 


80 


ſetzte ſich nebenfie. Thorgerd begrüßte den Mann und fragte ihn, 
wer er ſei. Olaf nannte feinen Namen und den feines Vaters. 
„Du wirſt denken, daß der Magdsſohn frech geworden iſt, weil er 
es wagt, neben dir zu ſitzen und mit dir zu reden.“ Thorgerd ant⸗ 
wortete: „Du wirſt dir wohl bewußt ſein, ſchon kuͤhnere Wag⸗ 
niſſe beſtanden zu haben, als mit Srauen zu reden.“ Darauf ka⸗ 
men ſie ins Geſpraͤch und unterhielten ſich den ganzen Lag. ! Nicht 
hoͤrten andere, was ſie miteinander redeten. Und ehe ihr Geſpraͤch 
zu Ende ging, wurden Egil und Hösfuld herzugerufen. Da 
kam die Rede noch einmal auf Olafs Werbung. Thorgerd 
ſchloß ſich jetzt der Entſcheidung ihres Vaters an. Nun war 
die Sache leicht erledigt, und die Verlobung fand gleich ſtatt. 
Es wurde ihnen die Ehre gegönnt, den Leuten aus dem Lachs⸗ 
tal, daß man ihnen die Braut ins Haus bringen ſollte. Das 
Zochzeitsfeſt, beſtimmte man, ſollte ſieben Wochen vor dem 
Ende des Sommerhalbjahrs in Zoͤskuldsſtadir gefeiert werden. 
Darauf nahmen Egil und Soͤskuld Abſchied von einander; 
Vater und Sohn ritten heim nach Soͤskuldsſtadir und waren 
zu Haufe den Sommer über, und alles war ruhig. Dann be: 
gann man ſich zum Feſt in Hösfuldsftadir zu ruͤſten und 
ſparte nicht, denn Mittel waren zur Genuͤge vorhanden. Die 
Seftgäfte kamen zum beſtimmten Tage; es waren die Leute 
aus dem Borgarfjord in großer Anzahl zur Stelle. Da war 
Egil und fein Sohn Thorftein.? Die Braut war mit ihnen ge⸗ 
kommen und ausgewähltes Gefolge aus ihrer Gegend. Zoͤs kuld 
hatte auch vorher viele Gaͤſte zuſammengebracht. Dieſes Seſt 
war uͤberaus praͤchtig; die Gaͤſte wurden mit Geſchenken ent⸗ 
laſſen. Olaf ſchenkte da dem Egil das Schwert Myrkjartans⸗ 
Kleinod, und Egil machte ſehr freudige Augen bei dieſer Gabe. 
Sonſt ging da nichts beſonderes vor, die Leute machten ſich auf 
den Heimweg. 


24. Olaf baut den Hof Sjardarholt 


laf und Thorgerd waren nun in Soͤskuldsſtadir und 
faßten große Liebe zu einander. Leicht war es zu er⸗ 


1 Sormelhafte Wendung. ? Thorſtein und Jofrid (eine Enkelin des Olaf 
Seilan, ſ. oben Kap. 7) find die Eltern der ſchoͤnen Helga (Gunnlaugsſaga). 


6 Meißner, Lachstalſaga 81 


kennen für jedermann, daß fie eine Frau von großartigen 
Weſen war. In alltägliche Dinge miſchte fie ſich wenig ein, 
aber das mußte geſchehen, was Thorgerd wollte, wenn fie 
ſich einmal fuͤr etwas eingeſetzt hatte. Olaf und Thorgerd 
waren abwechſelnd dieſen Winter über in Zoͤskuldsſtadir und 
bei Olafs Pflegevater. Im Fruͤhling übernahm Olaf die Wirt⸗ 
ſchaft in Goddaſtadir. Im Sommer fiel Thord Goddi in eine 
Krankheit, die zum Tode fuͤhrte. Olaf ließ uͤber dem Toten 
einen Hügel aufwerfen auf der Landzunge, die in den Lachs» 
fluß hineingeht und Drafnarnes heißt. Dabei iſt eine Ein⸗ 
hegung, die nach dem Hügel benannt ift!. 

Nun ſammelten ſich Leute unter Olafs Schutzherrſchaft und 
er wurde ein großer Häuptling. Zoͤskuld mißgoͤnnte ihm das 
durchaus nicht, er war immer dafuͤr, daß Olaf bei allen wich⸗ 
tigen Streitfragen angerufen wurde. Die Wirtſchaft, die Olaf 
hatte, war die bedeutendſte im Lachswaſſertal. Zwei Brüder 
waren bei Olaf, die beide An hießen; einer wurde genannt An 
der Weiße, der andre An der Schwarze. Ein dritter Mann hieß 
Beinir der Starke. Das waren Olafs Zandwerksleute, alle 
drei tapfere Maͤnner. Thorgerd und Olaf hatten eine Tochter, 
die Thurid hieß. 

Die Ländereien, die Hrapp gehabt hatte, lagen wuͤſt, wie oben 
geſchrieben iſt. Olaf ſchienen ſie guͤnſtig gelegen zu ſein; er 
ſchlug es einmal feinem Vater vor, daß fie Leute zu Thorkel 
Zipfel? mit der Mitteilung ſchicken wollten, daß Olaf ihm das 
Land von grappsſtadir und die anderen dazu gehörenden 
Grundſtuͤcke abkaufen wolle. Das Geſchaͤft war leicht erledigt, 
der Kauf wurde abgeſchloſſen, denn Thorkel hielt dafuͤr, daß 
eine Kraͤhe in der Hand ihm mehr wert fei als zwei im Walde. 
Sie machten ihren Zandel ſo, daß Olaf drei Mark Silber fuͤr 
das Land zahlen ſollte. Aber die Vorteile dabei ſtanden nicht 
gleich, denn es waren weite und ſchoͤne und ſehr gewinn⸗ 
bringende Ländereien; gute Lachsfifchereien und Seehunds⸗ 
plaͤtze gehörten dazu; auch waren da große Wälder. 

Etwas talaufwaͤrts von Zoͤskuldsſtadir, aber noͤrdlich vom 
Cachswaſſer, war eine Rodung in den Wald geſchlagen, und 
1 Der Grabhügel wird noch jetzt gezeigt. ? Vgl. Kap. 18 (S. 61). 


82 


man konnte ſich ziemlich darauf verlaſſen, daß Olafs Vieh ſich 
dort ſammelte,! mochte die Witterung gut oder ſchlecht fein. 
Es war in einem Zerbſte, daß in der ſelben Lichtung Olaf einen 
Zof bauen ließ aus den Staͤmmen, die dort im Walde ge⸗ 
ſchlagen waren;? ein Teil kam auch vom Treibholz ſtrande. 
Dieſer Zof war anſehnlich. Die Gebaͤude ſtanden den Winter 
über leer. Im Sruͤhling darauf wollte Olaf dort einziehen und 
ließ vorher fein Vieh zuſammentreiben, das war eine große 
Maſſe geworden, denn keiner am Breidifjord war damals 
reicher an Vieh. 

Olaf ſandte nun zu ſeinem Vater mit der Bitte, daß er draußen 
ſtehen und ſich den Zug anſehen ſolle, wenn Olaf in dieſen 
neuen Hof einziehen würde, und daß er ſegnende Worte aus⸗ 
ſpraͤche. Zoͤskuld ſagte, das ſolle fo geſchehen. Olaf ordnete nun 
alles an, er ließ zuerft das Schafvieh treiben, das am ſcheuſten 
war; dahinter kam das Milchvieh. Darnach wurde das Gelt⸗ 
vieh getrieben; zum Schluß kamen die Packpferde. Die Leute 
waren ſo in dem Juge verteilt, daß im Marſch kein Zaken ge⸗ 
ſchlagen wurde. Die Spitze des Juges war an dem neuen 
Zofe im gleichen Augenblick angekommen, da Olaf aus dem 
Zofe von Goddaſtadir abritt,? und im Zuge war nirgends eine 
Cuͤcke. 

Zoͤskuld ſtand draußen mit den Leuten feines Hofes. Da ſprach 
Zoͤskuld, fein Sohn Olaf ſolle willkommen fein und gute Zeit 
haben auf dieſer neuen Wohnſtaͤtte, „und ſo ſagt mir meine 
Ahnung, es wird geſchehen, daß ſein Name lange fortleben 
wird.” Jorunn, feine Frau fagte: „Dieſer Magdsſohn hat ſchon 
Reichtum genug dazu, daß fein Name fortleben wird.“ 
Gerade, als die Knechte die Laften von den Packpferden abge⸗ 
laden hatten, ritt Olaf in den Hof. Da nahm er fo das Wort: 
„Nun ſoll den Maͤnnern die Neugierde geſtillt werden, wie 
diefer Hof heißen wird, worüber den ganzen Winter hindurch 


1 Diefe Bemerkung begründet die wahl des Namens für den Hof, den Olaf 
dort anlegt. Sonderbar iſt, daß hier nicht das Bauholz erwähnt wird, 
das Olaf von König Harald erhalten hatte. Daß der islaͤndiſche, wald Bau: 
holz geliefert habe, iſt ſagenhafte Ausſchmuͤckung. Der Zug müßte bar: 
nach etwa fünf Kilometer lang geweſen fein! 


6* 83 


geredet worden iſt. Er fol heißen: im Zjardarholt.“! Diefer 
Name ſchien den Leuten gut erfunden nach dem, was da vor⸗ 
gegangen war. 

Olaf richtete nun die Wirtſchaft ein in Zjardarholt. Der Hof 
war bald in praͤchtigem Stande; da fehlte es an nichts. Nun 
ſtieg Olafs Anſehen ſehr. Dazu trug mancherlei bei; Olaf war 
vor allen andern beliebt, denn, wenn er ſich darauf einließ, et⸗ 
was zu entſcheiden in Streitſachen der Maͤnner, ſo war jeder 
wohl zufrieden mit ſeinem Teil. Sein Vater unterſtuͤtzte ihn 
kraͤftig in ſeiner Stellung. Olaf empfing auch eine große Staͤr⸗ 
kung durch ſeine Verbindung mit den Myrarmaͤnnern. Olaf 
galt als der maͤchtigſte unter den Söhnen 3oͤskulds. 

Im erſten Winter, den Olaf in Sjardarholt zubrachte, hatte 
er viele Zausleute und Arbeiter; die ganze Arbeit war ver⸗ 
teilt unter den Knechten; einer hatte für das Geltvieh, ein ande⸗ 
rer fuͤr die Milchkuͤhe zu ſorgen. Der Ochſenſtall lag abſeits 
im Walde, ziemlich entfernt vom Hofe. Eines Abends kam der 
Mann zu Olaf, der das Geltvieh zu beſorgen hatte, und bat 
ihn, einen andern Mann für die VDiehwartung zu beſtimmen, 
„ich moͤchte gern eine andere Arbeit haben.“ Olaf antwortete: 
„Ich will, daß du deine Arbeit behaͤltſt wie bisher.“ Der Mann 
ſagte, dann wolle er lieber fort. „Da muß etwas nicht in Ord⸗ 
nung fein,“ ſagte Olaf, „ich will heute abend mit dir gehen, 
wenn du das vieh im Stall anbindeſt, und wenn ich da etwas 
finde, das dich entſchuldigt, will ich nichts weiter ſagen, andern⸗ 
falls wirſt du deinen gebuͤhrenden Teil ſchon bekommen.“ Olaf 
nahm ſeinen mit Gold eingelegten Speer in die Zand, das 
Köͤnigskleinod; er ging nun aus dem Haufe und der Knecht 
mit ihm. Es lag etwas Schnee auf der Erde. Sie kamen zum 
Stall, der ſtand offen; Olaf ſagte, daß der Knecht hineingehen 
ſolle: „Ich werde dir die Kinder zutreiben, und du bindeſt ſie 
dann an.“ Der Knecht ging auf die Stalltuͤr zu. Aber ehe Olaf 
ſichs verſah, kam der Knecht zuruͤck ihm in die Arme ge⸗ 
laufen. Olaf fragte ihn, was ihn ſo erſchreckt habe. Er ant⸗ 
wortete: „Hrapp ſteht in der Stalltuͤr und wollte nach mir 
langen, und ich habe die Ringerei mit ihm ſatt.“ Olaf trat nun 
Auf der Heerdenyalde, vgl. S. 83, Anm. I. 


84 


zur Tür und ftieß mit dem Speer nach ihm. Zrapp griff mit 
beiden Händen um die Tülle der Spige und drehte fie zur 
Seite, fo daß gleich der Schaft zerbrach. Olaf wollte da auf 
Hrapp zuſtuͤrzen, aber Zrapp verſank dort, wo er ſtand. So 
trennten fie ſich: Olaf hatte den Schaft und Hrapp die Spitze. 
Darauf band Olaf mit dem Knecht die Rinder feſt, und fie 
gingen dann heim. Olaf ſagte zu dem Knecht, er würde ihm 
keine Vorwuͤrfe mehr machen für feine Worte. Am naͤchſten 
Morgen ritt Olaf aus dem Zofe nach der Stelle, wo Zrapp 
unter einem Steinhaufen beigeſetzt war und ließ dort nach⸗ 
graben. Zrapp war da noch unverweſt. Dort fand Olaf auch 
ſeine Speerſpitze. Darauf ließ er einen Scheiterhaufen er⸗ 
richten, Zrapp wurde verbrannt und feine Aſche ins Meer 
hinausgeſchafft. Von da ab kam es nicht mehr vor, daß jeman⸗ 
dem durch Widergaͤngerei von Hrapp ein Leid geſchah. 


25. Streit zwiſchen Hrut und Soͤskuld. 


Bolli, der Sohn Thorleiks, wird geboren 
un ſoll von Zoͤskulds Söhnen erzählt werden. Thorleik, 
Zoͤskulds Sohn, war ein großer Seefahrer geweſen und 

hatte auf feinen Zandelsfahrten bei vornehmen Leuten Auf: 

enthalt gefunden, ehe er einen Hof uͤbernahm, und galt als 
hervorragender Mann; er war auch auf Wikingfahrt geweſen 
und man ruͤhmte die Tapferkeit, die er dabei bewieſen hatte. 

Bard, Zoͤskulds Sohn, war auch Seefahrer geweſen und hoch⸗ 

geſchaͤtzt, wohin er kam, denn er war der beſte Geſell und mild in 

allen Dingen. Bard verheiratete ſich und nahm eine Frau vom 

Breidifjord, die Aſtrid hieß; fie war aus guter Samilie. Ein 

Sohn des Bard hieß Thorarin, eine Tochter Gudny; fie ver: 

heiratete ſich mit Hall, dem Sohne des Totſchlag⸗Styr,! von 

ihnen ſtammt eine lange Geſchlechterreihe. 

Zrut, Zerjolfs Sohn, gab einem feiner Knechte die Freiheit, 

der Zrolf hieß, dazu einiges Gut und eine Zofſtelle an der 

Grenze gegen Zoͤskulds Land hin, und zwar ging die Mark⸗ 

ſcheide ſo nahe voruͤber, daß die Hrutleute ſich verſehen und 

den Freigelaſſenen auf das Land Hösfulds geſetzt hatten. Er 

1 Vgl. S. 29, Anm. 2. 


85 


erwarb ſich da bald ein Vermögen. Dem Zoͤskuld gefiel das ſehr 
wenig, daß Zrut ihm den Freigelaſſenen vor die Naſe geſetzt 
hatte, er verlangte, daß ihm der Freigelaſſene den Grund be⸗ 
zahle, auf dem er wohne — „denn das iſt mein Eigentum.“ 
Der Freigelaſſene kam zu Brut und berichtete ihm, was Soͤs⸗ 
kuld mit ihm geſprochen hatte. Zrut befahl ihm, ſich nicht dar⸗ 
um zu kuͤmmern und Hösfuld nichts zu bezahlen; „ich weiß 
nicht,“ ſagte er, „wem von uns beiden dieſes Land gehoͤrt.“ 
Der Freigelaſſene kehrte nun heim und ſaß auf feinem Hofe 
gerade ſo wie zuvor. 

Bald darauf zog Thorleik, Zoͤskulds Sohn, mit Juſtimmung 
feines Vaters auf den Hof des Sreigelafienen mit einigen 
Leuten; fie nahmen ihn gefangen und töteten ihn, aber Thor⸗ 
leik eignete ſich das ganze Dermögen an und feinem Vater, das 
der Sreigelaffene ſich erworben hatte. Das erfuhr Hrut und 
war uͤbel damit zufrieden, ebenſo ſeine Soͤhne. Sie waren 
zum großen Teil völlig erwachſen, und dieſe Samilientruppe 
ſchien unangreifbar. Hrut ſuchte feftzuftellen, wie von Rechts⸗ 
wegen dieſe Streitſache ablaufen muͤßte. Als ſie aber von 
den Kechtskundigen unterſucht wurde, fiel die Entſcheidung 
nicht zugunſten der Partei Hruts aus; die Männer legten 
großes Gewicht darauf, daß der Freigelaſſene von Hrut auf 
Zoͤskulds Land ohne deſſen Erlaubnis angeſiedelt war und ſich 
dort Dermögen erworben hatte. Thorleik hatte ihn auf feinem 
und feines Vaters Grund getötet. Hrut war wenig mit dem 
Ausgang zufrieden, aber es blieb ſo, wie es war. Darauf ließ 
Thorleik auf dem Grenzgebiet zwiſchen Hruts und Hösfulds 
Land einen Hof bauen, der heißt Rambsnes. Da wohnte Thor: 
leik eine Zeitlang, wie vorher erzählt wurde.! Thorleik bekam 
einen Sohn von ſeiner Frau. Der Knabe wurde mit Waſſer 
benetzt und erhielt einen Namen: er wurde Bolli genannt; er 
war bald ein wunderſchoͤnes Kind. 


26. goͤskuld ſtirbt 
oͤs kuld, der Sohn des Roll von den Tälern, wurde krank 
in ſeinen alten Tagen. Er ſandte nach ſeinen Soͤhnen und 


1 Dal. Rap. 20 zu Anfang. Da wohnt Thorleik ſchon auf dem Hofe Kambs⸗ 


86 


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andern Verwandten. Und als fie gekommen waren, ſprach 
Zoͤskuld zu den beiden Brüdern Bard und Thorleik: „Ich 
fuͤhle eine gewiſſe Beſchwerde in mir; ich war immer frei von 
irgend welchen Anfaͤllen;! daher glaube ich, daß dieſe Krank⸗ 
heit mir den Tod bringen wird. Nun ſteht es ſo, wie euch beiden 
bekannt iſt, daß ihr zwei meine ehelichen Soͤhne ſeit und auf 
das geſamte Erbe nach meinem Tode Anſpruch habt; aber da 
iſt noch mein dritter Sohn, der nicht in der Ehe geboren iſt. Nun 
will ich euch zwei Bruͤder bitten, daß Olaf zum Erbe zu⸗ 
gelaſſen werde und den dritten Teil des Gutes neben euch 
bekomme.“ Bard antwortete zuerft und ſagte, daß er tun wolle, 
was der Vater wuͤnſche: „Denn ich erwarte mir Ehre von Olaf 
in jeder Beziehung, um fo mehr, je reicher an Gut er ift.” Da 
ſprach Thorleik: „Das iſt ganz und gar nicht meine Meinung, 
daß Olaf fuͤr erbberechtigt erklaͤrt werde; Olaf hat ſchon Gut 
genug; du haſt, Vater, dafuͤr ſchon viel von dem deinen hin⸗ 
gegeben und feit langer Zeit uns, die andern Brüder, ſehr 
zuruͤckgeſetzt; ich werde gutwillig die Ehre nicht aufgeben, zu 
der ich geboren bin.“ Hoͤskuld ſprach. „Nicht werdet ihr beide 
mir das geſetzliche Recht verwehren wollen, daß ich zwoͤlf Öre? 
einem Sohne gebe, der muͤtterlicherſeits fo vornehmer Abkunft 
iſt wie Olaf.“ Thorleik war damit einverftanden. Darauf ließ 
Zoͤskuld den Goldring Zakon⸗ Kleinod holen — er war eine 
Mark ſchwer — und das Schwert, das Kleinod desſelben 
Königs, das auf eine halbe Mark Goldes zu ſtehen kam, und 
ſchenkte beides ſeinem Sohne Olaf zum Erbe, zugleich mit 
ſeinem guten Gluͤck und dem ſeiner Vorfahren; er ſage das 
nicht, als ob es ihm unbekannt waͤre, daß das Gluͤck ſchon 
bei Olaf eingekehrt ſei. 

Olaf nahm die Kleinode und ſagte, er wolle es darauf an⸗ 
kommen laſſen, wie Thorleik ſich damit abfinde. Der war un⸗ 
zufrieden und meinte, daß Zoͤskuld hinterliſtig gegen ihn 


nes, der hier erſt nach dem Zwift mit Hrut angelegt wird. Im Kap. 19 da⸗ 
gegen wird erzählt, daß Frut den Hof Kambsnes gebaut habe. 

1 Typiſche Wendung, vgl. S. 57, 1. 2 Soͤskuld benutzt liſtig die Einwilli⸗ 
gung Thorleiks und berechnet das Erbteil Olafs auf zwoͤlf Öre Gold, d. h. 
mindeſtens auf das achtfache. ° Vgl. S. 46 (die Mark hat acht re). 


87 


verfahren ſei. Olaf erwiderte: „Ich werde die Kleinode nicht 
hergeben, Thorleik, denn du haft vor Zeugen eine ſolche Be⸗ 
gabung zugelaſſen. Ich werde es alſo darauf ankommen laſſen, 
ob ich das Gut feſthalten kann.“ Bard ſagte, er wolle ſich mit 
dem Willen feines Vaters einverftanden erklaͤren. Darauf ſtarb 
Zoͤskuld. Das ſchien ein großer Verluſt, zuerſt vor allem für 
feine Söhne und alle feine Verwandten und Freunde. Seine 
Soͤhne ließen einen wuͤrdigen Grabhuͤgel uͤber ihm aufwerfen. 
Nur wenig Gut wurde ihm in den Hügel mitgegeben. Und als 
das beſorgt war, begannen ſich die Bruͤder daruͤber zu be⸗ 
ſprechen, daß fie Vorbereitungen für ein Erbmahl zum Andenken 
ihres Vaters treffen wollten, denn ſo war es der Brauch in 
jener Zeit. Da ſprach Olaf: „Mir ſcheint es, daß wir nicht fo 
ſchnell dieſe Bewirtung veranſtalten koͤnnen, wenn ſie ſo wuͤr⸗ 
dig werden ſoll, wie wir es für geziemend halten; der Zerbſt 
iſt nun ſchon weit vorgeſchritten, daher iſt es nicht leicht, alles 
Notwendige anzuſchaffen. Es wird auch den meiſten Maͤnnern, 
die von weit herkommen muͤßten, unbequem fallen in den Herbſt⸗ 
tagen; und es ſteht ſicher zu erwarten, daß viele ſich nicht ein⸗ 
finden werden, deren Kommen wir gerade beſonders wuͤnſchen 
wuͤrden. Ich will mich vielmehr dazu bereit erklaͤren, naͤchſten 
Sommer beim Thing den Maͤnnern dieſe Einladung anzu⸗ 
ſagen. Ich werde den dritten Teil der Koſten zur Bewirtung 
beiſteuern.“ Dem ſtimmten die Brüder zu und Olaf kehrte nun 
heim. 

Thorleik und Bard teilten das Erbe unter ſich. Bard bekam 
den väterlichen Hof, dazu rieten die meiſten Maͤnner, weil 
er der Beliebtere war. Thorleik bekam mehr bewegliches 
Gut. Die Bruͤder Olaf und Bard ſtanden gut miteinander, 
aber zwiſchen Olaf und Thorleik war ein ziemlich feind ſeliges 
Verhaͤltnis. Nun ging der Winter hin und der Sommer kam 
und die Jeit des Things ruͤckte heran. Die Soͤskuldsſoͤhne 
machten ſich nun auf zum Thing. Bald zeigte ſich klar, daß 
Olaf weit uͤber die Bruͤder angeſehen ſein wuͤrde. Und als ſie 
zum Thinge gekommen waren, zelteten ſie ihre Bude auf und 
richteten alles ſchoͤn und vornehm ein. 


88 


27. Olaf erbietet ſich, Bolli, den Sohn 


Thorleiks, zu erziehen 

ines Tages, wird erzaͤhlt, als die Maͤnner zum Geſetz⸗ 
felfen gingen, da ſtand Olaf auf, bat um Ruhe für ſich 
und zeigte zuerſt den Maͤnnern den Heimgang feines Vaters 
an: „gier ſind nun viele Maͤnner, die ſeine Verwandten oder 
Freunde waren. Es iſt der Wille meiner Brüder, daß ich euch 
zum Erbmahl einlade, dem Andenken Zoͤskulds, unferes 
Vaters, zu Ehren, zunaͤchſt alle Boden, denn die meiſten vor⸗ 
nehmeren Maͤnner ſind wohl verwandtſchaftlich irgendwie mit 
ihm verknuͤpft geweſen; ich ſoll auch erklaͤren, daß keiner von 
den anſehnlicheren Maͤnnern ohne Geſchenk von uns gehen 
wird. Ferner wollen wir die Bonden einladen und jeden, der 
es annehmen will, reiche und arme; man ſoll ſich zu einer vier⸗ 
zehntaͤgigen Bewirtung in Zoͤskuldsſtadir einfinden, wenn es 
zehn Wochen bis Winteranfang ſind.“ 

Und als Olaf feine Rede geſchloſſen hatte, da folgte lauter 
Beifall, man fand dieſes Gebot uͤberaus großartig. Und als 
Olaf in die Thingbude zuruͤckgekehrt war, erzaͤhlte er ſeinen 
Bruͤdern, was er angeſagt hatte. Sie waren wenig erbaut da⸗ 
von und meinten, die Sache ſei uͤbertrieben. 

Nach dem Thing ritten die Brüder nach Haufe. Der Som: 
mer ging nun hin. Die Brüder ruͤſteten ſich zu der Be⸗ 
wirtung; Olaf gab uͤber ſein Drittel hinaus ohne zu kargen, 
und fuͤr die Bewirtung wurde die beſte Fuͤrſorge getroffen; 
große Vorräte wurden angeſchafft für dieſe Bewirtung, 
denn man nahm an, daß eine Maſſe Gaͤſte kommen wuͤrden. 
Und als der Tag da war, erzaͤhlt man, waren die meiſten 
vornehmen Maͤnner gekommen, die zugeſagt hatten. Es war 
da eine ſo große Menge, daß nach allgemeiner uͤberliefe⸗ 
rung nichts an neunhundert fehlte. Dies iſt die zweitgrößte 
Bewirtung in Island geweſen, die erſte war, als die Söhne 
des Hjalti nach dem Tode ihres Vaters das Erbmahl hielten; da 
waren zwoͤlfhundert.! Die Bewirtung bei den Zoͤskulds ſoͤhnen 


1 Hjalti nahm Land an der Oſtſeite des Skagafiord (Hjalta⸗Tal). Gemeint 
ſind hier Großhunderte zu 120. 


89 


war in jeder Beziehung ganz großartig, und die Brüder hatten 
große Ehre davon; Olaf aber erfchien durchaus als der Erſte 
unter ihnen. Olaf hielt ſich in den Geſchenken gleich mit den 
beiden Bruͤdern zuſammengenommen; es bekamen aber alle 
Vornehmeren Gaben. 

Und als die meiſten Gaͤſte ſich auf den Weg gemacht hatten, 
ſuchte Olaf eine Ge legenheit, mit feinem Bruder Thorleif zu 
ſprechen und ſagte: „So liegt es, Bruder, wie du weißt, daß 
zwiſchen uns kein beſonderes Verhaͤltnis geweſen iſt. Nun 
moͤchte ich vorſchlagen, daß wir uns von nun an etwas bruͤ⸗ 
derlicher mit einander ſtellen. Ich weiß, du biſt unzufrieden 
damit, daß ich die Kleinode nahm, die mir mein Vater an 
ſeinem Todestage gegeben hat. Wenn du nun glaubſt, hier⸗ 
durch benachteiligt zu ſein, ſo will ich um deiner guten Mei⸗ 
nung willen es uͤbernehmen, deinen Sohn aufzuziehen, denn 
immer hat der fuͤr den geringeren Mann gegolten, der einem 
andern ein Kind aufzieht.“ Thorleik nahm das wohl auf und 
ſagte, das ſei ein ehrenvolles Anerbieten, wie es auch wirk⸗ 
lich war. Olaf nahm nun Bolli mit ſich, den Sohn Thor⸗ 
leiks. Er war damals drei Winter alt. Sie ſchieden nun in 
groͤßter Herzlichkeit voneinander und Bolli folgte Olaf nach 
Zjardarholt. Thorgerd nahm ihn freundlich auf, Bolli wurde 
dort aufgezogen, und Olaf und Thorgerd hatten ihn nicht 
weniger lieb als ihre eignen Kinder. 


28. Olafs Rinder 

Ou und Thorgerd hatten einen Sohn; der Knabe wurde 

mit Waſſer benetzt und ihm ein Name gegeben; Olaf 
ließ ihn Rjartan nennen nach Myrkjartan, feinem Muttervater. 
Bolli und Kjartan waren faſt gleichalt. Sie bekamen dann noch 
mehrere Kinder. Steinthor hieß ein Sohn, dann Halldor, Helgi. 
und Hösßuld hieß der jüngfte Sohn Olafs. Bergthora hieß eine 
Tochter Olafs und der Thorgerd, und Thorbjörg eine zweite. 
Alle ihre Kinder waren vielver ſprechend als fie aufwuchſen. 
In dieſer Zeit wohnte Holmgang: Berfi! im Saurbò auf dem 


ı Zweitampfs:Berfi, der Schweſterſohn des Hos kuld (Ray. 9) iſt bekannt aus 
der Kormaksſaga. 


90 


Zofe, der Tunga heißt. Er reiſte zu Olaf und erbot ſich, feinen 
Sohn Zalldor aufzuziehen. Das nahm Olaf an, und Berſi 
brachte Halldor mit ſich heim; er war damals einen Winter alt. 
Im Sommer wurde Berſi krank und lag lange danieder waͤh⸗ 
rend dieſer Jeit. Eines Tages, wird erzaͤhlt, waren die Leute 
beim geumachen in Tunga, aber die beiden im Haufe zuruͤck⸗ 
geblieben, Haldor und Berſi; Halldor lag in der Wiege. Da 
fiel die Wiege um mit dem Knaben und er aus der Wiege auf 
den Boden. Berſi war da nicht imſtande, zu ihm hinzugehen. 
Da ſprach Berſi folgende Verſe: 
Da liegen wir beide 
mit lahmen Gliedern, 
Zalldor und ich, 
hilflos beide. 
Mich zwingen die Jahre, 
zu jung biſt du. 
Bei dir wirds beſſer, 
bei Berſi nimmer. 
Dann kamen Leute und hoben Zalldor auf vom Fußboden, 
Berſi aber erholte ſich. Halldor wurde dort aufgezogen und war 
groß und kuͤhn. 
Kjartan, Olafs Sohn, wuchs daheim auf in Zjardarholt. Er 
war der ſchoͤnſte aller Männer, die in Island geboren find. 
Er hatte große Züge und dabei ein wohlgeformtes Geſicht, die 
aller ſchoͤnſten Augen, helle Geſichtsfarbe; fein Haar war voll 
und ſchoͤn wie Seide, es fiel in Locken herab, er war groß und 
kraͤftig, fo wie fein Muttervater Egil oder Thorolf! geweſen 
waren. Kjartan war mehr als jeder andere zur Vollkommenheit 
entwickelt, ſo daß alle ihn bewunderten, die ihn ſahen. Er war 
auch ein beſſerer Sechter als die meiſten andern, ſehr geſchickt 
und der beſte Schwimmer. In allen Fertigkeiten übertraf er 
die andern bei weitem; er war der beſcheidenſte Menſch und ſo 
liebens wuͤrdig, daß jedes Kind ihn gern hatte; er war muntern 
Sinns und freigebig mit feinem Gut. Olaf liebte Kjartan am 
meiſten von allen feinen Kindern. 
Bolli, fein Ziehbruder, war groß an Wuchs; er kam Kjartan 
1 Thorolf, Egils Bruder. 


91 


am naͤchſten in allen Fertigkeiten und an Tuͤchtigkeit; er war 
ſtark und ſchoͤn von Anſehen, ritterlich und ganz wie ein rech⸗ 
ter Kriegsmann, ſehr prächtig in feinem Auftreten. Die bei⸗ 
den Ziehbruͤder hatten ſich ſehr lieb. 

Olaf ſaß nun auf feinem Zofe, während fo eine ganze Reihe 
von Jahren verging. 


29. Olaf holt Bauholz aus Norwegen und 
baut eine große Halle. Vermaͤhlung der 


Thurid mit Geirmund Laͤrm 
ines Srühlings, wird erzählt, erklaͤrte Olaf feiner Frau 
Thorgerd, daß er beabſichtige, nach Norwegen zu reiſen. 
„Ich bitte, daß du unfern Hof und die Rinder huͤteſt.“ Thor: 
gerd erwiderte, ſie ſei gar nicht damit zufrieden, aber Olaf 
ſagte, er beſtehe auf ſeinem Willen. Er kaufte ein Schiff, das 
in Vadil ! im Weſtlande lag. Olaf ſegelte aus im Sommer 
und kam mit feinem Schiff nach Hordland. Dort wohnte ein 
Mann etwas landeinwaͤrts, der Geirmund Laͤrm hieß, ein maͤch⸗ 
tiger und reicher Mann und ein großer Wikinger; ein ſtreit⸗ 
ſuͤchtiger Mann war er, hatte ſich nun aber ruhig gehalten 
und war ein Gefolgsmann Jarl Zakons, des Maͤchtigen;? 
Geirmund kam zum Schiff und machte ſich bald mit Olaf be⸗ 
kannt, denn er hatte von ihm reden hoͤren. Geirmund lud 
Olaf zu ſich ein mit ſoviel Mann, als er mitbringen wolle. 
Das nahm Olaf an und begab ſich zum Gaſtbeſuch mit fünf 
Mann. Olafs Schiffsleute wurden an verſchiedenen Orten 
in Zordland untergebracht. Geirmund bewirtete Olaf gut: 
es war ein ſtattlicher Hof und viele Männer beiſammen; man 
war ſehr vergnuͤgt den Winter uͤber. Als es aber auf 
Wintersende zuging, gab Olaf dem Geirmund Beſcheid über 
ſeine Abſichten, daß er ſich Bauholz beſorgen wolle; er ſagte, 
es kaͤme ihm viel darauf an, gute Hölzer zu bekommen. Geir⸗ 
mund antwortete: Jarl gakon hat den beiten Forſt, und ich 


1 Eine Bucht an der Nordkuͤſte des Breidifjords, jetzt Hagavadall. ? Ein 
Beirmund bringt dem Jarl Hakon die erſte Nachricht von dem Nahen der 
Jomswikinger (Seimskringla, Saga des Olaf Tryggvaſon Kap. 38). Der 
Geir mund der Laxdſ. iſt zu dieſer Zeit ſchon tot. 


92 


weiß beftimmt, daß, wenn du den Jarl aufſuchſt, der Wald 
dir zur Verfuͤgung ſtehen wird; denn der Jarl nimmt Leute 
freundlich auf, die nicht ſo vortreffliche Maͤnner ſind wie du, 
wenn fie an feinen Hof kommen. 

Im Srühjahr machte Olaf fich auf die Reife zum Jarl Hafon; 
der Jarl empfing ihn mit größter Freundlichkeit und lud Olaf 
ein, bei ihm zu bleiben, ſo lange er wolle. Olaf ſagte dem Jarl, 
wie es mit feiner Reife ſtuͤnde, — „ich möchte Euch bitten, Herr, 
uns Euren Sorft freizugeben, damit wir uns Bauholz ſchlagen 
koͤnnen.“ Der Jarl antwortete: „Daran ſoll nichts geſpart wer⸗ 
den, wenn du mit dem Holz, das wir dir ſchenken werden, dein 
Schiff befrachten willſt, denn ich finde, daß nicht alle Tage 
ſolche Maͤnner aus Island uns beſuchen.“ Aber zum Abſchied 
gab ihm der Jarl eine Axt mit in Gold getriebener Arbeit, 
das war ein koſtbares Stuͤck. Sie ſchieden dann voneinander 
in groͤßter Zerzlichkeit. 

Geirmund ordnete heimlich die Verwaltung feiner Landgüter, 
er beabſichtigte zum Sommer nach Island zu reiſen auf dem 
Schiffe Olafs; das hatte er vor jedermann geheim gehalten. 
Olaf erfuhr nichts davon, bis Geirmund ſein Gut auf das 
Schiff Olafs bringen ließ, das war ein großes Vermoͤgen. 
Olaf ſprach: „Du ſollteſt nicht auf meinem Schiffe reiſen, 
wenn ich das vorher gewußt haͤtte, denn ich fuͤrchte, es wird 
Leute auf Island geben, für die es beſſer wäre, wenn fie dich 
nie zu Geſicht bekaͤmen. Doch nun biſt du einmal da mit ſo 
großem Gut, fo daß ich nicht Luft habe, dich wegzujagen wie 
einen hund.“ Geirmund ſagte: „Ich werde nicht zuruͤckbleiben, 
wenn du auch ziemlich hohe Töne anſchlaͤgſt; denn ich habe 
mir nun einmal vorgenommen, auf gut und boͤſe Euer Sahr⸗ 
gaſt zu ſein.“ 

Olaf und ſeine Leute ſtiegen an Bord und gingen in See. Sie 
hatten guten Wind und erreichten den Breidifjord; ſie legten 
dann die Stege an Land in der Lachsflußmuͤndung. Olaf ließ 
das Holz ausladen und brachte das Schiff in dem Schuppen 
unter, den ſein Vater hatte bauen laſſen. Olaf lud Geirmund 
zu ſich zum Aufenthalt ein. 

1 Der Text iſt hier unſicher. 


93 


In diefem Sommer ließ Olaf eine Zerdhalle in Zjardarholt 
bauen, groͤßer und beſſer, als man ſie je geſehen hatte. Es 
waren da beruͤhmte Sagen dargeſtellt an der Wandtaͤfelung 
und ebenfo an der Decken verkleidung; das war alles fo ſchoͤn 
gearbeitet, daß die Salle viel prächtiger erſchien, wenn keine 
Teppiche aufgehaͤngt waren. 

Geirmund kuͤmmerte ſich gewohnlich nicht um andere, war un⸗ 
freundlich gegen die meiſten; er ging immer ſo einher, daß er 
einen roten Scharlachrock trug und darüber einen grauen Pelz⸗ 
mantel, auf dem Kopfe eine Kappe von Baͤrenfell, in der Zand 
ein Schwert; das war eine ſtarke und gute Waffe, der Griff aus 
Walroßzahn; Silber ſchmuck war nicht daran, aber die Klinge 
war ſcharf, an der hielt kein Roft, Dies Schwert nannte er 
Sußbeißer und ließ es nie aus der Zand. 

Geirmund war nicht lange Jeit dort, da faßte er Neigung zu 
Thurid, der Tochter Olafs, und kam bei Olaf mit einem Zei⸗ 
ratsantrage zutage, doch der gab ihm eine Abſage. Darauf 
machte Geirmund der Thorgerd Geſchenke, damit ſie ſeine Wer⸗ 
bung foͤrdern ſollte. Sie nahm die Geſchenke an, denn er bot ihr 
nichts geringes. Dann brachte ſie dieſe Sache vor Olaf zur 
Sprache; ſie ſagte ihm auch, es ſei ihre Meinung, daß ihre Toch⸗ 
ter nicht beſſer verheiratet werden koͤnne: — „denn er iſt einer, 
der ſich vor nichts fuͤrchtet, reich und ſtolzen Sinnes.“ Da ant⸗ 
wortete Olaf: „Ich will in dieſem ebenſowenig wie in anderem 
gegen deinen Willen ſein, doch haͤtte ich Thurid lieber mit einem 
andern Mann verheiratet.“ Thorgerd ging weg, und es ſchien 
ihr, daß ſie ihren Auftrag gut ausgerichtet hatte. Sie ſagte 
nun Geirmund, wie die Sache ſtand. Er dankte ihr fuͤr ihre 
Hilfe und ihr kraͤftiges Eingreifen; Geirmund trug darauf Olaf 
zum zweiten Male ſeine Werbung vor, und nun hatte er keine 
Schwierigkeiten mehr. Darauf verlobte ſich Geirmund mit 
Thurid, und die Hochzeit ſollte gegen Ende des Winters in der 
Zerdhalle gefeiert werden. Bei dieſem Sefte waren ſehr viele 
Menſchen, die Zalle war nun ganz vollendet. An dieſem Feſte 
nahm Ulf, der Sohn des Uggi, teil; er hatte ein Gedicht ge⸗ 
macht auf Olaf, Hösfulds Sohn, und über die Sagen, die in 
der Halle dargeſtellt waren und trug das bei dem Feſte vor. 


94 


Dieſes Gedicht wird die Hausdrapa genannt und iſt gut ge⸗ 
dichtet. Olaf gab ihm reichen Lohn dafür. Er beſchenkte auch 
freigebig alle vornehmen Maͤnner, die zu ihm gekommen waren. 
Nach dieſer Bewirtung ſtand Olaf noch groͤßer da als vor⸗ 
her. 


30. Geirmund verlaͤßt Thurid. Sie raubt 
ihm das Schwert Sußbeißer. Er legt einen 
Fluch auf das Schwert 


as eheliche uſammenleben der beiden, Geirmunds und 

der Thurid, war nicht beſonders gut, und das lag an 
beiden Teilen. Drei Winter war Geirmund bei Olaf, bis er 
Luft bekam, fortzugehen, und zwar erklaͤrte er, daß Thurid 
dableiben ſolle und ebenſo ihre Tochter, die Groa hieß. Das 
Maͤdchen war da ein Jahr alt; aber Geld wollte Geirmund 
nicht hinterlegen. Damit waren Thurid und ihre Mutter 
aͤußerſt unzufrieden und ſie ſagten es Olaf. Olaf aber ſprach 
da: „Wie nun, Thorgerd? iſt nicht der Norweger jetzt ebenſo 
ſtolzen Sinnes wie in jenem Zerbſt, als er dich bat, feine 
Schwieger zu werden?“ Sie erreichten gar nichts bei Olaf, 
denn er war ein Seind alles Streits, er ſagte, das Mädchen 
ſolle nur dableiben, bis es einigermaßen erzogen ſei. Und zum 
Abſchied von Geirmund ſchenkte ihm Olaf das Zandelsſchiff 
mit aller Ausruͤſtung. Geirmund dankte ihm lebhaft und 
ſagte, das ſei eine ganz großartige Gabe. Darauf machte er 
das Schiff klar und ſegelte ab aus der Lachswaſſermuͤndung 
vor einem leichten Nordoſt, und der Wind hoͤrte auf, als ſie 
zu den Inſeln hinausgekommen waren. Er lag bei der Ochſen⸗ 
infel einen halben Monat, ohne Fahrwind zu bekommen. 
In diefer Zeit war Olaf fort vom Zofe und auf feinem Treib⸗ 
holz ſtrand beſchaͤftigt. Da rief feine Tochter Thurid Knechte zu 
ſich und befahl ihnen, ihr zu folgen. Sie hatte auch das Kind 
mit ſich; zehn waren es zuſammen. Sie ließ das Reiſeboot zu 
Waſſer bringen, das Olaf beſaß. Thurid befahl ihnen, den 
Srammsfjord hinaus zu fegeln und zu rudern. Und als fie 
zu den Inſeln gekommen waren, ließ ſie die Jolle aus ſetzen, 
1 Bruchſtuͤcke dieſes Gedichtes find erhalten. 


95 


die zu dem Keifeboor gehörte. Thurid flieg in die Jolle und 
mit ihr zwei Mann, die Juruͤckbleibenden ſollten das Schiff 
hüten, bis fie wiederkaͤme. Sie nahm ihr Mädchen in die 
Arme und befahl den Männern über die Strömung zu rudern, 
bis ſie an Geirmunds Schiff herankaͤmen. Sie holte einen 
Bohrer aus dem Kaſten am Steven und gab ihn dem einen 
Mann in die Zand, er ſollte in das Boot des Seeſchiffes ſteigen 
und das Boot ſo anbohren, daß es leck wuͤrde, wenn man es 
eilig gebrauchen muͤßte. Dann ließ ſie ſich an Land ſetzen und 
hatte ihr Maͤdchen in den Armen. Es war gerade die Zeit des 
Sonnenaufgangs. Sie ging die Laufbrüde entlang auf das 
Schiff. Alle Maͤnner lagen im Schlaf. Sie ging zu dem Schlaf⸗ 
ſack, in dem Geirmund ſchlief. Das Schwert Sußbeißer hing 
neben ihm an einem Krummholz. Thurid ſetzte nun das kleine 
Maͤdchen, die Groa, auf den Schlafſack, hob den Sußbeißer ab 
und nahm ihn mit ſich. Sie ging herab vom Schiff und zu 
ihren Gefaͤhrten. Nun fing das Maͤdchen an zu weinen. Da⸗ 
von erwachte Geirmund und richtete ſich auf und erkannte 
das Kind und dachte ſich gleich, wie das zuſammenhing. Er 
ſpringt auf und will das Schwert an ſich reißen und greift ins 
Leere, wie zu erwarten war. Er tritt an die Reeling und ſieht, 
wie ſie gerade vom Schiff wegrudern. Geirmund ruft ſeine 
Leute auf und heißt fie ins Boot ſpringen und ihnen nach⸗ 
rudern. Das tun ſie, aber ſie ſind nicht weit gekommen, da 
ſehen fie, daß die tiefdunkle See ! zu ihnen hineinſtroͤmt; da 
kehren ſie zum Schiff zuruͤck. 

Nun rief Geirmund Thurid an und bat ſie, umzukehren und 
ihm das Schwert Sußbeißer wiederzugeben. „Und nimm du 
dein Maͤdchen zuruͤck und mit ihm ſoviel Geld, als du willſt.“ 
Thurid fagte: „Wuͤrdeſt du dich lieber dazu verſtehen, als das 
Schwert hingeben?“ Geirmund antwortete: „Viel andres Gut 
noch wuͤrde ich opfern, ehe ich mich entſchließen koͤnnte, das 
Schwert zu miſſen.“ Sie ſprach: „Dann ſollſt du es niemals 
wieder bekommen; du haſt dich in vielem nicht ehrenhaft ge⸗ 
gen mich gehalten; ſo ſoll es nun zwiſchen uns zu Ende ſein.“ 
Da ſprach Geirmund: „Kein Gluͤck wird es dir bringen, 
1 Formelhafte verbindung (‚die See dunkel wie Kohle‘). 


96 


wenn du das Schwert mit dir nimmſt.“ Sie fagte, fie wolle 
es drauf ankommen laſſen. „So möge es ausgeſprochen fein,“ 
ſagte Geirmund, „daß diefes Schwert dem Manne in eurer 
Samilie das Leben nehmen ſoll, deſſen Tod für euch der ſchwerſte 
Verluſt iſt und euch am tiefſten trifft.“ Darauf fuhr Thurid 
heim nach Zjardarholt. Auch Olaf war unterdeſſen nach 
Zauſe gekommen und zeigte ſich wenig zufrieden mit dem, 
was ſie getan hatte, aber es geſchah nichts weiter. Thurid gab 
ihrem Vetter Bolli das Schwert Sußbeißer, denn ihn liebte fie 
nicht minder als ihre Bruͤder; Bolli trug dieſes Schwert ſeit⸗ 
dem immer. 

Nun bekam Geirmund guten Sahrwind. Sie gingen in See 
und kamen im Herbft nach Norwegen. Sie ſegelten in einer 
Nacht auf eine Untiefe vor Stattland, ! Geirmund und alles, 
was auf dem Schiffe war, ertrank, und damit endet die Er⸗ 
zaͤhlung von Geirmund. 


31. Olafs Töchter. Der Stier Harri. 
Olafs Traum 
O laf, Zoͤskulds Sohn, ſaß auf feinem Hof in hohen Ehren, 
wie oben geſchrieben iſt. 


Gudmund hieß ein Mann, der Sohn des Soͤlmund. Er wohnte 
auf Asbjarnarnes? im Vidital im Nordlande. Gudmund war 
ein reicher Mann; er hielt um Thurid an und bekam ſie mit 
großem Gut. Thurid war eine kluge Frau, hohen Sinnes und 
von uͤberragendem Weſen. Ihre Söhne? hießen Hall und Bardi, 
Stein und Steingrim, Gudrun hieß eine Tochter und die zweite 
Oloͤf. 

Thorbjörg, die Tochter Olafs, war ſehr ſchoͤn und kraͤftig; 
man nannte fie Thorbjoͤrg die Starke; fie wurde in den Vatns⸗ 
fiord* im Weſtland mit Asgeir, den Sohn des Knott, ver⸗ 
1 Oft erwaͤhntes vorgebirge an der weſtkuͤſte Norwegens, ſuͤdweſtlich von 
Aaleſund. 2 Asbjarnarnes liegt nicht eigentlich im vidit al, ſondern weft: 
lich des Sees Hop, in den der Sluß des viditals mündet. ? von ihnen han: 
delt ausführlich die Heidarvigaſaga; über Bardi vgl. auch unten Kap. 53 ff. 
* Yatnsfiord, eine Bucht mit gleichnamigem Hof im Innern des Iſaffardar⸗ 
djup (nordweſtl. Island). Thorbjoͤrg rettet in großherziger weiſe Grettir 
aus den Händen der Bauern des Vatnsfjiords (Grettisſaga Kap. 52). 


7 Meißner, Lachstalſaga 97 


heiratet. Er war ein angeſehener Mann. Ihr Sohn war 
Kiartan, deſſen Sohn Thorvald, deſſen Sohn Thord, deſſen 
Sohn Snorri, deſſen Sohn Thorvald.! Das iſt das Geſchlecht 
der Leute vom Vatnsfjord. Später wurde Thorbjoͤrg die Frau 
Vermunds, des Sohnes des Thorgrim.? Ihre Tochter war 
Thorfinna, die mit Thorftein, dem Ruggifohne, vermaͤhlt 
war. | 

Bergthora, die Tochter Olafs, wurde in den Djupafjord! im 
Weſtland verheiratet mit Thorhall dem Goden. Ihr Sohn 
war Kjartan, der Vater des Schmiede⸗Sturla; er war der 
Pflegevater des Thord, des Sohnes des Gils. 

Olaf hatte viele wertvolle Stuͤcke in ſchreitendem Gut. Er be⸗ 
ſaß einen guten Ochſen, der Harri hieß, von apfelgrauer Sarbe, 
größer als ſonſt ein Rind. Er hatte vier Hörner, zwei waren 
groß und ſtanden regelmaͤßig, ein drittes ſtand grad in die 
Höhe und das vierte ſtand ihm aus der Stirn hervor und bog 
ſich herunter vor den Augen; das war fein Eispickel.“ Er 
ſcharrte wie die Pferde. In einem Winter, der ſehr hart fuͤr 
das Vieh war, ging er fort aus Zjardarholt und dorthin ins 
Talgebiet, wo jetzt Harraftadir liegt. Da zog er umher während 
des Winters mit ſechzehn Kindern und ver ſchaffte ihnen allen 
Gras. Im Srühling kam er zuruͤck auf den Weidegrund, wo 
jetzt Harrabol liegt in der Gegend von Hjardarholt. Als arri 
achtzehn Jahr alt war, fiel ihm ſein Eispickel vom Kopfe ab 
und im Zerbſt des ſelben Jahres ließ ihn Olaf ſchlachten. 

In der naͤchſten Nacht traͤumte Olaf, daß eine Frau zu ihm kam, 
die war groß und grimmig. Sie fing an zu ſprechen: „Schläfft 
du?“ Er fagte, er wache. Die Frau ſprach: „Du ſchlaͤfſt, aber 
doch wirſt du alles ſo kommen ſehen, als haͤtteſt du mich 
wachend angehoͤrt. Meinen Sohn haſt du toͤten laſſen und ihn 
mir übel zugerichtet heimgeſchickt, deshalb werde ich es dahin 
bringen, daß du auch einen Sohn in ſeinem Blute ſollſt liegen 
ſehen; und den werde ich dazu auserſehen, von dem ich weiß, 


I Diefer Thorvald, ein Schwiegerſohn des Snorri Sturluſon, wurde 1228 ge: 
toͤtet. Vgl. oben S. 29. Thorkel Kuggi, oben S. 36. An der Korb: 
kuͤſte des Breidifjord. 5 Eigentlich ‚Brunnenwecker, zum Aufhauen des 
eiſes, wenn die Tränkeftellen zugefroren waren. 


98 


daß du ihn am ſchwerſten hingibft.” Darauf verſchwand fie. 
Olaf wachte auf und glaubte noch einen Schimmer von der 
Stau zu ſehen. Olaf machte ſich viele Gedanken über den 
Traum und erzählte ihn feinen Freunden, aber niemand konnte 
ihn ſo deuten, daß es Olaf gefallen haͤtte. Am liebſten hoͤrte 
er die daruͤber reden, die ihm ſagten, es ſei nur ein taͤuſchendes 
Traumgeſpinſt, das ſich da gezeigt habe. 


32. Oſvifr auf Laugar und feine 


Familie 


foifr hieß ein Mann; er war der Sohn des Zelgi, 

des Sohnes des Ottar, des Sohnes des Björn vom 
Oſten, des Sohnes des Ketil Slachnaſe, des Sohnes des Björn 
Buna. Die Mutter des Oſvifr hieß Ylidbjörg, ihre Mutter 
Kadlin, die Tochter des Goͤngu⸗Hrolf!, des Sohnes des Ochſen⸗ 
Thorir; der war ein mächtiger Herfe im Oſten, in Wik, geweſen. 
Er wurde ſo genannt, weil er drei Inſeln und auf jeder achtzig 
Ochſen hatte. Er ſchenkte eine Inſel mitſamt den Ochſen dem 
Bönig Harald, dieſe Gabe war allgemein berühmt. Oſvifr war 
bekannt wegen feiner Klugheit. Er wohnte auf Laugar im 
Saͤlingstal. Der Hof Laugar liegt weſtlich des Saͤlingstal⸗ 
waſſers gegenuͤber von Tunga. Seine Frau hieß Thordis, die 
Tochter des Thjodolf des Kurzen. Oſpak hieß ihr Sohn, der 
zweite Helgi, der dritte Dandrad, der vierte Torrad, der fünfte 
Thorolf. Alle waren ſtreitbare Männer. Oſvifrs Tochter hieß 
Gudrunz ſie war von allen Srauen, die in Island aufgewachſen 
waren, die erſte an Schoͤnheit und Verſtand; vornehm war 
Gudrun, fo daß in jener Zeit neben ihr alles Kinderſpiel zu 
ſein ſchien, womit andere Frauen prunken wollten. Vor allen 
andern Frauen einſichtig war ſie und des Wortes maͤchtig; ſie 
war freigebig. Eine Frau lebte auf Oſvifrs Hofe, die Thor⸗ 
halla hieß und die Geſpraͤchige genannt wurde.: Sie war irgend⸗ 


1 Hrolf, der zu Suß ging, weil kein Roß ihn tragen konnte, iſt der Eroberer 
der Normandie. ? Thorhalla hat ihren Beinamen wohl lediglich daher, weil 
fie durch ihr Geſchwaͤtz die veranlaſſung zum Überfall auf Kjartan gibt (Kap. 
47), daß die Söhne auch geſchwaͤtzig geweſen fein ſollen, iſt nur der müßige 
Einfall eines Schreibers. In der Saga reden fie kein Wort. 


7° 99 


wie mit Oſvifr verwandt. Zwei Söhne hatte fie; der eine hieß 
Odd, der andere Stein. Es waren kraͤftige Männer, recht ein 
Paar ſtarke Steinewaͤlzer für die Wirtſchaft des Oſvifr. Bes 
ſpraͤchig waren ſie auch wie ihre Mutter und nicht beſonders 
beliebt; doch hatten fie eine feſte Stuͤtze an den Söhnen des 
Oſvpifr. 
In Tunga wohnte ein Mann, der Thorarin hieß, der Sohn des 
Thorir Saͤling; er war ein tuͤchtiger Wirt. Thorarin war groß 
und ſtark. Er hatte gutes Land, aber weniger bewegliches Gut. 
Oſvifr wollte Land von ihm kaufen, denn er hatte Mangel da⸗ 
ran und eine Menge Vieh. Es kam dann fo, daß Oſvifr aus 
Thorarins Beſitz das ganze Land kaufte von Gnupuſkoͤrd das 
Tal entlang auf beiden Seiten des Waſſers bis nach Stakkagil; 
das iſt gutes und brauchbares Land. Er richtete da Saͤterwirt⸗ 
ſchaft ein. Immer hatte er großes Geſinde; die Zaushaltung 
war im allerbeſten Stand. 

Im Weſtland, im Saurboͤ, liegt ein Hof Hol. Da wohnten zwei 
Brüder mit ihrem Schwager. Thorkel Huͤndlein und Knut 
waren die Brüder, Männer aus angeſehener Samilie. Ihr 
Schwager, der mit ihnen wirtſchaftete, hieß Thord. Er wurde 
nach ſeiner Mutter bezeichnet und Sohn der Ingunn! genannt. 
Der Vater des Thord war Glum, der Sohn des Geiri. Thord 
war ein ſtattlicher und ruͤſtiger Mann, geſchickt in ſeinem Weſen 
und groß in Prozeß ſachen. Thord hatte die Schweſter Thor: 
kels zur Srau, die Aud hieß; fie war weder ſchoͤn noch gewandt. 
Thord liebte ſie wenig; er hatte es hauptſaͤchlich auf das Geld 
abgeſehen, denn da war ein großes Dermögen beiſammenz ihre 
Wirtſchaft gedieh, ſeit Thord mit hinzugekommen war, ſich 
ihrer anzunehmen. 


33. Der weiſe Geſt deutet die Traͤume der 


Gudrun 
Go, der Sohn des Oddleif, wohnte in Zagi am Barda⸗ 
ſtrand im Weftland.? Er war ein großer Häuptling und 
1 Hach der Mutter, weil er den vater früh verloren hatte (vgl. den Anfang 
von Kap. 57). Der vater war ein berühmter Skalde. Hagi, Hof weſtlich 
der zu Anfang von Kap. 29 erwähnten Bucht vadil, die heute nach Geſts 
Hof Hagavadall heißt. Beft, der Seher, kommt in mehreren erzaͤhlungen vor. 


100 


klugen Verſtandes, er hatte Sehergabe in pielen Dingen, war 
gut befreundet mit allen größeren Männern im Lande, und 
viele ſuchten ihn heim, um ſich Rats zu erholen. Er ritt jeden 
Sommer zum Thing und kehrte regelmäßig in Hol ein. 

Einmal trug es ſich zu, daß Geſt nach dem Thing ritt und · in Hol 
uͤbernachtet hatte. Er brach morgens zeitig auf, denn die Tages⸗ 
ſtrecke war lang. Er gedachte abends in Thykkvaſkog bei feinem. 


Schwager Armod zu fein; dieſer hatte Thorunn, Geſts Schwe 
fter, zur Frau. Ihre Söhne waren Örnolf und Zalldor. Geſt ritt . Er 


an dem Tage von Saurboͤ ſuͤdwaͤrts weiter und kam zur warmen 
Quelle im Saͤlingstal und raſtete da etwas. Gudrun kam zur 
Quelle und begruͤßte ihren Verwandten! Geſt herzlich. Geſt 
nahm ihren Gruß wohl auf, und ſie kamen ins Geſpraͤch mit⸗ 
einander, ſie waren beide klug und wortgewandt. Und als die 
Zeit verging, ſagte Gudrun: „Ich bitte dich, Lieber, daß du 
heute abend zu uns reiteſt mit deiner ganzen Schar; das iſt 
zugleich der Wunſch meines Vaters, wenn er mir auch die 
Ehre goͤnnt, dieſe Einladung zu uͤberbringen, ebenſo bittet er, 
daß du jedesmal bei uns einkehrſt, wenn du von Haufe oder 
nach Zauſe reiteſt.“ Geſt nahm das wohl auf und ſagte, das 
ſei ein großartiges Anerbieten, doch muͤſſe er ſo weit reiten, 
als er ſichs vorgenommen habe. 

Gudrun ſprach: „Viel habe ich zuſammengetraͤumt den letz⸗ 

ten Winter uͤber, doch ſind es vier Traͤume, die mir beſonders 
Gedanken machen; und keiner hat ſie mir ſo gedeutet, daß es 
mich befriedigt haͤtte; aber doch moͤchte ich nicht, daß ſie mir 
nur nach Wunſch und Gefallen gedeutet werden.“ Da ſagte 
Geſt: „Erzähle deine Träume; es wäre möglich, daß wir etwas 
draus machen koͤnnen.“ 
Gudrun ſprach: „Es war mir, als ſtuͤnde ich draußen an einem 
Bach und hätte eine Jakenhaube auf dem Kopfe; die ſchien mir 
nicht zu ſtehen, und ich hatte große Luft, eine andere aufzu ſetzen; 
aber viele redeten mir zu, ich ſolle das nicht tun; doch ich hoͤrte 
nicht darauf und riß mir die Haube vom Kopfe und warf 
T roa, die Schweſter Oddleifs, des Vaters des Geſt, iſt die Urgroßmutter 
der Gudrun. Der Sagaerzaͤhler hat bisher nichts Über die Verwandtſchaft 
geſagt. 


101 


fie in den Bach be. — und laͤnger war dieſer Traum 
nicht.“! a 

Und weiter ſprach Casa: „Das war der Anfang des zweiten 
Traumes, daß ich glaubte an einem See zu ſtehen. So war es 
mir, als ff mir ein Silberring an den Arm gekommen, der mein 
Eigentum war und mir ſehr wohl anſtand; es ſchien mir, als 
ſet das ein koſtbares Kleinod, und ich hoffte, ihn lange zu beſitzen. 


5 And ehe ich mich des mindeſten verſah, da glitt mir der Ring 
boom Arm und in den See, und ich ſah ihn nimmer wieder; 


dieſer Verluſt ſchien mich tiefer zu ſchmerzen, als wenn ich mir 
den Fall vorſtellte, daß ich ein Schmuckſtuͤck verloren haͤtte. 
Darauf erwachte ich.“ Geſt ſagte nur: „Dieſer Traum iſt nicht 
weniger bedeutend.“ 

Weiter ſprach Gudrun: „Mein dritter Traum war, daß es 
mir vorkam, als haͤtte ich einen Goldring am Arm, der mein 
Eigentum war; ich dachte, daß mir mein Verluſt nun erſetzt 
ſei; es kam mir in den Sinn, daß ich mich an dieſem Ring 
vielleicht laͤnger freuen wuͤrde als an dem erſten, aber nicht 
ſchien mir dieſer Schmuck um ſo beſſer anzuſtehen, als Gold 
koſtbarer iſt wie Silber. Dann war es mir, als fiele ich und 
wollte mich mit dem Arm ſtuͤtzen, aber der Goldring ſtieß auf 
einen Stein und ſprang in zwei Stuͤcke, und aus den Stuͤcken 
ſchien mir Blut zu fließen. Ich hatte mehr das Gefuͤhl der 
Trauer als das des Verluſtes; es kam mir da in den Sinn, 
daß ein Sprung an dem Ring geweſen fein koͤnnte; und als ich 
die Bruchſtuͤcke darauf anſah, glaubte ich mehrere Spruͤnge 
zu ſehen, und doch ſchien es mir, als waͤre er heil geblieben, 
wenn ich ihn beſſer gehuͤtet haͤtte, und laͤnger war dieſer Traum 
nicht.“ Geſt ſagte: „Die Traͤume werden nicht geringer.“ 
Und weiter ſprach Gudrun: „Das war mein vierter Traum, 
daß es mir ſchien, als hätte ich einen goldenen Helm auf dem 
Zaupte, der reich mit Edelſteinen beſetzt war. Der koſtbare 
Helm war mein Eigentum, und es quälte mich, daß er mir zu 
ſchwer war, denn ich konnte ihn kaum ertragen und trug den 
Kopf gebeugt, aber ich gab doch dem Helme des halb keine Schuld 
und dachte nicht daran, mich von ihm zu trennen; und doch 
1 Hier iſt eine Bemerkung Geſts ausgefallen. 


102 


ſtuͤrzte er mir vom Haupte hinaus in den Hvammsfjord; und 
darauf erwachte ich. Nun habe ich dir die Traͤume alle erzaͤhlt.“ 
Geſt antwortete: „Klar ſehe ich vor mir, was dieſe Traͤume be⸗ 
deuten, und es wird dir ſehr einfoͤrmig vorkommen, denn ich 
werde ſie alle faſt in derſelben Weiſe auslegen. 

Du wirſt vier Maͤnner haben, und ich fuͤrchte, wenn du dich 
mit dem erſten vermaͤhlſt, daß das keine Neigungsheirat ſein 
wird. Daß es dir fo vorkam, als haͤtteſt du eine große Haube 
auf dem Kopfe, die dir nicht zu ſtehen ſchien, bedeutet, daß du 
ihn wenig lieb haben wirft; und daß du dir die Haube vom 
Kopfe nahmſt und ſie ins Waſſer warfſt, heißt, daß du ihn 
verlaſſen wirſt. Man nennt es ja ins Waſſer geworfen, wenn 
man ſein Eigentum weggibt und nichts dafuͤr bekommt.“ 
Und weiter ſprach Geſt: „Das war dein zweiter Traum, daß 
es dir vorkam, als truͤgeſt du einen Silberring am Arm. Das 
heißt, du wirſt einem andern Manne vermaͤhlt werden, einem 
vortrefflichen; den wirft du ſehr lieb haben und nur kurze Zeit 
dich an ihm freuen; es wird mir nicht unerwartet kommen, 
wenn du ihn durch Ertrinken verlierſt; weiteres habe ich über 
diefen Traum nicht zu fagen. 

Das war dein dritter Traum, daß es dir vorkam, als trügft 
du einen Goldring am Arme. So wirſt du einen dritten 
Mann haben; nicht wird er dir mehr wert fein, wie dir auch 
das ſeltnere und teurere Metall nicht mehr galt.! Und es 
ſagt mir meine Ahnung, daß in dieſer Jeit ein Glaubens⸗ 
wechſel ſein wird, und dein Mann wird einen Glauben an⸗ 
genommen haben, von dem wir fuͤhlen, daß er viel erhabner 
fein wird. Und wenn es dir vorkam, als ſpraͤnge der Ring in 
Stuͤcke, und zwar mit durch dein Verſaͤumen, und als ſaͤheſt 
du aus den Stuͤcken Blut fließen, ſo bedeutet das, daß dein 
Mann erſchlagen wird; dann wirſt du ſelbſt die ſtarken Spruͤnge 
ſehen, die in dieſem Eheband geweſen find.” 

Und weiter ſprach Geſt: „Das war dein vierter Traum, daß 
es dir vorkam, als haͤtteſt du einen Goldhelm auf dem Kopfe, 
einen mit Edelſteinen beſetzten, der dir ſchwer zu tragen war. 


1 Gudrun liebt Bolli nicht mehr als fie den zweiten Mann, Thord, geliebt 
hat, obgleich er (als Chriſt) von edlerem metall iſt als dieſer. 


103 


So wirft du den vierten Mann haben: das wird ein ſehr großer 
Zaͤuptling ſein, ein Mann, der dir etwas den Schreckenshelm 
weiſen wird.! Und daß es dir ſchien, als ſtuͤrzte er hinaus in 
den gvammsfjord, das bedeutet, daß er mit dieſem ſelben Sjord 
Bekanntſchaft machen wird am letzten Tage feines Lebens; 
weiter habe ich über dieſen Traum nichts zu ſagen.“ 
Gudrun war blutrot geworden, waͤhrend die Traͤume gedeutet 
wurden, doch aͤußerte ſie kein Wort, ehe Geſt ſeine Rede be⸗ 
endet hatte. Dann ſagte Gudrun: „Du haͤtteſt beſſere Vor⸗ 
ausſagen in deiner Rede vorbringen konnen, hätte ich dir 
beſſeres an die Hand gegeben. Doch habe Dank dafür, daß du 
die Traͤume gedeutet haſt. Aber ſchwere Gedanken muß man 
ſich machen, wenn dies alles fo eintreffen fol.“ Gudrun lud 
nun Geſt aufs neue ein, daß er ſich einen Tag dort aufhalten 
ſolle, fie ſagte, daß Oſvifr manch kluges Wort mit ihm reden 
wuͤrde. Er antwortete: „Weiterreiten muß ich, wie es beſtimmt 
iſt, aber deinem Vater ſollſt du meinen Gruß bringen, und ſag 
ihm dieſe meine Worte, es werde ſo kommen, daß einſt zwiſchen 
unſer beider Wohnſtaͤtten ein geringerer Abſtand ſein wird; da 
werden wir beide bequem uns unterhalten koͤnne n, wenn es 
uns dann noch erlaubt fein ſollte, miteinander zu ſprechen.“ 
Darauf ging Gudrun heim, aber Geſt ritt weiter und traf an 
der Einhegung der Zauswieſe von Caugar einen Mann von 
Olafs Hofe. Er lud Geſt im Auftrage Olafs nach Zjardarholt 
ein. Geſt ſagte, er wolle Olaf am Tage beſuchen, aber uͤber⸗ 
nachten in Thykkvaſkog. Der Knecht kehrte gleich um und 
ſagte Olaf, was er ausgerichtet hatte. Olaf ließ Pferde holen 
und ritt mit einigen Leuten Geſt entgegen. Geſt und Olaf 
trafen fi im Tal an der Cja. Olaf begrüßte ihn herzlich und 
lud ihn mit ſeiner ganzen Schar zu ſich ein. Geſt dankte ihm 
für die Einladung und fagte, er wolle auf feinen Hof reiten 
und fein gausweſen beſehen, aber übernachten muͤſſe er bei 
Armod. Geſt verweilte da nur einige Jeit und ſah ſich doch 
überall um auf dem Hof und ſprach fein Lob über alles aus; 
er ſagte, es ſei das Geld nicht geſpart für dieſen Hof. Olaf gab 
ihm das Geleit auf den Weg bis zum Cachsfluß. 

1 Findeutung auf den herriſchen Charakter des Thorkel. ? Vgl. Kap. 66. 


104 


Die Ziehbruͤder waren an dem Tage beim Schwimmen gewefen; 
die Olafsſoͤhne waren die Anführer bei dieſem Vergnuͤgen. Viele 
junge Maͤnner von andern Höfen hatten ſich zum Schwimmen 
eingefunden. Kjartan und Bolli waren aus dem Waſſer gekom⸗ 
men, als die Schar auf den Fluß zuritt, und ſchon faſt ganz an⸗ 
gekleidet, als Geſt und Olaf herangeritten kamen. Geſt ſah dieſe 
jungen Männer eine Zeitlang an und fagte dann Olaf, wo Kjar⸗ 
tan ſaß und wo Bolli; darauf wies Geſt mit der Speerſpitze 
auf jeden einzelnen der Olafsſoͤhne und nannte ſie alle, die da 
waren. Es waren dort aber noch viele andere ſehr ſtattliche 
junge Maͤnner, die aus dem Waſſer gekommen waren und auf 
dem Ufer neben Kjartan und feinen Brüdern ſaßen. An dieſen, 
ſagte Geſt, fände er keine Züge von Olafs Geſchlecht. 

Da ſprach Olaf: „Man kann wirklich nicht genug ſagen uͤber die 
Gaben deines Geiſtes, Geſt, wenn du Maͤnner erkennſt, die 
du vorher nie geſehen haſt; nun moͤchte ich noch, daß du mir 
ſagſt, wer von dieſen jungen Maͤnnern der hervorragendſte 
fein wird. Geſt antwortete: „Das wird ſich ganz fo erfüllen, 
wie es deine gerzens liebe begehrt, daß Kjartan der am hoͤchſten 
geprieſene ſein wird, ſo lange er lebt.“ Darauf ſpornte Geſt 
ſein Pferd und ritt davon. 

Und einige Jeit darauf ritt Thord der Kurze, ſein Sohn, an 
ſeine Seite und ſprach: „Was ſoll das bedeuten, lieber Vater, 
daß dir die Tränen herabrinnen? “ Geſt antwortete: „Es bringt 
keinen Nutzen, das zu offenbaren, aber ich begehre doch nicht 
daruͤber zu ſchweigen, was ſich in deinen Tagen ereignen wird; 
nicht wird es mich uͤberraſchen, wenn Bolli Kjartans Haupt 
blutig auf die Erde legt und wenn auch ihm deshalb das Todes⸗ 
los zu teil wird, aber furchtbar iſt es, das vorher zu wiſſen 
bei ſo herrlichen Maͤnnern.“ Darauf ritten ſie zum Thing, und 
es war ruhig auf dem Thinge. 


34. Gudruns erſte Ehe 
horvald hieß ein Mann, der Sohn Zalldors, des Goden 
on Garpstal. Er wohnte auf Garpstal am Gilsfjord, ! 
ein reicher Mann, aber kein beſonderer Held. Er hielt um Bud: 
i Nördlich vom Saurbb o —? 


105 


run, die Tochter des Dfvifr, auf dem Allthing an, als fie fünf: 
zehn Jahre alt war. Dieſer Antrag wurde nicht von der Zand 
gewieſen, doch ſagte ihm Oſvifr, es muͤſſe bei den Bedingun⸗ 
gen zum Ausdruck kommen, daß er Gudrun nicht ebenbuͤrtig 
ſei. Thorvald antwortete nachgiebig, er ſagte, er werbe um die 
Srau, nicht um das Geld. Darauf wurde Gudrun dem Thor⸗ 
vald verlobt, und Oſvifr beſtimmte allein den Zeirats vertrag; 
und es wurde ausgemacht, das Gudrun allein das Vermoͤgen 
verwalten ſolle, ſobald ſie in ein Bett gekommen waͤren, und 
die Hälfte des Ganzen ſolle ihr Eigentum fein, ob nun ihre 
Ehe kuͤrzere oder längere Zeit beſtuͤnde. Serner ſolle er ver⸗ 
pflichtet fein, ihr Schmuck und Frauenſachen zu kaufen, in dem 
Maße, daß keine gleichvermoͤgende Frau beſſer ausgeſtattet 
wäre als fie, doch ſolle er natürlich deshalb den Hof nicht zu⸗ 
grunde richten. Die Leute ritten nun heim vom Thinge. 
Gudrun wurde bei dieſer ganzen Sache nicht gefragt, doch ver⸗ 
hehlte ſie ihr Mißfallen nicht, es blieb aber ruhig. Die Zochzeit 
fandeEnde des Sommers in Garpstal ſtatt. Wenig Neigung hatte 
Gudrun fuͤr Thorvald und war beſchwerlich in der Anſchaffung 
von Frauenſachen. Da gab es keine noch ſo koſtbaren Stuͤcke in 
den Weſtfjorden, daß nicht Gudrun es fuͤr angemeſſen hielt, 
ſie in ihren Beſitz zu bringen, und ſie zeigte ſich feindſelig gegen 
Thorvald, wenn er ſie nicht kaufte, wie viel ſie auch koſten 
mochten. 

Thord, der Sohn der Ingunn, machte ſich vertraut bei Thor⸗ 
vald und Gudrun und war viel bei ihnen. Da gab es großes 
Gerede darüber, daß zwiſchen Thord und Gudrun ein Liebes 
verhaͤltnis beſtehe. 

Es geſchah einmal, daß Gudrun Thorvald um Anſchaffung 
von Srauenfachen anging. Thorvald ſagte, fie wiſſe nicht, was 
Maß ſei und gab ihr einen Backenſtreich. Da ſprach Gudrun: 
„Nun haſt du mir das gegeben, was wir Frauen fuͤr ſehr 
wichtig halten, daß wir es nach Wunſch beſitzen, naͤmlich 
eine gute Geſichtsfarbe, und du haſt mir eine Cehre gegeben, 
dich nicht mehr durch meine Anſpruͤche zu belaͤſtigen.“ Am 
ſelben Abend kam Thord dorthin, Gudrun erzaͤhlte ihm, wie 
ſchmaͤhlich ſie behandelt worden ſei, und fragte ihn, wie ſie 


106 


das vergelten ſolle. Thord laͤchelte und fagte: „Dafür weiß 
ich einen guten Rat. Mach' ihm ein Zemd mit einem Zalsaus⸗ 
ſchnitt, der zur Scheidung genuͤgt, ! und erklaͤre dann aus die⸗ 
ſem Grunde die Scheidung.“ Gudrun antwortete nichts dar⸗ 
auf, und ſie brachen das Geſpraͤch ab. 

Im Fruͤhling darauf erklaͤrte Gudrun, daß ſie ſich von Thor⸗ 
vald ſcheide, und kehrte nach Laugar zuruͤck. Darauf wurde die 
Vermögensteilung zwiſchen Thorvald und Gudrun vorge⸗ 
nommen, und fie bekam die Hälfte des ganzen Vermoͤgens und 
hatte nun mehr als vorher. Zwei Winter waren fie zuſammen 
geweſen. 

In demſelben Fruͤhjahr verkaufte Ingunn ihr Land am Kroks⸗ 
fjord,? wo Ingunnarſtadir liegt, und zog weſtwaͤrts nach 
Skalmarnes.“ Sie war mit Glum, dem Sohne des Geiri, ver⸗ 
heiratet geweſen, wie oben gefchrieben iſt. In dieſer Zeit wohnte 
der Bode Hallftein auf Hallfteinsnes weſtlich von Thorſkafjord.“ 
Er war ein maͤchtiger Mann und von mittlerer Beliebtheit. 


35. Thord ſcheidet ſich von Aud und hei⸗ 
ratet Gudrun. Thord ertrinkt infolge der 


Zauberei des Kotkel 

Run hieß ein Mann, der vor kurzem nach Island aus⸗ 

gewandert war. Grima hieß feine Frau. Ihre Söhne 
waren Zallbjoͤrn Schleifſteinauge und Stigandi. Dieſe Leute 
ſtammten von den Hebriden. Alle waren ſie in geheimen Rünften 
bewandert und die größten Zauberer. Hallftein der Gode nahm 
fie in feinen Schutz und ſiedelte fie in Urdir im Sfalmarfjord® 
an, aber man ſah es nicht gern, daß ſie da wohnten. 
In dieſem Sommer reiſte Geſt zum Thing und fuhr zu Schiff 
nach dem Saurbö, wie er gewöhnlich tat. Er uͤbernachtete auf 


1 So tief, daß man die Bruſtwarzen ſehen konnte, d. h. ein Semd mit dem 
tiefen Halsausſchnitt des Srauenhemdes, vgl. das naͤchſte Kapitel. Kroks⸗ 
fiord, Meeresbucht weſtlich vom Gils ford. Halbinſel an der Kordkuͤſte 
des Breidifjord zwiſchen Stalmarfiord und Kerlingarfſord. Der Thorſka⸗ 
fiord liegt weiter öͤſtlich an derſelben Kuͤſte. Mit dieſem Hallſtein kann nur 
der Sohn des Thorolf von Moſtr gemeint ſein, der oben als Vater des Thor⸗ 
ſtein Surt erwähnt iſt (Kap. 10, vgl. auch S. 33, Anm. 3). Dieſer kann aber 
damals nicht mehr gelebt haben. S. Anm. 3. 


107 


Hol im Saurbd. Die Schwaͤger liehen ihm Pferde, wie gewoͤhn⸗ 
lich. Thord, der Sohn der Ingunn, ſchloß ſich Geſt an und 
kam nach Laugar im Saͤlingstal. Gudrun, die Tochter des 
Oſvifr, ritt zum Thinge, und Thord, der Sohn der Ingunn, 
begleitete ſie. 

Es war eines Tages, als fie über die Blaſkogaheide! ritten 
— das Wetter war ſchoͤn — da ſprach Gudrun: „Iſt das 
wahr, Thord, daß deine Frau Aud immer in Zoſen geht mit 
einem Schlußſtuͤck und mit Wadenſtreifen, die ganz hinunter 
bis zu den Schuhen gewickelt find!“ Er ſagte, er habe das 
nicht bemerkt.? „So ift wohl nicht viel daran,“ ſagte Gud⸗ 
run, „wenn du es nicht bemerkt haſt; aber aus welchem 
Grunde nennt man fie da goſen⸗Aud? / Thord ſprach: „Ich 
vermute, daß ſie noch nicht lange ſo genannt wird.“ Gudrun 
antwortete: „Das mag ſie wohl mehr angehen, daß ſie dieſen 
Namen von jetzt an lange tragen wird.“ 

Nun kamen die Männer zum Thing und es geſchah gar nichts 
beſonderes. Thord machte lange Beſuche in der Thingbude des 
Geſt und unterhielt ſich allezeit mit Gudrun. Eines Tages fragte 
Thord, der Sohn der Ingunn, Gudrun, was einer Frau ge⸗ 
buͤhre, wenn fie immer in Zoſen gehe wie die Männer. Gud⸗ 
run antwortete: „Die gleiche Strafe hat die Frau da ihrer⸗ 
ſeits zu gewaͤrtigen, wie der Mann, der einen ſo großen Zals⸗ 
ausſchnitt trägt, daß man feine entblößten Bruſtwar zen ſehen 
kann, es iſt ein Scheidungsgrund, eines wie das andere.“ 
Da ſprach Thord: „Was raͤtſt du mir: ſoll ich meine Schei- 
dung von Aud hier auf dem Allthing erk laͤren oder daheim in 
meinem Bezirk, wo ich es mit der Juſtimmung anderer tun 
koͤnnte, denn die Maͤnner ſind ſtolzen Sinnes, die ſich durch 
dieſen Schritt beleidigt fühlen werden.“ Gudrun antworteie 


1 Heide bezeichnet im Islaͤndiſchen gewohnlich ein ddes Hochland, beſonders 
wenn es die Waſſerſcheide zwiſchen zwei Talgebieten bildet. Mit Blaſkoga⸗ 
heide (Dunkelwaldheide) iſt hier das Hochland gemeint, das man uͤber⸗ 
ſchreitet, wenn man vom Borgarfiord nach Thingvellir reift. Es iſt ge: 
meint, daß Aud in Hoſen geht und keine Srauenröde trägt (vgl. im gleichen 
Kapitel weiter unten); die Beſchreibung der Maͤnnerhoſe laͤßt aber darauf 
ſchließen, daß die Frauen unter ihren Röden kurze und im Schritt offne 
Hoſen trugen. 


108 


nach einigem Stillſchweigen: „Auf den Abend harrt, wer un⸗ 
kuͤhn iſt.“ ! Da ſprang Thord gleich auf und ging zum Geſetz⸗ 
felſen und rief Zeugen an dafür, daß er feine Scheidung von 
Aud erklaͤre, und gab das als Grund an, daß fie Hofen mit 
einem Schlußſtuͤck truͤge, wie Mannweiber. Den Brüdern der 
Aud gefiel das übel, doch blieb es ruhig. Thord ritt vom 
Thinge mit den Söhnen des Oſvifr. Als aber Aud die Runde 
vernahm, da ſprach ſie: 
Mir iſts lieb, daß ichs weiß, 
alſo verlaſſen bin ich.? 

Darauf ritt Thord zur Vermoͤgensteilung hinuͤber nach dem 
Saurbò mit elf Mann, und das ging ohne Schwierigkeit ab, 
denn Thord ließ es ſich wenig kuͤmmern, wie das Vermoͤgen 
geteilt wurde. Thord trieb viel Zausvieh heruͤber nach Caugar. 
Darauf hielt er um Gudrun an; fein Antrag war Oſvifr 
willkommen, und Gudrun ſprach nicht dagegen. Die Hochzeit 
ſollte in Caugar fein, zehn Wochen vor Winteranfang; diefes 
Seft war ſehr großartig. Das Zufammenleben von Thord und 
Gudrun war gut. Thorkel Huͤndlein und Knut ſtrengten nur 
deshalb keine Klage gegen Thord, den Sohn der Ingunn, an, 
weil ſie nicht die noͤtige Unterſtuͤtzung fanden. 

Im Sommer darauf hatten die Leute von Zol die Saͤter be⸗ 
zogen im Zvammstal. Aud war auf dem Saͤter. Die Leute 
von Eaugar hatten die Saͤter im Lambatal bezogen, das geht 
weſtlich vom Saͤlingstal ins Gebirge hinauf. Aud fragte den 
Mann, der das vieh huͤtete, wie oft er den Zirten von Laugar 
treffe. Er ſagte, das geſchehe taͤglich, wie es ja zu vermuten 
war, denn es war nur ein Rüden zwiſchen den Almen. Da 
ſprach Aud: „Du ſollſt heute mit dem Hirten von Laugar zu⸗ 
ſammenkommen und mir dann Beſcheid geben, wer von den 
Leuten drüben auf dem Hofe und wer auf dem Saͤter iſt, und 
ſprich nur ganz freund ſchaftlich von Thord, fo wie ſichs ge⸗ 
hört.“ Der Hirt ſagte, er wolle es fo ausrichten, wie fie be⸗ 
fohlen habe. Und abends, als der Zirt heim kam, fragte ihn 
Aud, was er neues bringe. Der Hirt antwortete: „Eine Neuig⸗ 


1 Sprichwort mit Stabreim. ? vielleicht ein Zitet aus einem uns unbe: 
kannten Gedicht. 


109 


keit habe ich erfahren, die dir gefallen wird, es iſt nun 
eine breite Diele zwiſchen den Betten des Thord und der Gud⸗ 
run, denn ſie iſt auf dem Saͤter, und er bringt ſich um mit dem 
Bau eines Schlafhauſes, und nur Oſpvifr iſt noch mit ihm auf 
dem gofe.“ „Du haft gut gekundſchaftet,“ ſagte fie, „nun halte 
zwei Pferde geſattelt, wenn die Leute ſchlafen gehn.“ Der 
Hirt tat, wie fie befohlen hatte. 

Und etwas nach Sonnenuntergang ſtieg Aud zu Pferde und 
war da nun wirklich in Hofen, Der Zirt ritt das andre Pferd 
und konnte ihr nur mit Muͤhe folgen, ſo wild jagte ſie vorwaͤrts. 
Sie ritt ſuͤdwaͤrts über die Saͤlingstals heide und hielt nicht eher 
inne als vor dem Hofgehege von Laugar. Da ſtieg fie ab und 
fagte dem girten, er folle auf die Pferde achten, fo lange fie im 
Haus ſei. Aud ging auf die Tür zu, fie war nicht verſchloſſen; 
dann trat fie in das Herdhaus und ging nach der Kammer, in 
der Thord lag und ſchlief. Die Tür war zu, aber kein Riegel vor: 
geſchoben. Sie trat in die Kammer ein, Thord ſchlief und lag auf 
dem Rüden. Da weckte Aud ihn auf, und er wandte ſich nach 
der Seite, als er ſah, daß jemand gekommen war. Sie zuͤckte 
ein Schwert und hieb nach ihm und verſetzte ihm eine ſtarke 
Wunde, ſie traf ſeinen rechten Arm und verletzte ihn an beiden 
Bruſtwarzenz; fie ſchlug fo feſt zu, daß das Schwert im Bett⸗ 
kaſten ſtecken blieb. Darauf ging Aud fort und kam zu ihrem 
Pferde und ſaß auf und ritt dann heim. 

Thord wollte aufſpringen, als er die Wunde empfing, aber er 
konnte nicht, denn der Blutverluſt machte ihn ſchwach. Unter⸗ 
deſſen erwachte Oſvifr und fragte, was denn los ſei. Thord 
ſagte, er habe eine Wunde bekommen. Oſpifr fragte, ob er 
wiſſe, wer ihn uͤberfallen habe, und ſtand auf und verband 
ſeine Wunden. Thord ſagte, er glaube, daß es Aud geweſen 
ſei. Oſvifr erbot ſich, ihr nachzureiten, er ſagte, fie ſei wohl mit 
geringer Begleitung gekommen, und ſo wuͤrde ihr ſchon die 
gebuͤhrende Beſtrafung zuteil werden. Thord antwortete, das 
ſolle keinesfalls geſchehen, er ſagte, ſie habe ſo gehandelt, wie 
ſie handeln mußte. 

Aud kam heim bei Sonnenaufgang und ihre Bruͤder fragten 
fie, wo fie geweſen ſei. Aud ſagte, fie ſei in Laugar geweſen, und 


110 


erzählte ihnen, was ſich zugetragen hatte bei ihrer Fahrt. Sie 
gaben ihre Freude kund darüber und ſagten, es fei nur zu 
wenig geweſen. Thord lag lange an feinen Wunden danieder, 
die Bruſtwunden heilten gut aus, aber ſein Arm war von nun 
an keineswegs beſſer zum Jugreifen geſchickt als fruͤher. Still 
blieb es nun den Winter uͤber. 

Aber im Sruͤhjahr darauf kam Ingunn, Thords Mutter, ber: 
uͤber aus Skalmarnes. Er nahm ſie wohl auf. Sie ſagte, Thord 
muͤſſe ihr Boot ins Schlepptau nehmen, ſie habe ſo viel zu 
leiden an Raub und Zexerei von Kotkel und feiner Frau und 
feinen Söhnen, über denen der Bode YHallftein feine Zand 
halte. Thord gab gleich ihrer Bitte Gehoͤr und ſagte, er würde 
dieſe Diebe zur Rechenfchaft ziehen, und wenn ſich auch Hall: 
ſtein entgegen ſtellen ſollte; er machte ſich ſofort auf den Weg 
mit neun Mann. Ingunn reiſte auch heimwaͤrts mit ihnen. 
Er verſchaffte ſich ein Reiſeboot in Tjaldanes. Dann ſegelten 
ſie weſtwaͤrts nach Skalmarnes. Thord ließ alles bewegliche 
Gut, das die Mutter dort hatte, an Bord bringen, aber das 
Vieh ſollte über Land um die Sjorde getrieben werden. Zwölf 
waren ſie im ganzen auf dem Schiff. Da war Ingunn und 
eine andre Srau. 

Thord kam zum Hofe Kotkels mit neun Mann. Die Söhne 
Kotkels waren nicht zu Haufe. Darauf lud er Rotfel und 
Grima und ihre Söhne vor wegen Diebſtahl und Zexerei 
und klagte auf Sriedlofigfeit. Er lud fie vor das Allthing 
und kehrte dann auf das Schiff zuruͤck. Da kamen Hall: 
bjoͤrn und Stigandi heim, als Thord abgefahren, aber noch 
nicht weit gekommen war; Kotkel erzählte feinen Söhnen, 
was ſich da zugetragen hatte. Die Bruͤder wurden wuͤtend 
daruͤber und ſagten, noch nie habe jemand ſo zum offenen 
Schlage gegen fie ausgeholt in ſolcher Seindſeligkeit.! Darauf 
ließ Kotkel ein großes Jaubergeruͤſt aufrichten. Sie ſtiegen 
alle zuſammen hinauf. Da ließen ſie erklingen grimmig ge⸗ 
fügte Weiſen: das waren Zauberſpruͤche. Sofort brach ein 
ſtarkes Unwetter los. Das verſpuͤrte Thord, der Sohn der Ing⸗ 


1 Die Vorladung vor Gericht gilt ſchon als Ehrverletzung (vgl. die Geſchichte 
vom Suͤhner⸗Thorir Kap. 8). 


111 


unn und feine Befährten, die auf der See fuhren, wie gegen 
fie das Wetter aufgeboten war. Das Schiff wurde nach Weiten! 
gegen Skalmarnes getrieben. Thord zeigte große Unerſchrocken⸗ 
heit in der Schiffsfuͤhrung. Die Leute am Lande ſahen, daß er 
alles, was das Schiff beſchwerte, außer den Menſchen uͤber 
Bord warf; die Leute, die am Lande waren, glaubten ſchon, 
daß Thord die Kuͤſte erreichen würde, da er bereits die Stellen, 
wo die meiſten Klippen waren, hinter ſich hatte. Da erhob ſich 
nahe dem Lande eine Brandung uͤber einer blinden Klippe, 
von der kein Menſch ſich erinnerte, ſie je fruͤher bemerkt zu 
haben; die Brecher trafen das Schiff mit ſolcher Gewalt, daß 
gleich der Kiel nach oben ſchlug. Da ertrank Thord und alles, 
was auf dem Schiffe war, aber das Schiff zerbrach in Späne, 
und der Kiel trieb an die Inſel, die darnach Kielinſel genannt 
wurde. Der Schild des Thord trieb auf die Inſel, die Schild⸗ 
inſel heißt. Die Leichen Thords und feiner Gefährten trieben 
gleich dort ans Land; es wurde dort ein Hügel über fie auf⸗ 
geworfen; die Stelle heißt ſeitdem Zaugsnes. 


36. Kotkel wird von Thorleik, dem Sohne 
des Zoͤskuld, im Lachs waſſertal angeſiedelt 


ieſe Geſchichte verbreitete ſich weit im Lande, und man 

ſprach mit Entruͤſtung davon; man meinte, die Leute 
ſeien des Todes ſchuldig, die ſolchen Zauber veruͤbten, wie 
Kotkel und die Seinen ins Werk geſetzt hatten. Gudrun war 
ſehr ergriffen vom Tode Thords, ſie war damals ſchwanger 
und der Niederkunft nahe; Gudrun gebar einen Knaben; er 
wurde mit Waſſer benetzt und Thord? genannt. 
In dieſer Zeit wohnte Snorri der Bode in Helgafell; er war 
ein Verwandter; des Oſvifr und fein Freund; Gudrun und die 
Ihrigen hatten bei ihm auf ſichern Schutz zu rechnen. Snorri 
kam nach Laugar, wohin er eingeladen war. Da klagte Gudrun 
dem Goden Snorri ihre ſchwierige Lage, aber er verſprach 
Sie wollten oftwärte nach dem Saurbd. Well der Vater vor der Geburt 
geſtorben war. Snorris Srau Asdis, die Tochter des Viga⸗Styr (vgl. 


S. 29, Anm. 2) iſt die Ururenkelin des Bjoͤrn vom Oſten. Oſpifr iſt fein 
Urenkel, vgl. S. 99. 


112 


ihr Hilfe zu leiſten in der Sache, ſobald er es für richtig hielte, 
und erbot ſich, um fie zu tröften, er wolle Gudruns Kind 
aufziehen. Das nahm Gudrun an und ſagte, ſie wolle ſich ſeinen 
Ratſchlaͤgen unterwerfen. Dieſer Thord wurde Katze genannt, 
er iſt der Vater des Skalden Stuf. 

Nun begab ſich Geſt, Oddleifs Sohn, zu Zallſtein dem Boden 
und ließ ihm die Wahl zwifchen zwei Dingen, entweder ſolle 
er dieſe Herenmeifter fortjagen, oder, ſagte er, er würde fie 
umbringen — „und das haͤtte früher geſchehen ſollen.“! Hall: 
ſtein entſchied ſich ſchnell und befahl ihnen fortzuziehen und 
nicht Halt zu machen dies ſeits der Dalaheide,? er ſagte, es 
waͤre beſſer geweſen, man haͤtte ſie umgebracht. 

Darauf zog Kotkel mit den Seinen fort, fie hatten nicht mehr 
Vieh mit ſich als vier Juchtpferde. Der Zengſt war ſchwarz, 
groß und ſchoͤn und erprobt im Pferdefampf.? Über ihre Reife 
wird nichts berichtet, bis ſie nach Kambsnes kamen zu Thorleik, 
dem Sohne des Zoͤskuld. Er handelte mit ihnen um die Pferde, 
denn er ſah, daß es koſtbare Tiere waren. Kotkel ſagte: „Ich 
will dir einen Vorſchlag machen. Nimm die Pferde und gib 
mir eine Hofftelle hier in deiner Naͤhe.“ Thorleik ſprach: „Da 
würden mir die Pferde ziemlich teuer zu ſtehen kommen, denn 
nach dem, was ich gehoͤrt habe, wuͤrdet ihr hier in dieſer Ge⸗ 
gend wohl Händel zu erwarten haben.“ Kotkel antwortete: 
„Du denkſt dabei an die Leute von Caugar.“ Thorleik ſagte, 
ſo ſei es. Da ſprach Kotkel: „Es verhaͤlt ſich doch etwas an⸗ 
ders mit unſerer Streitſache gegen Gudrun und ihre Bruͤder, 
als dir berichtet worden iſt; man hat Schmach uͤber uns ge⸗ 
bracht ohne Veranlaſſung; dieſer Sache wegen kannſt du die 
Pferde ruhig nehmen; nach allem, was man ſich von dir er⸗ 
zählt, werden wir den Leuten dieſer Gegend nicht preisge⸗ 
geben fein, wenn wir auf deinen Schutz rechnen konnen.“ 
Thorleik uͤberſchlug ſich die Sache, die Pferde ſchienen ihm 


1 Sormelhaft. ? Er ſchiebt fie in die benachbarte Sysla ab. Der Name iſt 
jetzt verſchollen.“ Man ließ Hengſte miteinander kaͤmpfen. Da die Beſitzer 
ihre Pferde dabei anzutreiben hatten, gerieten fie leicht ſelbſt in Kampf 
miteinander. Eine anſchauliche Schilderung eines Pferdekampfs ſteht 3. B. 
in der Njalsſaga (Kap. 59). 


8 Meißner, Lachstalſaga 113 


prächtig und Kotkel batte fein Anliegen geſchickt vorgetragen. 
So nahm alſo Thorleik die Pferde. Er gab ihnen eine gofſtelle 
in Leidolfsftadir im Cachswaſſertal; er half ihnen auch mit Vieh 
aus. 

Das erfuhren die Leute von Laugar, und die Söhne des 
Oſpifr wollten ſofort einen Angriff auf Kotkel und feine Söhne 
machen. Oſvifr ſprach: „Halten wir uns an den Rat des Boden 
Snorri und ſparen wir dieſes Werk andern auf, denn es wird 
nicht lange dauern, bis die Nachbarn Kotkels nagelneue gaͤn⸗ 
del mit ihnen haben, und der größte Schaden wird, wie es 
billig ift, den Thorleik treffen; bald werden viele feine Seinde 
ſein, die ihm fruͤher Achtung erwieſen haben, aber ich werde 
euch nicht abhalten, dem Kotkel und feinen Leuten fo viel 
Boͤſes anzutun, wie es euch gefaͤllt, wenn nicht andere ſich fin⸗ 
den ſollten, fie aus unſerer Gegend zu treiben oder überhaupt 
aus dem Wege zu ſchaffen, nachdem drei Winter vergangen 
ſein werden.“ Gudrun und ihre Bruͤder ſagten, ſo ſolle es ſein. 
Kotkel und und feine Leute arbeiteten nicht viel für ihren 
Unterhalt, doch brauchten fie im Winter nicht Heu oder Lebens⸗ 
mittel zu kaufen; allen war es zuwider, daß ſie ſich angeſiedelt 
hatten. Aber man traute ſich Thorleiks wegen nicht, ihr Zaus⸗ 
weſen zu ſtoͤren. 


37. Kari, Hruts Sohn, wird durch Zauber 


getoͤtet 

2 s war eines Sommers während des Thing es, als Thor⸗ 

leik in ſeiner Thingbude ſaß, daß ein großer Mann in 
die Bude eintrat. Er begruͤßte Thorleik und der erwiderte 
den Gruß des Mannes und fragte ihn nach ſeinem Namen 
und woher er ſei. Er ſagte, er heiße Eldgrim und wohne im 
Gebiet des Borgarfjord auf dem Zofe, der Eldgrims ſtadir 
heiße; und diefer Hof liegt in dem Tal, das ſich weſtlich in das 
Gebirge zwiſchen Muli und Griſartunga einſchneidet; das 
Tal heißt jetzt Grimstal. Thorleik ſagte: „Ich habe uͤber dich 
ſprechen hoͤren, und zwar, daß du ein Mann von nicht kleinem 
Sinne biſt.“ Eldgrim ſprach: „Das iſt mein Geſchaͤft hier, daß 
ich dir die wertvollen Juchtpferde abkaufen will, die Kotkel 


114 


dir im vorigen Sommer gegeben hat.“ Thorleif antwortete: 
„Die Pferde find mir nicht feil.“ Eldgrim ſagte: „Ich biete dir 
ebenſoviele Zuchtpferde und noch eine Zugabe und viele werden 
ſagen, daß ich dir den doppelten Wert anbiete.“ Thorleik 
ſagte: „Ich bin kein Pferdehaͤndler, und dieſe Pferde bekommſt 
du niemals, wenn du mir auch das Dreifache dafür bieteſt.“ 
Eldgrim ſagte: „Das iſt nicht gelogen, daß du großmaͤchtig 
und eigenſinnig biſt. Ich moͤchte dir wuͤnſchen, daß du eine 
weniger vorteilhafte Bezahlung bekaͤmeſt, als ich dir jetzt an⸗ 
geboten habe, und doch die Pferde hergeben muͤßteſt.“ Thor⸗ 
leik wurde dunkelrot bei dieſen Worten und ſagte: „Du wirſt 
ſchon etwas mehr wagen muͤſſen, Eldgrim, wenn du mir die 
Pferde abzwingen willſt.“ Eldgrim ſprach: „Es kommt dir 
unwahrſcheinlich vor, daß du mir unterliegen koͤnnteſt, aber 
dieſen Sommer werde ich kommen, mir die Pferde zu beſehen, 
wem von uns beiden es beſchieden ſein mag, ſie in Zukunft zu 
beſitzen.“ Thorleik ſagte: „Tue, was du mir androhſt, aber 
komme mir nicht mit Übermacht.“ Darauf brachen fie das 
Geſpraͤch ab. Das ſagten die Leute, die zugehoͤrt hatten, daß 
da bei ihrem Wortwechſel keiner zu kurz gekommen ſei. Dar⸗ 
auf reiſten die Leute nach Haufe vom Thinge und es geſchah 
gar nichts Beſonderes. 

Es war eines Morgens in der Srübe, daß ein Mann ſich 
draußen umſah beim Bonden Hrut, dem Sohn des Herjolf, 
auf Hrutsſtadir. Und als er wieder herein kam, fragte ihn Hrut, 
ob es etwas Neues gaͤbe. Er ſagte, er wuͤßte weiter nichts Neues 
zu erzaͤhlen, als daß er habe einen Mann von druͤben durch 
das ſeichte Waſſer heranreiten ſehen, dorthin, wo die Pferde 
Thorleiks ſtuͤnden; der Mann ſei abgeſtiegen und habe ſich 
mit den Pferden zu ſchaffen gemacht. Brut fragte, wo die 
Pferde ſtuͤnden. Der Knecht antwortete: „Sie haben ſich wieder 
an die gute Weide gehalten, ſie ſtanden in deinen Wieſen nicht 
weit vom Gehege der Zofwieſe.“ Zrut ſagte: „Es iſt ſchon 
wahr, daß mein Neffe Thorleik fich kein Gewiſſen daraus 
macht, die Weide zu nehmen, wo er ſie findet, und ich glaube 
nicht, daß die Pferde auf ſeinen Befehl fortgetrieben werden.“ 
Darauf ſprang Brut auf im Hemde und Leinenhoſen und warf 


8° 115 


einen grauen Mantel über ſich und nahm in die Hand die 
große Streitart mit Goldſchmuck, die ihm der Koͤnig Harald 
geſchenkt hatte.! Er ging hinaus mit einiger Haft und ſah, 
daß ein Mann mit Pferden am Zofgehege vorüber ritt. Brut 
trat ihm entgegen und ſah, daß Eldgrim? die Pferde vor ſich 
hertrieb. Zrut gruͤßte ihn. Eldgrim erwiderte feinen Gruß, 
aber etwas zoͤgernd. Hrut fragte, wohin er die Pferde treiben 
wolle. Eldgrim antwortete: „Ich will dir das nicht verbergen, 
obgleich ich weiß, daß du ein Verwandter Thorleiks biſt: ſo 
bin ich zu den Pferden gekommen, daß ich gedenke, ſie ihm 
niemals wieder zu geben. Ich habe auch das ausgefuͤhrt, was 
ich ihm auf dem Thinge gelobte, daß ich nicht mit einer großen 
Schar die Pferde holen wollte.“ Hrut fagte: „Das ift kein 
beſonderer Mut, wenn du die Pferde wegnimmſt, waͤhrend 
Thorleik in feinem Bett liegt und ſchlaͤft. Du wirft das am 
beſten aus fuͤhren, was ihr miteinander ausgemacht habt, 
wenn du ihn triffſt, ehe du mit den Pferden aus unſrer Gegend 
reiteſt.“ Eldgrim ſprach: „Laß es Thorleik wiſſen, wenn du 
willſt, du ſiehſt ja, ich habe mich ſo vorbereitet, daß es mir nur 
gefallen konnte, wenn Thorleik und ich zuſammentraͤfen,“ — 
und dabei ſchwenkte er den Zakenſpeer, den er in der Hand 
hielt. Er trug auch einen Helm auf dem Kopfe und hatte ein 
Schwert am Guͤrtel, einen Schild an der Seite; er trug eine 
Bruͤnne. Hrut ſprach: „Ich will lieber etwas andres ver⸗ 
ſuchen, als nach Kambsnes zu gehen, denn ich bin ſchwerfaͤllig 
auf den Süßen; aber nicht werde ich Thorleik berauben laſſen, 
wenn ich es verhindern kann, obgleich unfere VDerwandtſchaft 
nicht viel zu beſagen hat.“ Eldgrim ſprach: „Du denkſt doch 
nicht etwa mir die Pferde wegzunehmen? “ Hrut antwortete: 
„Ich will dir andre Zuchtpferde geben, unter der Bedingung, 
daß du dieſe loslaͤßt, wenn meine auch nicht eben ſo gut ſind 
wie dieſe.“ Eldgrim ſprach: „Alles ſehr gut, was du redeſt, 
Zrut, aber, weil ich meine Zand auf die Pferde Thorleiks 
gelegt habe, ſo ſollſt du mir ſie nicht entreißen, weder mit Be⸗ 
i Ein ſolches Geſchent᷑ iſt im Kap. 19 nicht erwahnt. i Woher Brut Eld⸗ 
grim kannte, erfährt man nicht. “ ginweis auf feinen Zwift mit Tyorleik, 
Kap. 25. 


116 


ſtechung, noch mit Drohung.“ Da antwortete Hrut: „Ich 
glaube, du waͤhlſt fuͤr uns beide eine Entſcheidung, die ge⸗ 
faͤhrlicher ſein wird.“ Eldgrim wollte nun abbrechen und trieb 
fein Pferd an. Als aber rut das ſah, ſchwang er die Streit⸗ 
axt und traf Eldgrim zwiſchen den Schultern, ſo daß gleich 
die Bruͤnne zerriß und die Axt durch die Bruſt herausdrang. 
Eldgrim fiel tot vom Pferde, wie zu erwarten war. Darauf 
bedeckte Hrut die Leiche; ! die Stelle heißt Eldgrimsholt, ſuͤd⸗ 
lich von Kambsnes. Dann ritt Frut hinab nach Kambsnes 
und brachte Thorleik dieſe Nachricht. Er brach in Jorn aus 
und meinte, daß durch den ganzen Zergang ihm große Be⸗ 
ſchaͤmung! zugefügt ſei, während Zrut dachte, ihm einen 
großen Sreundfchaftsdienft geleiſtet zu haben. Thorleik ſagte, 
für dieſes üble Spiel koͤnne er auch nichts Gutes erwarten. 
Hrut ſagte, er möge tun, was er für richtig halte. Sie ſchieden 
ohne Sreundlichkeit von einander. Hrut war achtzig Jahre 
alt, als er Eldgrim erſchlug, und er ſtand groß da durch dieſe 
Tat. Nur Thorleik wollte rut deshalb nicht mehr gelten 
laſſen, weil man dieſe Tat ſo erhob; er hielt es fuͤr ſelbſtver⸗ 
ſtaͤndlich, daß er Eldgrim uͤberwunden haben wuͤrde, haͤtten 
ſie ſich miteinander gemeſſen, ſo wenig wie das Gluͤck dem 
Eldgrim hold geweſen war. 

Thorleif begab ſich nun zu feinen Pächtern, Kotkel und Grima, 
und bat fie irgend etwas auszuführen, worin für Hrut eine 
Beſchaͤmung liege. Sie zeigten ſich ſehr willig dazu und ſagten, 
fie ſeien völlig geruͤſtet für fo etwas. Darauf kehrte Thorleik 
heim. 

Aber kurze Zeit darauf brachen fie auf, Kotkel und Grima 
und ihre Söhne; es war in der Nacht. Sie begaben ſich zum 
Zofe Hruts und begannen dort einen ſtarken Zauber. Und als 
die Jauberklaͤnge ſich erhoben, da konnten die Leute im Haufe 
ſich gar nicht denken, was das bedeuten ſollte; aber ſchoͤn war 
die Weiſe anzuhören. Hrut allein kannte dieſe Töne und ver⸗ 


1 Der Totſchlaͤger hatte den Erſchlagenen leicht mit Erde zu bedecken und 
durch Anzeige dafur zu ſorgen, daß die Leiche von den verwandten gefun⸗ 
den werden konnte. ? weil Thorleik verhindert worden war, felbft den Eld⸗ 
grim zu töten. 


117 


bot allen, während dieſer Nacht hinaus zuſchauen — „und 
bleibe jeder wach, ſo weit er kann, dann wird uns kein Schaden 
ankommen, wenn wir uns ſo halten.“ Aber doch ſchliefen 
alle ein. Zrut hielt ſich am laͤngſten wach, dann ſchlief er 
auch ein. Kari hieß ein Sohn gruts, er war damals zwölf 
Jahr alt und der treff lichſte unter Hruts Söhnen. Der liebte 
ihn ſebr. Kari ſchlief faſt gar nicht; gegen ihn war der Jauber 
gerichtet, daher konnte er ſich nicht beruhigen. Er ſprang auf, 
um hinauszuſchauen. Er ging auf die Jauberſtelle zu und 
ftärzte ſofort tot nieder. Am Morgen erwachte grut mit feinen 
Leuten und vermißte feinen Sohn; man fand ihn leblos nicht 
weit von der Tür, Hrut empfand das als den ſchwerſten Ver⸗ 
luft und ließ einen Hügel über dem Toten aufwerfen. 

Dann ritt er zu Olaf, Zoͤskulds Sohn, und berichtete ihm, 
was geſchehen war. Olaf wurde wuͤtend uͤber dieſe Kunde 
und ſagte, es ſei eine große Gedankenloſigkeit von ihnen ge⸗ 
weſen, daß fie hätten ſolche Boͤſewichter wie die Kotkelleute fo 
in ihrer Naͤhe ſitzen laſſen; er ſagte, Thorleik habe ſich gegen⸗ 
über Hrut in eine ſehr böfe Sache eingelaſſen, doch ſei die 
Wirkung wohl ſchlimmer geweſen, als er gedacht habe. Olaf 
fagte, fie wollten nun auf der Stelle Rotfel, feine Frau und 
feine Söhne töten, — „und das hätte laͤngſt geſchehen ſollen.“ 
Olaf und Zrut zogen aus mit fünfzehn Mann. Und als 
Kotkel und die Seinen den Trupp anreiten ſahen, flohen fie 
ins Gebirge. Da wurde Zallbjoͤrn Schleifſteinauge gefangen 
und ihm ein Sack übern Kopf gezogen.. Es wurden Leute 
beſtimmt, die ihn zu bewachen hatten, und andere verfolgten 
Kotkel, Grima und Stigandi ins Gebirge. Man holte fie ein 
auf dem Rüden zwiſchen dem Zaukatal und dem Lachs⸗ 
waſſertal; da wurden ſie mit Steinen erſchlagen und uͤber 
ihnen ein Steinhaufen aufgeworfen, man ſieht noch Reſte da⸗ 
von, die Stelle heißt Skrattavardi.“ Stigandi floh vom Berg⸗ 
ruͤcken ſuͤdwaͤrts hinunter ins HZaukatal und da entſchwand er 
ihnen. Hrut und feine Söhne führten Hallbjörn mit ſich zum 
Strande. Sie zogen ein Boot ins Waſſer und ruderten mit 


Sormelhaft, vgl. S. 113, 1. * Damit er nicht durch den boͤſen Blick Schaden 
anrichte. 3 Hexenmeiſtervarde (varde = Steinhaufen zur Wegweiſun g). 


118 


ihm vom Lande. Dann nahmen fie ihm den Sack vom Kopfe 
und banden ihm einen Stein an den Hals. Sallbjoͤrn warf 
einen Blick nach dem Lande, und der Ausdruck der Augen be⸗ 
deutete nichts Gutes. Hallbjörn ſprach: „Es war kein guͤnſtiger 
Tag für uns, als unſre Samilie dort bei Rambsnes mit Thor⸗ 
leik zuſammentraf. So beſtimme ich denn,“ fagte er, „daß 
Thorleik von nun an dort keinen frohen Tag mehr haben 
und alle eine leid volle Wohnſtaͤtte finden ſollen, die fich an feine 
Stelle ſetzen.“ Dieſe Verwuͤnſchung ſcheint ganz eingetroffen 
zu ſein. Darauf ertraͤnkten ſie ihn und ruderten an Land. 
Kurze Zeit darauf kam Hrut zu feinem Neffen Olaf und fagte 
ihm, er wolle die Sache mit Thorleik nicht ſo auf ſich beruhen 
laſſen und bat ihn um Leute, Thorleik anzugreifen. Olaf 
antwortete: „Das gehoͤrt ſich nicht, daß ihr Verwandten Hand 
aneinander legt; ungluͤckſelig hat ſich das fuͤr Thorleik ge⸗ 
wendet; wir wollen lieber verſuchen, euch beide zu verſoͤhnen. 
Du haſt ja ſchon fruͤher mit Ehren und lange ausgeharrt, bis 
dir dein Recht wurde.“! Hrut fagte: „Zier iſt an fo etwas 
nicht zu denken, zwiſchen uns beiden kann der Bruch niemals 
mehr heilen; es iſt mein Verlangen, daß wir beide nun nicht 
lange mehr nebeneinander im Lachswaſſertal wohnen. Olaf 
antwortete: „Es wird dir nicht dienlich ſein, weiter gegen Thor⸗ 
leik vorzugehen, als ich es erlaube; und wenn du es doch tuſt, 
fo iſt es nicht unwahrſcheinlich, daß auf das Hinauf ein Hin 
unter folgt.“ grut merkte nun, daß hier nichts zu machen war, 
er kehrte heim und war ſehr uͤbel damit zufrieden, aber aͤußer⸗ 
lich blieb es ruhig und die Leute verhielten ſich ſtill das Jahr 
über. 


38. Olaf veranlaßt feinen Bruder Thorleik 
auszuwandern , 

It: ift von Stigandi zu erzählen. Er hauſte in den Od⸗ 

marken und wurde ein gefährlicher Räuber, Thord hieß 
ein Mann, er wohnte in Zundatal; er war ein wohlhabender 
Mann aber Fein Häuptling. Eines Sommers bemerkte man 
in Zundatal, daß das Vieh wenig Milch gab; eine Frau be⸗ 
1 Bezieht ſich auf Fruts Streit mit Hoͤskuld, Rap. 19. 


119 


forgte da das Vieh. Man fand nun heraus, daß die Srau Roft- 
barkeiten in ihren Beſitz bekam und daß ſie oft lange ver⸗ 
ſchwunden war, ohne daß man wußte, wo ſie ſich aufhielt. 
Der Bonde Thord ließ fie zur Ausſage zwingen; und als fie 
bedroht wurde, ſagte ſie, ein Mann treffe ſich mit ihr: „Er iſt 
groß“, fagte fie, „und ich finde ihn gut ausſehend.“ Da fragte 
Thord, ob dieſer Mann ſie bald wieder beſuchen wuͤrde. Sie 
ſagte, ſie glaube, daß es bald geſchehen wuͤrde. Darauf begab 
ſich Thord zu Olaf und zeigte ihm an, daß Stigandi ſich da in 
der Naͤhe aufhalten muͤſſe, er bat ihn, mit ſeinen Leuten zu kom⸗ 
men und ihn feſtzunehmen. Olaf war ſofort bereit und ritt nach 
Zundatal; die Magd wurde zum Verhoͤr herbeigeholt. Olaf 
fragte ſie, wo Stigandis Behauſung ſei, ſie ſagte, das wiſſe ſie 
nicht. Olaf verſprach ihr nun Geld, wenn ſie ihnen Stigandi 
in die Hände lieferte. Der Handel wurde abgeſchloſſen. 

An demſelben Tage ging fie zu ihrer Herde. Da kam Stigandi 
zu ihr. Sie begruͤßte ihn freundlich und erbot ſich, ihm die 
Haare zu durchſuchen. Er legte feinen Kopf in ihren Schoß 
und ſchlief bald ein. Da zog ſie ſich unter ſeinem Kopfe hervor 
und eilte zu Olaf und ſagte ihm, wie es ſtuͤnde. Sie machten 
ſich nun auf den Weg zu Stigandi und beredeten unterein⸗ 
ander, daß es mit ihm nicht ſo geſchehen ſolle wie mit ſeinem 
Bruder: er ſolle nicht ſo viel anſehen duͤrfen, daß da ein 
Schaden geſchaͤhe. Sie nahmen nun einen Sack und zogen 
ihm den übern Kopf. Stigandi erwachte dabei und verſuchte 
erſt gar keinen Widerſtand, denn es waren viele gegen einen. 
Es war ein Riß in dem Sack, und Stigandi gelang es, auf der 
einen Seite einen Blick auf den Bergabhang zu werfen. Da war 
ſchoͤner Boden und dichter Graswuchs. Es war nun gerade fo, 
als kaͤme ein Wirbelwind daruͤber und kehrte den Boden um, 
ſo daß dort niem als mehr Gras gewachſen iſt. Der Platz heißt 
nun Brenna. Darauf ſchlugen ſie Stigandi mit Steinen zu Tode, 
er wurde dort unter einem Steinhaufen geborgen. Olaf be⸗ 
lohnte die Magd gut und gab ihr die Sreiheit, und ſie kehrte 
mit ihm nach Zjardarholt zurüd. 

Zallbjoͤrn Schleifſteinauge trieb an aus der Brandung, kurze 
Zeit darauf, nachdem man ihn ertraͤnkt hatte. Die Stelle heißt 


120 


Knarrarnes, wo man ihn unter einen Steinhaufen legte. Er 
ging viel um. Ein Mann wird erwaͤhnt, der Thorkel Glatz⸗ 
kopf hieß. Er wohnte in Thykkvaſkog auf ſeinem vaͤterlichen 
Hof. Er war ohne alle Furcht und ſehr ſtark. Eines Abends 
vermißte man eine Kuh in Thykkvaſkog; Thorkel ging aus, 
ſie zu ſuchen und ein Knecht mit ihm. Es war nach Tages⸗ 
ende und Mondſchein. Thorkel ſagte, ſie wollten in verſchiedener 
Richtung ſuchen, und als Thorkel allein war, ſchien es ihm, 
als ſehe er die Ruh vor ſich auf einer galde; als er aber naͤher 
kam, war es Schleifſteinauge und nicht die Kuh. Sie griffen 
ſich an mit furchtbarer Gewalt. Sallbjoͤrn verſuchte ſich los⸗ 
zuwinden, und ehe Thorkel ſich des mindeſten verſah, glitt er 
ihm unter den Händen in die Erde nieder. Darauf kehrte 
Thorkel heim. Der Knecht war auch heimgekommen und hatte 
die Kuh gefunden. Seitdem tat gallbjoͤrn keinen Schaden 
mehr. 

Thorbjörn Skrjup war damals geſtorben und ebenſo Melkorka, 
fie liegen beide unter einem Grabmal im Lachs waſſertal, und 
ihr Sohn Lambi ſaß nach ihnen auf dem Hof. Er war ein fehr 
ftreitbarer Mann und ſehr vermoͤgend. Cambi galt bei den 
Leuten mehr als fein Vater wegen feiner muͤtterlichen Ver⸗ 
wandten. Das Verhältnis unter den Verwandten war gut. 
Es verging nun der naͤchſte Winter nach dem Tode Kotkels. 
Im Fruͤhjahr darauf trafen ſich die Brüder Olaf und Thor⸗ 
leik; Olaf fragte, ob Thorleik vorhabe, feinen Hof feſtzuhalten. 
Thorleik antwortete, fo fei es. Olaf ſprach: „Darum mochte 
ich Euch bitten, Bruder, daß Ihr Eure Wirtſchaft hier aufgebt 
und aus wandert. Du wirft als ein angeſehener Mann gelten, 
wohin du auch kommſt; ich vermute aber von unſerm Oheim 
Zrut, daß er nach dem, was zwiſchen euch vorgefallen iſt, dir 
bittre Seindſchaft geſchworen hat. Ich möchte es nicht länger 
darauf ankommen laſſen, daß ihr euch ſo nahe ſitzt; Hrut iſt 
maͤchtig, ſeine Soͤhne ſind alles ſtolze und ſtreitbare Geſellen; 
ich wuͤrde als Verwandter in eine ſchlimme Lage kommen, 
wenn ihr im Böfen aneinander gerietet, beide mir verwandt.“ 
Thorleik ſprach: „Ich habe keine Angſt, daß es mir nicht ges 
lingen ſollte, mich aufrecht zu halten vor Zrut und feinen 


121 


Söhnen, und deshalb würde ich das Land nicht verlaſſen. 
Aber wenn dir daran ſo viel liegt, Bruder, und du fuͤrchteſt, 
dadurch in große Verlegenheit zu kommen, ſo will ich es gern 
tun um deines Wunſches willen, denn mir gefiel mein Leben 
am beſten, ſo lange ich im Ausland war; ich weiß auch, daß 
du nicht weniger gut zu meinem Sohne Bolli ſein wirſt, wenn 
ich nicht mehr in der Naͤhe bin, und ihn habe ich am liebſten 
auf der Welt.“ Olaf antwortete: „Du handelſt richtig in dieſer 
Sache, wenn du meiner Bitte nachgibſt; was Bolli angeht, 
gedenke ich mich in Zukunft zu verhalten wie bisher, und gegen 
ihn nicht anders zu fein als gegen meine eignen Söhne.“ Dar⸗ 
auf ſchieden die Bruͤder von einander in großer Freundlichkeit. 
Thorleif verkaufte nun feine Güter und verſah ſich mit Geld 
zur Auswanderung. Er kaufte ein Schiff, das in Dagverdarnes 
auflag. Und als er mit allem fertig war, ging er an Bord mit 
feiner Srau und feinem ganzen Zausgeſinde. Das Schiff hatte 
gute Sahrt und fie kamen im Herbſt nach Norwegen. Von da 
reiſte er ſuͤdwaͤrts nach Daͤnemark, denn es wollte ihm in 
Norwegen nicht mehr gefallen; feine Verwandten und Freunde 
waren geſtorben, einige auch aus dem Lande vertrieben. Dann 
ſegelte Thorleik nach Goͤtaland. Es wird allgemein erzaͤhlt, 
daß Thorleik kein hohes Alter erreichte, aber ſehr angeſehen 
war, ſo lange er lebte. Und damit ſchließen wir die Erzaͤhlung 
von Thorleik. 


39. Ajartan und Gudrun 

aruͤber wurde viel geſprochen in den Taͤlern des Breidi⸗ 

fjords, wie es Hrut und Thorleik gegangen war und wie 
Zrut hatte von Kotfel und feinen Söhnen fo ſchweres Leid er⸗ 
fahren. Da ſprach Oſvifr mit Gudrun und ihren Brüdern und 
bat ſie, ſichs zu uͤberlegen, ob ſie beſſer daran getan haben 
wuͤrden, wenn ſie ſich ſelbſt in die Gefahr mit ſolchem Teufels⸗ 
volk begeben haͤtten, wie Kotkel und ſeine Leute geweſen 
waren. Gudrun ſprach: „Der iſt nicht unberaten, Vater, der 
dich um Kat bitten kann.“ 
Olaf ſaß nun auf feinem Hofe in großen Ehren, und alle feine 
Soͤhne waren daheim und ebenſo Bolli, ihr Vetter und Zieh⸗ 


122 


bruder. Rjartan war der erfte unter den Söhnen Olafs. 
Kjartan und Bolli liebten ſich am meiſten; Kjartan ging 
nirgendwohin, ohne daß Bolli ihn begleitete. Kjartan kam oft 
nach der heißen Quelle im Saͤlingstal. Gewoͤhnlich traf es 
ſich ſo, daß Gudrun an der Quelle war; Kjartan fand Ver⸗ 
gnuͤgen daran, ſich mit Gudrun zu unterhalten, denn ſie war 
klug und beredt. Alle kamen darin uͤberein, daß kein paſſende⸗ 
res Paar unter allen jungen Leuten, die damals aufwuchfen, 
gefunden werden konnte, als Kjartan und Gudrun. Große 
Sreundſchaft war auch zwiſchen Olaf und Oſpifr, man lud 
ſich oft ein und des halb nicht ſeltner, weil die jungen Leute ſich 
gern hatten. 

Einmal redete Olaf mit Rjartan: „Ich weiß nicht, warum mir 
immer das gerz ſchwer wird, wenn du nach Laugar gehſt und 
mit Gudrun dich unterhaͤltſt. Es iſt nicht deshalb, als ftellte ich 
nicht Gudrun höher als alle andern Frauen, und als erſchiene 
mir ſie nicht als die einzige, die ich deiner fuͤr ganz wuͤrdig 
hielte; aber es iſt meine Ahnung, doch ſoll es keine Weisſagung 
fein, daß unſere Familie und die von Laugar nicht bis zum 
Ende gluͤckliche Beziehungen miteinander haben werden.“ 
Kjartan ſagte, er wolle nicht dem Willen ſeines Vaters ent⸗ 
gegen handeln, ſo weit es an ihm liege, doch hoffe er, dies 
wuͤrde beſſer ausgehen, als der Vater vermute. Kjartan ſetzte 
ſeine Beſuche in gewohnter Weiſe fort. Bolli war immer mit 
ihm. Das Jahr ging nun hin. 


40. Ki artan und Bolli in Norwegen 

sgeir hieß ein Mann, er wurde genannt Brauſekopf. Er 
wohnte auf Asgeirsa im Vidital.“ Er war der Sohn des 
Audun Skoͤkul; der kam als erfter feines Geſchlechts nach Is⸗ 
land und nahm das Vidital in Beſitz. Ein zweiter Sohn des 
Audun hieß Thorgrim Graukopf; er war der Vater des As⸗ 
mund, des Vaters des Grettir. Asgeir Brauſekapf hatte fuͤnf 
Kinder. Der aͤlteſte Sohn hieß Audun, der Vater des Asgeir, 
des Vaters des Audun, des Vaters des Egil, der Ulfeid, die 
Tochter Eyjolfs des Lahmen zur Frau hatte; ihr Sohn war 
I Im nördlichen Island, vgl. S. 97 Anm. 2k 


123 


Eyjolf, der auf dem Allthing erſchlagen wurde. Der zweite 
Sohn des Asgeir hieß Thorvald, ſeine Tochter war Dalla, die 
der Biſchof Isleif! zur Frau hatte; ihr Sohn war der Biſchof 
Gizur. Der dritte Sohn des Asgeir hieß Kalf. Alle Söhne 
Asgeirs waren ſtattliche Maͤnner. Kalf, Asgeirs Sohn, war 
in dieſer Zeit auf Seereiſen und galt als ein ſehr trefflicher 
Mann. Eine Tochter Asgeirs hieß Thurid; ſie war vermaͤhlt 
mit Thorkel Kuggi,? dem Sohne des Thord Bruͤller; ihr Sohn 
war Thorſtein. Die zweite Tochter des Asgeir hieß Zrefna; ſie 
war das ſchoͤnſte Maͤdchen der ganzen Gegend dort im Nor⸗ 
den und allgemein verehrt, Asgeir war ein einflußreicher 
Mann. 

Einſtmals, wird erzählt, begab ſich Kjartan, Olafs Sohn, 
auf eine Reife ſuͤdwaͤrts nach dem Borgarfjord; von feiner 
Reife wird nichts berichtet, bis er nach Borg kam. Dort wohnte 
Thorſtein, Egils Sohn, ſein Mutterbruder. Bolli war mit auf 
der Reife, denn fo große Liebe war unter den Ziehbruͤdern, 
daß ſie es nicht ertragen konnten, von einander getrennt zu 
fein. Thorſtein nahm Kjartan mit aller Freundlichkeit auf und 
ſagte, er wuͤrde ihm Dank wiſſen, wenn er dort bliebe, je laͤnger 
je lieber. Kjartan hielt ſich in Borg eine Zeitlang auf. Zu diefer 
Jahreszeit lag ein Schiff auf an der Mündung des Gufuwaſſers; 
das gehörte Kalf, dem Sohne des Asgeir. Er war den Winter 
uͤber als Gaſt bei Thorſtein, dem Sohne Egils, geweſen. Kjartan 
ſagte Thorſtein heimlich, bei ſeiner Reiſe nach dem Suͤden habe 
er hauptſaͤchlich den weck gehabt, das halbe Schiff von Kalf 
zu kaufen; „ich habe Luft auszureiſen,“ — und er fragte 
Thorſtein, wie er uber Kalf denke. Thorſtein ſagte, er glaube, Kalf 
ſei ein ehrlicher Geſelle: „Es iſt ja leicht zu begreifen, Neffe,“ 
ſagte Thorſtein, „daß es dich gelüftet, fremder Leute Lebens⸗ 
weiſe kennen zu lernen; deine Reife wird unter allen Umſtaͤn⸗ 
den merkwuͤrdig ſein; deine Verwandten ſetzen viel aufs Spiel, 
je nachdem deine Keiſe ausgeht.“ Kjartan ſagte, es wuͤrde 
ſchon gut ablaufen. Darauf kaufte Kjartan das halbe Schiff 
von Kalf, und ſie ſchloſſen eine Genoſſenſchaft zu gleichen 
Joleif, Biſchof von Skatholt, der erſte is laͤndiſche Biſchof (1056 1080); 
Gizur 1082— 1118. * vgl. Kap. 7, S. 36. Das in den Borgarfiord fließt. 


124 


Teilen. Kjartan follte zehn Wochen nach Sommersanfang an 
Bord kommen. Kjartan wurde mit Geſchenken aus Borg ent⸗ 
laſſen. Er und Bolli ritten dann heim. Und als Olaf von die⸗ 
ſem neuen Vorhaben erfuhr, meinte er, daß Kjartan ſich ſchnell 
dazu entſchloſſen habe, ſagte aber, er wolle ihn nicht hindern. 
Einige Zeit darauf ritt Kjartan nach Laugar und fagte Gud⸗ 
run, daß er ausreiſen wolle. Gudrun ſprach: „Schnell haſt du 
dich dazu entſchloſſen, Kjartan.“ Sie fuͤgte noch einige Worte 
daruͤber hinzu, aus denen Kjartan entnehmen konnte, daß 
Gudrun nicht damit zufrieden war. Kjartan ſprach: „Laß dir 
das nicht mißfallen, ich will dafuͤr etwas anderes tun, was 
dir lieb iſt.“ Gudrun ſagte: „So halte dein Wort, denn ich 
will gleich aus ſprechen, was ich begehre.“ Kjartan bat fie, das 
zu tun. Gudrun ſprach: „So laß mich mit dir ausreiſen dieſen 
Sommer, dann haſt du deinen haſtigen Entſchluß bei mir 
wieder gut gemacht; denn ich liebe Island nicht.“ „Das kann 
nicht fein,“ ſagte Kjartan, „deine Brüder find noch unſelb⸗ 
ſtaͤndig, und dein Vater iſt alt, ſie waͤren aller Fuͤrſorge be⸗ 
raubt, wenn du das Land verlaſſen wollteſt. Warte auf mich 
drei Winter.“! Gudrun ſagte, darüber Fönne fie kein Ver⸗ 
ſprechen abgeben, und jedes blieb bei ſeinem Sinn, und ſo 
ſchieden fie von einander. Kjartan ritt heim. — 

Olaf ritt zum Thing im Sommer. Rjartan ritt mit feinem 
Vater von Zjardarholt nach Süden und fie trennten ſich im 
Nordratal.“ Von dort ritt Kjartan zum Schiff und fein Vetter 
Bolli begleitete ihn. Jehn islaͤndiſche Maͤnner waren es im 
ganzen zuſammen, die ſich Kjartan angeſchloſſen hatten und 
ſich alle von Kjartan aus Liebe zu ihm nicht trennen wollten. 
Kjartan ritt zum Schiff mit dieſen Gefaͤhrten. Ralf, Asgeirs 
Sohn, begrüßte fie herzlich. Großes Gut brachten Kjartan 
und Bolli für die Reife mit. Sie arbeiteten nun daran, alles 
fertig zu machen, und gleich, ſobald fie Sahrwind hatten, ſegel⸗ 


1 Selbſt wenn Gudrun darauf eingegangen waͤre, hätte eine ſolche Verab⸗ 
redung in Island nicht als Verlobung gegolten; gleiche Sriſt bei geſetzlicher 
Verlobung, 3. B. bei Hrut und Unn, der Tochter des Moͤrd (Hjala Kap. 2). 
2 Die Nordra fließt von Horden her in die vita, nicht weit von deren Mün- 
dung in den Borgarfiord. 


125 


ten fie ab, den Borgarfjord hinaus vor einem leichten, guͤnſti⸗ 
gen Wind, und dann in See. Sie hatten gute Fahrt und er⸗ 
reichten Norwegen im Norden in der Höhe von Thrandheim, ! 
hielten landeinwaͤrts auf Agdenaͤs? und trafen da Leute, mit 
denen ſie ſprechen und ſie nach Neuigkeiten fragen konnten. 
Es wurde ihnen erzählt, daß ein Zerrſcherwechſel ſtattge⸗ 
funden habe im Lande, Jarl Zakon war tot, und Konig Olaf, 
Tryggvis Sohn, an ſeine Stelle getreten, und ganz Norwegen 
hatte ſich ihm unterworfen. Rönig Olaf gebot Glaubens⸗ 
wechſel in Norwegen; die Leute ſtellten ſich ſehr verſchieden 
dazu. Kjartan und feine Gefaͤhrten ſegelten hinein nach Nidar⸗ 
os“ mit ihrem Schiffe. 

In dieſer Zeit waren manche islaͤndiſche Maͤnner von Bedeu⸗ 
tung in Norwegen. An den Hafenbrüden? lagen drei Schiffe, 
die alle Islaͤndern gehoͤrten. Ein Schiff gehoͤrte Brand® dem 
Freigebigen, dem Sohne des Vermund, des Sohnes des Thor⸗ 
grim; das zweite Schiff gehörte Hallfred, dem Schwierigkeits⸗ 
dichter; das dritte Schiff gehörte zwei Brüdern, der eine hieß 
Bjarni, der andere Thorhall, fie waren die Söhne des Skeggi 
von Breidas aus Sellshverfi im Oſtlande. 

Alle dieſe Maͤnner hatten die Abſicht gehabt, im Sommer nach 
Is land zu fegeln, aber der Koͤnig hatte ein Fahrtverbot auf alle 
dieſe Schiffe gelegt, weil die Maͤnner den Glauben nicht anneh⸗ 
men wollten. Alle islaͤndiſchen Maͤnner begruͤßten Kjartan herz⸗ 
lich, beſonders aber Brand, denn ſie kannten ſich gut von fruͤher 
her. Die Is laͤnder hielten nun Rat zuſammen, und es wurde 
Damit iſt die Tandſchaft um Trondhjem gemeint. Vorgebirge am Ein: 
gange des Trondhjemsfiordes. Im Jahre 995 wurde Olaf Tryggpafon 
König von Norwegen. ‚Mündung des Nidfluſſes', die heutige Stadt 
Trondhjem. Bollwerke zum bequemen Anlegen, Zin: und Ausladen, 
‚sie deutſche Bruͤcke in Bergen. vermund iſt als Nachkomme des Bjoͤrn 
von Oſten im Kap. 3, S. 29, erwahnt. Eine Heine anmutige Erzaͤhlung be⸗ 
richtet, wie Koͤnig Harald Hardrade die Sreigebigkeit Brands auf die Probe 
ſtellt. Brand müßte da ſchon ſehr alt geweſen fein. 7 Sein Leben if in 
einer beſonderen Saga erzählt. Seinen Beinamen ſoll er von Konig Olaf 
ſelbſt bekommen haben, weil er dem Könige Schwierigkeiten machte, ehe 
er ſich taufen ließ. ° Breida (Breitwaſſer) ein Sluß und Hof im ſuͤdoͤſt⸗ 
lichen Island an dem ſchmalen Kuͤſten ſaum unter dem rieſigen vatnajokull. 
Sellshverfi iſt Candſchaftsname. 


126 


unter ihnen beſchloſſen, den Glauben abzuweiſen, den der Ko⸗ 
nig verkuͤndete, und zu dieſem Bunde gehoͤrten alle die vorher⸗ 
genannten. Kjartan und ſeine Gefaͤhrten legten nun ihr Schiff 
an die Zafenbruͤcke und loͤſchten die Ladung und beftimmten 
uͤber ihre Waren. 

König Olaf war in der Stadt. Er erfuhr die Ankunft des 
Schiffes und zugleich, daß da manche bedeutende Maͤnner ſich 
auf dem Schiffe befanden. 

Es war im Zerbſt an einem ſchoͤnen Tage, daß die Maͤnner 
aus der Stadt gingen um im Nidfluß zu ſchwimmen. Kjar⸗ 
tan und die andern ſahen das. Da ſagte Kjartan zu feinen 
Genoſſen, ſie wollten auch zum Schwimmen gehen und heute 
an dem Vergnuͤgen teilnehmen. Das taten ſie. Ein Mann 
leiſtete da bei weitem das beſte. Kjartan fragte Bolli, ob er 
ſich im ſchwimmen verſuchen wolle gegen den Mann aus der 
Stadt. Bolli antwortete: „Ich glaube, das uͤberſteigt meine 
Kraͤfte.“ „Ich weiß nicht, wo dein Ehrgeiz hingekommen iſt,“ 
ſagte Kjartan, „fo werde ich es verſuchen.“ Bolli antwortete: 
„Das magſt du tun, wenn du Luft haft.” Kjartan warf ſich 
nun in den Fluß und ſchwamm zu dem Manne, der ſich als 
beſten gezeigt hatte, und tauchte gleich mit ihm unter und hielt 
ihn unten eine Zeitlang, dann ließ ihn Kjartan hinauf. Und 
als fie eine kurze Zeit ſich oben gehalten hatten, da packte der 
Mann Kjartan und zog ihn nach unten, und fie blieben länger 
unten, als es Kjartan gebürlich ſchien; dann kamen fie wieder 
nach oben. Sie ſprachen kein Wort mit einander. Jum dritten 
Male fahren ſie nieder, bleiben nun am allerlaͤngſten unten, 
und Rjartan konnte ſich kaum noch denken, wie dieſes Spiel 
enden ſollte, und meinte noch niemals ſo in der Klemme ge⸗ 
weſen zu ſein. Endlich kam es, daß ſie wieder emportauchten 
und an Land ſchwammen. Da ſprach der Mann aus der Stadt: 
„Wer bift du, Fremder?“ Rjartan nannte feinen Namen. Der 
Mann aus der Stadt ſagte: „Du biſt ein guter Schwimmer, 
biſt du auch in andern Fertigkeiten ebenſo ausgebildet wie in 
dieſer? Rjartan antwortete, aber etwas zoͤgernd: „Man redete 
davon, als ich in Island war, daß ich auch noch in andern 
gleiches leiſtete, aber nun hat ſich gezeigt, wie wenig dieſe wert 


127 


iſt. Der Mann aus der Stadt fagte: „Es kommt doch darauf 
an, mit wem du es zu tun gehabt haſt, warum fragſt du mich 
gar nicht?“ Kjartan ſagte: „Ich kuͤmmere mich nicht um deinen 
Namen.“ Der Mann aus der Stadt ſagte: „Beides iſt wahr, 
du biſt ein tuͤchtiger Mann und du benimmſt dich ſehr hoch⸗ 
muͤtig; aber nichts deſto weniger ſollſt du meinen Namen er⸗ 
fahren, und gegen wen du im Schwimmen gekaͤmpfſt haſt: 
Hier ſteht König Olaf, Tryggvis Sohn.“ Kjartan antwortete 
nichts und wandte ſich ſofort zum Gehen, er war ohne Mantel, 
in einem roten Scharlachsrock. Der König war da faft völlig 
angezogen, er rief Kjartan nach und bat ihn, nicht fo ſchnell 
wegzugehen. Kjartan kam zuruͤck, aber ziemlich zoͤgernd. Da 
nahm der Rönig feinen guten Mantel von den Schultern, gab 
ihn Kjartan und ſagte, er ſolle nicht ohne Mantel zu feinen 
Leuten zuruͤckkehren. Kjartan dankte dem König für die Gabe 
und ging zu ſeinen Leuten und wies ihnen den Mantel. Seine 
Leute bezeigten darüber keine Freude, fie meinten, er habe ſich 
damit ziemlich in die Macht des Koͤnigs gegeben; und es blieb 
nun ſtill. | 

Das Wetter wurde hart im gZerbſt; es war ſtarker Froſt und 
kalte Zeit. Die Heiden ſagten, es ſei nicht zu verwundern, daß 
das Wetter ſich ſchlecht anließe, — „das iſt die Strafe fuͤr die 
neuen Erfindungen des Königs und dieſen neuen Glauben, 
woruͤber die Goͤtter zornig geworden ſind.“ Die Islaͤnder 
waren alle zuſammen den Winter über in der Stadt. Kjartan 
war ſo gut wie ihr Anfuͤhrer. Das Wetter beſſerte ſich, und es 
kamen die Maͤnner in großen Scharen auf das Gebot des 
Rönigs zur Stadt. Viele Männer in Thrandheim hatten das 
Chriſtentum angenommen, aber jene bildeten doch bei weitem 
die Mehrzahl, die dagegen waren. Eines Tages hielt der Koͤnig 
ein Thing ab in der Stadt, auf dem Sande an der SIußmüns 
dung !, und ſprach über den Glauben zu den Maͤnnern, eine 
lange und lebhafte Rede. Die von Thrandheim waren heer⸗ 
ſtark und boten dem Koͤnige Kampf an. Der König fagte, fie 


1 An der Mündung des Lidfluſſes, auf dem Sande (eyrar) war ein be: 
ruͤhmter Thingplatz (Eyrathing). Hier wurde ſpaͤter den norwegiſchen Rd: 
nigen gehuldigt. Sormelhaft. 


128 


follten nur wiſſen, daß er ſich habe ſchon gegen größere uͤber⸗ 
macht ſchlagen muͤſſen, als gegen die Bauernkerle in Thrand⸗ 
heim. Da ſank den Bonden das Herz, und fie überließen alles 
der Gewalt des Königs, und viel Volk wurde getauft. Und 
dann wurde das Thing geſchloſſen. 

An demſelben Abende ſandte der König Leute zur Herberge 
der Islaͤnder und befahl den Spaͤhern in Erfahrung zu brin⸗ 
gen, was man da redete. Sie kamen zur Herberge. Von innen 
hoͤrte man luſtiges Caͤrmen. Da nahm Kjartan das Wort und 
ſagte zu Bolli: „Biſt du geneigt, Vetter, den Glauben anzuneh⸗ 
men, den der König verkuͤndet?“ „Ich bin nicht dazu geneigt,“ 
antwortete Bolli, „denn mir kommt ihre Religion zu weichlich 
vor.“ Rijartan fragte: „Schien euch der Konig etwas von Droh⸗ 
ungen merken zu laſſen gegen alle, die ſich ſeinem Willen nicht 
unterwerfen wuͤrden? “ Bolli antwortete: „Es war fuͤr uns nicht 
der Schatten eines Zweifels, daß er fie mit ſchwerer Strafe be: 
drohte.“ „Keines Mannes Zwang will ich mich ergeben,“ ſagte 
Kjartan, „folange ich aufrecht ſtehen und die Waffen führen 
kann; das kommt mir auch ſchwaͤchlich vor, ſich wie ein Lamm 
aus der Hürde oder wie ein Suchs aus der Falle holen zu laſſen. 
Viel beſſer ſcheint mir etwas anderes, wenn einer doch einmal 
ſterben ſoll: vorher eine Tat zu vollbringen, die noch lange nach⸗ 
lebt.“ Bolli fragte: „Was willſt du tun?“ „Das werde ich nicht 
verſchweigen,“ ſagte Kjartan, — „den Rönig in feinem Haufe 
verbrennen.“ „Das nenne ich allerdings nicht ſchwaͤchlich,“ 
ſagte Bolli, „aber es wird nicht ausgefuͤhrt werden koͤnnen nach 
meiner Anſicht; dem Könige wird das Gluͤck und die Dorfehung 
zur Seite ſtehen; außerdem hat er eine zuverläffige Wache um 
ſich, Tag und Nacht.“ Kjartan fagte, die Kuͤhnheit wanke doch 
gelegentlich bei den meiſten, wenn ſie auch noch ſo tapfere Maͤn⸗ 
ner ſeien. Bolli erwiderte, das ſei durchaus noch nicht ſicher, 
wer da den größeren oder geringeren Mut habe. Aber die mei⸗ 
ſten fielen ein und ſagten, das ſei alles unnoͤtiges Gerede. Und 
als die Rönigsmannen das vernommen hatten, gingen fie fort 
und berichteten dem Könige das ganze Geſpraͤch. 

Am Morgen darauf ließ der Konig ein Thing gebieten, dazu 
wurden auch alle Islaͤnder geladen. Und als das Thing 


9 Meißner, Lachstalſaga 129 


eröffnet war, ſtand der Koͤnig auf und dankte allen Männern 
fuͤr ihr Kommen, die ſeine Freunde ſein wollten und ſeinen 
Glauben angenommen haͤtten. Darauf ließ er die Islaͤnder 
vor ſich kommen. Der Rönig fragte fie, ob fie zur Taufe 
gehen wollten. Sie zeigten wenig Neigung dazu. Der König 
ſagte, dann würden fie ſich in eine Cage bringen, die ihnen 
unbehaglicher fein Fönnte — „aber wem von euch ſchien es 
denn das raͤtlichſte, mich in meinem Haufe zu verbrennen?“ 
Da antwortete Kjartan: „Ihr werdet vielleicht denken, daß 
dem Manne, der das geſagt hat, der Mut mangeln könnte, es 
zu bekennen; aber hier koͤnnt Ihr ihn ſehen.“ „Sehen kann ich 
dich,! ſagte der König, „einen Mann, der keine kleine Gedanken 
hat. Aber es wird dir nicht beſchieden fein, mein Haupt in den 
Staub zu legen; reichlich haͤtteſt du verdient, daß ich dich ver⸗ 
hinderte, noch andere Koͤnige deshalb mit Verbrennung zu be⸗ 
drohen, weil man dir eine beſſere Lehre darbietet. Doch weil 
ich nicht weiß, ob es dir Ernſt war mit deiner Rede, und weil 
du ehrlich dich zu deinem Wort bekannt haſt, will ich dir nicht 
das Leben nehmen wegen dieſer Sache. Es iſt auch möglich, 
daß du dem neuen Glauben um ſo feſter anhaͤngen wirſt, weil 
du heftiger als andere gegen ihn ſprichſt. Ich kann mir ferner 
denken, daß es ganze Schiffsbeſatzungen ſein wer den, die an 
dem Tage den Glauben annehmen, an dem du dich ungezwun⸗ 
gen taufen laͤßt. Auch ſcheint es mir wahrſcheinlich, daß eure 
Verwandten und Freunde viel auf das geben werden, was ihr 
ihnen erzaͤhlen werdet, wenn ihr wieder in Island ſeid; es 
ſagt mir meine Ahnung, daß du, Kjartan, eine beſſere Religion 
haben wirſt, wenn du aus Norwegen abſegelſt, als da du her⸗ 
kamſt. Geht nun in meinem Schutz und Frieden, wohin ihr 
wollt, aus dieſer Verſammlung; ich werde euch nicht zum 
Chriſtentum zwingen bei dieſer Gelegenheit, denn Gott ſpricht: 
er wolle nicht, daß jemand gezwungen zu ihm komme.“ 

Der Rede des Königs folgte großer Beifall, doch am meiſten 
bei den Chriſten; aber die Heiden uͤberließen es Kjartan, zu 
antworten, wie er fuͤr gut hielt. 

I Mach dieſem Grundſatz verfaͤyrt ſonſt Olaf durchaus nicht bei feinen Be: 
kehrungen, vgl. Kap. 41. 


130 


Da ſprach Kjartan: „Danken wollen wir Euch, Rönig, dafür, 
daß Ihr uns guten Srieden gebt, und auf die Weiſe kannſt du 
uns am beſten locken, den neuen Glauben anzunehmen, wenn 
du uns vergibſt, was wir verbrochen haben, und alles in 
Freundlichkeit begehrſt, gerade an dem heutigen Tage, da Ihr 
unſer Schick ſal ganz in der Hand habt; und, was mich angeht, 
denke ich nur ſo deinen Glauben anzunehmen, daß ich dann 
Thor gering achten wuͤrde im naͤchſten Winter, wenn ich nach 
Island komme.“ Da ſagte der Rönig und lächelte dabei: „Man 
ſieht das an Kjartans Weſen, daß er mehr Vertrauen hat 
auf ſeine Kraft und ſeine Waffen, als auf die Macht Thors 
und Odins.“ Darauf wurde das Thing geſchloſſen. Viele reiz⸗ 
ten den König auf, als einige Zeit vergangen war, Rjartan 
und ſeine Leute zum Glauben zu zwingen, und erklaͤrten es 
für gefaͤhrlich, ſo viele Heiden in der Naͤhe des Rönigs zu 
laſſen. Der Koͤnig antwortete ihnen zornig und ſagte, er glaube, 
es gaͤbe viele Chriſten, die nicht von ſo edler Geſinnung ſeien 
wie Kjartan und feine Geſellen: — „auf ſolche Leute will ich 
geduldig warten.“ 

Der König ließ manches Nuͤtzliche ausführen in dieſem Winter, 
er ließ eine Kirche bauen und die Stadt ſehr erweitern. Die 
Kirche war zur Weihnachtszeit fertig. Da ſagte Kjartan, ſie 
wollten fo nahe an die Kirche gehen, daß fie ſehen konnten, 
was die Leute da trieben, die den chriſtlichen Glauben haͤtten. 
Viele ſtimmten dem bei und ſagten, das muͤßte ſehr unterhaltend 
fein. Kjartan ging nun dahin mit feiner Schar und Bolli; auch 
Zallfred war dabei und viele andere von den Islaͤnde rn. Der 
König ſprach uͤber den Glauben vor den Leuten, e ine lange 
und lebhafte Rede,! und bei den Chriſten war großer Beifall 
nach feinen Worten. Und als Kjartan mit feinen Ge faͤhrten 
in die Herberge zuruͤckgekehrt war, wurde eifrig daruͤber ge⸗ 
ſprochen, welchen Eindruck ihnen der König gemacht hatte an 
dem Seft, daß die Chriſten als ihr zweithoͤchſtes anſehen, — 
„denn der Rönig ſagte, fo daß wir es hoͤren konnten, daß heute 
Nacht der Häuptling geboren iſt, an den wir nun glauben 
follen, wenn wir tun, wie der König uns gebietet.“ Kjartan 
I gl. S. 128, Anm. 2. 


9 131 


ſagte: „So gut gefiel mir der Konig gleich beim erſten Male, 
als ich ihn ſah, daß ich ſofort merkte, er ſei ein ganz hervor⸗ 
ragender Mann, und das iſt ſpaͤter immer gleich geblieben, 
wenn ich ihn bei Maͤnnerzuſammenkuͤnften geſehen habe; aber 
am allerbeſten hat er mir doch heute gefallen, und ich bin feſt 
davon uͤberzeugt, daß es zu unſerm beſten iſt, wenn wir glauben, 
das ſei der wahre Gott, den uns der Rönig verkuͤndet, und 
nun kann der Rönig nicht eifriger wuͤnſchen, daß ich den 
Glauben annehme, als ich, mich taufen zu laſſen, und nur das 
eine haͤlt mich ab, jetzt gleich zum Koͤnige zu gehen, daß der 
Tag weit vorgeſchritten iſt; denn nun wird der Koͤnig bei Tiſch 
ſitzen, es wird aber ein ganzer Tag drauf gehen, wenn wir 
Landsleute alleſamt getauft werden ſollen.“ Bolli ſtimmte 
dem bei und ſagte, KRjartan möge allein entſcheiden, was ges 
ſchehen ſolle. 

Was Kjartan mit ſeinen Gefaͤhrten geſprochen hatte, war dem 
Könige bekannt geworden, ehe die Tiſche weggebracht waren, 
denn er hatte ſeine Dertrauensmaͤnner in allen gerbergen der gei⸗ 
den. Der König war darüber aufs hoͤchſte erfreut und ſagte: 
„Rjartan hat das Sprichwort beſtaͤtigt: hohe Seſte, heilbringen⸗ 
de Zeit.“ Und am naͤchſten Morgen gleich in der Srübe, als der 
König zur Kirche ging, trat ihm Rjartan auf der Straße mit 
einer großen Schar von Männern entgegen. Kjartan begrüßte 
den Rönig in freundlicher Ergebenheit und ſagte, daß er ihm 
etwas wichtiges mitzuteilen habe. Der Rönig erwiderte feinen 
Gruß und fagte, er wiſſe ſchon ganz genau Beſcheid — „und 
dieſer dein Wunſch fol gern erfüllt werden.“ Kjartan bat den 
Koͤnig, er möge nun nicht zoͤgern, ſich nach Taufwaſſer um⸗ 
zuſehen, und ſagte, man wuͤrde ziemlich viel Waſſer dazu 
brauchen. Der Rönig antwortete und lächelte dabei: „Ja, 
Kjartan,“ ſagte er, „hierbei würde Eigenwilligkeit keine 
Schwierigkeiten machen, auch wenn du ſchwerer zu gewinnen 
waͤrſt.“ Darauf wurden Rjartan und Bolli getauft und ihre 
ganze Schiffsgenoſſenſchaft und eine Menge anderer Maͤnner. 
Es war am zweiten Weihnachtstage vor dem Gottesdienſte. 
Darauf lud der König Kjartan zum Weihnachts feſt ein und 
ebenſo Bolli, ſeinen Vetter. Die allgemeine Erzaͤhlung iſt, daß 


132 


Rjartaen an dem ſelben Tage ein geſchworener Mann König 
Olafs geworden ſei, an dem er das Taufkleid ablegte, und 
Bolli mit ihm. Hallfred wurde an dieſem Tage nicht getauft, 
weil er ſich das ausbedang, daß der König ſelbſt fein Pate 
fein ſollte; der Rönig verſtand ſich dazu an dem naͤchſten Tage. 
Kjartan und Bolli blieben beim Koͤnige die Übrige Zeit des 
Winters. Der Konig ſchaͤtzte Kjartan höher als alle andern 
Männer wegen feiner Familie und feiner Tuͤchtigkeit, und all⸗ 
gemein wird erzaͤhlt, Kjartan ſei dort ſo beliebt geweſen, daß 
er keinen Neider innerhalb der koͤniglichen Gefolgſchaft hatte; 
ebenſo ſagten alle, daß noch nie ein ſolcher Mann aus Island 
gekommen ſei, wie Rjartan. Auch Bolli war ein ſehr tuͤchtiger 
Mann und hochgeſchaͤtzt bei allen wackeren Leuten. So ging 
nun dieſer Winter hin. Und als der Fruͤhling gekommen war, 
ruͤſte ten ſich die Maͤnner zur Abreiſe, jeder nach ſeinem Vor⸗ 
hab en. 


41. König Olaf ſendet Thangbrand nach 


Island 

Ku der Sohn des Asgeir, ging zu Kjartan und fragte 

ihn, was feine Pläne ſeien für den Sommer. Kjartan 
antwortete: „Ich dachte in erſter Linie daran, daß wir mit 
unſerm Schiff nach England fahren ſollten, denn da iſt jetzt 
ein guter Markt fuͤr chriſtliche Kauffahrer. Doch will ich mit 
dem Koͤnige reden, ehe ich mich dazu feſt entſchließe, denn es 
ſchien ihm gar nicht zu gefallen, als ich vor kurzem mit ihm 
von meiner Abreiſe ſprach.“ Darauf ging Kalf fort und Kjar⸗ 
tan begab ſich zum Koͤnige und begrüßte ihn ehrerbietig. Der 
König empfing ihn freundlich und fragte ihn, was er mit 
feinem Gefährten beſprochen habe. Kjartan berichtete, was ihr 
vorlaͤufiger Plan ſei, ſagte aber, er komme zunaͤchſt zum 
Rönige, ſich Erlaubnis zur Abreiſe zu erbitten. Der König 
antwortete: „Ich will dich abreiſen laſſen, Kjartan, wenn du 
im Sommer nach Island faͤhrſt und das Volk zum Chriſten⸗ 
tum bringſt, mit Gewalt oder mit andern Mitteln; ſollte dir 
aber dieſe Unternehmung zu ſchwierig ſcheinen, ſo will ich dich 
unter keinen Umſtaͤnden aus der Hand laſſen, denn ich meine, 


133 


es paſſe befier für dich, im Dienſte hochſtehender Männer zu 
ſtehen, als dich hier in einen Kaufmann zu verwandeln.“ Rjar- 
tan wollte lieber beim Könige bleiben als nach Island fahren 
und dort den Glauben verkuͤnden, er ſagte, er habe keine 
Neigung, gewalttätig gegen feine Verwandten vorzugehen, 
— „es ift auch wahrſcheinlicher bei meinem Vater und anderen 
Zaͤuptlingen, die meine nahen Verwandten find, daß fie umfo 
weniger hartnaͤckig deinem Willen ſich widerſetzen werden, 
wenn ich in ehrenvoller Stellung in deinem Dienſte ſtehe.“ 
Der Rönig ſagte: „Das iſt verſtaͤndig und vornehm gedacht.“ 
Der Rönig ſchenkte Rjartan einen ganzen, neu zugeſchnittenen 
Scharlachanzug. Er paßte ihm gut, denn man ſagt, daß ſie 
gleich große Maͤnner geweſen ſind, wenn ſie ſich meſſen ließen, 
König Olaf und Kjartan. 

König Olaf ſandte nach Island feinen Gefolgſchaftsprieſter, 
der Than gbrand ! hieß. Er kam mit feinem Schiff in den Alpta⸗ 
fiord? und war den Winter über bei Hall von Sida? in 
Thvatta und verkuͤndete den Leuten den Glauben, ſowohl mit 
freundlicher Rede als mit harten Strafworten. Thangbrand 
erſchlug zwei Männer,* die beſonders eifrig gegen ihn ſprachen. 
Sau nahm den Glauben an im Fruͤhling und wurde getauft 
am Samstag vor Oſtern und mit ihm fein ganzes Haus; und 
da ließ ſich Gizor der Weiße? taufen und Hjalti, der Sohn 
des Skeggi, und viele andere Häuptlinge; aber doch waren 
die viel zahlreicher, die dagegen ſprachen, und die Spannung 
zwiſchen den Heiden und Chriſten fing an gefährlich zu werden; 
die Zaͤuptlinge beſchloſſen untereinander, Thangbrand zu töten 
und alle, die ihm Unterſtuͤtzung gewaͤhren wuͤrden. Vor dieſem 


I Die Miſſionsreiſe Thangbrands, der kein Norweger, vielleicht ein Deutſcher 
war, wird in verſchiedenen Quellen geſchildert. 2 Alptafiord (Schwanen; 
fiord), im ſuͤdoͤſtlichen Island, ſuͤdweſtlich vom Handelsplatz Diupivogr. 
Hall, der Sohn des Thorſtein, ift ein Haͤuptling, der in der Njals ſaga eine 
bedeutende Rolle ſpielt. Sein Hof heißt eigentlich A (Sluß); §Fluß und Hof 
ſollen von der Taufhandlung den Namen, waſchfluß' bekommen haben. Sida 
iſt der Kuͤſtenſtrich ſuͤdlich des Vatnajoͤkull. Thangbrand und feine Leute 
erſchlugen vetrlidi und Thorvald, die Schmaͤhſtrophen gegen den Bekehrer 
gedichtet hatten. 5 Gizor iſt der Vater Isleifs, des erſten islaͤndiſchen Biſchofs 
(S. 124, Anm. 1). 


134 


drohenden Angriff floh Thangbrand nach Norwegen und kam 
zu Koͤnig Olaf und berichtete ihm, wie es ihm auf feiner Sahrt 
ergangen ſei, und ſagte, er glaube nicht, daß man das Chriſten⸗ 
tum annehmen werde auf Island. Der König wurde darüber 
ſehr zornig und ſagte, er meine, viele Islaͤnder wuͤrden das 
empfindlich zu fuͤhlen haben, wenn ſie nicht vorher von ſelbſt 
zu Verſtande kaͤmen. 

In demſelben Sommer wurde gjalti, der Sohn des Skeggi, 
auf dem Thinge wegen Gotteslaͤſterung geaͤchtet. Die Klage 
hatte erhoben Runolf,! Ulfs Sohn, der in Dal unter den 
Eyjafjoͤll wohnte, ein ſehr großer Häuptling. In demſelben 
Sommer verließ Gizor Island und Zjalti mit ihm; fie 
landeten in Norwegen und begaben ſich ſofort zu König Qlaf. 
Der Rönig nahm fie gut auf und ſagte, fie hätten daran recht 
getan, außer Landes zu gehen, und lud ſie ein, bei ihm zu 
bleiben, und das nahmen fie an. Da war Sverting, der Sohn 
des Runolf von Dal, den Winter über in Norwegen gewefen 
und wollte nun im Sommer nach Island fahren; ſein Schiff 
lag völlig ſegelfertig an der Hafenbruͤcke und wartete auf Sahr⸗ 
wind. Der Koͤnig verbot ihm die Ausreiſe, er ſagte, kein Schiff 
ſolle nach Island ſegeln dieſen Sommer. Sverting ging vor 
den König und trug feine Sache vor, bat um Keiſeerlaubnis 
und ſagte, es kaͤme fuͤr ihn viel darauf an, daß ſie nicht die 
Ladung wieder aus dem Schiffe ſchaffen müßten. Der Koͤnig 
ſagte und war zornig: „Gut iſt's, daß der Sohn des Goͤtzen⸗ 
dieners dort bleiben muß, wo es ihm unbehaglich ift,“ und 
Sverting durfte nicht abreiſen. Den Winter uͤber ging gar 
nichts vor. 

Im Sommer darauf ſandte der Konig Gizor den Weißen, 
und Zjalti, den Sohn des Skeggi, nach Island, um aufs neue 
den Glauben zu verkuͤnden, und behielt vier Maͤnner als 
Geiſeln zuruͤck, Kjartan, Olafs Sohn, Zalldor, den Sohn Gud⸗ 
munds des Maͤchtigen,? und Kolbein, den Sohn des Thord, 
1 Die Klage wurde wegen eines Verfes erhoben, in dem Zjalti die Böttin 
Sreyja eine luͤſterne Hündin nennt. Gudmund, der Sohn des Spyjolf, 
gewaltiger Haͤuptling des Nordlandes, der in verſchiedenen Erzaͤhlungen 


bedeutſam hervortritt. Berühmt durch den Totfchlag, den er mit feinem 
Bruder Egil an Arnor, dem Sohne des Srnolf, verübte (Yliala Kap. 116). 


135 


des Freyprieſters, und Sverting, den Sohn des Runolf von 
Dal. Da beſchloß auch Bolli mit Gizor und Zjalti zu fahren. 
Er ſuchte feinen Vetter Kjartan auf und ſprach: „Ich bin nun 
entſchloſſen zur Abreiſe; ich wuͤrde auf dich noch den naͤchſten 
Winter warten, wenn im Sommer darauf deine Abreiſe 
weniger unſicher waͤre als jetzt. Aber ich glaube es voraus⸗ 
zuſehen, daß der König dich um keinen Preis freigeben wird, 
und bin uͤberzeugt, du machſt dir wenig aus dem, was es in 
Island an Unterhaltung gibt, fo lange du neben Ingibjoͤrg,! 
der Schweſter des Königs, im Geſpraͤch ſitzen kannſt.“ Sie 
war damals am Zofe Rönig Olafs und die ſchoͤnſte von allen 
rauen im Lande. Kjartan antwortete: „Was redeſt du da 
für Zeug Du ſollſt unſern Verwandten meine Grüße bringen 
und ebenſo unſern Freunden.“ 


42. In Island wird das Chriſtentum an⸗ 


genommen. Bolli kehrt heim 

arauf nahmen Kjartan und Bolli Abſchied von ein: 

ander. Gizor und Sjalti fegelten ab aus Norwegen und 
hatten gute Fahrt; ſie kamen zur Thingzeit zu den Weſt⸗ 
maͤnnerinſeln und fuhren zum Hauptland hinüber; da hielten 
fie Derfammlungen und Beratungen mit ihren Verwandten 
ab. Darauf ritten ſie zum Allthing und ſprachen uͤber den 
Glauben vor den Männern, eine lange und lebhafte Rede; 
da nahmen alle Männer auf Island den Glauben an.? 

Bolli ritt nach Zjardarholt vom Thinge mit feinem Oheim 
Olaf; Olaf nahm ihn mit großer Freundlichkeit auf. Bolli 
ritt nach Laugar zu feiner Unterhaltung, nachdem er kurze 
Zeit daheim geweſen war; er wurde dort herzlich begrüßt. 
Gudrun fragte ihn eingehend nach feinen Reifeerlebniffen und 
darauf nach Kjartan. Bolli antwortete bereitwillig auf alle 
ragen Gudruns, er ſagte, von feinen Aeifeerlebniffen ſei 
nichts Beſonderes zu erzählen, — „was aber Kjartan anlangt, 
ſo ſind ſehr hohe Dinge der Wahrheit gemaͤß von ſeiner Stellung 
zu ſagen, denn er iſt im Gefolge des Koͤnigs Olaf und wird 


1 Ing ibjoͤrg, die Tochter des Tryggvi, war ſpaͤter vermaͤhlt mit dem Jarl 
Rögnvald in Gautland. * So einfach ging die Bekehrung nicht vor ſich. 


136 


da mehr geſchaͤtzt als jeder andere; es wird mich nicht über: 
raſchen, wenn wir hierzulande wenig von ihm haben ſollten 
die naͤchſten Jahre.“ Gudrun fragte ihn, ob dafuͤr noch ein 
anderer Grund fei als die Freundſchaft mit dem Koͤnige. Bolli 
erzählte, was die Leute redeten von der Freundſchaft zwifchen 
Kjartan und Ingibjoͤrg, der Koͤnigsſchweſter, und fagte, feiner 
Meinung nach würde der Konig ihm lieber Ingibjörg zur 
Stau geben, als ihn loslaſſen, wenn er ſich für eins von beiden 
entſcheiden muͤßte. Gudrun ſagte, das ſei eine gute Nachricht, 
— „denn eine gute Frau muß es fein, die Kjartans würdig fein 
will.“ Sie ließ da gleich das Geſpraͤch fallen, ging weg und 
war ganz rot. Aber andere bezweifelten, ob ihr dieſe Nach⸗ 
richt wirklich ſo gut ſchien, wie ſie vorgab. 

Bolli war daheim in Zjardarholt den Sommer über, er hatte 
ſich großes Anſehen erworben durch feine Reife. Alle feine 
Verwandten und Bekannten ſchaͤtzten ſeine Tuͤchtigkeit hoch. 
Bolli hatte auch großes Gut mit nach Island gebracht. Er 
kam oft nach Laugar und unterhielt ſich mit Gudrun. Eines 
Tages fragte Bolli Gudrun, wie ſie ihm antworten wuͤrde, 
wenn er um ſie anhielte. Da ſprach Gudrun haſtig: „Nicht 
ſollſt du ſo etwas reden, Bolli; keinem Manne werde ich mich 
vermaͤhlen, ſolange ich Kjartan am Leben weiß.“ Bolli ant⸗ 
wortete: „Da denke ich, daß du manches Jahr ohne Mann 
wirft ſitzen muͤſſen, wenn du auf Kjartan warten willſt; er 
würde die Gelegenheit benutzt haben, mir hierüber irgend 
einen Auftrag mitzugeben, wenn ihm ſo beſonders viel daran 
gelegen wäre.“ Sie wechſelten noch einige Worte miteinander, 
und jedes blieb bei feiner Meinung. Darauf ritt Bolli heim. 


43. Bolli verheiratet ſich mit Gudrun. 
König Olaf entlaͤßt KAjartan 


inige Zeit darauf begann Bolli ein Geſpraͤch mit feinem 
Oheim Olaf und ſagte: „Es iſt nun ſoweit, Oheim, daß 
ich Luft habe, mich irgendwo feſtzuſetzen und zu heiraten; ich 
bin nun, denke ich, völlig erwachſen, ich möchte bei meinem 
Vorhaben Hilfe und Soͤrderung durch dein Wort nicht ent⸗ 
behren, denn die meiſten hier in der Gegend werden in hohem 


137 


Maße auf dein Wort Gewicht legen.“ Olaf antwortete: „Es 
wird keine Frau geben, das darf ich ſagen, der dein Antrag 
nicht zur Ehre gereichte, wenn du um ſie anhaͤltſt. Du haſt aber 
gewiß nicht das Geſpraͤch hierauf gebracht, ohne dir vorher 
vorgenommen zu haben, wohin du es lenken willſt.“ ! Bolli 
ſagte: „Ich will nicht um eine Srau außerhalb unſerer Gegend 
anhalten, fo lange gute Partien in der Naͤhe find; ich will 
anhalten um Gudrun, die Tochter des Oſvifr; fie iſt die Erſte 
unter den Frauen.“ Olaf antwortete: „Das iſt eine Sache, an 
der ich keinen Teil haben will; es iſt dir, Bolli, genau ſo be⸗ 
kannt wie mir, was man geredet hat uͤber die Liebe zwiſchen 
Kjartan und Gudrun. Aber wenn dir dieſe Sache fo außer: 
ordentlich am Herzen liegt, werde ich keine Hinderniſſe ent⸗ 
gegenſtellen, vorausgeſetzt, daß ihr unter einander einig werdet. 
gaſt du denn ſchon mit Gudrun hieruͤber geredet?“ Bolli ſagte, 
er habe wohl ſein Anliegen einmal vorgebracht, ſie ſei aber wenig 
darauf eingegangen, — „ich ſollte doch meinen, daß Dfvifr 
vor allem in dieſer Sache etwas zu ſagen haben wird.“ Olaf 
erwiderte, er möge fo handeln, wie es ihm gut ſchiene. 

Nicht lange darauf ritt Bolli vom Zofe und mit ihm die Söhne 
Olafs, Halldor und Steinthor; fie waren zwoͤlf zuſammen. 
Sie ritten nach Laugar. Oſpvifr begrüßte fie herzlich und 
ebenſo ſeine Soͤhne. Bolli bat Oſvifr um eine Unterredung 
und hob an mit feiner Werbung und bat ihn um die Hand 
feiner Tochter Gudrun. Und Oſvpifr antwortete folgender⸗ 
weiſe: „So ſteht es, wie du weißt, Bolli, daß Gudrun Witwe 
iſt und ſich ſelbſtaͤndig zu entſcheiden das Recht hat, aber 
empfehlen will ich deinen Antrag.“ Oſvifr ging nun zu 
Gudrun und ſagte ihr, Bolli, Thorleiks Sohn, ſei gekommen, 
— „und er hält um dich an; du haft in dieſer Sache zu ent⸗ 
ſcheiden. Ich will nur in Rürze meinen Willen erklaͤren, daß 
Bolli nicht abgewieſen werden ſoll, wenn es nach mir geht.“ 
Gudrun antwortete: „Leichthin entſcheideſt du uͤber dieſe 
Sache; Bolli hat einmal vor mir daruͤber geſprochen, und ich 
habe ihn deutlich genug abgewieſen, und das iſt auch jetzt noch 
meine Abſicht.“ Da ſagte Dfvifr: „Viele werden ſagen, da 
1 Sormelhaft, vgl. S. 78, Anm. 1. 


138 


ſpreche mehr Hochmut aus dir als verftändige Überlegung, 
wenn du einen ſolchen Mann abweiſt, wie Bolli iſt. Aber fo 
lange ich am Leben bin, ſoll mein fuͤrſorgender Kat bei euch, 
meinen Kindern, etwas gelten, in allen Dingen, in denen ich 
klarer ſehen kann als ihr.“ Und als Oſpvifr dieſe Sache fo un⸗ 
willig aufnahm, da wagte Gudrun nicht fuͤr ſich allein Wider⸗ 
ſtand zu leiſten, gab aber nur mit dem größten Wider willen 
nach; die Söhne Oſvifrs redeten ihr ſehr zu; fie betrachteten die 
Verſchwaͤgerung mit Bolli als einen ſehr großen Gewinn. Mag 
man nun längere oder kuͤrzere Zeit über dieſe Sache verhandelt 
haben,! man kam zu dem Ende, daß die Verlobung vor ſich 
ging, und man beſtimmte die Zeit um die erſten Winternaͤchte 
zur Hochzeit. Darauf ritt Bolli heim nach Zjardarholt und 
ſagte Olaf, was man ausgemacht habe. Olaf bezeigte wenig 
Sreude darüber. Bolli blieb daheim, bis er zur Hochzeit kom⸗ 
men ſollte. Bolli lud feinen Oheim Olaf ein, Olaf hatte keine 
Luft dazu, kam aber doch mit auf Bollis Bitten. Die Hochzeit 
wurde praͤchtig in Caugar gefeiert. Bolli blieb dort den Winter 
über. Das Ehegluͤck der beiden war nicht befonders, ſoweit 
Gudrun dazu beitrug. 

Und als der Sommer kam, da fuhren die Schiffe von Land 
zu Land. Da kam nach Norwegen die Kunde aus Island, 
daß dort alles chriſtlich geworden war. Rönig Olaf war 
hocherfreut daruͤber und gab Sahrerlaubnis den Maͤnnern, 
die er als Geiſeln zuruͤckgehalten hatte, zu reiſen, wohin ſie 
Luft hätten. Kjartan antwortete — denn er war der Vor: 
mann aller derer, die da vergeiſelt geweſen waren — „habt 
großen Dank, wir gedenken Island zu beſuchen in dieſem 
Sommer.“ Da ſagte Koͤnig Olaf: „Ich werde dieſe meine 
Worte nicht zuruͤcknehmen, Kjartan, aber ich habe das mehr 
zu den andern geſagt als zu dir; denn wir denken, Kjartan, 
daß du hier mehr als Freund wie als Geiſel geweſen biſt. 
Ich moͤchte, du haͤtteſt nicht den Wunſch geaͤußert, nach 
Island zu reiſen, wenn du auch da angeſehene Verwandte 
haſt, denn es liegt in deiner Zand, dich fuͤrs Leben in 
Norwegen zu verſorgen, wie es dir in Island nicht geboten 
Sormelhaft, vgl. S. 30 Anm. 2. 


139 


werden kann.“! Da antwortete KRjartan: „Unſer Herr lohne 
Euch alle Ehre, die Ihr mir erwieſen habt, ſeit ich in Euern 
Dienſt getreten bin, doch hoffe ich, Ihr werdet mir nicht minder 
Urlaub geben als den andern, die ihr hier eine Zeitlang zuruͤck⸗ 
gehalten habt.“ Der Rönig ſprach, fo ſolle es fein, und fagte, 
unter den Maͤnnern nichtfuͤrſtlichen Ranges werde er ſchwer⸗ 
lich jemanden finden, der Kjartan gleich kaͤm e. 

In dieſem Winter hatte Kalf, Asgeirs Sohn, ſich in Norwegen 
aufgehalten; im Herbſt vorher war er von England zu Kjar⸗ 
tan gekommen, mit ihrem Schiff und mit Zandelsware. Und 
nachdem Kjartan Urlaub zur Islandfahrt bekommen hatte, 
gingen Ralf und Kjartan daran, das Schiff fegelfertig zu 
machen. Und als das Schiff klar war, ging Kjartan, Ingibjoͤrg, 
die Rönigsfchwefter, zu beſuchen. Sie begrüßte ihn freundlich 
und ließ ihn neben ſich ſitzen, und ſie begannen ihr Geſpraͤch. 
Da ſagte Rjartan zu Ingibjörg, daß er im Begriffe ſei, nach 
Island zu fahren. Sie antwortete ihm: „Wir glauben, Kjar⸗ 
tan, daß du das mehr aus Eigenwillig keit beſchloſſen haft, als 
daß man dir es nahe gelegt haͤtte, Norwegen zu verlaſſen und 
nach Island zu reiſen.“ Und ſie wurden darauf wortkarg mit 
einander. Unterdeſſen griff Ingibjoͤrg in die Kredenz, die bei 
ihr ſtand und nahm daraus ein weißes Kopftuch mit Gold⸗ 
gewebe und gab es Kjartan und ſagte, es würde Gudrun, der 
Tochter des Oſpvifr, ſehr gut ſtehen — „und du ſollſt ihr das 
Kopftuch zur Morgengabe ſchenken, ich will, daß die Islaͤnde⸗ 
rinnen ſehen, daß die Srau nicht von Knechten ſtammt, mit 
der du dich in Norwegen unterhalten haſt;“ das Tuch lag 
in einem Beutel von Sammet, es war ein ſehr koſtbares 
Stuͤck. „Nicht will ich dich hinaus geleiten,“ ſagte Ingibjörg, 
„fahr wohl und ſei gluͤcklich.“ Darauf ſtand Rjartan auf und 
Püßte fie; jedermann ſah, daß es ihnen ſchwer wurde, von 
einander zu ſcheiden. 

Kjartan ging nun fort und begab ſich zum Koͤnige; er ſagte dem 
Könige, daß er nun fertig zur Abreiſe ſei. König Olaf begleis 
tete Kjartan zum Schiff und eine große Menge mit ihm. Und 
als er dorthin kam, wo das Schiff auf dem Waſſer lag — ein 
’ Durch die Dermäylung mit Ingibſorrgg gg 


140 


Landungsſteg führte heruͤber —, da nahm der Konig das 
Wort: „Zier iſt ein Schwert, Kjartan, das du von mir an⸗ 
nehmen ſollſt zum Abſchied; laß dies Schwert dir zur Seite 
ſein, denn ich meine, keine Waffe ſoll dich niederſtrecken, ſo 
lange du dieſes Schwert in der Hand hältft.” Das war ein 
prachtvolles Kleinod und reich gearbeitet. Kjartan dankte dem 
Könige mit trefflichen Worten für alle die Ehre und Soch⸗ 
ſchaͤtzung, die er ihm erwieſen habe, ſo lange er in Norwegen 
geweſen ſei. Da ſprach der Rönig: „Darum will ich dich noch 
bitten, Kjartan, daß du treu an deinem Glauben feſthaͤltſt.“ 
Darauf ſchieden fie von einander, der Rönig und Kjartan, 
in großer Liebe. Dann ging Kjartan aufs Schiff. Der König 
ſah ihm nach und ſprach: „Schweres droht Kjartan und ſei⸗ 
nem Geſchlecht, und es wird nicht leicht ſein, etwas zur Ab⸗ 
wendung des Verhaͤngniſſes zu tun.“ 


44. Kjartan kehrt nach Island zu ruͤck 


jartan und Ralf gingen nun in See. Sie hatten guten 
Wind und waren nur kurze Zeit unterwegs. Sie kamen 
zurgvita im Borgarfjor d. Die Kunde davon verbreitete ſich weit, 
daß Kjartan nach Island gekommen ſei. Dies erfuhr Olaf, 
ſein Vater, und ſeine andern Verwandten und wurden hocher⸗ 
freut. Olaf ritt gleich aus dem Talbezirfim Weſtlande ſuͤdwaͤrts 
zum Borgarfjord. Es war da ein herzlich frohes Wiederſehen 
von Vater und Sohn. Olaf lud Kjartan zu ſich ein mit ſo viel 
Mann, als er wolle. Kjartan nahm das gern an, er ſagte, er 
wuͤrde ſich keinen andern Aufenthaltsort in Island gewaͤhlt 
haben. Olaf ritt nun heim nach Hjardarholt, aber Kjartan blieb 
beim Schiffe den Sommer über. Er erfuhr nun Gudruns Verhei⸗ 
ratung und ſchien ſich das wenig anfechten zu laſſen; aber für 
viele war das Anlaß zur Beſorgnis geweſen. 

Gudmund, ! Solmunds Sohn, Kjartans Schwager, und feine 
Schweſter Thurid kamen zum Schiffe. Kjartan begrüßte fie 
freundlich. Asgeir Brauſekopf kam auch zum Schiff, ſeinen 
Sohn Ralf zu beſuchen; da war mit ihm gekommen Zrefna, 
feine Tochter; fie war ſehr. ſchoͤn. Kjartan bot feiner Schweſter 
Vgl. Kap. 31 zu Anfang. 


141 


Thurid an, ſich etwas aus der Ladung auszuſuchen, das ihr 
gefiele. Dasſelbe fagte Ralf zu Hrefna. Ralf ſchloß nun eine 
große Rifte auf und bat die Frauen, ſich die durchzuſehen. 
Waͤhrend des Tages kam ein ſcharfer Wind und Kjartan und 
Ralf liefen hinaus, um ihr Schiff feſt zulegen. Und als fie 
damit fertig waren, kehrten fie zu den Handelsbuden zuruͤck. 
Ralf trat zuerft in ihre Bude. Thurid und Hrefna hatten da 
ſchon viel aus der Rifte ausgepackt. Da holte Hrefng das 
Kopftuch heraus und faltete es auseinander. Die Frauen rede⸗ 
ten darüber, was das für ein koſtbares Stuck ſei. Da ſagte 
Zrefna, ſie wolle ſich einmal das Kopftuch anlegen. Thurid 
erwiderte, das fei recht; und Hrefna tat es nun. Kalf ſah das 
und ſagte, ſie tue da etwas, das ſich nicht paſſe, er bat ſie, das 
Kopftuch ſofort abzulegen, — „denn das iſt das einzige Stuͤck, 
das Kjartan und ich nicht gemeinſam beſitzen.“ Und während 
ſie noch daruͤber redeten, kam Kjartan in die Bude. Er hatte 
ihr Geſpraͤch gehoͤrt und fiel gleich ein und ſagte, es mache 
nichts. Zrefna ſaß immer noch mit dem Kopftuch da. Rjartan 
ſah ſie lange an und ſprach: „Schoͤn, finde ich, ſteht dir das 
Kopftuch, grefna,“ ſagte er, „ich meine auch, es wäre wohl 
am beſten, wenn ich alles zuſammen haͤtte, Kopftuch und 
Maͤdchen.“ Da antwortete Zrefna: „Man wird annehmen 
dürfen, daß du dich nicht wirft fo plotzlich verheiraten wollen, 
doch daß du die Frau bekommſt, um die du anhaͤltſt.“ Ajartan 
ſagte, es würde ihm nicht fo viel ausmachen, welche er bekaͤme, 
aber er wuͤrde nicht lange aufs ungewiſſe um eine freien; — 
„ich ſehe, daß dieſer Schmuck dir gut ſteht, und deshalb iſt es 
billig, daß du meine Frau wirft.” Hrefna machte nun den Kopf: 
putz los und gab Rjartan das Tuch surüd, und er nahm es 
in Verwahrung. 

Gudmund und Thurid luden für den Winter Rjartan zu fich 
ins Nordland zum Verwandtenbeſuch ein. Kjartan verſprach 
zu kommen. Kalf, Asgeirs Sohn, ritt nach Norden mit ſeinem 
Vater. Kjartan und Ralf löften nun ihre Genoſſenſchaft auf, 
das ging alles in Frieden und §reundſchaft vor fi. Rjartan 
ritt dann auch vom Schiffe weg und. zwar nach dem Talbezirf 
im Weſtland. Sie waren zwoͤlf zuſammen. Kjar tan kam heim 


142 


nach Zjardarholt, und alle waren froh über ihn. Kjartan ließ 
im gerbſt fein Gut vom Schiff aus dem Süden holen. Dieſe 
zwoͤlf Mann, die mit Kjartan ins Weſtland geritten waren, 
blieben alle in Zjardarholt den Winter über. 

Olaf und Oſvifr hatten ihre Gewohnheit der gegenfeitigen 
Einladungen beibehalten.! In jedem Zerbſt ſollten fie abwech⸗ 
ſelnd einander beſuchen. In dieſem gerbſt ſollte ein Gaſtmahl 
in Laugar fein und Olaf dazu kommen und die Leute von 
Zjardarholt. Gudrun ſprach nun zu Bolli, es komme ihr vor, 
als habe er ihr nicht die volle Wahrheit gefagt über Kjartans 
Kuͤckkehr aus Norwegen. Bolli antwortete, er habe ihr nur das 
davon geſagt, was ihm als durchaus wahr mitgeteilt worden 
ſei. Gudrun ſprach wenig uͤber dieſe Sache, aber es war leicht 
zu bemerken, daß ſie uͤbel zufrieden war, und die meiſten 
meinten, fie trage noch ſtarke Sehnſucht nach Kjartan, wenn 
ſie auch ihr Gefuͤhl verbarg. 

Es kam nun die Zeit heran, daß das Zerbſtgaſtmahl in Caugar 
ſtattfinden ſollte. Olaf bereitete ſich zur Fahrt und bat Kjartan, 
ihn zu begleiten. Kjartan ſagte, er wolle daheim bleiben und 
die Wirtſchaft beaufſichtigen. Olaf bat ihn, das nicht zu tun 
und ſich nicht zu verbittern gegen feine Verwandten. „Denke 
daran, Kjartan, daß du niemanden ſo geliebt haft wie Bolli, 
deinen Jiehbruder; es iſt mein Wille, daß du mitkommſt; es 
wird auch bald wieder gut werden zwifchen euch Vettern, wenn 
ihr erſt ſelbſt wieder zuſammenkommt.“ Kjartan ließ fich durch 
die Bitte feines Vaters bewegen und holte nun feinen Schar⸗ 
lachanzug hervor, den ihm König Olaf beim Abſchied? ge⸗ 
geben hatte, und ruͤſtete ſich praͤchtig. Er guͤrtete ſich das Schwert, 
die Rönigsgabe, um; auf dem Kopf hatte er einen vergolde⸗ 
ten Helm und einen roten Schild an der Seite, auf dem das 
heilige Kreuz in Gold angebracht war. In der Hand trug er 
einen Speer mit getriebenem Goldſchmuck am Eiſen. Alle ſeine 
Leute waren in bunten? Kleidern. Im ganzen waren es an 
dreißig Mann. Sie ritten nun ab von Zjardarholt und weiter, 
i Ebenſo iſt das Verhältnis zwiſchen Nſal und Gunnar in der Nialsſaga 


(Kap. 35). vielmehr, nachdem Riartan ſich bereit erklärt hatte, beim Koͤ⸗ 
nige zu bleiben (Rap. 41). Gewoͤhnliche Ceute trugen Stoffe in Naturfarbe. 


143 


bis ſie nach Caugar kamen; da war ſchon eine Menge Men⸗ 
ſchen verſammelt. 

45. Ajartan wirbt um Hrefna und ſchenkt 
ihr bei der Hochzeit das koſtbare 
Kopftuch 
Ba ging Olaf und ſeinen Leuten entgegen mit den 

Söhnen des Oſvifr und bewillkommte fie freundlich. 
Bolli ging auf Kjartan zu und kuͤßte ihn. Kjartan nahm ſei⸗ 
nen Gruß an. Darauf wurden ſie hineingefuͤhrt. Bolli war 
aͤußerſt heiter mit ihnen. Olaf ging bereitwillig darauf ein, 
aber Kjartan hielt ſich ziemlich zuruͤck. Das Gaſtmahl nahm 
einen guten Verlauf. 
Bolli hatte Zuchtpferde, die als ganz vortrefflich galten. Ein 
Zengſt war groß und ſchoͤn und hatte niemals verſagt beim 
Kampf;! er war von weißer Sarbe, Ohren und Stirnbuͤſchel 
rötlich; dazu gehörten drei Stuten von derſelben Sarbe wie der 
gengſt. Dieſe Pferde wollte Bolli Kjartan ſchenken, aber Kjar⸗ 
tan ſagte, er ſei kein Pferdeliebhaber, und wollte ſie nicht an⸗ 
nehmen. Olaf bat ihn, die Pferde nicht zuruͤckzuweiſen, — 
„das ift doch eine koſtbare Gabe.“ Kjartan ſetzte dem ein be⸗ 
ſtimmtes Nein entgegen. Darauf ſchieden ſie von einander ohne 
Freundlichkeit, und die Leute von gjardarholt ritten nach Haufe. 
Es blieb nun ruhig. 
Kjartan war ziemlich ſtill während des Winters. Die Leute 
hatten wenig Unterhaltung von ihm. Olaf ſchien das ſehr 
betruͤblich. In dieſem Winter nach dem Weihnachtsfeſt machte 
ſich Rjartan von Haufe auf und die zwoͤlfe mit ihm. Sie wollten 
in die Bezirke im Norden. Sie ritten ihres Weges, bis ſie in das 
Vidital im Nordlande kamen, nach Asbjarnarnes, dort wurde 
Kjartan mit der größten Freundlichkeit und Zerzlichkeit emp⸗ 
fangen. Da war das ſtattlichſte Zausweſen. Hal, der Sohn 
Gudmunds, war damals etwa zwanzig Jahr alt und ſchlug 
ganz nach der Art der Maͤnner vom Lachstal. Es wird allge⸗ 
mein geſagt, daß es keinen vollkommneren Mann im ganzen 
Nordviertel gegeben habe. Hall nahm ſeinen Verwandten mit 
Vgl. S. 113, Anm. 3. 


144 


der größten Freundlichkeit auf. Es wurden da ſogleich Spiele 
angeſetzt in Asbjarnarnes, und dazu weit herum in den Be⸗ 
zirken Leute aufgeboten; man kam dazu vom Weſten her aus 
dem Midfjord und von Vatnsnes, und aus dem Vatnstal und 
bis von der Rüfte vom Cangatal; da war eine große Menſchen⸗ 
menge beiſammen. Alle Leute ſprachen darüber, wie ſehr Kjar⸗ 
tan uͤber andere Maͤnner hervorrage. Darauf ruͤſtete man ſich 
zum Spiel, und Hall übernahm die Leitung; er forderte Kjar⸗ 
tan zum Spiele auf, — „wir möchten, Lieber, daß du uns 
deine Ritterlichfeit dabei ſehen läßt.“ Kjartan antwortete: 
„Wenig habe ich mich in Spielen geübt in letzter Zeit, denn 
anders war der Brauch bei Rönig Olaf; doch will ich mich zu 
Ehren des Tages nicht weigern.“ Kjartan machte ſich nun fer⸗ 
tig fuͤr die Spiele; die Maͤnner wurden ihm entgegengeſtellt, 
die da die ſtaͤrkſten waren. Es wurde nun den Tag uͤber ge⸗ 
ſpielt; da hatte keiner gegen Kjartan aufkommen konnen, 
weder an Kraft noch an Gewandtheit. 

Und am Abend, als das Spiel geſchloſſen war, da ſtand auf 
Hal, Gudmunds Sohn, und ſprach: „Das iſt die Einladung 
meines Vaters und ſein Wille an alle, die hierher aus der 
Serne gekommen ſind, daß ſie alle hier die Nacht uͤber bleiben 
und hier am Morgen ſich wieder vergnügen.” Dieſer Botſchaft 
folgte großer Beifall und die Einladung fand man eines Zaͤupt⸗ 
lings wuͤrdig. 

Ralf, Asgeirs Sohn, war dorthin gekommen, und Kjartan 
und er begrüßten ſich überaus herzlich. Da war auch Hrefna, 
ſeine Schweſter, ſie hatte ſich ſorgfaͤltig geſchmuͤckt. Es waren 
da uͤber hundert Gaͤſte in der Nacht auf dem Zofe. 

Am naͤchſten Tage wandte man ſich wieder dem Spiele zu. 
Kjartan ſaß da bei dem Spiel als Juſchauer. Thurid, feine 
Sch weſter, trat ʒu ihm und begann eine Unterhaltung und ſprach 
ſo: „Es iſt mir erzaͤhlt worden, Bruder, du ſeiſt ʒiemlich ſtill ge⸗ 
weſen während des Winters; die Leute reden davon, daß du 
noch Sehnſucht haſt nach Gudrun; man ſchließt das daraus, 
daß kein freundliches Verhaͤltnis mehr iſt zwiſchen euch Vet⸗ 
tern, zwiſchen dir und Bolli, nach ſo großer Liebe, wie ſie 
unter euch beiden allezeit beſtanden hat. Tu nun, was recht 


10 Meißner, Lachstalſaga 145 


und verftändig iſt, und laß dich die Sache nicht anfechten und 
gönne deinem Freunde die gute Heirat. Mir ſchiene das am 
vernuͤnftigſten, wenn du dich ſo verheiraten wuͤrdeſt, wie du 
es im letzten Sommer ſagteſt, wenn man auch nicht von voͤl⸗ 
liger Ebenbuͤrtigkeit reden kann, was Hrefna angeht, aber das 
wirſt du hier zu Lande nicht finden. Asgeir, ihr Vater, iſt ein 
Mann von Anſehen und guter Familie. Es fehlt ihm auch nicht 
an Geld, diefe Heirat anſehnlich zu machen; auch iſt feine ans 
dere Tochter! an einen maͤchtigen Mann vermaͤhlt. Du haſt 
mir auch geſagt, daß Ralf, Asgeirs Sohn, der tuͤchtigſte Mann 
ſei; die Stellung der Leute iſt durchaus hervorragend. Es iſt 
mein Wunſch, daß du dich mit Zrefna unterhaͤltſt, und ich ver⸗ 
mute, du wirſt finden, daß ihr Verſtand nicht zuruͤckſteht hin⸗ 
ter ihrer Schönheit.“ Ajartan ging darauf bereitwillig ein und 
ſagte, daß ſie die Sache auf den richtigen Weg bringe. 
Darauf kamen Zrefna und Kjartan miteinander ins Geſpraͤch 
und unterhielten ſich den Tag uͤber.? Am Abend fragte Thurid, 
welchen Eindruck er aus der Unterredung mit grefna bekom⸗ 
men habe. Kjartan. zeigte ſich ſehr befriedigt, er ſagte, nach 
allem, was er bemerkt habe, ſchiene ſie ihm in jeder Beziehung 
ein außergewoͤhnliches Maͤdchen zu ſein. 

Am Morgen darauf wurden Leute nach Asgeir geſandt und 
er nach Asbjarnarnes eingeladen. Nun begann eine Beſprech⸗ 
ung über dieſe Angelegenheit, und Kjartan hielt um Hrefna, 
die Tochter Asgeirs, an. Der nahm die Werbung mit Befrie⸗ 
digung auf, denn er war ein kluger Mann, und ſah ein, daß 
ihm mit dem Antrage hohe Ehre erwieſen wurde. Kalf war 
eifrig, dieſe Sache zu befoͤrdern, — „ich will nicht, daß man 
ſich hier zuruͤckhaltend benimmt.“ Zrefna gab ihrerſeits auch 
keine abſchlaͤgige Antwort und uͤberließ ihrem Vater die Ent⸗ 
ſcheidung. So wurde denn dieſe Sache in Ordnung gebracht 
und mit Zeugen beglaubigt. Kjartan ließ ſich auf nichts an⸗ 
deres ein, als daß die Hochzeit in Zjardarholt ſtattfinden follte,® 
Asgeir und Kalf widerſetzten ſich dem nicht. So wurde denn 
1 Thurid, die mit Thorkel Kuggi vermaͤhlt war (Rap. 40, S. 124). ? Sor⸗ 


melhafte Wendung, vgl. S. 81, Anm. 1. Dadurch wurde die Familie des 
Braͤutigams geehrt, vgl. die Hochzeit von Olaf pfau und Thorgerd, S. 81. 


146 


feſt geſetzt, daß man ſich fünf Wochen nach Sommeranfang zur 
Hochzeit einfinden wolle. Darauf ritt Kjartan heim mit reichen 
Geſchenken. Olaf zeigte ſich ſehr befriedigt uͤber dieſe Neuig⸗ 
keit, denn Kjartan war nun viel heitrer, als bevor er von Haufe 
weggeritten war. 
Kjartan hielt trockene Cangfaſten und tat das ohne Vorgang 
anderer hierzulande; denn ſo iſt die Überlieferung, daß er 
als erſter trocken gefaſtet habe hier in Island. So wunderſam 
kam es den Leuten vor, daß Rijartan fo lange ohne rechte 
Nahrung lebte, daß fie von weit herkamen, ihn zu ſehen. Ebenſo 
erhob ſich auch ſonſt Kjartans Verhalten Über das andrer 
Maͤnner. Oſtern ging ſo voruͤber. 
Darauf ließen Kjartan und Olaf für ein großes Seft Vorberei⸗ 
tungen treffen. Es kamen von Norden Asgeir und Kalf zur 
verabredeten Zeit und Gudmund und Hall, fie hatten alle zu⸗ 
ſammen ſechzig Mann mit ſich. Auch auf Kjartans Seite war 
eine große Menge zur Stelle. Dieſes Seſt war prächtig, denn 
acht Tage lang ſaß man bei der Bewirtung. Kjartan gab 
Zrefna als Brautgabe das Kopftuch, und dieſe Gabe wurde 
hochberuͤhmt, denn niemand war fo welterfahren oder von fo 
großem Reichtum, daß er eine ſolche Koſtbarkeit geſehen oder 
beſeſſen haͤtte; verſtaͤndige Maͤnner haben behauptet, daß acht 
re Gold in das Kopftuch gewebt geweſen ſeien. Kjartan war 
auch ſo heiter bei dem Seſte, daß er mit ſeinem Geſpraͤch jeden 
einzelnen unterhielt und von feinen Keiſeerlebniſſen erzählte; 
den Maͤnnern machte es einen großen Eindruck, was fuͤr be⸗ 
deutſame Dinge da zur Sprache kamen, da er lange Zeit dem 
hervorragendſten Sürften, dem Rönig Olaf, Tryggvis Sohn, 
gedient hatte. Und als das Seft zu Ende war, wählte Kjar⸗ 
tan wertvolle Geſchenke aus für Gudmund und Hall und die 
andern Großen. Vater und Sohn erwarben fich hohes Lob 
mit dieſem Seſt. Kjartan und Hrefna faßten herzliche Liebe zu 
einander. 


10 147 


46. Kjartans Schwert wird geſtohlen und 
wiedergefunden, das Kopftuch der Frefna 
wird entwendet und vernichtet 

laf und Oſpvifr hielten an ihrer Freundſchaft feſt, ob⸗ 

gleich das Band zwiſchen den jungen Leuten ſo ziemlich 
zerriſſen war. In dieſem Sommer hatte Olaf eingeladen fuͤr 
einen halben Monat vor Winteranfang. Oſvifr hatte auch 
eine Gaſtbewirtung vorbereitet fuͤr die Jeit der erſten Winter⸗ 
naͤchte. Jeder uͤberließ es dem andern bei der Einladung, wie 
viel Leute er entſprechend feinem Anſehen mitbringen wollte. 
Oſpifr hatte zuerſt das Seft bei Olaf zu beſuchen und kam 
zur verabredeten Zeit nach Zjardarholt. An dieſer Sahrt nahmen 
auch Bolli und Gudrun und die Söhne des Oſpvifr teil. Am 
nächften Morgen, als die Frauen miteinander den Schlafſaal 
entlang nach der Tuͤr gingen, redete eine davon, wie man wohl 
die Frauen ſetzen wuͤrde. Waͤhrend ſie das ſagte, war Gudrun 
gerade in die Naͤhe des Bettes gekommen, in dem Rjartan zu 
liegen pflegte. Kjartan war da und zog ſich an und warf den 
roten Scharlachrock uͤber ſich; da ſprach Kjartan zu der Frau, 
die uͤber die Tiſchordnung der Frauen geredet hatte — denn 
niemand konnte ihm mit der Antwort zuvorkommen — „ Hrefna 
ſoll auf dem gochſitze ihren Platz haben und in jeder Bezieh⸗ 
ung die geehrtefte fein, fo lange ich am Leben bin.“ Aber bis⸗ 
her hatte immer Gudrun auf dem Sochſitze geſeſſen in Zjard⸗ 
arholt und anderswo. Gudrun hoͤrte dies und ſah Kjartan 
an und wechſelte die Sarbe, aber antwortete nichts. Am Tage 
darauf ſagte Gudrun zu Hrefna, fie ſolle das Kopftuch an⸗ 
legen und ſo den Leuten das beſte Kleinod zeigen, das nach 
Island gekommen ſei. Kjartan war in der Naͤhe, wenn er auch 
nicht bei ihnen ſtand, und er hoͤrte, was Gudrun geſagt hatte. 
Er war ſchneller mit der Antwort als Hrefna: „Nicht fol fie 
das Kopftuch tragen bei dieſem Sefte, denn mehr ſcheint es 
mir darauf anzukommen, daß grefna das koſtbarſte Schmuck⸗ 
ſtuͤck beſitzt, als daß die eingeladenen Gaͤſte eine Augenweide 
haben bei dieſer Gelegenheit.“ Eine Woche ſollte die Zerbſt⸗ 
bewirtung dauern bei Olaf. Am Tage darauf redete Gudrun 


148 


heimlich mit Hrefna, fie möge ihr das Kopftuch einmal zeigen. 
Zrefna ſagte, das folle geſchehen. Am naͤchſten Tage ging 
ſie mit Gudrun in das Vorratshaus, wo die Kleinodien be⸗ 
wahrt wurden. Zrefna ſchloß eine Truhe auf und holte den 
Samtbeutel hervor, und aus dem Beutel nahm ſie das 
Kopftuch und zeigte es Gudrun. Dieſe faltete das Tuch aus⸗ 
einander und betrachtete es eine Zeitlang und ſagte kein Wort 
daruͤber, weder liebes noch leides. Darauf fchloß Zrefna das 
Kopftuch wieder ein, und ſie kehrten zu ihren Plaͤtzen zuruͤck. 
Dann ging die Bewirtung weiter in Freuden und Unterhal⸗ 
tung. 

Aber an dem Tage, als die Eingeladenen abreiten ſollt en, war 
Kjartan eifrig damit beſchaͤftigt, den Leuten friſche Pferde zu 
verſchaffen, die von weither gekommen waren, und jeden ſo 
für die Reife zu verſorgen, wie es noͤtig war. Kjart an hatte 
fein Schwert Koͤnigsgabe nicht bei ſich gehabt, während er ſich 
ſo zu ſchaffen machte, obgleich er nicht gewohnt war, es von 
ſeiner Seite zu laſſen. Darauf ging er nach ſeinem Bett, wo 
das Schwert gehangen hatte, da war es verſchwun den. Er 
ging ſofort zu feinem Vater und teilte ihm feinen Verluſt mit. 
Olaf ſprach: „Zier muͤſſen wir mit der größten Zeimlich⸗ 
keit verfahren, ich werde Spaͤher jeder Geſellſchaft mitgeben, 
die wegreitet.“ Und das tat er. An der Weiße ſollt e mit der 
Schar des Oſvifr reiten und aufpaſſen, ob jemand abbiegen 
oder zuruͤckbleiben würde. 

Sie ritten landeinwaͤrts an Cjarſkogar und den Höfen vorüber, 
die Skogar heißen, und hielten dort am Walde und ſtiegen 
ab. Thorolf, der Sohn des Oſvifr, ging abſeits von den Höfen 
und einige andere Maͤnner mit ihm. Sie gingen fort ins Moor⸗ 
buſchwerk hinein, während die andern bei den Höfen raſteten. 
An begleitete dann die Geſellſchaft noch bis zu dem Lachs⸗ 
waſſer,! das aus dem Saͤlingstal kommt, und ſagte, er wolle 
nun umkehren. Thorolf ſagte, es wuͤrde auch nichts geſchadet 
haben, wenn er gar nicht mitgekommen waͤre. Die Nacht vor⸗ 
her war duͤnner Schnee gefallen, ſo daß man Spur en ver⸗ 
folgen konnte. An ritt zuruͤck zum Walde und verfolgte die 
1 vereinigung der aus dem Saͤlingstal und Svinatal kommenden Gewaͤſſer. 


149 


Spur Thorolfs bis zu einer fumpfigen, moorigen Stelle. Er 
griff da hinein und bekam den Schwertgriff zu faſſen. An wollte 
Zeugen haben bei dieſem Sund und ritt zu Thorarin auf 
Saͤlingsdalstunga, und der kam mit An, das Schwert heraus⸗ 
zuholen. Darauf brachte An Rjartan das Schwert. Kjartan 
wickelte ein Tuch darum und verſchloß es in einer Truhe. Die 
Stelle heißt ſeitdem Schwertfumpf, wo Thorolf mit feinen 
Leuten das Schwert Koͤnigs gabe verſteckt hatte. Man verhielt 
ſich ganz ſtill daruͤber, aber die Scheide wurde niemals wieder⸗ 
gefunden. Rjartan hielt in der Folgezeit das Schwert nicht 
mehr ſo wert wie fruͤher. 

Die ſe Sache hatte Kjartan verletzt und er wollte das nicht auf 
ſich ſitzen laſſen. Olaf ſprach: „Laß dich das nicht verletzen; es 
war kein ſchoͤner Streich von ihnen, aber es ſchadet dir ja nichts; 
wir wollen nicht andern Gelegenheit zum Cachen geben, wenn 
wir fo etwas zum Anlaß eines Zwiftes machen, Freunden 
und Verwandten gegenuͤber.“ Und auf Olafs Jureden hin 
ließ Kjartan die Sache auf ſich beruhen. 

Einige Zeit ſpaͤter rüftete ſich Olaf, der Einladung nach Caugar 
zu den erſten Winternaͤchten zu folgen, und redete mit Kjar⸗ 
tan darüber, daß er auch mitkommen ſolle. Kjartan hatte keine 
Luft, aber um der Bitte des Vaters willen ſagte er ihm doch 
zu. Hrefna ſollte auch mitkommen und wollte das Kopf⸗ 
tuch daheim laſſen. Thorgerd, die Hausmutter, fragte: „Wann 
willſt du ein ſolches koſtbares Schmuckſtuͤck eigentlich tragen, 
daß du es in der Truhe liegen laͤßt, wenn du zu einem Feſte 
gehſt?“ Hrefna erwiderte: „Viele ſagen, daß ich vielleicht auch 
einmal anders wohin kommen werde, wo ich weniger Neider 
finde als in Laugar.“ Thorgerd ſagte: „Ich ſchenke den Leuten 
keinen großen Glauben, die hier ſolche Zwiſchenblaͤſereien 
machen von Haus zu Haus.“ Und weil Thorgerd fie fo eifrig 
drängte, nahm Hrefna das Kopftuch mitz und Kjartan erhob 
keinen Widerſpruch, als er ſah, daß es der Wunſch ſeiner 
Mutter war. 

Darauf machten ſie ſich auf den Weg und kamen abends nach 
Laugar und wurden wohl empfangen. Thorgerd und Zrefna 
gaben ihre Kleider zur Aufbewahrung. Und am Morgen, als 


150 


die Frauen ſich anziehen follten, fuchte grefna nach dem Kopf⸗ 
tuch, und da war es von dem Orte verſchwunden, wo ſie es 
verwahrt hatte; es wurde da uͤberall danach geſucht, aber 
man fand es nicht. Gudrun ſagte, es ſei am wahrſcheinlichſten, 
daß fie das Kopftuch zu Zauſe gelaſſen habe, oder fie habe es 
nicht ſorgfaͤltig genug eingepackt, und es ſei verloren ge⸗ 
gangen. Zrefna teilte nun Kjartan mit, daß das Tuch ver⸗ 
ſchwunden ſei. Kjartan antwortete und ſagte, es ſei wirklich 
keine leichte Sache, auf diefe Leute aufpaſſen zu muͤſſen, doch 
bat er ſie, jetzt ſich ſtill zu verhalten, darauf ſagte er ſeinem 
Vater, was da im Spiele war. Olaf antwortete: „Wieder 
wuͤnſche ich wie beim vorigenmal, daß du nichts tuft und 
dieſe ſchlimme Sache an dir voruͤbergehen laͤßt; ich werde dem 
im Stillen nachforſchen, denn ich will alles aufbieten, daß 
zwiſchen euch beiden, Bolli und dir, kein Bruch entſteht; eine 
heile Stelle laͤßt ſich am beſten verbinden,! mein Sohn,“ ſagte 
er. Kjartan erwiderte: „Leicht iſt es zu ſehen, Vater, daß du 
allen hier nur gutes wuͤnſcheſt; aber ich weiß doch nicht, ob 
ich es länger dulden ſoll, mir ſo von den Caugarleuten an den 
Wagen fahren zu laſſen.“ 

An dem Tage, an dem die Leute fortreiten ſollten von dem Sefte, 
nahm Rjartan das Wort und ſprach fo: „Dich, Vetter Bolli, 
fordere ich hiermit auf, von nun an ehrlicher an uns zu han⸗ 
deln als bisher; ich will dies nicht in geheimer Iwieſprache 
vorbringen, weil ja viele Leute Kenntnis davon haben, daß 
hier allerlei verſchwunden iſt, wobei die Spuren nach eurem 
Hof weiſen. Im Zerbſt, als wir die Bewirtung in Zjardar⸗ 
holt hatten, wurde mein Schwert weggenommen; es hat 
ſich wieder eingefunden, aber die Scheide nicht. Und jetzt 
wieder iſt ein Kleinod verſchwunden, das für koſtbar gelten 
darf; ich will nun beides wiederhaben.“ Da antwortete Bolli: 
„Ich bin nicht der Urheber deſſen, was du uns vorwirfſt; 
ich hätte alles eher von dir erwartet, als daß du mich des 
Diebſtahls bezichtigen wuͤrdeſt.“ Kjartan ſagte: „Es haben, wie 
wir glauben, Perſonen hierum gewußt, fuͤr die du mit Bußen 
eintreten kannſt, wenn du willſt;? mehr, als notwendig iſt, 
1 Sprichwort. Damit ſpricht Kjartan feinen Verdacht gegen Gudrun aus. 


151 


ſucht ihr mit uns anzubinden; lange find wir eurer Seindfelig- 
keit ausgewichen; es wird ſich nun zeigen, daß es ſo nicht weiter 
gehen kann.“ Da antwortete Gudrun auf feine Rede und ſprach: 
„Du ftörft da in Kohlen herum, Kjartan, die beſſer nicht zu 
rauchen anfangen ſollten. Und wenn es nun auch ſo waͤre, wie 
du ſagſt, wenn hier Perſonen ſein ſollten, die damit etwas zu tun 
haben, daß das Kopftuch verſchwunden iſt, ſo halte ich dafuͤr, 

daß ſie nach dem gegriffen haben, was ihnen gehoͤrt. Glaubt 
nun, was ihr wollt, wohin das Kopftuch gekommen iſt, jeden⸗ 
falls gefaͤllt es mir nicht uͤbel, wenn das Tuch ſo aufgehoben 

iſt, daß Zrefna von nun an ſich nicht mehr damit aufputzen 
kann.“ Darauf ſchieden ſie von einander in ausgeſprochener 
Unfreundlichkeit. Die Leute von Zjardarholt ritten heim. Die 
gegenſeitigen Einladungen hörten nun auf, doch blieb aͤußer⸗ 

lich alles ruhig. Von dem Kopftuch erfuhr man nie mehr etwas. 

Viele hielten es fuͤr wahr, das Thorolf das Tuch im Feuer 
verbrannt habe auf den Kat feiner Schweſter Gudrun. 

Ju Anfang des Winters ſtarb Asgeir Brauſekopf. Seine Sohne 
übernahmen da Hof und Vermoͤgen. 


47. KAjartan reitet nach dem Saurbo 

m Winter nach dem Weihnachtsfeſte brachte Rjartan eine 

Mannſchaft zuſammenz es waren im ganzen ſechzig Mann. 
Kjartan ſagte feinem Vater nicht, was für ein Zug beabſichtigt 
ſei; Olaf fragte auch nicht danach. Kjartan hatte Zelte und 
Lebensmittel mit ſich. Kjartan ritt nun ſeines Weges, bis er 
nach Laugar kam. Er befahl den Leuten abzuſteigen und ſagte, 
einige ſollten die Pferde beaufſichtigen, andere hieß er die Zelte 
aufſchlagen. 
In jener Jeit war das vielfach der Brauch, daß die Abtritte 
draußen lagen, und zwar ziemlich entfernt vom Hofe, und fo 
war es auch in Laugar. Kjartan ließ da alle Türen des Hofes 
beſetzen und verwehrte jedermann den Ausgang, und zwang 
fie drei Tage hindurch, ihre Geſchaͤfte im Haufe abzumachen. 
Darauf ritt Kjartan heim nach gjardarholt, und jeder von feinen 
Gefährten nach Haufe. Olaf war bös über dieſe Fahrt. Thor⸗ 
gerd ſagte, er dürfe Kjartan nicht tadeln, die Leute von Cau⸗ 


152 


gar hätten das verdient und noch größere Schmach. Da ſprach 
Hrefna: „Haft du mit jemandem geſprochen, Rjartan, in Laug⸗ 
ar?“ Er antwortete: „Es war nichts Wichtiges“, er ſagte, er 
habe mit Bolli ein paar Worte gewechſelt. Da ſprach Hrefna 
und laͤchelte dabei: „Es iſt mir als ſicher erzaͤhlt, daß du mit 
Gudrun geſprochen haben ſollſt, und ich habe auch gehoͤrt, wie 
fie angezogen war, daß fie das Kopftuch angelegt hatte und 
daß es ihr ſehr gut geſtanden haben ſoll.“ Ajartan antwortete 
und wurde dunkelrot dabei — jedermann konnte ſehen, daß 
er zornig war, weil fie ihren Spott hiermit trieb —: „Nichts 
davon, was du da erzaͤhlſt, iſt mir zu Geſicht gekommen, 
Hrefna,“ ſagte Kjartan; „Gudrun braucht ſich nicht dazu das 
Kopftuch anzulegen, um ſchoͤner aus zuſehen als alle andern 
Frauen.“ Da brach Hrefna das Geſpraͤch ab. 

Die Leute von Caugar waren übel zufrieden, ſie glaubten eine 
viel groͤßere und ſchlimmere Schmach erlitten zu haben, als 
wenn ihnen Kjartan einen oder zwei Mann erſchlagen haͤtte. 
Die Söhne des Oſpifr waren raſend über dieſe Sache, aber 
Bolli ſuchte ſie eher zu beruhigen. Gudrun redete am wenigſten 
davon, aber doch merkte man ſoviel aus ihren Worten, daß es 
zweifelhaft war, ob es irgend jemand anderem naͤher ging als 
ihr. Es war nun offne Seindfchaft zwiſchen den Leuten von 
Caugar und denen von Zjardarholt. 

Als der Winter zu Ende ging, gebar Hrefna ein Kind. Es 
war ein Knabe und wurde Asgeir genannt. 

Thorarin, der Bonde auf Tunga, ! machte bekannt, daß er Hof 
und Land verkaufen wollte; einmal deshalb, weil ſein Ver⸗ 
mögen zuruͤckging, und dann, weil ihm die Zwietracht immer 
ſtaͤrker zu werden ſchien zwiſchen den Leuten feiner Gegend; 
und er ſtand mit beiden Parteien in herzlicher Freundſchaft. 
Bolli ſchien es notwendig, ſich durch Kauf irgendwo feſtzuſetzen, 
denn in Caugar war wenig Land, aber eine große Menge Vieh. 
Bolli und Gudrun ritten nach Tunga auf den Kat Oſvifrs. 
Es ſchien ihnen das gegebene, dieſes benachbarte Land zu er⸗ 
werben, und Oſvifr bat fie, nicht an Kleinigkeiten den Handel 


1 Saͤlingsdalstunga. Er war, wie das folgende zeigt, abhängig von Olaf, 
ſaß aber in gefährlicher Naͤhe von Caugar. 


153 


ſcheitern zu laſſen. Darauf verhandelten Thorarin und die 
beiden uͤber den Verkauf und wurden einig daruͤber, wie hoch 
der Preis ſein, und ebenſo, womit gezahlt werden ſollte, und 
der Kauf wurde zwiſchen ihnen abgeſchloſſen. Weil nicht ſo 
viel Maͤnner zur Stelle waren, wie es das Geſetz verlangt, 
wurde der Kaufvertrag nicht durch Zeugen feſtgemacht. Bolli 
und Gudrun ritten darauf nach Sauſe. 

Als aber Kjartan, Olafs Sohn, dieſe Neuigkeit erfuhr, ritt er 
ſofort mit elf Mann ab und kam fruͤh am Tage nach Tunga; 
Thorarin begrüßte ihn herzlich und lud ihn ein, dazubleiben. 
Kjartan ſagte, er muͤſſe am Abend wieder heim reiten,! wolle 
ſich aber einige Jeit bei ihm aufhalten. Thorarin fragte, was 
ihn hergefuͤhrt habe. Kjartan antwortete: „Das hat mich ber⸗ 
geführt, das ich etwas mit dir Über den Landverfauf reden 
wollte, den du mit Bolli vorhaſt, denn es iſt mir unerwuͤnſcht, 
daß du dieſes Land an Bolli und Gudrun abtreten willſt.“ 
Thorarin ſagte, es ſei ihm ungelegen, wenn das zuruͤckgehen 
follte, — „denn der Preis, den mir Bolli für das Land ver⸗ 
ſprochen hat, iſt gut und ſoll außerdem gleich bezahlt werden.“ 
Kjartan ſprach: „Es ſoll dein Schade nicht fein, wenn auch 
Bolli das Land nicht kauft, denn ich werde es dir zu gleichem 
Preiſe abkaufen, und es wird dir nicht viel helfen, dem zu 
widerſprechen, wie ich es haben will, denn es wird dir klar 
werden, daß ich vor allem hier im Bezirke zu beſtimmen habe 
und mich dabei mehr nach dem Gefallen anderer Maͤnner richten 
werde als nach dem der Laugarleute.“ Thorarin antwortete: 
„Hoch ſteht mir des Herren Wort, das ſoll für mich auch hierbei 
gelten; aber es waͤre mir doch am liebſten, wenn dieſer Kauf 
beſtehen bliebe, wie Bolli und ich es ausgemacht haben.“ Kjar⸗ 
tan ſprach: „Das nenne ich nicht einen Candkauf, der nicht 
durch Zeugen feſtgemacht iſt. Wähle nun eins von beiden, 
entweder verkaufe mir fofort das Land in die Hand zu den 
gleichen Bedingungen, zu denen du dich andern gegenuͤber 
verſtanden haſt, oder aber bleibe ſelbſt auf deinem Lande 
wohnen.“ Thorarin zog es vor, ihm das Land zu ver⸗ 
kaufen. Es waren nun gleich die Jeugen fuͤr dieſen Kauf zur 
i Typiſche wendung. Sprichwort.. 


154 


Stelle. Kjartan ritt heim, nachdem der Landverkauf abge- 
ſchloſſen war. 

Dieſe Runde verbreitete ſich im ganzen Talbezirk. Am felben 
Abend noch erfuhr man es in Laugar. Da ſprach Gudrun: 
„Ich halte dafuͤr, Bolli, daß Kjartan dir die Wahl zwiſchen 
zwei Dingen ſtellt, noch ſchaͤrfer, als er es mit Thorarin getan 
hat, daß du entweder dieſe Gegend mit wenig Ehre verlaſſen 
mußt oder dich bei jedem naͤchſten Juſammentreffen mit ihm 
etwas weniger ſtumpf zeigſt als bisher.“ Bolli gab keine Er⸗ 
widerung und ging gleich weg nach dieſen Worten; es blieb 
nun ſtill die übrige Zeit von Cangfaſten. 

Am dritten Oſtertage ritt Kjartan von Zauſe fort mit einem 
Mann; es begleitete ihn An der Schwarze. Sie kamen zu⸗ 
naͤchſt an dieſem Tage nach Tunga. Kjartan wollte, daß Thor⸗ 
arin mit ihm weiter ins Weſtland nach dem Saurboͤ reiten 
ſollte, um da als Zeuge zu dienen bei Forderungen, denn Kjar⸗ 
tan hatte dort große Geldgeſchaͤfte wahrzunehmen. Thorarin 
war nach einem andern Zof geritten. Kjartan hielt ſich dort 
eine Zeitlang auf und wartete auf ihn. 

An demſelben Tage war Thorhalla die Geſpraͤchige! dorthin 
gekommen. Sie fragte Kjartan, wohin er zu reifen beabſichtigte. 
Er fagte, er wolle weiter ins Weſtland nach dem Saurboͤ. Sie 
fragte: „Welchen Weg wirft du reiten?“ Kjartan antwortete: 
„Ich werde auf dem Hinweg durch das Saͤlingstal und auf dem 
Kuͤckweg durch das Svinatal reiten.“ Sie fragte, wie lange er 
ausbleiben würde, Kjartan antwortete: „Aller Wahrſchein⸗ 
keit nach werde ich am Donnerstag die Kuͤckreiſe antreten.“ 
„Willſt du mir einen Gefallen tun?“ ſagte Thorhalla, „ich 
habe einen Verwandten drüben auf Zvitadal im Saurbö; er 
hat mir eine halbe Mark in Fries verſprochenz ich bitte, daß du 
fie einfor derſt und mit zuruͤckbringſt.“ KAjartan verſprach das. 
Unterdeſſen kam Thorarin heim und machte ſich bereit, ihn zu 
begleiten. Sie ritten weiter uͤber die Saͤlingstalsheide und kamen 
am Abend nach Hol zu den Geſchwiſtern.! Rjartan fand da 
gute Aufnahme, denn zwiſchen ihnen war herzliche Freund⸗ 
ſchaft. 

Von Laugar, vgl. 8.99, Anm. 2. ? gl. S. 100. 


155 


Thorhalla die Geſpraͤchige kam heim nach Caugar am Abend. 
Die Söhne des Oſpifr fragten fie, ob fie jemanden getroffen 
habe waͤhrend des Tages. Sie ſagte, ſie habe Kjartan, Olafs 
Sohn, getroffen. Sie fragten, wo er hin wolle. Sie erzaͤhlte, 
was fie darüber wußte, — „und niemals iſt er ein ftolzerer 
geld geweſen als jetzt; das iſt auch nicht zu verwundern, wenn 
ſolchen Maͤnnern alles niedrig neben ihnen vorkommt.“ Und 
dann ſagte Thorhalla noch: „Leicht war es mir auch zu be⸗ 
merken, daß Kjartan uͤber nichts ſo gern ſprach als uͤber den 
Kauf von Thorarins Land.” Gudrun ſagte: „Wohl mag Kjar⸗ 
tan alles kuͤhn tun, was ihm beliebt, weil er erprobt hat, daß 
er ſich jede Beleidigung herausnehmen darf, ohne daß jemand 
es wagt, den Schaft gegen ihn zu ſchießen.“ Bei dieſer Rede 
Gudruns waren ſowohl Bolli wie die Söhne des Oſpvifr zu⸗ 
gegen. Oſpak und die Bruͤder antworteten wenig darauf, aber 
mit deutlicher Seindſeligkeit gegen Kjartan wie gewöhnlich. 
Bolli tat, als hörte er nichts, wie immer, wenn ſchlecht von 
Kjartan geſprochen wurde, denn er pflegte dann zu ſchweigen 
oder zu widerſprechen. 


48. An der Schwarze hat einen boͤſen 


Traum 

jartan blieb Mittwoch nach Oſtern in Hol; da war große 
Unterhaltung und Sröhlichkeit. In der Nacht darauf ge⸗ 
berdete ſich An uͤbel im Schlafe, und man weckte ihn auf. Sie 
fragten ihn, was er geträumt habe. Er antwortete: „Eine Frau 
kam zu mir, greulich, und riß mich über die Bettkante; fie hatte 
ein großes Meſſer in der einen Zand und einen Trog in der 
andern; fie ſetzte mir das Meſſer an die Bruſt und ſchnitt mir 
den ganzen Leib auf, und nahm das Eingeweide her aus und 
ſtopfte dafür Reiſig hinein. Dann ging fie zur Tür hinaus,“ 
ſagte An. Kjartan und die andern lachten ſehr über den Traum 
und ſprachen, er ſolle nun An Reifigmagen heißen; fie griffen 
ihm an den Leib und ſagten, fie wollten fühlen, ob er Keiſig 
im Magen habe. 

Da ſprach Aud: „Es iſt nicht recht, hierüber fo ſe hr zu ſpotten; 
ich rate zum beſten, wenn ich Kjartan bitte, entweder hier 


156 


länger zu verweilen, oder wenn er reiten will, dann reite er 
mit mehr Begleitung von hier fort als er hergebracht hat.“ 
Kjartan ſprach: „Es wird dahin kommen, daß ihr An Reifig- 
magen noch fuͤr einen Mann von gewichtigen Worten haltet, 
wenn ihr noch einige Tage im Geſpraͤch mit ihm zuſammen⸗ 
ſitzt, da euch das wie eine Offenbarung erſcheint, was er 
traͤumt; aber doch werde ich abreiſen, wie ich es mir vorge⸗ 
nommen hatte, trotz dieſes Traumes.“ 

Kjartan machte ſich fruͤh auf am Donnerstag in der Oſter⸗ 
woche, und mit ihm Thorkel Zuͤndlein und fein Bruder Knut 
nach dem Kate der Aud. Sie ritten mit Kjartan feines Weges, 
im ganzen zwoͤlf zuſammen. Rijartan kam an Hpitatal vor⸗ 
uͤber und forderte die Schuld ein fuͤr Thorhalla die Geſpraͤchige, 
wie er ihr verſprochen hatte. Dann ritt er ſuͤdwaͤrts ins 
Svinatal. 

Das geſchah ʒu Laugar im Saͤlingstal, daß Gudrun fruͤh auf 
den Fuͤßen war, gleich nach Sonnenaufgang. Sie ging dorthin, 
wo ihre Brüder ſchliefen; fie faßte Oſpak an. Er wachte gleich 
davon auf und ebenſo einige von den andern Bruͤdern. Und 
als Oſpak ſeine Schweſter erkannte, fragte er ſie, was ſie wolle, 
daß ſie ſo fruͤh auf den Fuͤßen ſei. Gudrun ſagte, ſie wolle 
wiſſen, was fie an dem Tage vorzunehmen gedaͤchten. Oſpak 
fagte, fie würden ſich wohl ruhig halten, — „es gibt jetzt wenig 
zu tun.“ Gudrun ſprach: „Gut wuͤrde eure Gemuͤtsart ſein, 
waͤret ihr Töchter irgend eines Bauern,! fo daß von euch aus 
niemandem Nutzen oder Schaden geſchieht; aber ſolche Schmach 
und Schande wie euch Kjartan angetan hat, da ſchlaft ihr ganz 
ruhig, obgleich er hier am Zofe vorbeireitet mit einem einzigen 
Begleiter. Dieſe Maͤnner haben ſo viel Gedaͤchtnis wie Schweine. 
Ich gebe auch die Zoffnung auf, daß ihr euch dazu aufraffen 
ſolltet, Rjartan in feinem Zofe anzugreifen, da ihr es nicht 
wagt, ihn jetzt zu treffen, wo er mit einem oder zwei Mann 
unterwegs iſt, aber ihr ſitzt daheim und habt zuverſichtliche 
Worte und ſeit doch immer ſo viele bei einander.“ Oſpak ſagte, 
ſie nehme es ſo leidenſchaftlich, aber man koͤnne ſchwer dem 
etwas entgegnen, und ſprang ſogleich auf und kleidete ſich an 
1 Typiſche Wendung. 


157 


und mit ihm alle andern Brüder. Darauf ruͤſteten fie ſich, 
Kjartan aufzulauern. 

Da bat Gudrun Bolli, an der Fahrt teilzunehmen. Bolli fagte, 
das ginge nicht an wegen feiner Verwandtſchaft mit Kjartan 
und ſtellte ihr vor, wie liebevoll Olaf ihn ſelbſt aufgezogen 
habe. Gudrun antwortete: „Du ſprichſt wahr, und dir iſt es 
vom Gluͤck verſagt, ſo zu handeln, daß es von allen gebilligt 
wird, aber mit unſerem Eheleben ift es zu Ende, wenn du dich 
dieſer Sahrt entziehſt.“ Und unter dem Einfluſſe von Gudruns 
Reden ſteigerte ſich Bolli immer mehr hinein in den Groll und 
die Seindfchaft gegen Kjartan und waffnete ſich ſchnell, und 
es waren nun neun zuſammen: die fünf Söhne des Oſpifr, 
Oſpak und Zelgi, Vandrad und Torrad, Thorolf, als ſechſter 
Bolli, der ſiebente Gudlaug, der Schweſterſohn des Oſpifr, 
ein ſehr vielverfprechender Mann. Dazu kamen Odd und Stein, 
die Soͤhne der Thorhalla der Geſpraͤchigen. 

Sie ritten nach dem Svinatal und hielten bei der Schlucht, die 
Zafragil! heißt; da feſſelten fie die Pferde und ſetzten ſich nieder. 
Bolli war ſchweig ſam die Zeit über und lag oben am Rande 
der Schlucht. 

Als Kjartan mit feinen Begleitern ſuͤdwaͤrts durch Mjoſyndi? 
gekommen war und das Tal anfing breiter zu werden, ſagte 
Kjartan, daß Thorkel und die andern umkehren ſollten. Thor: 
kel ſagte, er wolle ſo weit reiten, bis das Tal aufhoͤre. Und 
als fie weiter bis zu den Sätern? gekommen waren, die Nord⸗ 
ſaͤter heißen, da ſagte Kjartan zu den Brüdern, daß fie nun 
nicht weiter reiten ſollten —, „nicht ſoll Thorolf der Dieb dar⸗ 
uͤber lachen, daß ich es nicht wagte, ohne großes Gefolge meines 
Weges zu reiten.“ Thorkel Huͤndlein antwortete: „Wir wol⸗ 
len dir nun nachgeben und nicht weiter reiten, aber bereuen 
werden wir es, daß wir nicht zur Stelle ſind, wenn du heute 
Männer nötig haſt.“ Da ſprach Kjartan: „Nicht wird mein 
1 Bocksſchlucht; fie ſchneidet in die Oſtſeite des Tales ein, nahe der Tal: 
muͤndung. Bolli liegt oben an der nördlichen Kante, von wo aus er nach 
Norden das Spinatal Überfehen kann. “ Schmaler Sund, Einengung des 
Tales, zugleich Waſſerſcheide. Jetzt iſt das Svinatal unbewohnt, die 


Stelle des im naͤchſten Kapitel erwähnten Hofes Zafratindar (Bockszinnen) 
iſt unbekannt. 


158 


Vetter Bolli einen Anſchlag auf mein Leben unternehmen; 
aber wenn die Söhne des Oſpifr mir auflauern, da iſt es noch 
nicht geſagt, welche Partei von dem Ausgang wird erzaͤhlen 
Pönnen, wenn ich es auch mit Übermacht zu tun bekomme.“ 
Darauf ritten die Bruͤder ihres Weges zuruͤck. 


49. Ajartan wird von Bolli getoͤtet 

un ritt Kjartan ſuͤdwaͤrts das Tal entlang, es waren 

drei zufammen. An der Schwarze und Thorarin und er. 
Thorkel hieß ein Mann, er wohnte auf Zafratindar im Spina- 
tal. Da iſt nun Wuͤſtung. Er war nach ſeinen Pferden aus⸗ 
gegangen an dem Tage und fein Zirtenjunge mit ihm. Sie 
ſahen beide Parteien, die Caugarmaͤnner im Zinterhalt und 
Kjartan, wie er mit den beiden andern das Tal entlang ritt. 
Da ſagte der Hirtenjunge, fie wollten Kjartan entgegenlaufen, 
es traͤfe ſich gluͤcklich fuͤr ſie, daß ſie ein ſo großes Ungluͤck ab⸗ 
wenden konnten, wie ſich da eins vorbereite. Thorkel ſprach: 
„Gleich ſchweigſt du,“ ſagte er, „willſt du Narr jemandem 
das Leben geben, wenn ihm der Tod beſtimmt iſt? Auch fage 
ich's grade heraus, ich goͤnne es den einen wie den andern, daß 
ſie ſich ſo boͤſe zurichten, wie es ihnen beliebt. Mir ſcheint das 
ein beſſerer Ast, daß wir uns an eine Stelle begeben, wo wir 
außer Gefahr find und fo genau wie möglich den Zuſammen⸗ 
ſtoß ſehen koͤnnen und unſere Freude an ihrem Spiel haben, 
denn alle ruͤhmen, daß Kjartan ein beſſerer Kaͤmpfer ſei als alle 
andern; ich meine auch, er wird das jetzt noͤtig haben, denn wir 
beide wiſſen ja, daß die Übermacht bei den andern groß genug 
iſt.“ Und es mußte ſo geſchehen, wie es Thorkel haben wollte. 
Kjartan und feine Begleiter ritten weiter auf Zafragil zu. 
Aber auf der andern Seite faßten die Söhne des Oſpvifr den 
Verdacht, daß ſich Bolli den Platz ausgeſucht habe, wo er von 
weitem ſehen konnte, wenn Leute das Tal heruntergeritten 
kamen. Sie berieten ſich untereinander und meinten, daß Bolli 
ſie vielleicht verraten wollte; ſie ſtiegen den Abhang zu ihm 
hinauf und begannen mit ihm im Spaß ſich zu balgen und zu 
walgen und faßten ihn an den Beinen und zogen ihn den Ab⸗ 
hang hinunter. 


159 


Kjartan mit feinen Begleitern kam bald heran, denn fie ritten 
ſchnell; und als ſie die Schlucht uͤberſchreiten wollten, ſahen ſie 
den ginterhalt und erkannten die Maͤnner. Kjartan ſprang ſo⸗ 
fort vom Pferde und wandte ſich gegen die Söhne des Oſpifr. 
Da lag ein großer Steinblock.! Zier wollte Kjartan den Kampf 
annehmen. Und ehe fie zufammenftießen, ſchleuderte Kjartan 
feinen Speer; er traf den Schild Thorolfs über dem Handgriff 
und preßte den Schild gegen ſeinen Arm. Der Speer drang durch 
den Schild in den Arm uͤber dem Ellenbogen und zerſchnitt 
den Hauptmusfel. Thorolf ließ den Schild fallen, und der Arm 
war für die naͤchſte Zeit unbrauchbar. Dann zog Kjartan fein 
Schwert, er hatte aber nicht die Koͤnigsgabe bei ſich. Die Soͤhne 
der Thorhalla rannten Thorarin an, denn dieſer Teil der Ar⸗ 
beit war ihnen zugewieſen. Das war ein harter Kampf, denn 
Thorarin beſaß eine gewaltige Kraft; die beiden waren aber 
auch tuͤchtige Sechter; man haͤtte da kaum eine Entſcheidung 
treffen koͤnnen, wer die Oberhand behalten wuͤrde. 

Gegen Kjartan gingen die Soͤhne des Oſvifr und Gudlaug 
zum Angriff; es waren fünf, und Kjartan und An zwei. An 
verteidigte ſich wacker und wollte immer vor Kjartan treten. 
Bolli ſtand zur Seite mit dem Sußbeißer.? Kjartan ſchlug ge⸗ 
waltige Ziebe, aber das Schwert taugte nichts; er mußte 
fortwaͤhrend die Klinge mit dem Fuß grade biegen. Sowohl 
die Osvifrſoͤhne wie An wurden verwundet, aber Kjartan 
hatte da noch keine Wunde. Kjartan ſchlug fich mit ſolcher 
Schnelligkeit und Kuͤhnheit, daß die Oſvifrſoͤhne vor ihm zu⸗ 
ruͤckwichen und ſich dorthin wandten, wo An ſtand. Da fiel An, 
und er hatte zuletzt noch gekaͤmpft, waͤhrend ihm die Eingeweide 
aus der Wunde drangen. In dieſem Augenblick ſchlug Kjartan 
dem Gudlaug ein Bein ab, oberhalb des Knies, und dieſe Wunde 
war ſchwer genug, ſeinen Tod herbeizufuͤhren. Nun griffen die 
vier Dfvifrföhne Kartjan an, aber er wehrte ſich fo kuͤhn, daß 
er keinen Schritt vor ihnen zuruͤckwich. Da ſprach Kjartan: 
1 Findet ſich nicht an Ort und Stelle. Ein Kiartanftein wird weiter oben 
im Tal gezeigt. Der gefaͤhrlichſte Gegner beteiligt ſich zunaͤchſt nicht am 
Kampf, er wird wegen ſeines Verhaltens geſcholten und greift dann ent⸗ 


ſcheidend ein. Vgl. viga⸗Styr beim Angriff auf Thorhalli (Heidarvigaſ. S. 21) 
und Hagen im Walthar ius. 


160 


„Vetter Bolli, warum bift du ausgeritten, wenn du hier ruhig 
dabei ſtehen willſt? Jetzt iſt der Augenblick fuͤr dich da, ihnen 
oder uns zu Hilfe zu kommen und einmal zu erproben, was 
Sußbeißer vermag.“ Bolli tat, als hoͤrte er nicht. Und als 
Oſpak ſah, daß fie mit Kjartan nicht fertig werden würden, 
da verſuchte er Bolli mit allen Mitteln aufzureizen, er ſagte, Bolli 
wuͤrde doch nicht das Bewußtſein der Schande mit ſich herum⸗ 
tragen wollen, daß er ihnen erſt Beiſtand zum Kampfe ver⸗ 
ſprochen und fie dann im Stiche gelaſſen habe, — „und wir 
hatten ſchon ſchwer unter Kjartan zu leiden, als wir noch 
nicht fo großes getan hatten; und wenn Rjartan jetzt davon⸗ 
kommen ſollte, ſo wirſt du es, Bolli, ebenſo wie wir, bald zu buͤßen 
haben.“ 

Da zuͤckte Bolli den Sußbeißer und wandte ſich nun gegen 
KRjartan. Da ſprach Kjartan zu Bolli: „Nun ſehe ich, Vetter, 
daß du eine Neidingstat vorhaſt, aber viel lieber iſt es mir, 
den Tod von dir zu empfangen, Vetter, als ihn dir zu geben.“ 
Darauf warf Kjartan die Waffen von ſich und wollte ſich nicht 
mehr wehren, dabei war er nur wenig verwundet, aber furcht⸗ 
bar ermattet vom Kampfe. Bolli gab keine Antwort auf das, 
was Kjartan ſagte, ſondern verſetzte ihm die Todeswunde. 
Bolli legte ſogleich Kjartan mit den Schultern ſich uͤber die 
Knie, und Kjartan ſtarb in Bollis Schoß. Bolli empfand auf 
der Stelle Reue uͤber ſeine Tat; er gab die geſetzliche Erklaͤrung 
ab, daß er den Totſchlag begangen habe. 

Bolli ſandte die Söhne des Oſvifr nach den Höfen, er ſelbſt 
und Thorarin blieben bei den Leichen. Und als die Oſpifr⸗ 
ſoͤhne nach Caugar kamen, da erzaͤhlten fie, was geſchehen 
war. Gudrun gab ihre Freude kund; es wurde da Thorolfs 
Arm verbunden, er heilte langſam und wurde niemals voͤllig 
wiederhergeſtellt. Kjartans Leiche wurde nach Tunga gebracht. 
Dann ritt Bolli heim nach Laugar. 

Gudrun ging ihm entgegen und fragte ihn, wie weit der Tag 
vorgeſchritten ſei. Bolli ſagte, es ſei gleich die Zeit der None. Da 
ſprach Gudrun: „Groß iſt unſer Tagewerk, ich habe fuͤr zwoͤlf 
Ellen Garn geſponnen, und du haſt Rjartan erſchlagen.“ 
Bolli antwortete: „Dieſes Ungluͤck wuͤrde auch ohne das mir 


II Meißner, Cachstalſaga 161 


ſchwer aus der Erinnerung weichen, wenn du mich nicht daran 
gemahnt haͤtteſt.“ Gudrun ſprach: „Ich nenne das kein Un⸗ 
gluͤck; ich fand, daß dein Anſehen hoͤher ſtand in dem Winter, 
da Kjartan noch in Norwegen war, als fpäter, da er euch 
unter ſeine Fuͤße trat, ſobald er nach Island gekommen war. 
Aber das nenne ich zuletzt, daß mir am beſten duͤnkt, daß 
Zrefna nicht lachend zu Bett gehen wird heute abend.“ Da 
ſagte Bolli und war ſehr zornig: „Es iſt mir unverſtaͤndlich, 
warum ſie uͤber dies Ereignis bleicher werden ſoll als du, und 
ich habe den Verdacht, daß du dir weniger daraus machen wuͤr⸗ 
deſt, wenn ich auf dem Kampfplatz liegen geblieben waͤre und 
Kjartan dir die Kunde davon braͤchte.“ Gudrun merkte, daß 
Bolli zornig wurde und ſprach: „Nimm es nicht auf dieſe 
Weiſe, denn ich weiß dir großen Dank fuͤr die Tat; ich habe 
das nun erprobt, daß du nicht gegen meinen Sinn handeln 
willſt.“ 

Darauf gingen die Oſvifrſoͤhne in die Erdhoͤhle, die fie ſich hat⸗ 
ten heimlich bauen laſſen, aber die Soͤhne der Thorhalla wur⸗ 
den hinüber nach Zelgafell geſchickt, dem Boden Snorri zu 
melden, was geſchehen ſei, und zugleich, daß Bolli und Gud⸗ 
run ihn baͤten, ihnen ſchnell Verſtaͤrkung zu ſenden, zur Hilfe 
gegen Olaf und die andern, die für Kjartan die Totſchlagsſache 
zu verfolgen hatten. 

Das geſchah in Saͤtingsdalstunga in der Nacht nach dem 
Kampfe, daß An ſich aufrichtete, waͤhrend doch alle dachten, 
er ſei tot. Die Leute, die bei den Leichen wachten, erſchraken, 
es ſchien ihnen ein großes Wunder. Da ſprach An zu ihnen: 
„Ich bitte euch im Namen Gottes, daß ihr euch nicht vor mir 
fuͤrchtet, denn ich habe gelebt und volles Bewußtſein gehabt, 
bis zu dem Augenblick, da eine ſchwere Ohnmacht mich befiel. 
Da traͤumte mir von derſelben Frau wie vorher, und es ſchien 
mir, als naͤhme fie mir nun das Reifig aus dem Leibe und 
tat dafuͤr die Eingeweide hinein, und bei dieſem Wechſel wurde 
mir wohl.“ Darauf verband man die Wunden, die An hatte, 
und er wurde wieder heil und hieß ſeitdem An Reifigma gen. 
Als Olaf, Zoͤskulds Sohn, erfuhr, was geſchehen war, emp⸗ 
fand er ſchwer den Tod Kjartans, aber trug es doch maͤnnlich. 


162 


Seine Söhne wollten gleich gegen Bolli ziehen und ihn töten. 
Olaf ſagte: „Das foll auf keinen Sall geſchehen; der Verluft 
meines Sohnes wird mir dadurch nicht erſetzt, daß ihr Bolli er⸗ 
ſchlagt. Ich liebte Kjartan uͤber alle andern, aber ebenſo ſchwer 
wuͤrde ich's tragen, wenn Bolli ein Leid zugefuͤgt wuͤrde; ich 
weiß ein Unternehmen, das euch beſſer anſteht; verfolgt die 
Soͤhne der Thorhalla; ſie ſind nach Zelgafell geſchickt worden, 
um Mannſchaft gegen uns aufzubieten; es freut mich, wenn 
ihr fie fo beftraft, wie es euch gefaͤllt.“ 

Darauf machten die Olafſoͤhne ſich ſchnell fertig und beſtiegen 
das Reiſeboot, das Olaf gehoͤrte; fie waren ſieben zufammen; fie 
ruderten feewärts den vamms fjord entlang und beſchleunig⸗ 
ten ihre Fahrt nach Kraͤften. Sie hatten ſchwachen, aber guͤnſti⸗ 
gen Wind. Sie ruderten unterm Segel, bis fie auf die Zoͤhe 
von Skorey! kamen, da nahmen fie Aufenthalt und erkundig⸗ 
ten ſich, ob man da habe Leute fahren ſehen. Und bald darauf 
ſahen fie ein Ruderboot vom Lande her über den Sjo rd kom⸗ 
men; fie erkannten bald die Männer: es waren die Söhne der 
Thorhalla. Zalldor und die Brüder griffen fie ſofort an. Da 
kam es nicht zum Widerſtand, die Olafſoͤhne ſprangen gleich 
in ihr Schiff. Stein und ſein Bruder wurden gefangen, nieder⸗ 
gehauen und uͤber Bord geworfen. Die Olafſoͤhne kehrten nach 
Hauſe zuruͤck, und die Fahrt wurde ihnen zu hohem Ruhme 
gerechnet. 


50. Olaf ſchuͤtzt Bolli 
laf zog der Leiche Kjartans entgegen. Er ſandte Leute 
ſuͤdwaͤrts nach Borg, Thorſtein, dem Sohn Egils, dieſes 
Ereignis anzuzeigen, und zugleich ihn um Unterſtuͤtzung zur 
verfolgung der Sache zu bitten; für den Sall, daß ſich Zaͤupt⸗ 
linge auf die Seite der Oſpifrſoͤhne ſchluͤgen, wolle er ſich 
ſichern, daß er die ganze Entſcheidung in der Hand behielte. 
Gleiche Botſchaft ſandte er nordwaͤrts ins Vidital zu Gud⸗ 
mund, feinem Schwiegerſohn, und den Söhnen des Asgeir, 
und fuͤgte hinzu, daß er die Anklage wegen Totſch lag gegen 
alle Männer erhoben habe, die bei dem Überfall beteiligt 
i Schon ziemlich weit draußen, nordöflih von Tyors nes. 


115 163 


waren, außer gegen Oſpak, Oſvifrs Sohn. — Er war ſchon 
vorher geaͤchtet wegen der Frau, die Aldis! hieß, ſie war die 
Tochter des Zolmgang⸗Ljot von Ingjalds ſand. Der Sohn des 
Oſpak und der Aldis hieß Ulf, der ſpaͤter Marſchall des Koͤnigs 
garald Sigurdsſohn war; er war verheiratet mit Jorunn, 
der Tochter des Thorberg; ihr Sohn war Jon, der Vater des 
Erlend Zimaldi, der Vater des Erzbiſchofs Eyſtein.? 

Olaf hatte die Totſchlagsklage an das Thorsnesthing ge⸗ 
wieſen. Er ließ die Leiche Kjartans heimbringen und ein Zelt 
daruͤber errichten, denn es gab damals noch keine Kirche in dem 
Bezirke der Taͤler. 

Aber als Olaf erfuhr, daß Thorſtein ſich ſofort zum Aufbruch 
entſchloſſen und eine große Menge Volk aufgeboten hatte, und 
ebenfo die vom Vidital, da ließ Olaf Männer aus dem ganzen 
Talbezirk ſammeln; das war eine große Maſſe. Darauf ge⸗ 
bot Olaf dieſer ganzen Schar, nach Eaugar zu ziehen, und 
ſprach: „Es iſt mein Wille, daß ihr Bolli verteidigt, wenn es 
noͤtig iſt, ebenſo, als wenn ihr unter mir ſtuͤndet, denn meine 
Vermutung iſt, daß ſie von ihm Vergeltung fuͤr erlittenen Ver⸗ 
luſt fordern werden, die Maͤnner aus andern Bezirken, die 
bald zu uns kommen werden.“ Und als dieſe Maßregeln ge⸗ 
troffen waren, da kam Thorſtein mit ſeiner Schar und ebenſo 
die vom Vidital und waren in der zornigſten Stimmung. Am 
meiften reizten Hall, Gudmunds Sohn, und Ralf, Asgeirs 
Sohn, die Maͤnner auf, ſofort Bolli anzugreifen und nach den 
Söhnen des Oſpifr zu ſuchen, bis fie gefunden wären, und 
ſagten, es ſei unmöglich, daß fie den Bezirk verlaſſen hätten. 
Aber weil Olaf alles tat, fie ʒuruͤckzuhalten von dem Zug, da 
wurden Suͤhneverhandlungen zwiſchen beiden Parteien an⸗ 
geknuͤpft, und bei Bolli war die Erledigung leicht, denn er bat 
Olaf, allein von ſich aus die Suͤhne zu beſtimmen; aber Oſpifr 
ſah keine Möglichkeit, Widerſpruch zu erheben, denn es war 
ihm keine Verſtaͤrkung von Snorri gekommen. 

Es wurde da eine Suͤhnezuſammenkunft in Ljarskogar ver⸗ 


Er hatte fie geraubt. Ingjaldsſand liegt an der ſuͤdlichen Seite des Gnund⸗ 


arfiords (nordweſtliches IJsland). ? Erzbiſchof Eyſtein von NHidaros (1157 
bis 1188). 


164 


abredet; alles wurde da bedingungslos Olaf anheimgeſtellt; 
fuͤr den an Kjartan veruͤbten Totſchlag ſollte ganz nach Olafs 
Belieben Geldbuße und Achtung eintreten. Darauf wurde die 
Verſammlung geſchloſſen. Bolli war nicht zur Verſammlung 
gekommen, das hatte Olaf veranlaßt. Die Seftfegungen ſollten 
auf dem Thorsnesthinge verkuͤndet werden. Nun ritten die 
Myrarleute und die vom Vidital nach Zjardarholt. Thorſtein, 
Kuggis Sohn, erbot ſich Asgeir, den Sohn Kjartans, auf⸗ 
zuziehen, um Hrefna zu troͤſten; aber Zrefna reiſte ins Nord⸗ 
land mit ihren Bruͤdern und war tiefgebeugt vom Schmerz; 
aber doch benahm ſie ſich mit edlem Anſtand, denn ſie ſprach 
freundlich mit jedermann. Zrefna verheiratete ſich nicht wieder 
nach dem Tode Kjartans. Sie lebte nur noch kurze Zeit, nach⸗ 
dem ſie ins Nordland zuruͤckgekehrt war, und es iſt die all⸗ 
gemeine Erzählung, daß ihr das Herz vor Leid gebrochen ſei. 


51. Die Söhne des Oſvifr werden geächtet 


und verlaſſen Island. Olaf ſtirbt 

ie Leiche Kjartans blieb eine Woche in Zjardarholt aufs 

gebahrt. Thorſtein, Egils Sohn, hatte in Borg eine 
Kirche bauen laſſen. Er nahm Kjartans Leiche mit ſich, und 
Kjartan wurde in Borg begraben.! Die Kirche war da grade 
neugeweiht und noch in weißen Kleidern. 
Dann kam das Thorsnesthing heran. Da wurde die Anklage 
gegen die Oſpifrſoͤhne vorgebracht, und fie verfielen alle der 
Acht. Es wurde Geld dafuͤr gegeben, daß ihnen die Ausreiſe 
geſtattet fein follte, aber die Ruͤckkehr ſollte ihnen verboten 
ſein, ſolange einer von den Olafsſoͤhnen am Leben waͤre oder 
Asgeir, Kjartans Sohn. Aber Gudlaug, der Schweſterſohn 
des Oſpifr, ſollte ungebuͤßt bleiben wegen ſeiner Beteiligung 
am Überfall und Hinterhalt gegen Kjartan, und keine Genug⸗ 
tuung ſollte Thorolf fuͤr die Wunde bekommen, die er erhalten 
hatte. Gegen Bolli wollte Olaf keine Klage erheben laſſen 
und legte ihm auf, ſich durch Geld zu loͤſen. Damit waren 


1 Bei der Kirche von Borg befindet ſich ein Grab mit einer Grabſchrift in 
(viel jüngeren, und garnicht auf Riartan ſich beziehenden) Runen, das die 
Überlieferung als Riartans Ruheſtaͤtte angeſehen hat. 


165 


galldor und Stein ſehr unzufrieden, und ebenſo die andern 
Söhne Olafs, fie ſagten, fie würden es ſchwer ertragen, 
daß Bolli in demſelben Bezirk mit ihnen ſitzen ſolle. Olaf ſagte, 
es wuͤrde gehen muͤſſen, ſo lange er auf den Fuͤßen ſtuͤnde. 
Ein Schiff lag in Bjarnarhoͤfn,! das Audun Kettenhund ge⸗ 
horte.“ Er war auf dem Thinge und ſprach: „Es iſt gluͤck⸗ 
licherweiſe zu erwarten, daß die Achtung dieſer Maͤnner in 
Norwegen ebenſo wirkſam ſein wird, wie hier, wenn dort die 
Sreunde Kjartans noch am Leben find.” Da ſagte Oſvifr: 
„Deine Weisſagung, du Keitenhund, wird nicht eintreffen, 
denn meine Soͤhne werden hochgeehrt ſein bei vornehmen 
Zerren, aber du Kettenhund follft in dieſem Sommer fahren 
in der Trolle Gewalt.“ Audun Kettenhund ſegelte aus im 
Sommer und erlitt Schiff bruch an der Särder. Da ging jedes 
Menſchenkind auf dem Schiffe zugrunde; fo ſchien alſo ganz 
eingetroffen zu fein, was Oſvifr geweisfagt hatte. Die Oſvifr⸗ 
ſoͤhne ſegelten aus im Sommer, und keiner von ihnen kam je 
wieder zuruͤck. So ſchloß die Verfolgung der Totſchlagsſache, 
und Olaf ſchien nur groͤßer deshalb dazuſtehen, weil er feſt 
zugegriffen hatte, wo es am Platze war, bei den Oſpifrſoͤhnen, 
aber Bolli in Schutz nahm wegen der Verwandtſchaft. Olaf 
dankte den Maͤnnern herzlich für die zugefuͤhrte Verſtaͤrkung. 
Bolli kaufte das Land in Tunga auf den Rat Olafs. Es wird 
erzählt, daß Olaf noch drei Winter gelebt hat, nachdem Kjar⸗ 
tan erſchlagen war. Und als er verſchieden war, teilten die 
Söhne das Erbe des Vaters. Zalldor übernahm den Hof in 
Zjardarholt. Thorgerd, die Mutter der Brüder, lebte bei 
galldor. Sie war ſehr rachgierig geſinnt gegen Bolli und 
meinte einen grauſamen Lohn fuͤr die Erziehung Bollis er⸗ 
halten zu haben. 


52. galldor, Olafs Sohn, tötet Thorkel von 
gafratindar 


olli und Gudrun richteten im Srühling ſich auf ihrem 
Zofe in Saͤlingsdalstunga ein, und das Zausweſen 


1 vgl. S. 29, Anm. 1. 2 Im Schiffe dieſes Mannes tritt Gunnlaug Schlan⸗ 
genzunge ſeine Auslandreiſe an. 


166 


war bald ſtattlich. Bolli und Gudrun bekamen einen Sohn. 
Dem Knaben wurde ein Name gegeben, ſie nannten ihn 
Thorleik. Er war bald ein huͤbſches und ſehr aufgewecktes 
Kind. 

Zalldor, Olafs Sohn, wohnte in Zjardarholt, wie oben ge⸗ 
ſchrieben iſt; er war der Vormann unter den Brüdern. In 
dem Fruͤhling, als Kjartan erſchlagen wurde, hatte Thorgerd, 
Egils Tochter, einen jungen Verwandten bei Thorkel von gafr⸗ 
atindar in Koſt und Wohnung gegeben.! Der Junge huͤtete 
da das Vieh im Sommer. Er trauerte ſehr über Kjartans 
Tod wie andere auch. Er konnte nicht von Rjartan reden, 
wenn Thorkel dabei war, denn der ſprach immer ſchlecht von 
Kjartan und ſagte, er ſei feig und ſchwachherzig geweſen, und 
machte es oft nach, wie er ſich bei der tödlichen Verwundung 
benommen habe. Der Junge konnte das ſchlecht vertragen 
und kam nach Zjardarholt und erzählte das alles alldor und 
Thorgerd und bat ſie, ihn zu ſich zu nehmen. Thorgerd befahl 
ihm, bis zum Winter in Roft zu bleiben, wo er war. Der 
Junge ſagte, er bringe es nicht uͤber ſich, dort laͤnger zu bleiben, 
— „und du wuͤrdeſt es nicht von mir verlangen, wenn du 
wuͤßteſt, wie ſchwer es fuͤr mich zu ertragen iſt.“ Da ließ ſich 
Thorgerd durch ſeine Klagen erweichen und ſagte, von ſich aus 
wolle fie erlauben, daß er bei ihnen in Koſt bliebe. Zalldor 
ſagte: „Achte doch nicht auf dieſen Jungen, es iſt ohne Be⸗ 
deutung, was er ſagt.“ Da antwortete Thorgerd: „Auf den 
Jungen iſt nicht viel zu geben, aber Thorkel hat unter allen 
Umſtaͤnden ſich ſchlecht in dieſer Sache benommen, denn er 
wußte, daß die Laugarleute Kjartan auflauerten, und wollte 
es ihm nicht anfagen, ſondern hat ſich ein Vergnügen und eine 
Beluſtigung aus dem Kampfe gemacht, und dann noch viele 
haͤßliche Reden geführt. Wie ſoll es geſchehen, daß ihr Bruͤ⸗ 
der da euch zu raͤchen wagt, wo euch Übermacht entgegenſteht, 
wenn ihr es nicht uͤber euch bringt, einem ſo elenden Kerl, 


1 Die Erzählung iſt hier ungeſchickt; obgleich Olaf noch lebt, tritt Halldor 
hier ganz als Samilienhaupt auf; der junge Verwandte iſt vielleicht ur: 
ſpruͤnglich mit dem Sirtenjungen identiſch, der Kiartan warnen will 
(Kap. 49, S. 1 59). 


167 


wie Thorkel ift, den Dienſt zu bezahlen.“ Haldor antwor⸗ 
tete wenig hierauf, bat aber Thorgerd, für den Jungen zu 
ſorgen. 

Einige Tage darauf ritt Halldor fort und einige Männer mit 
ihm. Er ritt nach Zafratindar und ſchloß Thorkel im Haufe 
ein; Thorkel wurde herausgefuͤhrt und getoͤtet; er benahm 
ſich unmaͤnnlich bei ſeinem Ende. Zalldor ließ nichts rauben 
und ritt fo heim. Thorgerd bezeugte ihre Sreude über dieſe 
Tat, es ſchien ihr dieſe Rache beſſer als keine. 

In dieſem Sommer blieb es aͤußerlich ruhig, aber zwiſchen 
Bolli und den Olafsſoͤhnen ſtand es boͤſe. Die Brüder be⸗ 
nahmen ſich ohne jede Rückficht gegen Bolli, er aber ſuchte in 
allem einem Zuſammenſtoß mit den Verwandten auszuweichen, 
wo er ſich nichts zu vergeben hatte, denn er fuͤrchtete den Kampf 
durchaus nicht. Bolli hatte viele Leute um ſich und hielt ſich 
wie ein großer Zerr, denn an Vermoͤgen fehlte es da nicht. 
Steinthor, Olafs Sohn, wohnte auf Dönuftadir im Lachs⸗ 
waſſertal. Er hatte Thurid, Asgeirs Tochter, zur Frau, die 
früher Thorkel Ruggi gehabt hatte. Ihr Sohn hieß Steinthor, 
der Groſlappi genannt wurde. 


53. Thorgerd reizt ihre Soͤhne auf, Rache 
an Bolli zu nehmen 
m naͤchſten Winter nach dem Tode Olafs, des Sohnes 
des Zoͤskuld, ſchickte Thorgerd, Egils Tochter, nach ihrem 
Sohne Steinthor, gegen Ende des Winters, er möge zu ihr 
kommen. Und als Mutter und Sohn beieinander waren, gab ſie 
ihm Beſcheid, daß ſie eine Reiſe machen wolle, und zwar ins Weſt⸗ 
land hinein nach dem Saurboͤ, ihre Freundin Aud zu beſuchen. 
Sie ſagte Zalldor, er ſolle auch mitkommen. Sie waren fünf 
zuſammen. Salldor begleitete feine Mutter. Sie ritten nun, 
bis fie an dem Hof von Saͤlingsdalstunga vorüber kamen. Da 
wandte Thorgerd ihr Pferd nach dem Hof zu und fragte: „Wie 
heißt dieſer Jof?“ Zalldor antwortete: „Du fragſt das nicht, 
Mutter, als wuͤßteſt du's nicht bereits. Dieſer Zof heißt 
Tunga.“ „Wer wohnt hier?“ ſagte ſie. Er antwortete: „Du 
weißt es ja, Mutter.“ Da ſagte Thorgerd und atmete ſchwer 


168 


“LS; 


dabei: „Ich weiß freilich,“ ſagte fie, „daß hier Bolli wohnt, 
der Moͤrder eures Bruders, und ſehr unaͤhnlich zeigt ihr euch 
eueren edlen Vorfahren, daß ihr nicht Rache nehmen wollt fuͤr 
einen ſolchen Bruder, wie Kjartan war. So hätte euer Groß⸗ 
vater Egil nicht gehandelt, und es iſt bitter, Soͤhne ohne Tat⸗ 
kraft zu haben; und ich meine wirklich, ihr paßtet beſſer dazu, 
daß ihr Töchter eures Vaters und verheiratet wäret.! Es iſt 
nun fo, Halldor, wie es im Sprichwort heißt, daß in jeder 
Familie ein unnuͤtzes Glied iſt, und ganz deutlich iſt mir, was 
Olafs Ungluͤck war: daß ihm die Söhne fo mißraten find. 
An dich richte ich deshalb meinen Anſpruch, Halldor,“ ſagte 
ſie, „weil du als der erſte giltſt von deinen Bruͤdern. Nun 
koͤnnen wir wieder umkehren, denn das war mein eigentliches 
Vorhaben, euch an das alles zu erinnern, ſolltet ihr nicht ſchon 
vorher daran gedacht haben.“ Da antwortete Zalldor: „Dir 
werden wir nicht die Schuld geben konnen, Mutter, wenn uns 
dies aus dem Sinne ſchwinden ſollte.“ Halldor redete im 
uͤbrigen wenig daruͤber, aber ſein Grimm gegen Bolli ſchwoll 
maͤchtig an. 

Es verging nun dieſer Winter, und als der Sommer ge⸗ 
kommen war, ruͤckte die Zeit des Things näher. Zalldor er⸗ 
klaͤrte, daß er zum Thinge reiten wuͤrde, und ebenſo ſeine 
Bruͤder. Sie ritten nun mit einer großen Schar und zelteten 
die Bude, die Olaf gehabt hatte. Das Thing verlief ruhig 
und ereignislos. Vom Nordlande waren auch die Maͤnner 
aus dem Vidital zum Thinge gekommen, die Söhne des Gud⸗ 
mund, des Sohnes des Soͤlmund. Bardi, Gudmunds Sohn, 
war damals achtzehn Winter alt, er war groß und ſtark. Die 
Olafs ſoͤhne luden ihren Vetter Bardi zu ſich ein und redeten 
ihm eifrig zu. Zall, Gudmunds Sohn, war damals nicht 
hier im Lande. Bardi nahm das gern an, denn zwiſchen den 
Vettern war ein herzliches Verhaͤltnis. Bardi ritt nun nach 
dem Weſtlande vom Thinge mit den Olafsſoͤhnen. Sie kamen 
heim nach Zjardarholt, und Bardi blieb dort den Keſt des 
Sommers uͤber. 


Eine typiſche Wendung, vgl. S. 157, Anm. I. 


169 


54. Der Zug gegen Bolli wird beſchloſſen. 
Thorgerd reitet mit 


un teilte all dor Bardi im Vertrauen mit, daß fie, die 

Bruͤder, die Abſicht haͤtten, gegen Bolli zu ziehen, ſie 
fagten, fie koͤnnten die Vorwürfe ihrer Mutter nicht länger er: 
tragen, — „wir wollen es nicht leugnen, Vetter Bardi, es war 
ein Hauptgrund bei unſerer Einladung, daß wir dich hier 
haben wollten, damit du mit uns ausziehſt und uns hilfſt.“ Da 
antwortete Bardi: „Übel wird man den Bruch der unter den 
Verwandten geſchloſſenen Suͤhne beurteilen, und andrerſeits 
erſcheint mir Bolli ſchwer angreifbar. Er hat viele Maͤnner 
um ſich und iſt ſelbſt ein Kaͤmpfer ohne alle Furcht; da 
mangelt es auch nicht an kluger Vorſorge, wo Gudrun und 
Oſvifr find. Aus allen dieſen Gründen ſcheint mir der An⸗ 
griff kaum ausfuͤhrbar.“ Halldor ſagte: „Es tut uns not, 
daß wir uns die Sache nicht ſelbſt ſchwerer machen, als ſie 
iſt. Ich habe auch nicht eher von unſrer Abſicht geſprochen, 
als bis der Derfuch gemacht werden kann, an Bolli Rache zu 
nehmen. Ich meine auch, Vetter, daß du uns nicht im Stiche 
laſſen wirft bei dieſem unſerem Zuge.“ Bardi antwortete: „Ich 
weiß, du wirſt es fuͤr unwuͤrdig halten, wollte ich mich dem 
entziehen. Ich werde es auch nicht tun, wenn ich ſehe, daß ich 
euch doch nicht zuruͤckhalten kann.“ „Da ſtellſt du dich recht 
zur Sache,“ ſagte Zalldor, „wie zu erwarten war.“ Bardi 
ſagte, der Angriff duͤrfe nicht ohne beſtimmten Plan gemacht 
werden. Zalldor erwiderte, er habe erfahren, daß Bolli ſeine 
Leute weggeſchickt habe, einige ins Nordland an den Zruta⸗ 
fjord zum Schiff und andere nach dem Strande hinaus, — 
„mir iſt auch berichtet, daß Bolli ſich auf dem Saͤter im Saͤlings⸗ 
tal aufhaͤlt, und da ſeien nicht mehr Maͤnner als die Knechte, 
die im Heu zu tun haben. Mir ſcheint, als koͤnne ſich nicht 
zum zweiten Male eine ſo guͤnſtige Gelegenheit bieten, Bolli 
zu uͤberfallen, wie jetzt.“ Und ſie bekraͤftigten nun mit ein⸗ 
ander ihre Verabredung, Zalldor und Bardi. 
Ein Mann hieß Thorftein der Schwarze; er wohnte ingundadal 
im Talbezirk des Breidifjords, ein kluger und wohlhabender 


170 


Mann; er war ein langjähriger Freund des Olaf Pfau ge 
weſen; die Schweſter Thorfteins hieß Solveig, fie war ver: 
heiratet mit dem Manne, der Zelgi hieß und ein Sohn des 
Zardbein war. Zelgi war ein großer und ſtarker Mann und 
ein großer Seefahrer. Er war grade nach Island gekommen 
und bei ſeinem Schwager Thorſtein zu Gaſte. 

galldor ſandte Botſchaft zu Thorſtein und Zelgi, deſſen 
Schwager. Und als fie nach Zjardarholt gekommen waren, 
ſagte Halldor, was ihr Vorhaben und ihr Plan fei, und bat 
ſie an dem Juge teilzunehmen. Thorſtein zeigte ſich uͤbel zu⸗ 
frieden mit dieſem Vorhaben, — „das waͤre doch jammer⸗ 
ſchade, wenn ihr Verwandten euch nun immer weiter um⸗ 
bringen wolltet. Es gibt jetzt wenige ſolche Maͤnner in eurer 
Familie, wie Bolli iſt.“ Und obgleich Thorſtein ſolches redete, 
ſo half es doch nichts. 

galldor ſandte Botſchaft zu Lambi,feinem Vaterbruder; und als 
er zu Halldor kam, da erzählte ihm dieſer von ihrem Vorhaben. 
Lambi trieb ſehr dazu an, daß dies ins Werk geſetzt würde. 
Thorgerd, die Hausmutter, reizte auch allezeit dazu auf, daß 
man ſich zu dem Juge entſchließen ſolle; ſie ſagte, niemals 
würde Kjartans Tod geraͤcht ſcheinen, wenn nicht Bolli das⸗ 
ſelbe Los erdulde. Darauf ruͤſteten ſie ſich zu dem Juge. Daran 
nahmen teil die vier Olafsſoͤhne, und als fuͤnfter Bardi — dies 
waren die vier Olafsſoͤhne: Halldor und Steinthor, gelgi und 
Zoͤskuld, aber der fünfte war Bardi, der Sohn des Gudmund, 
der ſechſte Eambi, der ſiebente Thorſtein, der achte Helgi, fein 
Schwager, der neunte An Reifigmagen. Thorgerd machte ſich 
auch bereit, mit ihnen zu ziehen; ſie ſuchten ſie nach Moͤglich⸗ 
keit davon abzubringen und ſagten, ſo etwas ſei keine Weiber⸗ 
fahrt. Sie erwiderte, ſie wuͤrde beſtimmt mitkommen, — 
„denn ich kenne euch, meine Soͤhne, ganz genau und weiß, 
daß ihr etwas Scharfmachen nötig habt.“! Sie fagten, fie 
moͤge nach ihrem Willen tun. 


1 In der Heidarvigaſaga (S. 75) will Thurid (Rjartans Schweſter, |. oben 
Kap. 29, 30, 31) ihre Söhne auf dem Rachezug begleiten, wird aber unter: 
wegs liſtig in einen Bach geworfen und muß heimkehren. 


171 


55. Bolli wird überfallen und getötet 

arauf ritten fie ab aus Zjardarholt, neun zuſammen; 

Thorgerd war die zehnte. Sie ritten auf dem Niedrig⸗ 
waſſerſtrand fjordeinwaͤrts und fo bis Cjarſkogar. Das war 
zu Anfang der Nacht. Sie raſteten nicht, bis ſie ins Saͤlingstal 
kamen, da fing der Morgen an zu grauen. Dichter Wald war 
in dem Tal in jener Zeit. Bolli war auf dem Saͤter, wie Hall: 
dor in Erfahrung gebracht hatte. Die Saͤter ſtanden am Waſ⸗ 
fer, da wo der Platz jetzt Bollatoptir! heißt. Eine große Halde 
erſtreckt ſich von oberhalb des Saͤters weiter hinunter bis nach 
Stakkagil. Zwifchen der Halde und der Talwand iſt eine große 
Wieſe, die Barm heißt; da arbeiteten die Knechte Bollis. Zall⸗ 
dor und ſeine Gefaͤhrten ritten nach Örnagrof, über Ranavellir 
und weiter bis oberhalb der Zamarwieſe, das iſt gegenüber 
dem Saͤter. Sie wußten, daß viele Leute auf dem Saͤter waren; 
ſie ſtiegen ab und beabſichtigten zu warten, bis die Leute vom 
Saͤter zur Arbeit gegangen waͤren. 
Der Zirtenjunge Bollis ging nach dem Vieh früh morgens die 
Talwand hinauf; er ſah Maͤnner im Walde und ebenſo die 
gefeſſelten Pferde; es kam ihm der Verdacht, daß dies keine 
friedlichen Leute fein koͤnnten, die fo ſich verſteckt hielten; er 
eilte auf dem gradeſten Wege zum Saͤter zuruͤck und wollte 
Bolli anzeigen, daß Maͤnner gekommen ſeien. 
Zalldor hatte ſcharfe Augen. Er ſah, daß ein Menſch vom 
Talabhang herunter gelaufen kam und die Richtung auf den 
Saͤter nahm. Er ſagte ſeinen Gefaͤhrten, daß das Bollis Zirt 
ſein muͤßte — „und er wird unſere Schar geſehen haben; wir 
muͤſſen ihm den Weg verlegen und ihn verhindern, Nachricht 
in den Saͤter zu bringen.“ Sie taten, wie er geſagt hatte. An 
Reifigmagen zeigte ſich als der ſchnellſte von ihnen, er fing den 
Jungen ab, hob ihn auf und warf ihn zur Erde nieder. Der 
Sall war fo ſtark, daß dem Jungen das Rüdgrat zerbrach. Da⸗ 
rauf ritten fie nach dem Saͤter. Es waren zwei Gebaͤude, ein 
Schlafſaͤter und ein Vorratshaus. 


! toptir, Hausplat, bezeichnet durch die mehr oder minder eingeſunkenen 
eErdwaͤnde. 


172 


Bolli war früh am Morgen auf den Süßen geweſen und hatte 
die Arbeit verteilt, ſich dann aber wieder hingelegt zum Schla⸗ 
fen, als die Knechte ſich entfernt hatten. Es waren nur die 
zwei im Saͤter, Bolli und Gudrun. Sie wachten von dem Ge⸗ 
raͤuſch auf, als die draußen abſtiegen; Bolli und Gudrun 
hoͤrten auch, wie ſie daruͤber redeten, wer zuerſt hineingehen 
ſolle in den Saͤter, Bolli anzugreifen. Bolli erkannte die 
Stimmen Salldors und einiger anderer aus der Schar. Bolli 
ſprach zu Gudrun und bat ſie, aus dem Saͤter fortzugehen 
und ſagte, es wuͤrde das eine Begegnung unter ihnen werden, 
an der fie kein Dergnügen finden koͤnnte. Gudrun erwiderte, 
ſie glaube nicht, daß da etwas geſchehen wuͤrde, das ſie nicht 
anſehen koͤnnte; und ſagte noch, Bolli geſchehe damit kein 
Schade, wenn ſie bei ihm bliebe. Bolli erwiderte, er wolle hierin 
ſeinen Willen haben, und ſo geſchah es, daß Gudrun hinausging 
aus dem Saͤter. Sie ging den Abhang hinab zu dem Bach, der 
da floß, und begann ihr Leinenzeug zu waſchen. Bolli war 
nun allein im Saͤter; er ergriff feine Waffen, fette den Helm 
ſich auf den Kopf, nahm den Schild vor ſich und das Schwert 
Sußbeißer in die Hand; er hatte keine Bruͤnne. 

Die um Halldor redeten nun mit einander, wie man das Werk 
beginnen ſollte; denn keiner hatte Neigung, in den Saͤter hin⸗ 
einzugehen. Da ſprach An Reifigmagen: „Es find Maͤnner 
hier in der Schar, die durch ihre Derwandtfchaft Kjartan naͤher 
ſtehen als ich, aber wohl keiner, dem es feſter im Gedaͤchtnis 
eingepraͤgt fein kann, wie Kjartan fein Leben verloren hat, 
als mir. Das war mein Gedanke, als ich nach Tunga gebracht 
wurde fo gut wie tot, und Kjartan erſchlagen war, daß ich mit 
Freuden Bolli ein Leid antun moͤchte, wenn ſich mir die Ge⸗ 
legenheit bieten ſollte. Ich werde zuerſt in den Saͤter hinein⸗ 
gehen.“ Da ſagte Thorſtein der Schwarze: „Das heißt ge⸗ 
ſprochen wie ein Mann von Mut, doch wird es raͤtlicher ſein, 
nicht ohne Überlegung hineinzuſtuͤrzen, man muß mit Vorſicht 
zu Werke gehen, denn Bolli wird nicht ruhig dabei ſtehen, 
wenn man ihn angreift. Mag er nun auch ohne gelfer ſein, wir 
muͤſſen uns auf heftige Gegenwehr gefaßt machen, denn Bolli 
iſt ſtark und ein gewandter Krieger. Er hat auch ein Schwert, 


173 


das eine zuverläffige Waffe iſt.“ Darauf drang An in den 
Saͤter ein, ſchnell und unaufhaltſam, er hatte feinen Schild 
uͤber dem Kopfe und dem ſchmaͤleren Teil nach vorn gewendet. 
Bolli hieb nach ihm mit dem Schwerte Sußbeißer, ſchlug das 
Schildende ab und ſpaltete ihm zugleich den Kopf bis auf die 
Schultern nieder; das brachte ihm ſofort den Tod. Darauf 
ging Cambi hinein, er hielt den Schild vor ſich und das gezuͤckte 
Schwert in der Hand. In dem Augenblick riß Bolli den Fuß⸗ 
beißer aus der Wunde, dabei kehrte ſich ſein Schild zur Seite. Da 
ſtieß Cambi Bolli in den Schenkel, das wurde eine große Wunde. 
Bolli traf dagegen Lambian der Achſel, unddas Schwert fuhr an 
der Seite herunter; er war gleich kampfunfaͤhig; und niemals 
mehr wurde ihm der Arm wieder ganz heil, ſo lange er lebte. 
In dieſem Augenblick kam Zelgi, Zardbeins Sohn, herein und 
hatte einen Speer in der Hand, deſſen Blatt war eine Elle 
lang und der Schaft in Eiſen gefaßt. Als aber Bolli das ſah, 
warf er das Schwert weg, ergriff den Schild mit beiden Hän- 
den und ging auf die Tür zu, Helgi entgegen. Helgi ſtieß nach 
Bolli mit dem Speer, durchbohrte den Schild und ihn ſelbſt. 
Bolli lehnte ſich gegen die Wand des Saͤters. Nun ſtuͤrmten 
die Maͤnner hinein in den Saͤter, Zalldor und ſeine Bruͤder. 
Auch Thorgerd ging hinein in den Saͤter. 

Da ſprach Bolli: „Nun iſt es möglich, Brüder, näher heranzu⸗ 
kommen als bisher,“ er glaube, ſagte er, daß ſeine Gegenwehr 
nur kurz ſein werde. Thorgerd antwortete auf ſeine Rede und 
ſagte, man wuͤrde ſich nicht ſcheuen duͤrfen, gruͤndliche Arbeit 
mit Bolli zu machen, zwiſchen Kopf und Rumpf ſolle die 
Schneide durchfahren. Bolli ſtand da noch aufrecht an der 
Wand und druͤckte ſich den Rod an, damit nicht die Einge⸗ 
weide herausdrangen. Da lief Steinthor, Olafs Sohn, gegen 
Bolli an und hieb nach ihm mit einer großen Axt gegen den 
Zals an den Schultern, ſo daß gleich das Haupt abſprang. 
Thorgerd hieß feine Hand geſegnet fein, fie ſagte, Gudrun 
würde nun rote Zaare zu kaͤmmen haben am Ropfe Bollis. 
Darauf gingen ſie hinaus aus dem Saͤter. 

Gudrun kam herauf von dem Bach und fing ein Geſpraͤch an mit 
Zalldor und feinen Gefaͤhrten und fragte, wie es zwiſchen ihnen 


174 


und Bolli ausgegangen ſei. Sie erzählten alles ſo, wie es ſich zuge⸗ 
tragenhatte. Gudrun warin einemfeinen Tuchrock mit enger Mie⸗ 
derjacke, auf dem Kopf hatte ſie einen reichgefalteten Schleier. Sie 
trugein Um ſchlagetuchmit blauer Muſterung, unten mit ranſen. 
Helgi, Hardbeins Sohn, trat auf Gudrun zu und nahm einen 
Zipfel des Tuches und wiſchte damit das Blut von dem Speere, 
demſelben, mit dem er Bolli durchſtoßen hatte. Gudrun ſah ihn 
an und laͤchelte dazu. Da ſprach Zalldor: „Das iſt bos haft ge⸗ 
handelt und grauſam.“ Helgi bat ihn, ſich nicht darüber zu ent⸗ 
ruͤſten: „denn ich denke mir, ſagte er, daß unter dieſem Tuche 
mein Moͤrder hauſt.“ ! Dann nahmen fie ihre Pferde und ritten 
fort. Gudrun brachte ſie auf den Weg und redete eine Weile 
mit ihnen. Darauf kehrte ſie um. 


56. Snorri der Gode uͤbernimmt Tunga, 
Gudrun zieht nach Zelgafell 


aruͤber redeten Zalldors Gefährten untereinander, daß 

Gudrun ſich wenig aus dem Tode Bollis machen muͤſſe, 
da fie mit Geleits worten fie auf den Weg gebracht und in dem 
ganzen Geſpraͤche mit ihnen ſich ſo verhalten habe, als haͤtten 
ſie gar nichts getan, das ihr gegen den Sinn ginge. Da ant⸗ 
wortete Halldor: „Nicht iſt das meine Anſicht, daß Gudrun 
den Tod Bollis leicht nimmt; ich meine vielmehr, daß ſie des⸗ 
halb uns im Geſpraͤch das Geleit gegeben hat, weil ſie genau 
wiſſen wollte, welche Maͤnner bei diefem Zuge beteiligt ge⸗ 
weſen ſind. Auch darf man ohne Übertreibung ſagen, daß 
Gudrun mit ihrer großartigen Weiſe hoch uͤber andern Frauen 
ſteht. Es iſt auch natürlich, daß Gudrun den Tod Bollis tief 
empfindet, denn die Wahrheit zu ſagen, der Verluſt ſolcher 
Maͤnner iſt der groͤßte Schade, wie Bolli war, wenn es uns 
Verwandten auch nicht beſchieden war, in Eintracht mit ihm 
zu leben.“ Darauf ritten ſie heim nach Zjardarholt. 
Die Runde von dieſem Ereignis verbreitete ſich ſchnell und 
machte einen tiefen Eindruck. Bollis Tod wurde allgemein be⸗ 
klagt. Gudrun ſandte ſofort Boten zu dem Goden Snorri, 
denn fie und Oſvifr glaubten eine ſichere Stuͤtze zu haben, wenn 
Der jüngere Bolli. 


175 


Snorri ihnen zur Seite ſtand. Snorri brach gleich auf, als er 
Gudruns Botſchaft empfangen hatte, und kam nach Tunga 
mit ſechzig Mann. Gudrun war froh uͤber ſeine Ankunft. Er 
erbot ſich, den Verſuch einer Suͤhne zu machen, aber Gudrun 
hatte wenig Neigung dazu, im Namen Thorleifs! Geldbuße 
fuͤr den Totſchlag anzunehmen. „Ich glaube, daß du mir, 
Snorri, damit die größte Hilfe gewaͤhrſt, “ ſagte Gudrun, „wenn 
du mit mir den Wohnſitz tauſcheſt, ſo daß ich nicht mehr Seld an 
Seld mit denen von Zjardarholt zuſammenſitze.“ 

In dieſer Zeit hatte Snorri große zwiſtigkeiten mit den Männern 
von Eyr.? Snorri fagte, daß er dies tun wolle aus Freund⸗ 
ſchaft fuͤr Gudrun, — „doch mußt du, Gudrun, dieſes Jahr 
noch in Tunga bleiben.“ Nun machte ſich Snorri auf den Weg, 
und Gudrun gab ihm anſehnliche Geſchenke mit. Snorri ritt 
nun nach Zauſe, und es blieb aͤußerlich ruhig das Jahr uͤber. 
Im naͤchſten Winter nach dem Tode Bollis gebar Gudrun ein 
Kind; das war ein Knabe. Er wurde Bolli genannt. Er war 
bald groß und ſchoͤn. Gudrun liebte ihn ſehr. Und als der 
Winter verging, und der Fruͤhling kam, da wurde der Handel 
eingeleitet, von dem die Rede geweſen war, daß fie ihre Land⸗ 
guͤter vertauſchen wollten, Snorri und Gudrun. Snorri uͤber⸗ 
nahm Tunga und wohnte dort, ſolange er lebte. Gudrun zog 
nach Helgafell und Oſpifr mit ihr, fie richteten da eine ſtatt⸗ 
liche Wirtſchaft ein; Gudruns Soͤhne wuchſen dort auf, Thor⸗ 
leik und Bolli. Thorleik war damals vier Winter alt, als Bolli 
erſchlagen ward, fein Vater. 


57. Thorgils, der Sohn der Zalla, unter⸗ 
richtet Gudruns Sohn Thorleik im Recht. 
Thorkel, der Sohn des Eyjolf, zieht aus, 
den geaͤchteten Orimzuuͤber fallen, und leiht 

ſich dazu das Schwert Skoͤfnung 

in Mann hieß Thorgils und war ein Sohn der Salla; 

und deshalb war er nach ſeiner Mutter genannt, weil 
1 Ihr und Bollis Sohn iſt gemeint. ? Vgl. S. 29, Anm. 3. Dieſe Streitig⸗ 
keiten waren damals laͤngſt erledigt. vgl. S. 112, Anm. 2. 


176 


fie länger lebte als fein Dater;! der hieß Snorri und war der 
Sohn des Alf? aus dem Talbezirk. Halle, Thorgils Mutter, 
war die Tochter Geſts, des Sohnes des Oddleif. Thorgils 
wohnte im Hördatal? auf dem Hofe, der Tunga hieß. Thor⸗ 
gils war ein großer Mann und anſehnlich und von ſtolzem 
Weſen; er galt nicht als ein Mann von Billigkeit. Oft war 
das Verhaͤltnis zwiſchen ihm und Snorri ſchlecht. Snorri 
hielt ihn fuͤr einen ehrgeizigen und anmaßenden Menſchen. 
Thorgils miſchte fich viel in die Angelegenheiten des Kuͤſten⸗ 
bezirks, er kam oft nach Helgafell und bot Gudrun feinen Bei⸗ 
ſtand an. Sie ging nur ſoweit darauf ein, als die Umſtaͤnde 
es verlangten, hielt ſich aber im uͤbrigen zuruͤck. Thorgils lud 
ihren Sohn Thorleik zu ſich, und er war lange in Tunga und 
ließ ſich von Thorgils im Recht unterweiſen, denn er war ein 
ſehr rechtskundiger Mann. 

In dieſer Zeit war einer von den Kauffahrern Thorkel, der 
Sohn des Eyjolf, ein berühmter Mann und von edler Sas 
milie, und ein guter Sreund des Goden Snorri. Er war auch 
oft bei Thorſtein, dem Sohne des Thorkel Ruggi, feinem 
Verwandten, wenn er ſich hier in Island befand. 

Und einmal, als fein Schiff in Vadil® am Bardaſtand auf 
Land lag, geſchah es im Borgarfjordgebiet, daß ein Sohn des 
Eid aus As erſchlagen wurde von den Söhnen der Helga von 
Kropp; Grim hieß der, der ihn erſchlagen hatte, und ſein 
Bruder Njal: der ertrank etwas ſpaͤter in der Zvita. Aber 
Grim verfiel der Acht wegen des Totſchlages und lag draußen 
in den Bergen, ſolange er friedlos war; er war ein großer 
und ſtarker Mann. Eid war damals ſchon ein ſehr alter 
Mann, als dies geſchah; daher wurde die Achtung nicht weiter 
verfolgt. Immer lag man dem Thorkel Eyjolfsſohn in den 


1 gl. S. 100, Anm. 1. ? gl. S. 33, Anm. 2. vgl. den Anfang von 
Kap. 6. Eyiolf der Graue, der Sohn des Thord Bruͤller, alſo ein Enkel 
des Olaf Seilan, vgl. S. 36, Anm. 2. Thorkel Ruggi und Eyjolf der Graue 
waren Brüder. Thorftein auf Liarfkogar iſt gemeint. Vgl. S. 92, Anm. I. 
7 Beide Höfe liegen im Tal der vita. Eid, der Sohn des Skeggi, tritt als 
angeſehener Mann des Borgarfiordgebietes in der Heidarvigaſaga auf. Von 
Grim erzaͤhlt auch die Grettisſaga (Rap. 62). 


12 Meißner, Lachstalſaga 1 77 


Ohren, warum er dem Kechtsſpruch keine Geltung vers 
fchaffe.! 

Im Fruͤhjahr darauf, als Thorkels Schiff ſegelfertig war, 
reifte er ſuͤdwaͤrts über den Breidifjord nach dem Borgarfjord 
im Suͤdland und ver ſchaffte ſich ein Pferd und ritt allein und 
raſtete nicht, bis er nach As kam zu Eid, ſeinem Verwandten. 
Eid empfing ihn mit Freuden. Thorkel ſagte ihm, was ihn 
dorthin gefuͤhrt habe, daß er Grim aufſuchen wolle, den Eid 
habe aͤchten laſſen; er fragte ihn, ob er irgend eine Kunde 
davon habe, wo Grim hauſen moͤge. Eid antwortete: „Das iſt 
gar nicht nach meinem Wunſch, ich glaube, daß du viel ein⸗ 
ſetzt bei dem Spiel, wie d ies Unternehmen wohl ausgeht, mit 
einem ſolchen Höllenferl anzubinden, wie Grim iſt. Wenn 
du aber ausziehen willſt, ſo nimm viele Maͤnner mit, damit 
du die Entſcheidung in der Hand haſt.“ „Das ſcheint mir 
keine Heldentat,“ ſagte Thorkel, „mit einer großen Schar gegen 
einen einzelnen Mann zu Selde zu ziehen; nein, ich bitte, daß 
du mir das Schwert Skoͤfnung leihſt, dann, glaube ich, werde 
ich wohl einen einzelnen Waldgaͤnger bezwingen, wenn er 
auch noch ſo kampftuͤchtig iſt.“ „Du magſt deinem Willen 
folgen,“ ſagte Eid, „doch es wird mich nicht uͤberraſchen, wenn 
du einmal dieſen Eigenſinn bereuſt; aber weil du das um 
meinetwillen unternimmſt, werde ich dir nicht abſchlagen, 
worum du mich bitteſt, denn ich meine, daß Skoͤfnung in 
guten Zaͤnden iſt, wenn du ihn traͤgſt. Aber ſo iſt die Natur 
des Schwertes, daß die Sonne nicht auf den Knauf ſcheinen, 
und daß man es nicht ziehen ſoll, wenn Srauen zugegen ſind. 
Wenn ein Mann durch das Schwert verwundet wird, kann 
die Wunde nicht heilen, wenn der geilſtein nicht druͤber ge⸗ 
ſtrichen wird, der zu dem Schwerte gehort.“ Thorkel fagte, 
er wuͤrde das genau in Acht nehmen und empfing das Schwert, 
er bat aber Eid, ihm den Weg dorthin zu weiſen, wo Grim 
I Thorkels Großmutter Hrodny (vgl. oben S. 36) war die Schweſter des 
Eid. ? Diefes Schwert ſoll der berühmte Haͤuptling Skegei aus dem Grab⸗ 
huͤgel des Koͤnigs Rolf Krake geraubt haben. Skeggi lebte zuletzt bei feinem 
Sohne Eid auf As und wurde da begraben. mit dieſem Schwert, das 


er ſich von Steggi geliehen hat, kaͤmpft Kormak gegen Berft, wird aber be: 
ſiegt, weil er die Natur des Schwertes nicht achtet (Rormaksſaga Rap. ff.). 


178 


hauſe. Eid ſagte, er halte es für das wahrſcheinlichſte, daß 
Grim im Norden in der Tvidoͤgraheide! bei den Fiſchſeen hauſe. 
Darauf ritt Thorkel nordwaͤrts nach dem Zochland in der 
Kichtung, die ihm Eid angegeben hatte; und nachdem er weit 
in das Hochland eingedrungen war, ſah er bei einem großen 
See eine Hütte und ritt darauf zu. 


58. Thorkel wird von Grim beſiegt, der ihm 
das Leben ſchenkt. Snorri gibt dem Thorkel 


guten Rat 

N. kam Thorkel zu der Hütte und ſah da, daß ein Mann 

am See bei der Muͤndung eines Baches ſaß und angelte; 
der hatte ſich den Mantel uͤber den Kopf gezogen. Thorkel 
ſtieg ab und band ſein Pferd an der Wand der Zuͤtte feſt. 
Dann ging er vorwaͤrts dem See zu, dorthin, wo der Mann 
ſaß. Grim ſah den Schatten eines Mannes auf das Waſſer 
fallen und ſprang ſchnell auf. Thorkel war da ganz nahe 
herangekommen und hieb nach ihm; der Sieb traf den Arm 
oberhalb des Handgelenkes, und das war keine ſchwere Wunde. 
Grim ftürzte ſich gleich auf Thorkel, und fie begannen mit⸗ 
einander zu ringen; da zeigte ſich gleich der Unterſchied in der 
Staͤrke, Thorkel fiel, und Grim warf ſich uͤber ihn. 
Da fragte Grim, wer der Mann ſei. Thorkel ſagte, das ginge 
ihn nichts an. Grim ſprach: „Nun iſt es anders gekommen, 
als du dir es wohl gedacht haft, denn jetzt iſt dein Leben in 
meiner Gewalt.“ Thorkel ſagte, er wuͤrde ihn nicht um 
Schonung bitten, — „denn mir iſt das Gluͤck entgegen ge⸗ 
weſen.“ Grim ſagte: „Unheil genug hab ich ſchon angerichtet, 
wenn ich auch jetzt nichts tue; ein anderes Schick ſal wird dir 
beſtimmt fein, als bei dieſem unſerm Zufammentreffen zu 
fterben, und ich will dir das Leben ſchenken, du aber lohne es 
mir, wie du willſt. 
Sie ſtanden nun beide auf und gingen nach der Hütte zuruͤck. 
Thorkel ſah, daß Grim ſchwach wurde vom Blutverluſt; er 


1 Das Hochland (mit zahlreichen Seen), über das vom oberen Hritatal der 
weg in den weſtlichen Teil des Nordlandes führt. Der Name befagt, daß 
man zweimal 24 Stunden braucht, das Hochland zu überfchreiten. 


120 179 


nahm da den Skoͤfnungsſtein, beſtrich den Arm Grims und 
band den Stein gegen die Wunde und ſofort hoͤrte aller Schmerz 
und alles Schwellen der Wunde auf. Sie blieben nun dort 
die Nacht uͤber. 

Am Morgen machte ſich Thorkel reiſefertig und fragte Grim, 
ob er mit ihm kommen wolle. Er ſagte, ja, das wolle er. 
Thorkel wandte ſich nun gleich dem Weſtlande zu und ſuchte 
Eid nicht auf, er unterbrach die Reiſe nicht, bis er nach Saͤlings⸗ 
dalstunga kam. Snorri der Gode begruͤßte ihn mit großer 
Freundlichkeit. Thorkel erzählte ihm, daß fein Unternehmen 
uͤbel abgelaufen ſei. Snorri ſagte, gut ſei es gegangen, — 
„Grim ſieht mir aus wie ein Mann des Gluͤcks; ich will, daß 
du dich in allem guten mit ihm auseinanderſetzeſt. Es waͤre 
das nun mein Rat, Sreund, daß du deine Kauffartei aufgibft 
und dir hier eine Zofſtelle und eine Srau beſorgſt und ein 
Zaͤuptling wirft, wie es deiner Abkunft entſpricht.“ Thorkel 
antwortete: „Oft find Eure Aatfchläge zu meinem Gluͤck aus⸗ 
geſchlagen,“ und er fragte, ob Snorri daran gedacht habe, 
um welche Frau er werben ſolle. Snorri antwortete: „Du 
ſollſt um die Frau werben, die die beſte Partie iſt, und das iſt 
Gudrun, Dfvifrs Tochter.“ Thorkel ſagte, das ſei wahr, dieſe 
Zeirat ſei eine anſehnliche Sache; „aber ſchweres Bedenken 
machen mir ihre Leidenſchaftlichkeit,“ ſagte er, „und ihre trotzi⸗ 
gen Gedanken; fie wird Rache verlangen für ihren Gatten Bolli. 
Da ſcheint mir Thorgils, der Sohn der Zalla, mit ihr im Ein⸗ 
verſtaͤndnis zu fein, und es koͤnnte geſchehen, daß ihm unſere 
Abſicht nicht beſonders gefiele; aber Gudrun iſt ganz nach 
meinem Sinn.“ 

Snorri ſprach: „Ich will mich dazu verpflichten, daß dir von 
Thorgils kein Ungemach geſchieht, und ich glaube erwarten 
zu konnen, daß eine entſcheidende Wendung in bezug auf die 
Race für Bolli eintreten wird, ehe das naͤchſte Halbjahr ver: 
gangen iſt.“ Thorkel erwiderte: „Es kann ja ſein, daß das 
nicht leere Worte ſind, was du da redeſt; aber wegen der 
Rache für Bolli kann ich jetzt nichts anderes mir denken als 
vorher, es ſei denn, daß einige größere Zaͤuptlinge eingreifen.“ 
Snorri ſprach: „Es iſt mir ganz recht, wenn du im Sommer 


180 


noch einmal ausführft; wir werden unterdeſſen ſehen, was 
ſich ereignen mag.“ Thorkel ſagte, ſo ſolle es ſein, und N 
ſchieden ſie von einander. 

Thorkel fuhr uͤber den Breidifjord hinuͤber zu ſeinem Schif. 
Er nahm Grim mit ſich auf die Reife. Sie hatten guten Wind 
zur Sommerszeit und erreichten Norwegen im Suͤden. Da 
ſprach Thorkel zu Grim: „Dir iſt bekannt, welche Verwick⸗ 
lungen und Ereigniſſe uns beide zuſammengefuͤhrt haben, ich 
brauche das nicht ʒu erzaͤhlen; nun moͤchte ich gern, daß unſere 
Verbindung mit weniger Sährlichfeiten ſich Iöfe, als es in 
einer gewiſſen Zeit mit uns ausſchaute; als wackeren Mann 
hab' ich dich erprobt, und deshalb will ich mich zum Schluß fo 
mit dir auseinanderſetzen, als haͤtte ich niemals feindlichen 
Sinn gegen dich gehabt. Ich werde dir ſoviel Handelsware 
geben, daß du mit Ehren in die Geſellſchaft wackerer Maͤnner 
eintreten kannſt, aber laß dich nicht im Norden nieder hierzu⸗ 
lande, denn manche Verwandte Eids ſind als Kauffahrer 
unterwegs, die feindliche Geſinnung gegen dich haben.“ Grim 
dankte ihm fuͤr dieſe Worte und ſagte, er haͤtte niemals ſo viel 
zu erbitten gewagt, als ihm da geboten würde. Zum Abſchied 
gab ihm Thorkel gute Kaufmannsware. Das ſagten viele, 
daß er mit großartiger Geſinnung gehandelt habe. Darauf 
fuhr Grim oſtwaͤrts nach der Wik und ließ ſich dort nieder; 
er erwarb ſich da Anerkennung als ein tuͤchtiger Mann, und 
damit endet die Erzaͤhlung von Grim. 

Thorkel war in Norwegen den Winter uͤber und galt da als 
ein Mann von Bedeutung; er war ſehr reich an Gut und von 
ungewoͤhnlicher Tatkraft. 

Nun muͤſſen wir uns für einige Zeit von ihm abwenden und 
uns hinuͤber nach Island begeben und hoͤren, was da neues 
vor ſich ging, während Thorkel im Auslande war. 


59. Snorri gibt Gudrun liſtige Rat⸗ 


ſchlaͤge 
Gon Ofvifrs Tochter, ritt aus von Haufe im fünften 
Sommermonat dieſes Jahres und zwar landeinwaͤrts 
1 Eine Wendung, die dem echten Sagaſtil fremd iſt. 


181 


in den Talbezirk, fie ritt nach Thykkvaſkog. Thorleik war da⸗ 
mals abwechſelnd in Thykkvaſkog bei den Armodsſoͤhnen Hall- 
dor und Drmolf, bald war er in Tunga bei Thorgils. 

In derſelben Nacht noch ſchickte Gudrun einen Mann zu 
Snorri dem Goden, daß ſie ihn ſogleich am Tage darauf 
ſprechen muͤſſe. Snorri brach ſofort auf und ritt, nur von 
einem Mann begleitet, bis er zum Zaukatalwaſſer kam. Ein 
Selſen ſteht nördlich des Sluſſes und heißt Höfdi. Der Platz 
gehört zum Lande von CTökjarſkog. Dieſe Stelle hatte Gudrun 
beſtimmt, um ſich mit Snorri zu treffen. Beide kamen da faſt 
zu gleicher Zeit an. Auch Gudrun hatte nur einen Begleiter, 
das war Bolli, Bollis Sohn. Er war damals zwoͤlf Winter 
alt, und voll entwickelt an Kraft und Verſtand, ſo daß es viele 
gab, die keine vollkommenere Mannheit erreicht hatten, ob⸗ 
gleich ſie ganz ausgewachſen waren; er trug da auch den Suß⸗ 
beißer. 

Snorri und Gudrun begannen ſofort ihre Unterredung, aber 
Bolli und der Mann des Snorri faßen auf dem Selfen und 
ſpaͤhten im Umkreis aus nach dem Kommen und Gehen von 
Leuten. 

Und als Snorri und Gudrun ſich gefragt hatten, was es neues 
gäbe, da bat Snorri um Auskunft, welcher Anlaß ſo plotzlich 
eingetreten ſei, daß ſie ihm eine ſo draͤngende Botſchaft geſandt 
habe. Gudrun ſprach: „Es iſt wahr, daß fuͤr mich dieſes Ereig⸗ 
nis nagelneu iſt, das ich nun vorbringen will, aber doch iſt es 
vor zwoͤlf Jahren geſchehen, denn uͤber die Kache fuͤr Bolli 
will ich einiges reden; es kann dir das auch nicht uͤberraſchend 
kommen, denn ich habe dich manchesmal daran erinnert. Ich 
will auch das hervorheben, daß du mir dazu einige Unter⸗ 
ſtuͤtzung verſprochen haſt, wenn ich in Geduld warten wollte, 
aber nun ſcheint mir die Hoffnung geſchwunden zu fein, daß du 
dich um dieſe unſere Sache kuͤmmern willſt. Ich habe gewartet, 
ſo lange ich mich dazu zwingen konnte, aber nun moͤchte ich 
guten Rat von Euch haben, welche Richtung die Rache nehmen 
ſoll.“ Snorri fragte ſie, wohin wohl vor allem ihre eigenen 
Gedanken gerichtet ſeien. Gudrun ſprach: „Das iſt mein Wille, 
daß fie nicht alle heil davonkommen, die Olafsſoͤhne.“ Snorri 


182 


fagte, er müßte es ihr verwehren, die Männer anzugreifen, 
die die erſten ſeien im Bezirk, „und dazu die nahen Verwandten 
derer, denen die Rache obliegen wuͤrde, und das iſt die Zaupt⸗ 
ſache, daß dieſe Geſchlechtsaus rottung aufhört.“ Gudrun 
ſprach: „Dann ſoll man Lambi angreifen und töten; fo iſt 
einer weggeſchafft, der beſonders boͤſen Willen hatte.“ Snorri 
antwortete: „Es liegt Grund vor gegen Lambi, daß er getötet 
wird; aber dadurch ſcheint mir Bolli doch nicht geraͤcht; und 
bei den Suͤhneverhandlungen wuͤrde dann nicht der geziemende 
Abſtand fuͤr Bolli gewahrt werden, wenn dieſe beiden Tot⸗ 
ſchlaͤge einander gleichgeſtellt wuͤrden.“ Gudrun ſprach: „Es 
kann wohl fein, daß wir die Lachstalleute nicht zu einer ge⸗ 
rechten Ausgleichung bringen werden; aber irgend einer ſoll 
die volle Buße bezahlen, in welchem Tal er auch wohnen mag. 
So moͤge man ſich denn dahin wenden, wo Thorſtein der 
Schwarze ſitzt, denn keiner hat ſich auf eine haͤßlichere Weiſe bei 
dieſer Sache beteiligt als er.“ Snorri erwiderte: „So iſt Thor⸗ 
ſtein ſchuldig Euch gegenuͤber, wie die Maͤnner, die bei dem 
Totſchlage an Bolli mitgezogen waren, aber ihn nicht mit der 
Waffe verletzt haben; doch du laͤßt jemanden in Ruhe ſitzen, 
bei dem meiner Anſicht nach die Rache von hoͤherer Bedeutung 
wäre, und der Bolli den Tod gebracht hat, ich meine Helgi, 
gardbeins Sohn.“ Gudrun ſprach: „Wahr iſt das, aber ich 
will nichts davon wiſſen, daß alle dieſe Maͤnner in Ruhe ſitzen 
bleiben dürfen, gegen die ich allezeit bisher meinen Haß habe 
anwachſen laſſen.“ Snorri antwortete: „Ich weiß dafuͤr einen 
guten Rat. Lambi und Thorſtein follen mit ausziehen mit 
deinen Söhnen, und es ift für Lambi und den andern ein 
nicht unbilliger Friedenspreis; aber wenn fie das nicht wollen, 
werde ich kein Wort mehr fuͤr ſie einlegen, daß Ihr nicht ſolche 
Strafe uͤber ſie verhaͤngt, wie es Euch beliebt.“ Gudrun ſprach: 
„Welchen Weg ſoll ich einſchlagen, dieſe Männer zu dem Zuge 
zu veranlaſſen, die du genannt haft?” Snorri erwiderte: „Das 
ſoll der beſorgen, der den zug anfuͤhren wird.“ Gudrun ſprach: 
„Dazu werden wir deinen Kat beduͤrfen, den Anfuͤhrer und 
Leiter des Zuges zu beſtimmen.“ Da laͤchelte Snorri und fagte: 
„Du haft dir dazu wohl ſchon den rechten Mann ausgefucht.“ 


183 


Gudrun antwortete: „Das redeſt du mit Bezug auf Thorgils.“ 
Snorri ſagte, ſo ſei es. Gudrun ſprach: „Geredet habe ich hier⸗ 
uͤber mit Thorgils, und es iſt ſo gut wie vorbei damit, denn 
er ſtellte die eine Bedingung, die ich nicht ins Auge faſſen 
mochte. Thorgils weigerte ſich nicht, Bolli zu raͤchen, wenn er 
meine Zuftimmung zur geirat bekaͤme; aber das iſt eine Moͤg⸗ 
lichkeit, die wegfällt, und deshalb werde ich ihn nicht zu die⸗ 
ſem Juge auffordern.“ Snorri ſprach: „Zierzu werde ich dir 
einen Rat geben, denn ich mißgoͤnne Thorgils dieſe Fahrt nicht. 
Du ſollſt ihm allerdings die Heirat verſprechen, aber mit der 
mehrdeutigen Zuſage, daß du mit keinem andern Manne dich 
vermaͤhlen willſt, der mit dir hier im Lande ift,! als mit Thor⸗ 
gils, und das ſoll wahr werden, denn Thorkel, Eyjolfs Sohn, 
iſt nun nicht hier im Lande und ihm habe ich die Heirat mit dir 
zugedacht.“ Gudrun ſprach: „Er wird dieſen Zaken bemer⸗ 
ken.“ Snorri antwortete: „Er wird ihn gewiß nicht bemer⸗ 
ken, denn Thorgils iſt mehr bekannt wegen ſeines gewalt⸗ 
taͤtigen Mutes als wegen ſeines Verſtandes. Schließe dieſen 
Vertrag in Gegenwart einiger weniger Zeugen; laß Salldor, 
feinen Pflegebruder, dabei fein, aber nicht Ornolf,“ denn der 
iſt geſcheiter; und mir gib die Schuld, wenn das nicht zum 
Ziele führt.“ 

Damit beendeten Gudrun und Snorri ihr Geſpraͤch und ſag⸗ 
ten ſich einander Lebewohl, Snorri ritt heim und Gudrun 
nach Thykkvaſkog. 

Am Morgen darauf ritt Gudrun ab aus Thykkvaſkog und 
ihre Soͤhne mit ihr; und als ſie heimwaͤrts ritten, am Skog⸗ 
arſtrand entlang, ſahen ſie, daß Maͤnner ihnen nachkamen. 
Dieſe ritten ſcharf und holten fie ſchnell ein: das war Thor: 
gils, Zallas Sohn; fie begruͤßten einander freundlich. Sie rit⸗ 
ten nun alle zuſammen weiter nach Zelgafell. 


1 Im Islaͤndiſchen iſt der Betrug feiner; das entſcheidende Wort iſt doppel⸗ 
ſinnig, es bezeichnet den Landsmann und den, der mit im gleichen Cande iſt. 
2 Halldor und Srnolf, die Söhne des Armod (vgl. den Anfang des Kapitels). 
Ihre Mutter Thorunn war eine Schweſter des weiſen Geſt (vgl. Seite 101), 
Halla, Thorgils Mutter, eine Tochter des Geſt. 


184 


60. Gudrun reizt ihre Söhne 


zur Asche auf 

Eine Tage ſpaͤter, nachdem Gudrun nach Haufe gekom⸗ 

men war, rief ſie ihre Soͤhne zu ſich zur Unterredung 
in ihrem Gemuͤſegarten. Und als ſie hinkamen, ſahen ſie, daß 
auf dem Boden Leinenkleider ausgebreitet lagen, ein Rock und 
Leinenhoſen; die waren ganz blutig. 
Da ſprach Gudrun: „Dieſe Kleider, die ihr hier ſeht, ſollen 
euch zur Vaterrache aufreizen. Nun will ich daruͤber nicht viele 
Worte machen, denn es iſt nicht zu erwarten, daß ihr durch 
anfeuernde Worte bewegt werdet, wenn ihr nichts fuͤhlt vor 
ſolchen Erinnerungen und Wahrzeichen.“ Die Bruͤder waren 
ſtark ergriffen von dem, was Gudrun geſprochen hatte, aber 
antworteten doch fo: fie ſeien zu jung geweſen, die Rache zu 
verſuchen, und dabei ohne Fuͤhrung; ſie ſagten, ſie ſeien nicht 
dazu imſtande, fuͤr ſich oder fuͤr andere etwas zu beſchließen, — 
„aber daran erinnern werden wir uns beide, was wir verloren 
haben.“ Gudrun erwiderte, ſie glaube, ſie wuͤrden wohl mehr 
an Pferdekaͤmpfe und Spiele denken. Darauf gingen ſie fort. 
In der Nacht darauf konnten die Bruͤder nicht ſchlafen. Thor⸗ 
gils bemerkte das und fragte ſie, was ihnen ſei. Sie erzaͤhlten 
ihm das ganze Geſpraͤch mit der Mutter und ſagten, daß ſie 
ihren Kummer und die Vorwuͤrfe der Mutter nicht laͤnger er⸗ 
tragen koͤnnten: „ Wir wollen die Rache verſuchen,“ ſagte Bolli, 
„und wir beiden Bruͤder ſind nun erwachſen genug, daß die 
Leute es uns verdenken werden, wenn wir die Zand nicht 
rühren.“ 
Am Tage darauf kam es zur Unterredung zwiſchen Thorgils 
und Gudrun, und Gudrun begann fo das Geſpraͤch: „ES 
ſcheint mir, Thorgils, als hätten meine Söhne keine Luft mehr, 
fo ſtill zu ſitzen, ohne auf Rache für ihren Vater zu denken. 
Und das hat hauptſaͤchlich den Aufſchub der Sache herbeigefuͤhrt, 
daß mir Thorleik und Bolli zu jung ſchienen, ſich in Unter⸗ 
nehmungen auf Leben und Tod einzulaſſen; im übrigen hatten 


1 Aufbewahrung der blutigen Kleider des Erſch lagenen wie in der Njals⸗ 
ſaga Rap. 116. 124. 


185 


wir allen Grund, ſchon früher daran zu denken.“ Thorgils 
antwortete: „Es ift zwecklos, mit mir hierüber zu fprechen, 
da du es abgelehnt haft, mir in mein Haus zu folgen. Aber 
meine Geſinnung iſt noch ganz dieſelbe wie fruͤher, als wir 
dies mit einander verhandelt haben; wenn ich deine Juſtim⸗ 
mung zur Heirat bekomme, da wird es mir keine Kopfſchmer⸗ 
zen machen, einen von ihnen weg zuſtechen, oder auch zwei mit⸗ 
einander,! die am naͤchſten beteiligt waren an Bollis Tode.“ 
Gudrun ſprach: „So ſcheint es mir, als wenn Thorleif keinen 
andern als dich für den geeigneten Sührer anſehen wird, wenn 
es ein Unternehmen gilt, bei dem Kuͤhnheit erforderlich iſt; und 
dir will ich es nicht verbergen, daß die Knaben vorhaben, gegen 
gelgi, den Sohn Hardbeins zu ziehen, gegen den Berſerker, der 
im Skorratalꝰ ſitzt und meint, daß er ſich vor nichts zu fuͤrch⸗ 
ten brauche. Thorgils ſprach: „Ich kuͤmmere mich nicht darum, 
ob er Helgi heißt oder anders, denn nimmer wird es über meine 
Kräfte gehen, mit dem Helgi oder irgend einem andern anzu⸗ 
binden. Dieſe Sache iſt von meiner Seite völlig abgemacht, 
wenn du mir vor Zeugen verſprichſt, mich zu heiraten, falls ich 
die Rache aus fuͤhre mit deinen Soͤhnen.“ Gudrun erwiderte, 
ſie wolle alles das leiſten, was ſie ihm zuſagen wuͤrde, wenn 
es auch nur durch das Zeugnis weniger Maͤnner beſtaͤtigt 
wuͤrde, und ſie ſagte, das ſolle nun abgemacht werden. Gud⸗ 
run bat, Zalldor, feinen Pflegebruder, und außerdem ihre 
Söhne herbeizurufen. Thorgils wuͤnſchte, daß auch Drnolf 
dabei fein ſollte. Gudrun ſagte, das ſei nicht nötig, — „ich 
ſetze etwas mehr Zweifel in die Treue Drnolfs gegen dich, als 
du mir zu haben ſcheinſt.“ Thorgils ſagte, ſie moͤge nach ihrem 
Willen verfahren. 

Nun kamen die Brüder zu Gudrun und Thorgils; da war 
auch Halldor zur Stelle. Gudrun gab nun folgende Erklaͤrung 
ab: „Thorgils hat verſprochen, Fuͤhrer zu ſein bei dem Unter⸗ 
nehmen, Helgi, Zardbeins Sohn, in feinem Haufe zu übers 
fallen mit meinen Söhnen, um Radye zu nehmen für Bolli. 
Thorgils hat als Bedingung für die Fahrt geftellt, daß er 


1 Steinthor und Helgi. ? Das Skorratal Öffnet ſich gegen das linke Ufer der 
Hvita nahe deren Muͤndung in den Borgarfiord. 


186 


meine Einwilligung zur Heirat bekommt. Nun ftelle ich mit 
klaren Worten unter euer Zeugnis, daß ich Thorgils verſpreche, 
mich mit keinem anderen Manne, der mit mir hier im Lande iſt, 
zu vermaͤhlen als mit ihm; aber nicht habe ich die Abſicht, mich 
ins Ausland zu vermaͤhlen.“ Thorgils meinte, daß hiermit 
alles in beſter Ordnung ſei, und durchſchaute dieſe Sache nicht. 
Damit ſchloſſen ſie ihre Beſprechung. Es war nun alſo feſt 
abgemacht, daß Thorgils die Fahrt unternehmen ſollte. Er 
brach dann auf von gelgafell und mit ihm die Söhne der Gud⸗ 
run; fie ritten landeinwaͤrts in den Taͤlerbezirk und zunaͤchſt 
heim nach Tunga. 


61. Thorgils uͤberredet Thorſtein und 
Lambi, an dem Rachezuge 


teilzunehmen 

m naͤchſten Sonntag war Bezirksverſammlung, und 

Thorgils ritt hin mit ſeiner Schar. Snorri der Gode war 
nicht auf der Verſammlung; da war eine große Menge bei⸗ 
ſammen. 
Im Laufe des Tages holte Thorgils ſich Thorſtein den Schwar⸗ 
zen zu einer Unterredung! und ſprach: „So ſteht es, wie dir 
bekannt iſt, daß du bei dem Überfall mit den Olafs ſoͤhnen 
warſt, als Bolli erſchlagen wurde; du haſt fuͤr dieſe Schuld 
keine Buße den Söhnen Bollis gegeben. Wenn nun auch eine 
lange Jeit vergangen iſt ſeit jenem Ereignis, ſo glaube ich doch 
nicht, daß ihnen die Maͤnner aus dem Gedaͤchtnis entſchwun⸗ 
den find, die an der Fahrt beteiligt waren. Nun halten die 
Bruͤder dafuͤr, daß es ihnen am wenigſten anſtehen wuͤrde, ſich 
gegen die Olafsſoͤhne zu wenden, wegen der Verwandtſchaft; 
es iſt alſo die Abſicht der Bruͤder, die Rache zu kehren gegen 
Zelgi, gardbeins Sohn, weil er Bolli die Todeswunde gegeben 
hat. Wir wollen dich bitten, Thorſtein, daß du an dieſem Zuge 
teilnimmſt mit den Bruͤdern, und dich dadurch in den Frieden 
und die Suͤhne kaufſt.“ 


1 Es iſt nicht erzaͤhlt, daß Gudrun nach dem Plane Snorris Thorgils auf⸗ 
gefordert hat, Thorſtein und Cambi anzuwerben. 


187 


Thorſtein antwortete: „Das ſteht mir nicht an, mich auf 
tuͤckiſche Anſchlaͤge gegen meinen Schwager gelgi einzulaſſen; 
ich will lieber Geld bezahlen, um mir Frieden zu verſchaffen 
in dem Maße, daß der Ausgleich ehrenvoll erſcheint.“ Thor⸗ 
gils ſagte: „Wenig liegt es, glaube ich, im Sinne der Bruͤder, 
Geld aus dieſer Sache zu ſchlagen. Du mußt dir daruͤber nicht 
im Ungewiſſen bleiben, Thorſtein, daß du nur die Wahl 
zwiſchen zwei Dingen haft, entweder dich zur Teilnahme an 
der Sahrt zu entſchließen, oder dich auf harte Behandlung 
gefaßt ʒu machen, ſobald ſich Gelegenheit dazu bietet; ich wuͤrde 
es wuͤnſchen, du waͤhlteſt das erſte, wenn du auch Verwandt⸗ 
ſchafts beziehungen mit gelgi haſtz; jeder iſt ſich ſelbſt der Naͤchſte, 
wenn man in ſolche Klemme gerät.“ 

Thorſtein ſprach: „Soll noch andern die gleiche Wahl ge⸗ 
ſtellt werden, die in Schuld ſtehen gegenüber den Söhnen des 
Bolli?“ Thorgils antwortete: „In gleicher Weiſe wird Lambi 
ſich zu entſcheiden haben.“ Thorſtein ſagte, da ſehe es ſchon 
beſſer aus, wenn er nicht ganz allein in dieſe Sache gezogen 
wuͤrde. 

Darauf hieß Thorgils Lambi zu ſich rufen und bat Thor⸗ 
ftein, die Unterredung mit anzuhören, und ſprach: „Die gleiche 
Angelegenheit will ich dir gegenuͤber zur Sprache bringen, 
die ich Thorſtein vorgelegt habe; welche Genugtuung willſt du 
den Soͤhnen Bollis geben fuͤr die Klagegruͤnde, die ſie gegen 
dich haben; denn es iſt uns als Tatſache verbuͤrgt, daß du 
Bolli mit der Waffe verwundet haſt. Dazu kommt, daß du in 
beſonderem Grade von der Schuld betroffen biſt, weil du ſtark 
dazu aufgereizt haft, daß Bolli getötet werde; freilich warſt du 
auch, wenn man von den Olafsſoͤhnen abſieht, in beſonderem 
Grade zu entſchuldigen.“! Cambi fragte, was man von ihm 
verlange. Thorgils antwortete, daß ihm dasſelbe anheim ge⸗ 
ſtellt werde wie Thorſtein, teilzunehmen an der Sahrt mit den 
Bruͤdern. 

Lambi ſagte: „Sür ſchlecht halte ich's, mir auf dieſe Weiſe den 
Srieden zu erkaufen, und für unmaͤnnlich; ich bin nicht geneigt, 
an dieſer Sahrt teilzunehmen.“ Da ſprach Thorſtein: „Es iſt 
1 Als Gheim des Rarta gn. 


188 


durchaus nicht das ſelbſtverſtaͤndliche, Lambi, ſich fo einfach 
dieſer Fahrt zu entziehen, denn hier haben große Männer die 
Sand im Spiel und hochwerte Maͤnner, die der Meinung find, 
fie hätten allzu lange ſich ihr Recht verkuͤrzen laſſen. Es ift 
mir gefagt von den Söhnen Bollis, daß fie ſich zu tatkraͤf⸗ 
tigen Maͤnnern entwickeln und voller Stolz ſind, ſie haben 
eine große Sache zu verfolgen; wir koͤnnen auf nichts anderes 
denken, als daß wir nach einer ſo ſchweren Tat uns auf irgend 
eine Weiſe löfen. Die Leute werden grade mir dies am meiſten 
zum Vorwurf machen wegen meiner Verſchwaͤgerung mit 
Zelgi. Mir ſcheint aber doch, als ſei es fuͤr die meiſten Men⸗ 
ſchen das natuͤrliche, alles lieber hinzugeben als das Leben; 
man muß die Schwierigkeit zuerſt abſtoßen, die einem am 
ſchaͤrfſten auf den Leib rüdt.” 

Cambi ſprach: „Das iſt leicht zu vernehmen, wohin du treibſt, 
Thorſtein. Ich glaube, es wird mir ſchon recht ſein, wenn du 
dazu raͤtſt, was dir als das einzig mögliche erſcheint, wir haben 
ja von je in allen ſchwierigen Lagen zuſammengehalten. Ich 
will das zur Bedingung machen, wenn ich mich anſchließe, daß 
meine Verwandten, die Olafsſoͤhne, ruhig ſitzen und in Frieden, 
wenn die Rache an Helgi gelingt.“ Thorgils verſprach das im 
Namen der Bruͤder. 

Es wurde nun beſchloſſen, daß Thorftein und Cambi ſich Thor: 
gils zu dem Juge anſchließen ſollten; ſie verabredeten, daß 
fie am Dienstag in der Fruͤhe in Tunga im goͤrdatal fein woll⸗ 
ten. Darauf ſchieden fie von einander. Thor gils ritt am Abend 
heim nach Tunga. Es kam nun die Zeit heran, die fie verab⸗ 
redet hatten, daß ſie ſich bei Thorgils einfinden ſollten, die zu 
dem Zuge mit ihm auserſehen waren. Am Dienstag vor Son⸗ 
nenaufgang kamen Thorftein und Lambi nach Tunga, Thor⸗ 
gils nahm ſie wohl auf. 


62. Thorgils reitet mit ſeiner Schar nach 
dem Zofe des Zelgi 
horgils brach nun auf von Haufe, und fie ritten das 


Hördatal hinauf zehn zuſammen. Da war Thorgils, 
Zallas Sohn, als Anführer der Schar. Da waren bei dem 


189 


Zuge die Söhne des Bolli, Bolli und Thorleik, Thord Katze 
war der vierte, ihr Bruder, ! der fünfte Thorſtein der Schwarze, 
der ſechſte Cambi, der ſiebente und achte Zalldor und Srnolf, 
der neunte Svein, der zehnte Zunbogi, die letzten zwei waren 
Soͤhne des Alf? aus dem Taͤlerbezirk. Alle dieſe waren kampf⸗ 
tuͤchtige Maͤnner. 

Sie ritten ihres Weges hinauf bis Sopandaskard und durch 
das Langavatnstal und weiter quer durch den Bezirk Bor⸗ 
gar fjord. Sie ritten bei der Eyjarfurt über die Nordra, und 
bei der Bakkafurt uͤber die Zvita dicht oberhalb von Bo. Sie 
ritten dann in das Reykjartal und weiter über den Talruͤcken 
ins Skorratal, und dann den Wald entlang talaufwaͤrts bis 
in die Naͤhe des Hofes Varnshornz; da ſtiegen fie ab; der Abend 
war ſchon weit vorgeſchritten. Der Hof Vatnshorn liegt nahe 
am See, ſuͤdlich des Sluſſes. 

Thorgils ſagte da zu ſeinem Gefaͤhrten, ſie ſollten dort die 
Nacht über bleiben, — „und ich werde nach dem Hof auf Kund⸗ 
ſchaft gehen, um feſtzuſtellen, ob Zelgi daheim iſt. Mir iſt geſagt, 
daß Zelgi ſehr oft nur ganz wenig Leute bei ſich habe, aber un⸗ 
gemein vorfichtig ſei und in einer feſten, verſchloſſenen Kammer 
ſchlafe.“ Die Gefaͤhrten Thorgils baten ihn, alles zu beſtimmen. 
Thorgils veraͤnderte nun ſeinen Anzug, er legte ſeinen dunkel⸗ 
blauen Mantel ab und warf ſich eine graue Wetterkappe um. 
Er ging dann nach dem Hofe, und als er nahe an die inhegung 
gelangt war, ſah er einen Mann entgegenkommen; als ſie 
zuſammentrafen, ſprach Thorgils: „Meine Frage wird dir 
unverſtaͤndig vorkommen, Kamerad; in welcher Gegend be⸗ 
finde ich mich, und wie heißt dieſer Hof und wer wohnt hier?“ 
Der Mann antwortete: „Du muͤßteſt ein ſehr einfaͤltiger und 
unwiſſender Menſch ſein, wenn du noch nie etwas gehoͤrt 
haͤtteſt von Helgi, dem Sohne des Hardbein, dem tapferften 
Degen und maͤchtigen Herrn.” Da fragte Thorgils, ob Helgi 
Der Sohn Gudruns und des Thord (vgl. Kap. 36, S. 112). * Alfo Brüder 
des Snorri, des vaters des Thorgils (Rap. 57, S. 177). Die Nordra (Nord⸗ 
waſſer), rechter Nebenfluß der Hvita; die Übergangs ſtellen find nicht ganz 
ſicher zu beſtimmen. Tyorgils führt feine Leute nicht geradezu in das Skorra⸗ 


tal, ſondern in ein Paralleltal und dann erſt über den Rüden zwiſchen 
beiden Tälern auf Helgis Hof zu. 


190 


ein guter Mann fei mit der Aufnahme von Fremden, wenn 
Unbekannte zu ihm kaͤmen, beſonders folche, die Hilfe ſehr 
noͤtig haͤtten. Er antwortete: „Davon kann man wirklich nur 
gutes ſagen, denn Zelgi iſt der großartigſte Menſch ſowohl 
in der Aufnahme ſolcher Maͤnner als in jeder anderen Zoch⸗ 
ſinnigkeit.“ „Iſt Helgi jetzt zu Haufe,” ſagte Thorgils, „ich 
moͤchte ihn um Aufnahme bitten.“ Der andere fragte, welcher 
Art denn ſeine Not ſei. Thorgils antwortet: „Ich bin im 
Sommer auf dem Thinge geaͤchtet worden, ich moͤchte mir nun 
Schutz ſuchen bei einem Manne, der etwas zu bedeuten hat. 
Dafuͤr wuͤrde ich ihm meine Gefolgſchaft und meinen Dienſt 
anbieten; du ſollſt mich nun auf euren Hof zu gelgi führen.“ 
„Leicht kann ich das tun,“ ſagte der Mann, „dich auf unſern 
Hof fuͤhren, denn Unterkunft für die Nacht kannſt du hier haben; 
aber gelgi wirft du nicht treffen, denn er iſt nicht zu Haufe.“ Da 
fragte Thorgils, wo er ſei. Er antwortete: „Helgiift auf feinem 
Saͤter, der Sarp heißt.“ Thorgils fragte, wo der liege, und was 
für Leute bei Zelgi ſeien. Er ſagte, da fei fein Sohn Hardbein und 
zwei andre, zwei Geaͤchtete, die bei ihm Aufnahme gefunden haͤt⸗ 
ten. Thorgils bat den Mann, ihm den naͤchſten Weg nach dem Saͤ⸗ 
ter zu zeigen, — „denn ich will gleich Helgi aufſuchen, wenn ich 
zu ihm kommen kann, und meine Sache betreiben.“ Der Anecht 
tat es und beſchrieb ihm den Weg, darauf trennten ſie ſich. 
Thorgils wandte ſich dem Walde zu und zu ſeinen Gefaͤhr⸗ 
ten und ſagte ihnen, was er uͤber Zelgis Aufenthalt in Er⸗ 
fahrung gebracht habe: „Wir wollen hier die Nacht uͤber ver⸗ 
weilen und erſt morgen uns nach dem Saͤter begeben.“ Sie 
taten, wie er ihnen geſagt hatte. Am Morgen ritten ſie tal⸗ 
aufwaͤrts den Wald entlang, bis fie in die Naͤhe des Saͤters 
kamen; da hieß Thorgils ſie abſteigen und fruͤhſtuͤcken, und 
das taten ſie und raſteten eine Weile. 


63. Ein irt Helgis entdeckt die Feinde im 
Wald und beſchreibt ſie ihm 


un iſt zu erzaͤhlen, was auf dem Saͤter vor ſich ging, 
wo ſich Zelgi aufhielt und die Männer, die vorher er⸗ 
waͤhnt wurden. 


191 


Selgi fagte am Morgen feinem Zirt, er folle die Wälder in der 
Naͤhe des Saͤters durchſtreifen und auf das Kommen und 
Gehen von Leuten achten, oder, ob er ſonſt etwas beachtenswer⸗ 
tes ſaͤhe — „Schwer waren meine Träume heute Nacht.“ Der 
Zirt machte ſich auf den Weg, wie Zelgi ihm befohlen hatte. 
Er blieb eine Zeitlang fort, und als er zuruͤckkam, fragte Helgi, 
ob er etwas von Wichtigkeit geſehen habe. Er antwortete: 
„Ich habe etwas geſehen, das, wie ich glaube, von Bedeutung 
iſt.“ gelgi fragte, was das ſei. Er ſagte, er habe Männer 
geſehen und nicht ganz wenige, — „und ich glaube, ſie ſind 
nicht aus unſerm Bezirk.“ gelgi ſprach: „Wo waren ſie, als 
du ſie ſahſt, und was taten ſie, und haſt du auf ihre Kleidung 
und ihr Ausſehen geachtet?“ Er antwortete: „Nicht war ich ſo 
erſchrocken daruͤber, daß ich nicht auf dieſe Dinge geachtet 
haͤtte, denn ich wußte, daß du darnach fragen wuͤrdeſt.“ Er 
ſagte auch, fie ſeien nahe dem Saͤter und aͤßen da ihr Fruͤh⸗ 
ſtuͤck. Zelgi fragte, ob fie da im Kreiſe oder in einer Reihe 
neben einander ſaͤßen. Er ſagte, ſie ſaͤßen im Kreiſe und auf 
ihren Sätteln. Helgi ſprach: „Sage mir nun etwas von ihrem 
Ausſehen; ich möchte wiſſen, ob ich nach der Beſchreibung er⸗ 
raten kann, was das für Leute find.“ 

Der Hirt ſprach: „Da ſaß einer auf einem gemalten Sattel und 
in dunkelblauem Mantel, er war groß und mannhaft, kahl 
uͤber den Schlaͤfen und mit einem Mund, der faſt immer die 
Zähne ſichtbar ließ.“ Zelgi ſagte: „Den Mann erkenne ich 
gleich aus deiner Schilderung; das iſt Thorgils, der Sohn der 
Halla vom goͤrdatal, den du geſehen haft; aber was will der 
von uns, der Raufbold?“ 

Der Hirt ſprach: „Ihm zunaͤchſt ſaß einer auf einem vergol⸗ 
deten Sattel; er war in einem roten Scharlachrock und hatte 
einen Goldring am Arm, um ſeinen Kopf war ein Goldband 
gewunden. Er hatte gelbes Haar, das fiel ihm bis auf die 
Schultern herunter. Er war von heller Geſichts farbe, er hatte 
eine Biegung an der Naſe, und die Naſe vorn etwas aufge⸗ 
hoben, ſehr ſchoͤne Augen, das Auge blau, ſcharf und etwas 
unruhig, die Stirn breit, die Wangen voll; fein Haar war 
uͤber den Brauen kurz abgeſchnitten; er war gut gewachſen 


192 


in den Schultern, der Bruſtkaſten ſtark; er hatte eine fehr 
ſchoͤne Hand und einen kraͤftigen Arm; ſeine ganze Haltung 
war ritterlich; und das will ich zum Schluß noch ſagen, daß 
ich, alles zuſammengenommen, noch nie einen ſo ſtattlichen 
Mann geſehen habe. Er war noch jung, ſo daß ihm noch kein 
Bart gekeimt war; es ſchien mir, als druͤcke ihn ſchwerer Rum⸗ 
mer.“ Da antwortete Zelgi: „Genau haft du dieſen Mann 
in acht genommen; es muß auch etwas ganz Beſonderes an 
dieſem Manne ſein, doch glaube ich nicht, daß ich ihn je 
geſehen habe. Aber eine Vermutung ausſprechen will ich, 
wer es ſei; ich glaube, das iſt Bolli, Bollis Sohn, geweſen; 
denn mir iſt geſagt, daß er ein Mann vorzuͤglicher Art ſein 
ſoll.“ 

Weiter ſprach der Zirt: „Da ſaß ein Mann auf einem Sattel 
mit Schmelzarbeit; der war in einem hellgruͤnen Rock; er trug 
einen ſchweren Goldring am Singer. Er war ſehr ſchoͤn von An⸗ 
ſehen und muß noch in jugendlichem Alter ſein, braun war 
die Zaarfarbe, und ſehr ſchoͤn gewachſen war das Zaar, das 
ganze Ausſehen ſehr ritterlich.“ Helgi antwortete: „Zu wiſſen 
glaube ich, wer dieſer Mann iſt, von dem du eben erzaͤhlt haſt; 
das wird Thorleik, Bollis Sohn, ſein; du biſt verſtaͤndig und 
ſcharf auffaſſend.“ 

Der Hirt ſagte: „Ihm zunaͤchſt ſaß ein junger Mann. Er 
war in einem blauen Rod und in ſchwarzen Hofen uud hatte 
die Schöße des Rocks in die Zoſen geſteckt; der Mann hatte 
ein regelmäßiges Geſicht und helle Haarfarbe, huͤbſche Züge, 
eine ſchlanke und ritterliche Geſtalt.“ Zelgi antwortete: „Den 
Mann erkenne ich, und ihn meine ich geſehen zu haben, er muß 
damals noch ganz jung geweſen ſein; das wird Thord, Thords 
Sohn fein, der Jiehſohn des Boden Snorriz; fie haben eine ſehr 
ritterliche Schar zuſammengebracht, die Leute aus den Weſt⸗ 
fjorden. Wer war da noch?“ 

Da ſprach der Zirt: „Da ſaß ein Mann auf einem ſchottiſchen 
Sattel mit grauem Bart und dunkelbraunem Geſicht, ſchwarz 
von gaar und kraus und ziemlich haͤßlich, aber doch von kuͤhnem 
Ausſehen; über ſich hatte er einen grauen Wettermantel ge⸗ 
zogen.“ gelgi ſagte: „Deutlich ſeh ich, wer dieſer Mann iſt; das 


13 Meißner, Lachstalſaga 193 


ift Lambi, Thorbjoͤrns Sohn, aus dem Cachswaſſertal, und ich 
begreife nicht, wie er in die Geſellſchaft der Brüder kommt.“ 
Der Hirt ſprach: „Da ſaß ein Mann auf einem Bockſattel; er 
trug einen blauen Ülberrod und einen Silberring am Arm. Er 
hatte das Aus ſehen eines Bonden und war ſchon ziemlich über 
die Jugend hinaus, fein Saar war von dunkler Sarbe und ſehr 
lockig; er hatte eine Narbe im Geſicht.“ „Nun wird deine Schil⸗ 
derung ganz bedenklich,“ ſagte Helgi, „das iſt Thorſtein der 
Schwarze, mein Schwager, den du geſehen haſt, und mit Recht 
muß es mir ſeltſam ſcheinen, daß er ſich in dieſer Schar befin⸗ 
det, und ich wuͤrde ihn nicht in dieſer Weiſe heimſuchen. Aber 
wer war da noch;?“ 

Er antwortete: „Da ſaßen zwei Maͤnner; die ſahen ſich gleich 
und moͤgen Maͤnner mittleren Alters ſein, ſehr kraͤftige 
Leute, mit rotem ZJaar und Sommerſproſſen im Geſicht, 
aber doch gut ausſehend.“ Zelgi ſprach: „Genau weiß ich, 
wer dieſe Männer find. Das find die Söhne Armods, die Zieh: 
brüder des Thorgils, Zalldor und Ornolf, und du bift ein 
ſicherer Beobachter. Aber ſind nun die Maͤnner aufgezaͤhlt, die 
du geſehen haft?” 

Er antwortete: „Ich habe doch noch einiges hinzuzufuͤgen. 
Da ſaß ihnen zunaͤchſt ein Mann etwas außerhalb des 
Kreiſes; der war im Plattenpanzer und hatte eine Stahl⸗ 
haube auf dem Kopfe und die Krempe war eine Hand breit; 
er trug eine blanke Axt uͤber der Schulter, deren Schneide 
wohl eine Elle lang war. Dieſer Mann hatte eine dunkle Zaut⸗ 
farbe und ſchwarze Augen und ſah ſehr wikingermaͤßig aus.“ 
Zelgi antwortete: „Dieſen Mann erkenne ich deutlich aus 
deiner Schilderung; das iſt Hunbogi der Starke geweſen, der 
Sohn des Alf aus dem Taͤlerbezirk; wüßte ich nur erſt, was 
ſie vorhaben, ſehr ſorglich haben ſie die Maͤnner ausgeſucht 
zu dieſer Sahrt.“ 

Der Hirte ſprach: „Und dann ſaß noch einer zunaͤchſt dieſem 
ſtarken Manne; der hatte ſchwarzbraunes Zaar, ein grobes 
und rotes Geſicht und ſtarke Augenbrauen; er war etwas 
über Mittelgroße.“ Zelgi ſprach: „Du brauchſt da nichts 
weiter von ihm zu ſagen; das iſt Svein geweſen, der Sohn 


194 


des Alf aus dem Taͤlerbezirk, der Bruder des Hunbogi. Und 
es wird beſſer für uns fein, wenn wir nicht ohne Vorſorge 
bleiben dieſen Maͤnnern gegenüber; denn ich muß wohl an⸗ 
nehmen, daß ſie mit mir zuſammentreffen wollen, ehe ſie die 
Gegend verlaſſen, und es ſind Leute in der Schar, denen ein 
Zufammentreffen mit mir erwuͤnſcht geweſen wäre, wenn es 
ſich hätte ſchon etwas früher ermöglichen laſſen. Nun follen 
die Frauen, die hier auf dem Saͤter find, ſich in Maͤnnerkleider 
ſtecken, und die Pferde nehmen, die wir hier haben, und ſo 
ſchnell als möglich nach dem Zofe reiten. Es koͤnnte fein, daß 
die, welche hier in der Naͤhe liegen, es nicht merken, ob da 
Männer reiten oder Frauen.! Wenn fie uns nur etwas Zeit 
laſſen, daß wir Männer zu uns heranziehen Pönnten, da dürfte 
es noch nicht aus gemacht fein, auf welcher Seite die beſſern Aus⸗ 
ſichten find.” Die Frauen ritten fort, vier zuſammen. 

Thorgils faßte den Verdacht, daß Kundſchaft über fie zu gelgi 
getragen ſei, und bat ſeine Gefaͤhrten, ihre Pferde zu nehmen 
und fo ſchnell als moglich abzureiten, und das taten fie, Aber 
ehe ſie noch aufgeſtiegen waren, ſahen ſie einen Mann, der augen⸗ 
ſcheinlich auf ſie zuritt. Er war von kleinem Wuchs und ſehr 
raſchen Bewegungen; er hatte ungemein unruhige Augen und 
ritt ein treffliches Pferd. Dieſer Mann gruͤßte Thorgils als 
einen ihm bekannten. Thorgils fragte ihn nach Namen und 
Samilie und ferner, wo er her kaͤme. Er ſagte, er heiße Hrapp 
und ſei vom Breidifjord von muͤtterlicher Seite her, — „dort 
bin ich aufgewachſen; ich trage den Namen des Totſchlag⸗ 
Srapp? und habe das mitbekommen mit dem Namen, daß ich 
kein friedlicher Geſelle bin, wenn auch meine Geſtalt klein iſt. 
Aber ich bin zus dem Suͤdlande nach der Vaterſeite her, und 
habe mich nun da einige Winter aufgehalten. Und ſehr gut 
hat ſich dies getroffen, Thorgils, daß ich hier auf dich geſtoßen 
bin, denn ich hatte mir vorgenommen, dich aufzuſuchen, wenn es 


1 Helgis Abſicht iſt, daß die Seinde entweder alle die Wegreitenden ver: 
folgen, weil ja auch Helgi dabei fein könnte, oder ſich doch wenigſtens teilen. 
Wenn die Frauen entkamen, ſollten fie Hilfe herbeiholen. Daß ihnen ein 
Leid geſchehen konnte, war, ſobald fie als Srauen erkannt wurden, durch 
die Sitte ausgeſchloſſen. Vgl. Rap. 10. 


13 195 


auch etwas umftändlicher für mich geweſen wäre. Ich befinde 
mich naͤmlich in ſchwieriger Lage. Ich bin in Streit geraten mit 
meinem gerrn; ich wurde von ihm nicht gut behandelt; aber ich 
habe das von meinem Namen, daß ich mir von Niemandem 
ſolche Zerabſetzung gefallen laſſe; deshalb machte ich einen An⸗ 
griff auf ihn, aber ich fuͤrchte, daß ich ihn entweder wenig oder 
gar nicht getroffen habe. Natuͤrlich blieb ich dort nicht mehr 
lange, denn ich fühlte mich geborgen, ſobald ich auf den Rüden 
dieſes Pferdes gekommen war, das ich dem Bonden wegge⸗ 
nommen hatte.“ grapp redete viel, aber fragte kaum; und doch 
ward er bald gewahr, daß fie die Abſicht hatten, Helgi anzu⸗ 
greifen; damit zeigte er ſich wohl zufrieden und ſagte, daß er 
nicht dahinten bleiben wuͤrde. 


64. Zelgi wird getötet 
horgils und ſeine Leute ritten ſcharf zu, ſobald ſie aufge⸗ 
ſeſſen waren, und kamen nun aus dem Walde heraus. 
Da ſahen ſie vier Maͤnner vom Saͤter wegreiten, die ebenfalls 
ihre Pferde ſehr ſcharf ausgreifen ließen. Da ſagten einige von 
den Gefährten Thorgils, man ſolle ihnen fo ſchnell als möglich 
nachreiten. Da ſprach Thorleik, Bollis Sohn: „Laßt uns erſt 
zu dem Saͤter kommen und ſehen, was fuͤr Leute da ſind; 
denn ich glaube kaum, daß das Zelgi und feine Leute find; es 
ſcheint mir ſo, als ſeien das nur Srauen.“ Es waren mehrere, 
die widerſprachen. Aber Thorgils ſagte, Thorleik ſolle ent⸗ 
ſcheiden, denn er wußte, daß Thorleik die ſchaͤrfſten Augen 
hatte. Sie wandten ſich nun nach dem Saͤter. Hrapp ſprengte 
ihnen voraus und wirbelte den Speerſchaft, den er in der Hand 
hatte und fuͤhrte Stiche in die Luft und ſagte, nun ſei die rechte 
Zeit, ſich zu verſuchen. 
gelgi und die Seinen merkten nichts von den Seinden, als bis fie 
den Saͤt er umringten. Zelgi ließ die Tür ſchließen und zu den 
Waffen greifen. Hrapp ſprang ſogleich auf das Dach der Hütte 
und rief hinein, ob der Suchs in der Höhle fei. Helgi antwor⸗ 
tete: „Du wirſt es ſchon merken, daß der ziemlich gefaͤhrlich 
iſt, der hier drinnen hauſt, und auch beißen kann, wenn 
einer der Höhle zu nahe kommt,“ — und zugleich ftieß Helgi 


196 


mit dem Speere zum Senfter hinaus und durchbohrte Zrapp; 
er glitt tot vom Speer zur Erde hinunter. 

Thorgils bat ſeine Ceute, mit Vorſicht zu verfahren und ſich 
vor Ungluͤck zu huͤten, — „wir ſind ja ſtark genug, den Saͤter 
und Zelgi dazu in unſere Gewalt zu bekommen, wie es jetzt 
mit ihm ſteht, denn ich meine, wir haben es nur mit wenigen 
Leuten zu tun.“ 

Der Säter war fo gebaut, daß er nur einen Firſtbalken hatte, 
der auf den Giebelwaͤnden lag, und die Balkenenden ſtanden 
heraus, es war nur ein einfaches Dach auf dem Haufe und der 
Raſen noch nicht zuſammengewachſen. 

Da ſchlug Thorgils vor, daß man an die Enden der Sirftbalfen 
treten und ſo ſtark ziehen ſollte, daß entweder der Balken ſelbſt 
zerbraͤche oder das Dachgeſtaͤnge ſich loͤſte und nach innen 
fiele; und andere ſollten die Tür beobachten, ob man etwa 
einen Ausfall machen wuͤrde. 

Sünf waren im ganzen auf Zelgis Seite im Saͤter; da war 
Zardbein, fein Sohn, er war zwölf Winter alt, und der Hirt 
und zwei Maͤnner, die im Sommer zu ihm gekommen waren, 
zwei Geaͤchtete, einer hieß Thorgils, der andere Eyjolf. 
Thorſtein der Schwarze ſtand an der Tuͤr des Saͤters und Svein, 
der Sohn des Alf aus dem Taͤlerbezirk; aber die andern Ge⸗ 
faͤhrten ſuchten das Dach vom Saͤter zu reißen und hatten ſich 
dazu verteilt. Das eine Balkenende nahm Zunbogi der Starke 
und die Urmodföhne, aber das andere Thorgils und Lambi 
und die Soͤhne der Gudrun. Sie nahmen nun alle Kraft zu⸗ 
ſammen an dem Balken, ſo daß er mitten entzwei brach; und 
in dieſem Augenblicke ſtieß Zardbein mit dem Speer aus dem 
Saͤter heraus, an einer Stelle, wo die Tuͤr zerbrochen war; 
der Stoß traf die Stahlhaubeꝛ Thorſteins des Schwarzen und 
verletzte die Stirn; das war eine ſehr große Wunde. Da ſprach 
Thorſtein, was ja auch die Wahrheit war, daß Maͤnner drinnen 
ſeien. 

Gleich darauf ſprang Zelgi mit ſolchem Ungeſtuͤm zur Tür 
1 Ahnliches Verfahren beim Angriff auf Gunnar (Njala Rap. 77). Bei 


der Schilderung im vorigen Kapitel iſt nicht erwähnt, daß Thorftein eine 
Stahlhaube trug. vielmehr gehört fie zur Ausſtattung des Hunbogi. 


197 


heraus, daß die zuruͤckwichen, die am naͤchſten ſtanden. Thor⸗ 
gils war da auch in der Naͤhe und hieb nach ihm mit dem 
Schwerte, der Zieb traf die Achſel, und es war das eine große 
Wunde. Helgi wandte ſich ihm zu und hatte eine Holzart in 
der Hand. Helgi ſprach: „Der alte Krieger wagt es immer noch, 
einer Waffe in die Schneide zu ſehen.“ Er ſchwang ſeine Axt 
nach Thorgils, und die Axt traf ihn am Bein, und das war 
eine große Wunde. 

Und als Bolli das ſah, lief er gegen Helgi und hatte den Suß⸗ 
beißer in der Hand und durchſtieß Zelgi, das war ſeine Todes⸗ 
wunde. Helgis Genoſſen liefen in dem Augenblick heraus aus 
dem Saͤter und ebenſo Zardbein. Thorleik, Bollis Sohn, 
wandte ſich gegen Eyjolf; das war ein ſtarker Mann. Thor⸗ 
leik hieb nach ihm mit dem Schwert und traf den Oberſchenkel 
uͤber dem Knie und ſchnitt ihm das Bein ab, und er fiel tot 
zur Erde. Aber Zunbogi der Starke lief gegen Thorgils und 
hieb nach ihm mit der Axt und traf den Rüden und ſpaltete 
ihn in der Mitte. Thord Katze ſtand in der Naͤhe, als Zard⸗ 
bein heraus lief und wollte ihn ſofort angreifen. Bolli ſprang 
herzu, als er das ſah, und bat ihn, gardbein kein Leid zu tun, 
— „bier ſoll keiner etwas verrichten, deſſen wir uns ſchaͤmen 
müßten, und man ſoll Hardbein Frieden geben.“ Zelgi hatte 
noch einen andern Sohn, der Skorri hieß; er wurde erzogen 
auf England im ſuͤdlichen Keykjartal.! 


65. Thorgils mahnt Gudrun an ihr Ehe⸗ 
verſprechen und erfaͤhrt, daß er 
betrogen iſt 
4 dieſen Ereigniſſen ritten die um Thorgils fort und 

über den Talruͤcken in das Reykjartal und gaben da die 
Erklarung über dieſe Totſchlaͤge ab. Sie ritten dann auf dem⸗ 
ſelben Wege nach dem Weſtlande, auf dem fie gekommen waren, 
und unterbrachen ihre Fahrt nicht, bis fie ins Zoͤrdatal kamen. 
Sie erzaͤhlten nun, wie ihre Unternehmung ausgegangen war. 
Dieſer Jug wurde ſehr beruͤhmt, und es erſchien das als eine 
gewaltige Tat, daß ein folder Kaͤmpfer getötet worden war 
1 England bedeutet Wieſenland. 


198 


wie Helgi. Thorgils ſagte den Männern großen Dank für ihre 
Teilnahme an der Fahrt, und das gleiche ſprachen die Brüder, 
die Bolliſoͤhne, aus. Die Maͤnner ſchieden nun von einander, 
die mit Thorgils ausgezogen waren. 
Cambi ritt weiter nach dem Lachs waſſertal und kam zuerft 
nach Zjardarholt und erzählte feinen Verwandten ausführlich 
von dem, was ſich im Skorratal zugetragen hatte. Sie waren 
boͤſe uͤber ſeine Sahrt und machten ihm heftige Vorwuͤrfe, ſie 
ſagten, er habe damit gezeigt, daß er mehr dem Geſchlecht des 
Chorbjörn Skrjup als dem des Irenkoͤnigs Myrkjartan zuge⸗ 
hoͤre.! Cambi wurde ſehr zornig über ihre Reden nnd fagte, 
fie wußten gar nicht, was fie täten, wenn fie ihm Vorwürfe 
machten, — „denn ich habe den Tod von euch abgewendet,“ 
ſagte er. Sie wechſelten dann nur wenige Worte mehr mit 
einander, denn auf beiden Seiten war der Unmut nur ſtaͤrker 
als vorher. Lambi ritt nach Haufe auf feinen Hof. 
Thorgils, Hallas Sohn, ritt hinaus nach Zelgafell und mit 
ihm die Söhne der Gudrun und feine Ziehbruͤder Halldor und 
Örnolf; fie kamen ſpaͤt am Abend nach gelgafell, fo daß alles 
ſchon zu Bett war. Gudrun erhob ſich wieder und befahl ihren 
Leuten aufzuſtehen und für Bewirtung zu forgen; fie ging in 
die Stube und begruͤßte Thorgils und alle andern und fragte, 
was es neues gaͤbe. Thorgils erwiderte den Gruß der Gud⸗ 
run, er hatte ſeinen Mantel abgelegt und ſeine Waffen und 
ſaß an einem Wandpfeiler. Thorgils war in einem rotbraunen 
Kock und trug einen breiten Silberguͤrtel. Gudrun ſetzte ſich 
neben ihn auf die Bank. Da ſprach Thorgils folgende Strophe: 
Wir find geritten zu Helgis Haus, 
nun haͤlt der Rabe dort Ceichenſchmaus; 
des Bordlichts Eichen? in Blut zu baden 
brachen wir auf, wir Kameraden. 
Drei ſind auf dem Selde geblieben, 
fielen da unter unſeren Hieben, 
Stämme des Helms, ſtark und gut, 
ſtuͤrzten zur Suͤhne fuͤr Bollis Blut. 


1 Thorbjòrn war fein Vater, Melkorka, die Tochter Myrkjartans, feine Mutter. 
2 Das Bordlicht iſt der Schild. Die Schilde hingen außen am Bord und 


199 


Gudrun fragte da genau nach allem, was bei dem Zuge vor: 
gefallen war. Thorgils beantwortete ihre Fragen. Gudrun 
ſagte, der Jug ſei mit großer Rafchheit ausgeführt worden, 
und bat ſie, ihren Dank anzunehmen. Darauf wurden ſie be⸗ 
wirtet, und als ſie gegeſſen hatten, geleitete man ſie zu Bett; 
ſie ſchliefen da die Nacht uͤber. 

Am Tage darauf ging Thorgils zur Unterredung mit Gudrun 
und ſprach: „So liegt es, wie du weißt, Gudrun, daß ich die 
Sahrt ausgeführt habe, um die du mich gebeten haft; als rech⸗ 
ter Mann, darf ich ſagen, habe ich mein Wort eingeloͤſt und 
meine nun, mir einen guten Cohn verdient zu haben; du wirſt 
dich auch erinnern, was du mir dafuͤr verſprochen haſt. Ich 
glaube nun zum Abſchluß dieſes Handels gekommen zu fein.“ 
Da ſprach Gudrun: „Es iſt noch nicht fo lange Zeit vergangen, 
ſeit wir beide mit einander geredet haben, daß mir das aus 
dem Gedaͤchtnis entſchwunden waͤre; ich habe auch nichts an⸗ 
deres im Sinn, als dir gegenuͤber alles das zu erfuͤllen, wozu 
ich mich verpflichtet habe; und erinnerſt du dich, wie unſer Ver⸗ 
trag lautete?“ Thorgils ſagte, ſie wuͤrde es ſchon wiſſen. Gud⸗ 
run antwortete: „Solgendes, glaube ich, habe ich dir gelobt: 
mich keinem andern Manne, der mit mir hier im Lande iſt, zu 
vermaͤhlen als dir. Oder haſt du dagegen etwas einzuwen⸗ 
den? “ Thorgils ſagte, fie habe das ganz richtig in Erinnerung. 
„Es iſt gut,“ ſagte Gudrun, „daß unſer beider Erinnerung 
hierin uͤbereinſtimmt; ich will es dir nun auch nicht laͤnger 
verbergen: es wird ſich, glaube ich, nicht ſo fuͤgen, daß ich 
deine Frau werde. Ich meine alles, was ich dir verſprochen 
habe, zu halten, wenn ich mich mit Thorkel, dem Sohne Eyjolfs, 
vermaͤhle, da Thorkel jetzt nicht mit mir hier im Cande iſt.“ 
Da ſprach Thorgils und war ſehr rot geworden: „Ich merke 
ganz genau, woher dieſe Woge gefloſſen kommt; von derfelben 
Seite iſt immer böfes gegen mich erfonnen worden: Ich weiß, 
dies ſind die Anſchlaͤge des Goden Snorri.“ 

Thorgils ſprang ſogleich auf und brach das Geſpraͤch ab. Er 
werden oft als Sonnen des Schiffes und aͤhnlich bezeichnet. Baͤume des 


Schildes find die Schwerter. Die Umſchreibung konnte an ſich auch Krieger 
be zeichnen, wie gleich darauf Staͤmme des Helms. 


200 


war furchtbar zornig, ging zu feinen Gefährten und fagte, er 
wolle fortreiten. Thorleik gefiel es gar nicht, daß ſich die Sache 
nicht zur Genugtuung fuͤr Thorgils gefuͤgt hatte, aber Bolli 
war hierin mit dem Entſchluß ſeiner Mutter einverſtanden. 
Gudrun ſagte, ſie wolle Thorgils gute Geſchenke geben und 
ihn fo beſaͤnftigen. Thorleik erwiderte, das würde keinen weck 
haben, — „denn Thorgils iſt ein viel zu ſtolzer Mann, als 
daß ſolche Kleinigkeiten ſeine Haltung aͤndern koͤnnten.“ Gud⸗ 
run ſagte, ſo muͤſſe er eben ſehen, wie er ſich daheim troͤſten 
koͤnne. Thorgils ritt darauf fort von Helgafell und mit ihm 
feine Jiehbruͤder; er kam heim nach Tunga auf feinen Hof 
und war außerordentlich unzufrieden mit feinem Los. 


66. Oſvifr und Geſt ſterben und werden 


beide in Helgafell begraben 

Im Winter fiel Oſvifr in Krankheit und ſtarb. Das emp⸗ 

fand man als einen großen Verluſt, denn er war ein uͤber⸗ 
aus geſcheiter Mann geweſen. Oſvifr wurde in Selgafell be⸗ 
graben, denn Gudrun hatte da eine Kirche bauen laſſen. 
In demſelben Winter wurde Geſt, Odͤdleifs Sohn, krank, und 
als die Krankheit ihm ans Leben ging, rief er ſeinen Sohn 
Thord den Kurzen zu ſich und ſprach: „So ſagt mir mein 
Sinn, daß dieſe Krankheit unſer Juſammenleben beenden 
wird. Ich will, daß meine Leiche nach Helgafell gebracht wird; 
denn dieſer Ort wird der erſte werden in dieſer Gegend; 
über ihm habe ich oft einen hellen Schein geſehen.“! Darauf 
ſtarb Geſt. 
Der Winter war kalt geweſen, es hatte ſich ſtarkes Eis gebildet, 
und das Eis lag weit hinaus in den Breidifjord, ſo daß man vom 
Bardaſtrand aus nicht auf Schiffe kommen konnte. Die Leiche 
Geſts ſtand zwei Naͤchte aufgebahrt in Hagi; und in der zwei⸗ 
ten Nacht kam ein ſo ſtarker Sturm, daß das ganze Eis vom 
Lande weggetrieben wurde; aber am Tage darauf war ſchoͤnes 
und ſtilles Wetter. Thord nahm ein Schiff, brachte die Leiche 
Geſts an Bord, und ſie fuhren an dem Tage ſuͤdwaͤrts uͤber 


1 Die Weisfagung bezieht ſich auf das im 12. Jahrhundert gegründete Au: 
guſtinerkloſter, das 1184 von der Inſel Slatey nach Helgafell verlegt wurde. 


201 


den Breidifjord und kamen abends nach gelgafell. Thord wurde 
da gut empfangen und blieb dort die Nacht über. Am Morgen 
darauf wurde Geſt beftattet, und er ruhte nun mit Oſpvifr in 
einem Grabe. 

So hatte ſich die Weis ſagung erfüllt, daß nun weniger Ab⸗ 
ftand! war zwifchen ihnen als damals, als der eine am Barda⸗ 
ſtrand, der andre im Saͤlingstal wohnte. Thord der Kurze 
fuhr heim, ſobald er fertig war. In der naͤchſten Nacht erhob 
ſich ein wildes Wetter, das ganze Eis wurde nach dem Lande 
getrieben; da lag es lange waͤhrend des Winters, ſo daß die 
Schiffahrt dort unmoglich war. Dies ſchien ein wunderbares 
Jeichen, daß ſich Fahrgelegenheit bot für die Leiche Geſts, 
waͤhrend vorher und nachher die See verſperrt war. 


67. Audgifl, Thorarins Sohn, erſchlaͤgt 
Thorgils auf dem Allthing 

horarin hieß ein Mann, der in CLangadal wohnte; er hatte 

die Godenwuͤrde, war aber nicht maͤchtig. Sein Sohn 
hieß Audgifl; er war ein mutiger Mann. Thorgils, der Halle 
Sohn, beraubte Vater und Sohn ihrer Godenſchaft, das emp⸗ 
fanden ſie als ſchmaͤhlichſte Kraͤnkung. Audgiſl begab ſich zum 
Goden Snorri und berichtete ihm dieſe Vergewaltigung und bat 
ihn um Hilfe. Snorri antwortete ihm freundlich, aber doch zu⸗ 
ruͤckhaltend und ſprach: „Er wird unbeſcheiden, der Zalla⸗ 
bengel, und anmaßend. Sollte denn Thorgils nicht einmal auf 
Männer ſtoßen, die ſich nicht alles von ihm gefallen laſſen? 
Es iſt ja wohl wahr, daß er ein ſtarker und tuͤchtiger Mann 
iſt; aber man hat auch ſolche Maͤnner ums Leben gebracht wie 
er iſt.“ Snorri ſchenkte Audgiſl eine Axt mit getriebener Ar⸗ 
beit, als er fortging.? 
Im Sruͤhjahr fuhren Thorgils, der Halla Sohn, und Thorftein 
der Schwarze ins Suͤdland zum Borgarfjord und boten den 
Söhnen gelgis und feinen andern Verwandten Buße an. Der 
Vertrag kam zuſtande und es wurde eine ehrenvolle Buße aus⸗ 
gemacht. Thorſtein bezahlte zwei Teile der Buße fuͤr den Tot⸗ 


1 gl. S. 104, Anm. 2. mit dieſer Art, fo iſt anzunehmen, erſchlaͤgt 
dann Audgiſl den Thorgils. 


202 


ſchlag, Thorgils follte das letzte Drittel bezahlen, und auf dem 
Thinge ſollte das erledigt werden. 
Im Sommer ritt Thorgils zum Thing; und als ſie auf das 
CLavafeld bei Thingvellir gekommen waren, ſahen fie eine Frau 
auf ſich zuſchreiten; die war ſehr groß; Thorgils ritt ihr ent⸗ 
gegen; aber ſie wich zuruͤck und ſprach ſo: 
Der huͤte ſich, 
wer hoch zu ſtehen meint, 
und ſichere ſich 
vor Snorris Kaͤnken; 
keiner doch ſichert ſich, 
klug iſt Snorri. 
Darauf ging ſie ihres Weges. Da ſprach Thorgils: „Selten 
kam es ſo, ſolange es mir gut ging, daß du da vom Thinge 
fuhrſt, waͤhrend ich zum Thinge fuhr.“! Thorgils ritt nun zum 
Thing und zu feiner Bude, und es war ſtill in der erften Zeit 
des Thinges. 
Das geſchah eines Tages auf dem Thinge, daß die Kleider der 
Maͤnner draußen zum Trocknen aufgehaͤngt wurden. Thorgils 
hatte einen blauen Mantel. Der hing an der Budenwand aus⸗ 
gebreitet. Die Leute hoͤrten, wie der Mantel folgendes ſprach: 
Gewaſchen haͤng' ich am Haus, 
weine uͤber Betrug. 
Nimmermehr trockne ich hier: 
noch ein Anſchlag droht! 


Das erſchien als das größte Wunder. 

Am Tage darauf ging Thorgils hinuͤber auf das weſtliche 
Ufer des Sluſſes; und wollte den Söhnen des Helgi das Buß⸗ 
geld bezahlen. Er ſetzte ſich nieder auf den Steingrund ober⸗ 
halb der Buden; mit ihm war Halldor, fein Ziehbruder, und 
außerdem noch mehrere andere. Die Söhne Zelgis fanden 
ſich dort ein. Thorgils begann nun das Geld vorzuzaͤhlen. 
1 Es iſt die Sylgia (, Solgendes Wefen‘) des Thorgils, die ihm den Tod an: 
kuͤndet und ihn verlaͤßt. Der Mantel klagt über die beiden liſtigen Anſchlaͤge 
des Snorri; durch den erſten hat Thorgils Gudrun verloren, durch den zweiten 


wird er fein Leben verlieren. — In der Sloamannaſaga ſprechen zwei Schiffe 
miteinander (Bd. 13, 111). Der cara, die die Thingebene durchſtroͤmt. 


203 


Audgiſl, Thorarins Sohn, ging da vorüber, und in dem Augen⸗ 
blicke, als Thorgils zehn ſprach, hieb Audgiſl nach ihm, und 
alle glaubten zu hören, daß der Kopf das Wort elf ausſprach, 
als er vom Zalſe flog.! Audgiſl rannte nach der Bude der 
Leute vom Vatnsfjord, aber Halldor gleich hinter ihm drein, 
und ſchlug ihn am Eingang der Bude tot. 

Dieſe Bunde kam zur Bude des Boden Snorri, daß Thorgils, 
der Zalla Sohn, erſchlagen ſei. Snorri ſagte: „Ihr werdet 
nicht richtig verſtanden haben, Thorgils, der Halla Sohn, wird 
erſchlagen haben.“ Der Mann erwiderte: „Jedenfalls flog 
fein Haupt vom Rumpfe.“ „Da mag es fein, daß es wahr 
iſt,“ ſagte Snorri. Dieſer Totſchlag wurde friedlich gefühnt, wie 
in der Saga von Thorgils, dem Sohne der galla, erzählt wird.? 


68. Thorkel, Eyjolfs Sohn, kehrt nach Is⸗ 
land zuruͤck. Snorri wirbt fuͤr ihn um Gud⸗ 
run. Die Hochzeit wird feſtgeſetzt 

n demſelben Sommer, da Thorgils, der Halla Sohn, er: 
ſchlagen wurde, kam ein Schiff nach Bjarnarhoͤfn.“ Das 
gehoͤrte Thorkel, dem Sohne Eyjolfs. Er war ein fo reicher 
Mann, daß er zwei Frachtſchiffe unterwegs hatte; das andere 
kam nach Bordeyri im Hrutafjord,“ beide waren mit Holz be⸗ 
laden. 

Und als der Bode Snorri erfahren hatte, das Thorkel in Is⸗ 
land gelandet ſei, ritt er gleich zum Schiffe. Thorkel empfing 
ihn mit aller Freundlichkeit. Thorkel hatte auch Getraͤnk in 
Menge an Bord; es gab da Bewirtung aus dem Vollen, und 
ſie redeten viel mit einander. Snorri fragte nach Neuigkeiten 
aus Norwegen. Thorkel erzaͤhlte von allem gut und genau. 
Snorri berichtete dagegen, was ſich hierzulande neues zuge⸗ 
tragen hatte, waͤhrend Thorkel draußen war. 

„Es wuͤrde mir nun raͤtlich ſcheinen,“ ſagte Snorri, „wie wir 
beide es ſchon beſprochen haben, ehe du ausgeſegelt biſt, daß 
du deine Reifen aufgiebſt und dich zur Ruhe ſetzeſt und für dich 
die Heirat zuſtande bringſt, von der damals die Rede war.“ 


Der gleiche Zug in der Njalsſaga (Kap. 158). * Dieſe Saga iſt verloren. 
3 dgl. S. 29, Anm. 1. Vgl. S. 67, Anm. 1. 


204 


Thorkel antwortete: „Ich merke, worauf du ausgehſt; und 
meine Geſinnung iſt noch durchaus dieſelbe wie damals bei 
unferer Beſprechung, denn ich werde mir nicht die anſehnlichſte 
Beirat entgehen laſſen, wenn das Ziel erreichbar iſt.“ 

Snorri ſprach: „Ich bin erbötig und bereit, dieſe Sache für dich 
zu führen; nun find ja auch die zwei Vorausſetzungen für deine 
Werbung um Gudrun, die dir ſo beſonders ſchwierig erſchienen, 
erledigt, daß Bolli geraͤcht und Thorgils beſeitigt iſt.“ 
Thorkel ſprach: „Tief find deine Anſchlaͤge, Snorri, und gewiß⸗ 
lich will ich dieſe Sache nun ins Auge faſſen.“ 

Snorri blieb einige Naͤchte auf dem Schiffe. Darauf nahmen 
fie den Jehnruderer, der am Handelsſchiffe lag, und bereiteten 
ſich zur Sahrt, fuͤnfundzwanzig Mann. Sie fuhren nach Helga⸗ 
fell. Gudrun nahm Snorri mit großer Herzlichfeit auf; fie 
wurden vortrefflich bewirtet; und als ſie dort eine Nacht ge⸗ 
weſen waren, bat Snorri Gudrun um eine Unterredung und 
ſprach: „So liegt die Sache, daß ich dieſe Sahrt Thorkel, dem 
Sohne Eyjolfs, meinem Freunde, zu Gefallen getan habe; er 
iſt nun hier, wie du ſiehſt, und das hat ihn hergefuͤhrt, daß er 
um deine Zand anhalten will. Thorkel iſt ein Mann von An: 
ſehen; du weißt ja genau Beſcheid um feine Familie und fein 
Auftreten; es fehlt ihm auch nicht an Vermoͤgen. Er ſcheint 
uns vor allen andern zu einem Zaͤuptling hier im Weſtlande 
geeignet, wenn er ſeinen Sinn darauf richten will. Thorkel ge⸗ 
nießt große Ehre, wenn er hier in Island iſt; aber noch viel 
mehr wird er geſchaͤtzt, wenn er in Norwegen ſich bei hoch⸗ 
ſtehenden Maͤnnern aufhaͤlt. 

Da antwortete Gudrun: „Meine Söhne werden hierbei das 
meiſte zu ſagen haben, Thorleik und Bolli; aber du biſt dann 
der dritte Mann, Snorri, an den ich mich vor allem mit ſolchen 
Sachen wenden werde, die mir von ſo beſonders großer Wich⸗ 
tigkeit ſcheinen; denn du bift ſeit langem mein guter Ratgeber 
geweſen.“ Snorri ſagte, es ſei ſelbſtverſtaͤndlich, daß man 
Thorkel nicht zur Seite ſchieben konne. 

Darauf ließ Snorri die Söhne der Gudrun herbeirufen; er 
trug ihnen nun die Sache vor und ſuchte ihnen klar zu machen, 
welch großer Machtzuwachs ſich ihnen durch Thorkel biete, in 


205 


feinem großem Vermoͤgen und feiner Sürforge, und ſprach über 
alles in gewinnender Weiſe. Da antwortete Bolli: „Meine 
Mutter wird das am klarſten beurteilen konnen; ich werde 
hierin ihrem Willen mich anſchließen; und gewiß muß es uns 
raͤtlich ſcheinen, darauf Gewicht zu legen, daß Ihr dieſe Sache 
befuͤrwortet, Snorri; denn du haſt vieles ſehr gutes an uns 
getan.“ Da ſprach Gudrun: „Gern werden wir uns Snorris 
Leitung in dieſer Sache unterwerfen, denn feine Ratfchläge 
ſind zu unſerem Gluͤcke ausgegangen.“ Snorri redete auf jede 
Weiſe zu, und es wurde abgemacht, daß Gudrun ſich mit 
Thorkel vermaͤhlen ſollte. 

Snorri bot ihnen an, die Hochzeit in feinem Haufe auszurichten. 
Thorkel gefiel das wohl — „denn es fehlt mir nicht an Mitteln, 
ſoviel zuzuſchießen, als es Euch gefaͤllt.“ Da ſprach Gudrun: 
„Es iſt mein Wille, daß die Hochzeitsfeier hier in Helgafell 
ſtattfindet; es macht mir den Kopf nicht ſchwer, die Koſten 
dafuͤr aufzubringen. Ich werde weder Thorkel noch andere 
auffordern, ſich damit zu bemuͤhen.“ „Immer wieder zeigſt du, 
Gudrun,“ ſagte Snorri, „daß du eine großartige Frau biſt.“ 
Es wurde nun abgemacht, daß die Hochzeit in Zelgafell ſechs 
Wochen vor Winteranfang ftattfinden ſollte. Darauf fuhren 
Snorri und Thorkel ab; Snorri fuhr nach Haufe und Thorkel 
zu ſeinem Schiff; er war abwechſelnd waͤhrend des Sommers 
in Tunga oder beim Schiff. 

Die Zeit des Seftes ruͤckte nun heran, Gudrun machte große Zu⸗ 
ruͤſtungen und Anſchaffungen. Der Gode Snorri kam zu dieſem 
Seſt mit Thorkel, ſie hatten beinahe ſechzig Mann bei ſich, das 
war ein ſehr auserleſenes Gefolge, denn die meiſten Maͤnner 
waren in bunten Kleidern. ! Gudrun hatte ihrerfeits faſt hun⸗ 
dert Gaͤſte gebeten. Die Brüder Bolli und Thorleik gingen 
Snorri entgegen und mit ihnen die von Gudrun Geladenen. 
Snorri und ſeine Schar wurde auf das herrlichſte empfangen. 
Man nahm nun ihre Pferde und Kleider in Verwahrung. Sie 
wurden in die Gaſthalle geleitet; Thorkel und Snorri beſetzten 
die eine Bank, und zwar die vornehmere, und die Eingeladenen 
der Gudrun ſaßen auf der anderen Bank. 

I vgl. S. 143, Anm. 3. 


206 


69. Hochzeit in Zelgafell. Gudrun ſchuͤtzt 
den geaͤchteten Gunnar Thidrandi⸗Toͤter 
gegen Thorkel 


n dieſem gerbſt war Gunnar, der Thidrandi⸗Töter, zu 
Gudrun geſchickt worden, um bei ihr Schutz und Zilfe 
zu finden; er war auch von ihr aufgenommen worden, und 
ſeinen Namen hatte man geheim gehalten. Gunnar war ge⸗ 
aͤchtet wegen des Totſchlags an Thidrandi, dem Sohne des Beitir 
aus Kroſſavik, wie in der Saga von den Njardwikingern er⸗ 
ʒaͤhlt wird.! Er hielt ſich ſehr heimlich, denn viele Großen ver: 
folgten dieſe Sache. 

Am erſten Abende der Bewirtung, als die Maͤnner zum 
Waſchen gingen, ſtand da ein großer Mann beim Waſſer, mit 
ſtarken Schultern und breiter Bruſt; der Mann hatte einen 
gut auf dem Kopfe. Thorkel fragte ihn, wer er ſei. Der nannte 
ſich ſo, wie es ihm gut ſchien. Thorkel ſagte: „Ich glaube, du 
ſagſt nicht die Wahrheit; du ſchieneſt mir eher, nach allem was 
ich von ihm gehört habe, dem Gunnar Thidrandi⸗Toͤter gleich; 
und wenn du ein ſolcher Kaͤmpe biſt, wie die andern ſagen, 
da wirſt du doch deinen Namen nicht verheimlichen wollen.“ 
Da antwortete Gunnar: „Du forderſt das mit großem Nach⸗ 
druck; ich glaube auch, daß ich nicht nötig habe, mich vor dir 
zu verbergen; du haſt deinen Mann richtig erkannt; und was 
haſt du nun mit mir vor? “ Thorkel fagte, er wolle ihm das ſehr 
bald wiſſen laſſen; er rief ſeinen Leuten zu, daß ſie ihn feſt⸗ 
nehmen ſollten. 

Aber Gudrun ſaß drinnen auf der Querbank und bei ihr die 
Frauen in ihren Seſtſchleiern; und ſobald fie den Vorgang be⸗ 
merkt hatte, kam ſie herunter von der Brautbank und rief ihren 
Leuten zu, Gunnar zu helfen; fie befahl auch, keinen zu ſchonen, 
der ſich da etwas herausnehmen ſollte. Gudrun hatte eine 
viel größere Schar, die Sache wandte ſich da anders, als man 
gedacht hatte. 

Snorri der Bode trat zwiſchen die Männer und bat fie, dieſen 
Sturm zu beſaͤnftigen, — „es iſt das einzig vernuͤnftige fuͤr 
1 Vgl. Bd. 12, XXVI. 


2 


207 


dich, Thorkel, in dieſer Sache nicht fo hitzig zu verfahren. Du 
kannſt ſehen, was für ein Herrenweib Gudrun ift, daß fie uns 
beide zu uͤberwaͤltigen vermag.“ Thorkel wies darauf hin, daß 
er feinem Namensvetter Thorkel,! dem Sohne Geitirs, ver: 
ſprochen habe, Gunnar, wenn er ſich hier im Weſten zeige, 
zu töten — „und Thorkel ift einer meiner beſten Freunde.“ 
Snorri ſprach: „Weit größer iſt deine Verpflichtung, nach 
unſerm Willen zu handeln; und das iſt auch fuͤr dich ſelbſt 
das allernotwendigſte, denn niemals bekommſt du eine ſolche 
Frau wie Gudrun iſt, magſt du auch weit ſuchen.“ 

Und infolge der Reden Snorris, und weil er ſelbſt erkannte, 
daß Snorri recht hatte, beſaͤnftigte ſich Thorkel, aber Gunnar 
wurde während des Abends anderswohin geleitet. 

Die Bewirtung ging dann weiter in Luft und Pracht. Und als 
das Seft zu Ende war, machten ſich die Leute auf die Heim: 
reiſe. Thorkel gab Snorri ſehr koſtbare Geſchenke und ebenſo 
allen andern vornehmeren Maͤnnern. Snorri lud Bolli, Bollis 
Sohn, zu ſich ein und bat ihn, ſich uͤberhaupt bei ihm jeder⸗ 
zeit aufzuhalten, wie es ihm gut ſchiene. Bolli nahm das an 
und ritt mit ihm nach Tunga. 

Thorkel nahm nun feinen Wohnſitz in Zelgafell und begann 
ſich mit der Wirtſchaft zu befaſſen; da konnte man bald ſehen, 
daß ihm das nicht weniger lag als die Kauffahrtei. Er ließ 
gleich im gerbſt das Schlafhaus niederlegen, es wurde im 
Winter wieder vollendet und war groß und anſehnlich. Große 
Liebe entſtand zwiſchen Thorkel und Gudrun. 

Der Winter verging. Im Fruͤhjahr darauf fragte Gudrun, 
was er für Gunnar Thidrandi⸗Toter tun wolle. Thorkel fagte, 
das ſolle fie nur beſtimmen, — „ du haft dich der Sache fo eifrig 
angenommen, daß du nicht anders zufrieden ſein wirſt, als 
wenn er von uns ehrenvoll entlaſſen wird.“ Gudrun ſagte, 
feine Dermutung ſei ganz richtig. „Ich will,“ ſagte fie, „daß 
du ihm ein Schiff gibſt und dazu alles das, was er dabei nicht 
entbehren kann.“ Thorkel antwortete und laͤchelte dazu: „Du 
denkſt nicht klein, Gudrun; in vielen Dingen zeigt ſich das,“ 
1 Dem Bruder des Tyidrandi, einem aus mebreren Erzdbiungen bet᷑annten 
Häuptling. 


208 


fagte er. „Dir ift es nicht dienlich, einen armen Kerl zum 
Mann zu haben; das paßt gar nicht zu deinem Weſen; ich 
werde dies nach deinem Willen tun.“ Das wurde nun aus⸗ 
gefuͤhrt. Gunnar nahm die Gabe mit dem groͤßten Dank an, 
„mein Arm iſt leider nicht lang genug, euch etwas zuruͤckzu⸗ 
reichen für alle die Ehre, die ihr beiden mir antut.“ Gunnar 
ſegelte aus und kam nach Norwegen. Darauf begab er ſich 
auf feinen Hof. Gunnar war ſehr reich und ein mächtiger Herr 
und ein wackerer Mann. 


70. Thorleik, Bollis Sohn, reiſt nach Nor⸗ 
wegen. Bolli, Bollis Sohn, verheiratet ſich 


mit Thordis, der Tochter Snorris 
horkel, Eyjolfs Sohn, wurde ein großer Häuptling. Er 
ging ſehr darauf aus, ſich Freundſchaften und Anſehen 
zu erwerben. Er uͤbte im Bezirk einen maͤchtigen Einfluß aus 
und war eifrig und geſchickt in Prozeſſen; aber von ſeinen 
Thinghaͤndeln wird hier nichts erwaͤhnt. Thorkel war der 
maͤchtigſte Mann im Breidifjord, ſolange er lebte, wenn man 
von Snorri abſieht. 

Thorkel hielt feinen Hof gut im Stande, er ließ alle Gebaͤude 
in gelgafell groß und feſt auffuͤhren. Er legte auch den Grund 
zu einer Kirche und gab bekannt, daß er beabſichtige, ſich 
Kirchenbauholz zu verſchaffen. Thorkel und Gudrun hatten 
einen Sohn, der wurde Gellir genannt, er war bald ein viel⸗ 
verſprechendes Kind. 

Bolli, Bollis Sohn, war abwechſelnd in Tunga oder Helgafell; 
Snorri hatte ihn ſehr gern. Thorleik, fein Bruder, war in Zelga⸗ 
fell. Die Bruͤder waren große und ſehr tuͤchtige Maͤnner, aber 
Bolli durchaus der uͤberlegnere. Thorkel ſtand ſich gut mit ſei⸗ 
nen Stiefſoͤhnen. Gudrun liebte Bolli am meiſten von ihren Kin⸗ 
dern. Bolli war nun ſechzehn Winter und Thorleik zwanzig. 
Da redete Thorleik mit Thorkel, feinem Stiefvater, und feiner 
Mutter, daß er eine Reife ins Ausland machen wolle, — „es 
iſt mir zuwider geworden, daheim zu ſitzen wie die Weiber; 
ich möchte, daß man mir Mittel für eine Reife gäbe.“ Thor⸗ 
kel erwiderte: „Ich bin, glaube ich, euch Brüdern gegenüber 


14 Meißner, Cachstalſaga 209 


niemals ungefällig geweſen, ſeitdem wir verwandtſchaftlich 
uns verbunden haben; ich verdenke es dir durchaus nicht, daß 
es dich drängt, die Sitten anderer Länder kennen zu lernen, 
denn ich glaube, daß du als ein tuͤchtiger Mann gelten wirſt, 
wohin du auch unter wackere Leute kommen magſt.“ Thor⸗ 
leik ſagte, er wolle nicht viel Gut mit haben, — „denn es iſt 
unſicher, ob ich es wohl in acht nehmen werde, ich bin jung 
und in vielen Dingen unerfahren.“ Thorkel bat ihn, das nach 
ſeinem Wuͤnſchen zu halten. 

Darauf kaufte Thorkel Thorleik einen Anteil an einem Schiffe, 
das in Dagverdarnes auflag; Thorkel begleitete ihn zum 
Schiff und ſorgte in jeder Weiſe gut fuͤr ihn zur Ausreiſe. 
Thorleik ſegelte im Sommer ab. Das Schiff kam nach Nor⸗ 
wegen, der Landesherr war damals Rönig Olaf der Heilige, 
Thorleik begab ſich fofort an den Hof Rönig Olafs. Er nahm 
ihn gut auf und zeigte ſich wohl unterrichtet über feine Familie 
und lud ihn zu ſich ein. Thorleik nahm das anz; er blieb beim 
Könige den Winter uͤber und wurde ſein Gefolgsmann, der 
König ſchaͤtzte ihn hoch. Thorleik erwies ſich als beſonders 
tuͤchtiger Mann und blieb bei Koͤnig Olaf, ſo daß Jahre dar⸗ 
uͤber vergingen. 

Nun iſt von Bolli, Bollis Sohn, zu erzaͤhlen. In dem Fruͤh⸗ 
ling, als er achtzehn Winter alt geworden war, redete er mit 
Thor kel, feinem Stiefvater, und feiner Mutter, er wolle, daß 
fie ihm fein Vatererbe heraus zahlten. Gudrun fragte, was er 
vorhabe, daß er Geldforderungen gegen ſie erhebe. Bolli ant⸗ 
wortete: „Es iſt mein Wille, daß man um eine Frau fuͤr mich 
werbe. Ich moͤchte, Stiefvater Thorkel,“ ſagte Bolli, „daß du 
mein Brautwerber ſein wollteſt, damit es gelinge.“ Thorkel 
fragte, um welche Srau er anhalten wolle. Bolli antwortete: 
„Ein Maͤdchen heißt Thordis, ſie iſt die Tochter des Goden 
Snorriz fie iſt die Frau, die ich unter allen andern beſitzen moͤchte. 
Und nicht werde ich mich ſo bald verheiraten, wenn aus dieſer 
Verbindung nichts wird. So liegt mir alſo viel daran, daß die 
Sache zum Ziele kommt.“ Thorkel erwiderte: „Ich ſtehe zu 
deiner Verfügung, Stiefſohn, dieſe Werbung in die Hand zu 
nehmen, wenn du meinſt, daß dir damit ein Dienſt geleiſtet 


210 


wird. Ich glaube, daß Snorri gern auf deinen Wunſch eins 
gehen wird; denn er wird doch wohl einſehen, daß der Antrag 
eines Mannes, wie du bift, ehrenvoll für ihn iſt.“ Gudrun 
ſprach: „Um es kurz zu ſagen, Thorkel, ich will es an nichts 
fehlen laſſen, daß Bolli die Heirat erlangt, die ihm gefällt; 
der Grund dafuͤr iſt, ſowohl, daß ich ihn am liebſten habe, 
als auch, weil er von meinen Kindern darin der zuverlaͤſſigſte 
geweſen ift, nach meinem Willen zu handeln.“ Thorkel ſagte, 
er gedenke ſich mit Bolli zu deſſen Zufriedenheit auseinander zu 
ſetzen, —„ das iſt aus vielen Gruͤnden gebuͤhrlich, denn ich glaube, 
es iſt ein reicher Beſitz, Bolli zum Verwandten zu haben.“ 

Einige Zeit ſpaͤter ritten Thorkel und Bolli ab, es waren viele 
Männer beiſammen; fie ritten, bis fie nach Tunga kamen. 
Snorri empfing ſie gut und mit großer Herzlichkeit und er⸗ 
wies ſich ihnen als der freundlichſte Wirt. Thordis, Snorris 
Tochter, war zu Zauſe, ſie war ein ſchoͤnes und anziehendes 
Mädchen; und als fie einige Naͤchte in Tunga geweſen waren, 
trug Thorkel die Werbung vor und begehrte fuͤr Bolli Verſchwie⸗ 
gerung mit Snorri und die Ehe mit Thordis, ſeiner Tochter. 

Da antwortete Snorri: „Das iſt ein ehrenvoller Antrag, wie 
ich es von dir nicht anders erwarte; ich kann darauf nur eine 
günftige Antwort geben, denn Bolli halte ich für einen Mann 
von den ſchoͤnſten Hoffnungen, und die Frau ſcheint mir gut 
verheiratet, die ihn bekommt; aber den Ausſchlag muß vor 
allem geben, wie ſich Thordis dazu ſtellt, denn ſie ſoll nur den 
Mann haben, der ganz nach ihrem Sinne iſt.“ Dieſer Antrag 
kam nun vor Thordis, und ſie antwortete in der Weiſe, daß 
ſie hierin dem Kate ihres Vaters folgen wolle, ſie ſagte, ſie 
wolle ſich lieber mit Bolli verheiraten in ihrer Gegend, als 
mit einem unbekannten Manne weiter fort. Und als Snorri 
ſah, daß ihr dies nicht gegen ihren Sinn ging, Bolli als Gattin 
zu folgen, da wurde die Heirat beſchloſſen, und die Verlobung 
fand ſtatt. Snorri ſollte die Hochzeit bei ſich ausrichten, und 
zwar ſollte fie im Mittſommer ftatıfinden. Darauf ritten Thor⸗ 
kel und Bolli heim nach Helgafell, und Bolli blieb daheim, bis 
der Hochzeitstag heran kam. Sie brachen nun von Haufe auf, 
Thorkel und Bolli und die Leute mit ihnen, die dazu auser⸗ 


14 211 


ſehen waren; das war eine große Menge und ein ſehr praͤch⸗ 
tiges Gefolge. Sie ritten nun ihres Weges und kamen nach 
Tunga; dort war die Aufnahme ſehr gut. Da war eine große 
Menge beiſammen, und die Seftbewirtung ganz vortrefflich, 
und als das Seft zu Ende ging, brachen die Leute auf. Snorri 
gab Thorkel wertvolle Geſchenke und Gudrun ebenfalls, in 
gleicher Weiſe auch feinen übrigen Freunden und Verwandten; 
jeder ritt nun heim nach ſeiner Wohnung von den Maͤnnern, 
die zum Sefte gekommen waren. Bolli blieb in Tunga, und 
zwiſchen ihm und Thordis entſtand bald herzliche Liebe. 
Snorri gab ſich auch große Muͤhe, es Bolli behaglich zu machen, 
und bewies ihm viel mehr Neigung als ſeinen eignen Kindern. 
Bolli nahm das dankbar an und lebte das Jahr uͤber in Tunga, 
von allen hochgeachtet. 

Im Sommer darauf kam ein Schiff von der See in die Zvita. 
Das Schiff gehörte zur Hälfte Thorleik, Bollis Sohne, die 
andere Hälfte hatten Norweger. Und als Bolli erfuhr, daß 
ſein Bruder nach Island gekommen war, ritt er ſogleich nach 
dem Borgarfjord ins Suͤdland, und zum Schiffe; jeder der 
beiden Bruͤder war da froh uͤber den andern. Bolli blieb dort, 
ſo daß einige Naͤchte vergingen, dann ritten beide Bruͤder ins 
Weſtland nach Zelgafell. Thorkel nahm fie auf mit aller 
Freundlichkeit und Gudrun ebenſo, und ſie luden Thorleik ein, 
den Winter uͤber bei ihnen zu bleiben, und das nahm er an. 
Thorleik verweilte in Helgafell eine Zeitlang und ritt dann zur 
Zvita und ließ das Schiff an Land bringen und ſeine Waren 
nach dem Weſtlande ſchaffen. Thorleik war es gut gelungen, 
ſich Geld und Anſehen zu verſchaffen, denn er war ein ge⸗ 
ſchworener Mann des hervorragendſten Sürften, des Königs 
Olaf, geweſen. Er blieb nun in Helgafell im Winter, aber 
Bolli in Tunga. 


71. Thorleik und Bolli beſchließen, die Bruͤ⸗ 
der Ajartans anzugreifen. Snorri bringt 


eine endguͤltige Suͤhne zuſtande 
Inn dieſem Winter trafen ſich die Bruͤder oft und hatten 
Unterredungen miteinander, und durchaus nicht kuͤmmer⸗ 


212 


ten fie ſich um Spiele und andern Zeitvertreib; und einmal, als 
Thorleik in Tunga war, redeten die Brüder tagelang mit⸗ 
einander. Snorri glaubte da zu wiſſen, daß ſie irgend etwas 
großes mit einander berieten. Da ging Snorri zu den beiden 
Bruͤdern, waͤhrend ſie miteinander redeten. Sie begruͤßten ihn 
herzlich und brachen ſofort ihr Geſpraͤch ab. Er erwiderte ihren 
Gruß freundlich. 

Darauf ſprach Snorri: „Was habt ihr beide fuͤr Anſchlaͤge 
in Beratung, daß ihr Schlaf und Eſſen daruͤber vergeßt?“ 
Bolli antwortete: „Das ſind keine Anſchlaͤge, die wir be⸗ 
raten; unſer Geſpraͤch iſt von geringer Bedeutung, das wir 
miteinander fuͤhren.“ Und als Snorri bemerkte, daß ſie das 
alles vor ihm verheimlichen wollten, was ihnen im Sinne 
lag, und er hatte doch den Verdacht, daß ſie gerade uͤber 
etwas redeten, das zu großen Verwicklungen fuͤhren konnte, 
wenn es ins Werk geſetzt wuͤrde — Snorri ſprach da zu 
ihnen: „Ich vermute, daß es weder Narreteien noch luſtige 
Geſchichten ſind, die ihr beide ſo ausfuͤhrlich zu verhan⸗ 
deln habt, und ich verdenke es euch gar nicht, wenn es ſich 
wirklich ſo verhaͤlt; ſeid nun ſo gut und verheimlicht mir das 
nicht. Juſammen werden wir ebenſowohl diefe Sache beraten 
koͤnnen, denn ich werde euch gewiß nicht im Wege ſtehen, wenn 
etwas geſchehen ſoll, wodurch euer beider Anſehen gefoͤrdert 
wird.“ Thorleik dachte, daß Snorri ihre Sache gut aufnehme, 
und ſagte ihm in kurzen Worten, daß ſie, die Bruͤder, vor⸗ 
haͤtten, die Olafsſoͤhne anzugreifen, und dieſe ſollten nun ihre 
Strafe erdulden; fie ſagten, fie ſeien durchaus in der Lage, 
ſich mit den Olafsſoͤhnen zu meſſen, ſeitdem Thorleik ein ges 
ſchworner Mann des Rönigs Olaf und Bolli der Schwieger⸗ 
ſohn eines ſolchen Haͤuptlings wie Snorri fei. 

Snorri antwortete in folgender Weiſe: „Genug iſt damit 
für den an Bolli veruͤbten Totſchlag getan, daß Zelgi mit 
feinem Leben dafür bezahlen mußte, der Sohn Zardbeins; 
und auch, wenn es damit zum Abſchluß gekommen iſt, ſcheint 
mir Unheil genug geſchehen zu ſein.“ Bolli ſagte da: „Was 
bedeutet das, Snorri? biſt du auf einmal nicht mehr ſo eifrig, 
uns Hilfe zu leiſten, wie du eben noch vorgabſt? Übrigens 


213 


würde dir Thorleik diefen Plan nicht mitgeteilt haben, wenn 
er mich vorher darüber zu Rate gezogen hätte. Und wenn du 
ſagſt, daß Zelgis all als Rache für Bolli zu gelten habe, fo 
ift allgemein bekannt, daß für den erſchlagenen Helgi Bußgeld 
bezahlt worden iſt, aber mein Vater iſt ungebuͤßt.“ 

Als aber Snorri ſah, daß er ihnen ihre Gedanken nicht aus⸗ 
reden konnte, da erbot er ſich dazu, zu verſuchen, ob er von 
den Olafs ſoͤhnen einen Ausgleich erlangen konnte, lieber, als 
daß es wieder ʒu Totſchlaͤgen kaͤme; und damit erklaͤrten ſich 
die Brüder einverftanden. 

Darauf ritt Snorri nach Zjardarholt mit einigen Männern. 
galldor empfing ihn gut und lud ihn ein, dazubleiben. Snorri 
ſagte, er muͤſſe am Abend heimreiten,! — „aber ich habe etwas 
Wichtiges mit dir zu beſprechen.“ Darauf begannen ſie ihre 
Unterredung, und Snorri trug ſein Anliegen vor, indem er 
ſagte, er ſei gewahr geworden, daß Bolli und Thorleik es 
nicht laͤnger ertragen wollten, daß fuͤr ihren Vater keine Buße 
kaͤme von den Olafsſoͤhnen, — „und nun wollte ich ver⸗ 
ſuchen, einen Ausgleich herbeizufuͤhren, und ſehen, ob nicht 
einmal ein Ende gemacht werden koͤnnte mit dem Unheil unter 
euch Verwandten.“ 

Zalldor wies das durchaus nicht von ſich und antwortete: „Sehr 
wohl ift mir bekannt, das Thorgils, der Sohn der alla, und 
die Bolliſoͤhne vorhatten, mich und meine Bruͤder zu uͤberfallen, 
bis du ihrer Rache eine andere Richtung gabſt, ſo daß ſie infolge⸗ 
deſſen beſchloſſen, Helgi, Hardbeins Sohn, zu töten; du haft dir 
in dieſen Handeln große Verdienſte erworben, fo wie du dich auch 
ſchon verhalten haft bei den früheren zwiſtigkeiten zwiſchen uns 
Verwandten.“ Snorri ſprach: „Es ſcheint mir ſehr wichtig zu 
ſein, daß mein Verſuch gluͤckt und es hier nun ſo weiter⸗ 
geht, wie es mein hoͤchſter Wunſch iſt, daß unter euch Ver⸗ 
wandten eine gute Suͤhne zuftande kommt; denn ich kenne die 
Sinnesart der Maͤnner, mit denen ihr es in dieſer Sache zu 
tun habt: ſie werden alles getreulich halten, wie ſie es bei der 
Suͤhne vereinbaren.“ galldor erwiderte: „Dazu werde ich mich 
bereit erklaͤren, wenn es auch der Wille meiner Brüder iſt, 
1 Typiſche wendung, Vgl. S. 154, Anm. 1. 


214 


Geld zu bezahlen für den Totſchlag an Bolli, eine Summe, 
wie fie durch das Urteil der Männer, die zur Abmachung be⸗ 
ſtimmt werden, feſtgeſetzt wird; aber ich will ausgeſchloſſen 
wiſſen alle Achtungen, ebenſo den Verluſt meiner Godenwuͤrde 
und Veraͤnderung meiner Wohnſtaͤtte; letzteres ſoll auch von 
den Wohnſtaͤtten meiner Bruͤder gelten; ich will, daß ſie im un⸗ 
geſtoͤrten Beſitz bleiben beim Abſchluß der Verhandlungen. 
Serner ſoll jede Partei ihren Mann ernennen fuͤr die ſchieds⸗ 
gerichtliche Entſcheidung.“ 

Snorri ſagte: „Was du anbieteſt, iſt gut und hochſinnig; die 
Bruͤder werden auf dieſen Vorſchlag eingehen, wenn ſie auf 
meine Mithilfe rechnen.“ 

Darauf ritt Snorri heim und ſagte den Bruͤdern, welchen Er⸗ 
folg ſeine Sendung gehabt hatte, und dabei zugleich, daß er ſich 
voͤllig von ihrer Sache zuruͤckziehen wuͤrde, wenn ſie nicht ihre 
Juſtimmung gaͤben. Bolli ſagte, Snorri ſolle zu entſcheiden 
haben, — „und ich wuͤnſche, Snorri, daß Ihr fuͤr unſere Partei 
Schiedsrichter ſeid.“ Darauf ſandte Snorri Nachricht an Sall⸗ 
dor, daß die Suͤhneverhandlung beſchloſſen ſei, und bat ihn 
einen Mann von der Gegenſeite zu beſtimmen, der mit ihm 
Schiedsrichter fein ſolle. Halldor wählte zum Schiedsrichter 
Steinthor, den Sohn des Thorlaf von Eyr.! Die Juſammen⸗ 
kunft zum Schiedsſpruch ſollte fein in Drangar am Skogar⸗ 
ſtrand, vier Wochen nach Sommeranfang. 

Thorleik, Bollis Sohn, ritt nach Helgafell, und während des 
Winters ereignete ſich gar nichts. Und als die Jeit heranruͤckte, 
die für die Zuſammenkunft beſtimmt war, da kam der Bode 
Snorri mit den Bolliföhnen, fie waren im ganzen fünfzehn 
zuſammen; ebenſoſtark waren die andern auf Steinthors 
Seite zur Stelle. Snorri und Steinthor verhandelten nun mit 
einander und kamen zu einem Ausgleich in dieſer Sache. Dar⸗ 
auf entſchieden ſie auf eine Geldbuße, doch iſt es hier nicht an⸗ 
gegeben, wie hoch ſie feſtgeſetzt wurde; aber es wird erzaͤhlt, 
daß die Summe richtig bezahlt und die Suͤhnebeſtimmungen 
gut gehalten wurden. Auf dem Thorsnesthing fand die Aus⸗ 
zahlung ſtatt. Halldor gab Bolli ein gutes Schwert, und Steins 
1 Er iſt im Kap. 3 erwähnt; vgl. S. 29, Anm. 3. 


215 


thor, Olafs Sohn, gab Thorleif einen Schild, das war auch 
ein wertvolles Stuͤck; dann wurde das Thing geſchloſſen, und 
beide Parteien ſchienen durch dieſen Abſchluß an Ehren ge⸗ 
wachſen zu ſein. 


72. Bolli beſchließt mit ſeinem Bruder 


Thorleik auszureiſen 

achdem Bolli und Thorleik ſich mit den Olafsſoͤhnen 

ausgeſoͤhnt hatten und Thorleik einen Winter in Island 
geweſen war, erklaͤrte Bolli, daß er ausreiſen wolle. Snorri 
ſuchte ihn davon zuruͤckzuhalten und ſprach: „Mir ſcheint viel 
auf dem Spiele zu ſtehen, wie es dir dabei ergehen mag; wenn 
du aber Verlangen traͤgſt, mehr unter dir zu haben, als du 
bisher haſt, ſo will ich dir einen eigenen Wohnſitz geben und 
dir einen Hof einrichten und zugleich Leute deiner Leitung 
unterſtellen und in jeder Weiſe fuͤr dein Anſehen Sorge tragen. 
Ich glaube, das macht keine Schwierigkeit, denn die meiſten 
Männer find dir wohlgeſinnt.“ 
Bolli antwortete: „Ich habe es lange im Sinn gehabt, einmal 
nach dem Suͤden zu reiſen. Der Mann ſcheint mir ſein Wiſſen 
wenig zu mehren, der ſich nicht weiter umſieht als hier in Js⸗ 
land.“ Und als Snorri ſah, daß Bolli feſt entſchloſſen war, ſo 
daß es nichts half, ihn zuruͤckzuhalten, da erbot ſich Snorri, ſo 
großes Gut, wie Bolli wuͤnſche, ihm zur Sahrt mitzugeben. Bolli 
ging gern darauf ein, großes Gut mitzunehmen, — „ich will“, 
ſagte er, „vom Mitleid keines Mannes abhaͤngig ſein, weder 
hier noch im Auslande.“ Darauf ritt Bolli ins Suͤdland zur 
Zvita an den Borgarfjord und kaufte den Männern, die die 
Zaͤlfte von Thorleiks Schiff hatten, ihren Teil ab. So gehoͤrte 
nun das Schiff den beiden Bruͤdern. Bolli ritt dann heim ins 
Weſtland. 
Bolli und Thordis hatten eine Tochter, die Zerdis hieß; Gudrun 
er bot ſich, das Mädchen zu erziehen. Es war damals ein Jahr 
alt, als es nach Helgafell kam. Thordis hielt ſich dort ebenfalls 
oft auf, Gudrun hatte ſie ſehr gern. 


216 


73. Thorleik und Bolli reifen nach 


Norwegen 

Nu. begaben ſich die beiden Bruͤder zum Schiff. Bolli nahm 

großes Gut mit auf die Reiſe. Sie machten nun das Schiff 
ſegelfertig, und als ſie ganz klar waren, gingen ſie in See. Sie 
hatten nicht gleich Sahrwind und waren lange unterwegs. Im 
Zerbſt erreichten ſie Norwegen und kamen im Norden an, bei 
Thrandheim.! König Olaf war im Oſtlande und ſaß in der 
Wik? und hatte dort Vorbereitungen fuͤr den Winteraufent⸗ 
halt getroffen. 
Und als die Bruͤder das erfuhren, daß der Koͤnig nicht mehr in 
den Norden nach Thrandheim kommen wuͤrde in dieſem gerbft, 
da ſagte Thorleik, daß er an der Büfte entlang nach dem Oſt⸗ 
lande ſegeln und den Rönig aufſuchen wolle. Bolli erwiderte: 
„Wenig behagt es mir, von Handelsplatz zu Handelsplatz mich 
durchzuſchlagen zur gerbſtʒeit; das ſcheint mir eine große Plage 
und Unluſt. Ich will hier den Winter uͤber in der Stadt ſitzen. 
Mir iſt geſagt, der Rönig werde im Fruͤhjahr nach dem Norden 
kommen; und wenn er nicht kommt, will ich mich nicht wider⸗ 
ſetzen, daß wir beide uns aufmachen, ihn aufzuſuchen.“ Bolli 
behielt feinen Willen; fie loͤſchten nun ihre Ladung und nahmen 
ſich eine Wohnung in der Stadt. 
Sehr bald zeigte ſich, daß Bolli ehrgeizig war und ſich hervor⸗ 
tun wollte vor andern Maͤnnern; das gelang ihm auch, denn 
er war freigebig; er kam bald zu hohem Anſehen in Norwegen. 
Bolli hielt ſich ein Gefolge waͤhrend ſeines Winteraufenthaltes 
in Thrandheim, und auf den erſten Blick ſah man, wenn er zu 
Trinkgelagen ging, daß ſeine Leute beſſer ausgeſtattet waren 
an Kleidern und Waffen als anderes Volk in der Stadt. Er 
bezahlte auch allein fuͤr alle ſeine Gefolgsleute, wenn ſie an 
Trinkgelagen teilnahmen. Ebenſo zeigte ſich auch ſonſt ſeine 
Sreigebigkeit und fein Zerrenweſen. 
Die Bruͤder waren nun in der Stadt waͤhrend des Winters. 
In dieſem Winter ſaß Rönig Olaf im Oſtlande in Sarpsborg,? 
! dgl. S. 126, Anm. 1. gl. S. 42, Anm. 3. Sarpsborg, mit dem be⸗ 
ruͤhmten waſſerfall Sarpsfoß, liegt nicht weit landeinwaͤrts von Srede⸗ 
riksſtad am Glommen. 


217 


und vom Oſtlande kam die Runde, daß man im Norden nicht 
auf die Ankunft des Rönigs rechnen ſollte. Gleich zu Anfang 
des Srühlings machten die Brüder ihr Schiff ſeeklar und ſegel⸗ 
ten nach dem Oſtlande längs der Kuͤſte. Ihre Sahrt verlief 
guͤnſtig, und ſie kamen ins Oſtland nach Sarpsborg und be⸗ 
gaben ſich ſofort zu Koͤnig Olaf; der König begrüßte freund lich 
Thorleik, ſeinen Gefolgsmann, und die Gefaͤhrten mit ihm. 
Dann fragte der Rönig Thorleik, wer der kuͤhne Geſell ſei, der 
ihn begleite; er antwortete, „das iſt mein Bruder und er heißt 
Bolli.“ „Wahrhaftig, das iſt ein praͤchtiger Mann,“ ſagte der 
König. 

Darauf lud der Rönig die Brüder ein, bei ihm zu bleiben; fie 
nahmen das mit Dank an und waren beim Rönige im Fruͤh⸗ 
ling. Der Rönig behandelte Thorleik freundlich wie fruͤher, 
doch ſchaͤtzte er Bolli weit hoͤher, denn er erſchien dem Koͤnige 
als ein durchaus uͤberragender Mann. 

Und als der Fruͤhling verging, redeten die Bruͤder uͤber ihre 
Reifepläne; Thorleik fragte, ob Bolli im Sommer nach Island 
fahren wolle, — „oder willſt du Länger in Norwegen bleiben?“ 
Bolli antwortete: „Ich denke keins von beiden zu tun; und die 
Wahrheit zu ſagen, es war nicht meine Abſicht, als ich von 
Island ausreiſte, nur vom Haus ins Nachbarhaus zu ziehen; 
ich will nun, Bruder, daß du unſer Schiff uͤbernimmſt.“ Thor⸗ 
leik empfand das ſchmerzlich, daß ſie ſich trennen ſollten, — 
„aber du ſollſt hierin, wie in allem andern, zu entſcheiden haben, 
Bolli.“ Was ſie ſo beſprochen hatten, trugen ſie dem Koͤnige vor, 
aber er antwortete folgenderweiſe: „Willſt du nicht, Bolli, länger 
dich bei uns aufhalten?“ ſagte der Konig, „das würde mir 
das beſte ſcheinen, wenn du eine Zeitlang bei uns bliebeſt; ich 
wuͤrde dir dieſelbe Stellung verleihen, die ich deinem Bruder 
Thorleik gegeben habe.“ Da antwortete Bolli: „Sehr gern 
wäre ich dazu bereit, Herr, in Eure Hand zu ſchwoͤren, doch 
will ich zuerft dorthin, wohin ich ſchon früher mir vorgenom⸗ 
men hatte zu reifen, und wohin ſeit langem mein Wunſch mich 
zieht; aber Euer Anerbieten will ich gerne annehmen, wenn mir 
die Kuͤckkehr vergoͤnnt iſt.“ „Du ſollſt beſtimmen, wohin du 
fahren willſt, Bolli,“ ſagte der König, „denn ihr ſeid in allen 


218 


Dingen eigenwillig, ihr Islaͤnder; aber das will ich zum Schluß 
noch ſagen, daß meiner Überzeugung nach, Bolli, du der an⸗ 
ſehnlichſte Mann biſt, der in meinen Tagen aus Island ge⸗ 
kommen ift.“ 

Und als Bolli Urlaub vom Rönige bekommen hatte, rüftete 
er ſich zur Reife und ging an Bord eines Kauffahrers, der 
nach Daͤnemark beſtimmt war; er nahm großes Gut mit ſich; 
ihn begleiteten auch einige feiner Gefährten. Rönig Olaf und 
er ſchieden in großer Freundſchaft; der Rönig gab Bolli wert⸗ 
volle Geſchenke zum Abſchied. Thorleik blieb da bei Koͤnig Olaf 
zuruͤck, aber Bolli fuhr ſuͤdwaͤrts ſeines Weges, bis er nach 
Dänemark kam; er blieb den Winter über dort in Daͤnemark 
und empfing da große Ehren von maͤchtigen Männern; er hielt 
ſich dort auch in keiner Weiſe weniger ſtattlich, als er in Nor⸗ 
wegen getan hatte. 

Und als Bolli einen Winter in Daͤnemark geweſen war, da brach 
er auf zur Weiterreiſe von Land zu Land und unterbrach feine 
Reife nicht, bis er hinunter nach Miklagard! kam. Nicht lange, 
nachdem er dort Aufenthalt genommen hatte, trat er in die 
kaiſerliche Leibgarde. Wir haben keine Runde darüber ge⸗ 
hoͤrt, daß ein Nordmann vor Bolli, Bollis Sohn, in den Dienſt 
des Rönigs von Miklagard getreten ſei. Er war in Miklagard 
ſehr viele Jahre und zeigte ſich als der kuͤhnſte Mann bei allen 
Maͤnnerproben und ſtand immer unter den erſten. Die Maͤnner 
der Leibgarde hielten viel von Bolli, ſolange er in Miklagard 
war. 


74. Thorkel reiſt mit ſeinem Sohne nach 
Norwegen und bringt eine Laſt Kirchen⸗ 
bauholz nach Island 
It: muß fich die Erzählung dorthin wenden, wo Thor: 

kel, Eyjolfs Sohn, als Häuptling auf feinem Zofe ſaß. 
Gellir, ſein und Gudruns Sohn, wuchs daheim auf, er war 
bald ein wackerer und allbeliebter Geſell. 


1 Ronftantinopel. ? Die aus den waͤringern, den nordgermaniſchen Soͤld⸗ 
nern, beſtand. Bolli war nicht der erſte bekannte Islaͤnder, ſondern einer 
der letzten, die in der byzantiniſchen Garde dienten. 


219 


Einmal, wird berichtet, erzählte Thorkel Gudrun, was er ge⸗ 
träumt hatte: „Das traͤumte mir,“ ſagte er, „daß ich einen fo 
großen Bart zu haben ſchien, daß er ſich uͤber den ganzen Breidi⸗ 
fiord legte.“ Thorkel bat fie, den Traum zu deuten. Gudrun 
fragte: „Was meinſt denn du, daß dieſer Traum befagen fol!“ 
„Das ſcheint mir ſicher, daß meine Macht den ganzen Breidifjord 
umfaſſen fol.“ „Moͤglich, daß es fo iſt,“ ſagte Gudrun, „aber 
eher wuͤrde ich glauben, daß du deinen Bart in den Breidifjord 
eintauchen ſollſt.ꝰ 

In demſelben Sommer brachte Thorkel ſein Schiff zu Waſſer 
und ruͤſtete ſich zur Sahrt nach Norwegen. Gellir, ſein Sohn, 
war damals zwölf Winter alt, er reiſte aus mit feinem Vater. 
Thorkel gab bekannt, daß er vorhabe, ſich Kirchenbauholz zu 
holen, und ging ſofort in See, nachdem er klar war. Er hatte 
eine bequeme, aber nicht beſonders raſche uͤberfahrt. Sie er⸗ 
reichten Norwegen im Norden. Konig Olaf ſaß zu dieſer Zeit 
in Thrandheim. Thorkel begab ſich ſogleich an den Hof des 
Königs Olaf und mit ihm Gellir, fein Sohn. Sie wurden da 
gut aufgenommen. In ſo hohem Anſehen ſtand Thorkel beim 
Bönige während des Winters, daß es allgemein erzählt wird, 
der König habe ihm nicht weniger als hundert Mark reinen 
Silbers geſchenkt. Der Konig gab Gellir zu Weihnachten 
einen Mantel, der war von hoͤchſter Koſtbarkeit und ein herr⸗ 
liches Stuͤck. 

In dieſem Winter ließ Rönig Olaf in der Stadt eine Kirche aus 
Holz bauen; fie war als große Hauptkirche geplant und ſollte 
praͤchtig ausgeſtattet werden. Im Fruͤhling wurde das golz an 
Bord geſchafft, das der Konig Thorkel geſchenkt hatte. Dies Bau⸗ 
holz war lang und gut, denn Thorkel fuͤhrte genaue Aufſicht. 
Es war eines Morgens in der Fruͤhe, daß der König ausging 
mit wenigen Begleitern. Er ſah einen Mann oben auf der 
Kirche, die dort im Bau war in der Stadt. Er wunderte ſich 
ſehr daruͤber, weil es noch fruͤher am Tage war, als die Jim⸗ 
merleute gewohnt waren aufzuſtehen. Der Rönig erkannte den 
Mann, es war Thorkel, Eyjolfs Sohn; er maß alle die groͤß⸗ 
ten Balken, ſowohl Querbalken wie Laͤngswandbalken und 
ſtehende Pfoſten. 


220 


Der Rönig begab ſich fofort dorthin und ſprach: „Was be: 
deutet das, Thorkel? Zaſt du die Abſicht, hiernach die Maße 
zu nehmen für das Kirchenbauholz, das du nach Island ſchaf⸗ 
fen willſt? / Thorkel antwortete: „So iſt es, Herr.“ Da ſprach 
Rönig Olaf: „ Hau du zwei Ellen ab von jedem großen Bal⸗ 
ken, und die Kirche wird dennoch die größte in Island fein.“ 
Thorkel erwiderte: „Behalte dir dein Holz, wenn du meinft 
zu viel gegeben zu haben oder dich das Verlangen plagt, es 
zuruͤck zu bekommen; ich will auch nicht eine Elle davon ab⸗ 
hauen; ich werde Mittel und Wege finden, mir anderes Bau⸗ 
holz zu verſchaffen.“ 

Da ſagte der Koͤnig und blieb ganz ruhig dabei: „Beides ift 
wahr, Thorkel, daß du ein tuͤchtiger Mann biſt und daß du 
dich jetzt ſehr uͤberhebſt; denn gewiß iſt es Hochmut von einem 
Bondenſohn, wenn er ſich mit uns meſſen will; und das iſt 
nicht wahr, daß ich dir das Bauholz mißgoͤnne, ſollte es dir 
beſchieden ſein, damit eine Kirche zu bauen; ſie wuͤrde doch 
niemals fo groß werden, daß dein ganzer Zochmut drin Platz 
haben koͤnnte. Aber eine Ahnung ſagt mir, als werde man 
wenig Nutzen von dieſem Holze haben, und als werde es nicht 
dazu kommen, daß du einen Bau mit dieſem Holze auffuͤhrſt.“ 
Damit brachen fie ihre Unterhaltung ab, der König wandte 
ſich zum Gehen, und man merkte, wie er daruͤber boͤſe war, 
daß Thorkel ſich gar nichts daraus machte, was der Rönig 
ſagte. Doch ließ der König es nicht zum Ausbruch kommen. 
Er verabſchiedete Thorkel in großer Freundlichkeit. Thorkel 
ſtieg an Bord und ging in See. 

Sie hatten guten Wind und waren nicht lange unterwegs. 
Thorkel kam mit feinem Schiff in den Srutafjord.! Er ritt ſo⸗ 
gleich vom Schiffe heim nach Helgafell; jedermann freute ſich 
ſeiner Ankunft. Thorkel hatte ſich große Ehre erworben durch 
dieſe Fahrt. Er ließ fein Schiff an Land bringen und ſicher ver⸗ 
forgen und gab das Kirchenbauholz an einer Stelle in Ver⸗ 
wahrung, wo es gut aufgehoben war; es wurde im Herbfte 
noch nicht nach dem Suͤden geſchafft; denn er hatte immer 
vieles andere zu tun. 

I Vgl. S. 67, Anm. 1. 


221 


Thorkel ſaß nun daheim während des Winters auf feinem 
Hof. Er hatte ein Weinachtsgelage in Zelgafell, dabei waren 
eine große Menge Menſchen, und überhaupt trieb er großen 
Aufwand in dem Winter. Aber Gudrun hielt ihn hierbei nicht 
zuruͤck; fie ſagte, das ſei der Fweck des Geldes, daß die Maͤn⸗ 
ner ſich dadurch Anſehen verſchafften, und da mußte auch alles 
herhalten, wenn Gudrun etwas noͤtig ſchien fuͤr ſtandesge⸗ 
maͤßes Weſen. Thorkel gab in dem Winter ſeinen Freunden 
viele koſtbare Geſchenke, die er mit nach Island gebracht hatte. 


75. Thorſtein und Thorkel machen einen 
vergeblichen Verſuch, Halldor zum Verkauf 
von giardarholt zu zwingen 

n dieſem Winter nach Weihnachten brach Thorkel von 

gauſe auf nach dem Hrutafjord im Nordlande, um feine 
Bauhölzer ſuͤdwaͤrts zu ſchaffen. Er ritt zuerſt in den Täler: 
bezirk hinein und zwar nach Cjarſkogar zu feinem Verwandten 
Thorſtein und beſorgte ſich Maͤnner und Pferde. Dann ritt er 
weiter nordwaͤrrs zum grutafjord und hielt ſich da eine Zeitlang 
auf und überlegte ſich, wie er die Kuͤckreiſe einrichten ſollte; 
er brachte da aus der Sjordgegend Pferde zuſammen, denn 
er wollte, wenn es moͤglich waͤre, nicht mehrere Fahrten ma⸗ 
chen. Es ging das nicht ſo ſchnell. Thorkel hatte damit bis in 
die Zeit der Langfaſten zu tun, ehe dieſes Unternehmen in 
Gang kam; er ſchleppte das Bauholz mit mehr als zwanzig! 
Pferden aus dem Nordlande und ließ das Holz an der Muͤn⸗ 
dung der Lija aufſtapeln. Von dort gedachte er es zu Schiff 
hinaus nach gelgafell zu ſchaffen. 
Thorſtein beſaß ein großes Reiſeboot, und Thorkel hatte vor, 
das Schiff zu benutzen, wenn er den Heimweg antreten wuͤrde. 
Thorkel war in Ljarffogar während der Saftenzeit; denn zwi⸗ 
ſchen den Verwandten? beſtand herzliches Einvernehmen. 
Thorſtein redete mit Thorkel darüber, daß es ihm gut paſſen 
würde, wenn fie zuſammen nach Zjardarholt ritten, — „ich 
1 Dieſe Zahl iſt ſicher falſch, es muͤſſen weit mehr Pferde geweſen fein; in 
der Erzählung vom Hühnerthorir (Rap. 3) find 120 Pferde notwendig, um 
eine Schiffsladung fortzufchaffen. ? OgL S. 177, Anm. 5. 


222 


will das Land von Halldor kaufen, denn er hat wenig Geld, 
ſeitdem er den Bolliſoͤhnen die Vaterbuße hat zahlen muͤſſen, 
und das Land ift fo, daß ich es ſehr gern beſitzen möchte.“ 
Thorkel ſagte, er habe nur zu beſtimmen. Sie ritten von Haufe 
fort und waren zuſammen an zwanzig Mann. Sie kamen nach 
Zjardarholt; galldor nahm fie gut auf und war ſehr geſpraͤchig 
mit ihnen. Es waren wenig Maͤnner daheim, denn Halldor 
hatte Leute ins Nordland zum Steingrimsfjord! geſchickt. Da 
war ein Walfifch angetrieben, an dem er Anteil hatte. Beinir der 
Starke war zu Zauſe. Er war allein noch von den Maͤnnern 
am Leben, die bei Olaf, Zalldors Vater, geweſen waren. 
galldor hatte mit Beinir geſprochen, gleich als er Thorſtein 
und feine Leute heranreiten ſah: „Ich ſehe deutlich voraus, 
was dieſe beiden Vettern wollen; fie werden mir mein Land 
abkaufen wollen, und wenn es fo iſt, fo werden fie mich zu einer 
Unterredung holen. Ich vermute, daß ſie ſich rechts und links 
von mir niederſetzen werden, und wenn fie mir irgend ein Leid 
antun wollen, ſo ſei du ebenſo ſchnell, Thorſtein anzugreifen, 
wie ich Thorkel. Du biſt feit langer Zeit unſerer Samilie treu 
geweſen. Ich habe auch auf die naͤchſten Höfe nach Männern 
geſchickt; ich möchte, daß es ſich genau fo traͤfe, daß dieſe 
Leute kaͤmen, wenn wir mit unferm Geſpraͤch zu Ende find.“ 
Und als der Tag weiter vorgeſchritten war, ſchlug Thorſtein 
Zalldor vor, daß fie zuſammen zu einer Unterredung gehen 
wollten. „Wir haben etwas mit dir zu beſprechen.“ Halldor 
ſagte, es ſei ihm recht. Thorſtein ſprach zu ſeinen Gefaͤhrten, 
es ſei nicht noͤtig, daß ſie mitkaͤmen. Aber Beinir ging nichts 
deſtoweniger mit; denn ihm ſchien die Sache ganz ſo zu ver⸗ 
laufen, wie Halldor vermutet hatte. Sie gingen ein weites 
Stuͤck hinaus auf die Zofwieſe. Halldor hatte einen engan⸗ 
ſchließenden Mantel an mit langer Bruſtſpange, wie es da⸗ 
mals Brauch war. Halldor ſetzte ſich nieder auf die Erde und 
rechts und links von ihm die beiden Vettern, und fie ſetzten 
ſich dicht zu ihm auf den Mantel.! Aber Beinir ſtand hinter 
ihnen und hatte eine große Axt im Arme. 


1 vgl. S. 30, Anm. 1. Ahnliche Situation in einer meiſterhaft ent⸗ 
worfenen Szene der Saga vom Suͤhnerthorir (Kap. 10). Auch hier draͤn⸗ 


223 


Da ſprach Thorftein: „Das ift mein Geſchaͤft hier, daß ich dir 
dein Land abkaufen will. Ich bringe das deshalb jetzt zur 
Beſprechung, weil gerade mein Vetter Thorkel dabei iſt. Ich 
meine, dies muͤßte auch dir gut paſſen, denn mir iſt geſagt, 
daß du nicht genuͤgend Geld haſt und daß dein Land dir viele 
Boften macht. Ich werde dir dafür einen Wohnſitz geben, der 
dir anſtaͤndig iſt, und dabei ſo viel noch, wie wir beide unter⸗ 
einander ausmachen werden.“ 

galldor wies das zuerſt durchaus nicht von ſich, und fie gingen 
auf die Kaufbedingungen ein, und da er ihnen nicht abgeneigt 
ſchien, ſo miſchte Thorkel ſich eifrig in die Verhandlung ein 
und wollte den Kauf zwiſchen den beiden zum Abſchluß bringen. 
Da begann Halldor ſich ihnen um fo mehr zu entziehen, als fie 
eifriger ihm zuredeten, und ſchließlich kam es fo, daß das Ziel 
ihnen um fo ferner ruͤckte, je mehr fie auf Zalldor eindrangen. 
Da ſprach Thorkel: „Siehſt du nicht, Vetter Thorſtein, wie es 
ſteht? Er hat dieſe Sache den ganzen Tag hingezogen vor 
uns, und wir haben hier geſeſſen für ihn zu Spott und Hohn. 
Wenn dein Sinn auf dem Landkauf befteht, fo find wir genoͤtigt, 
ſchaͤr fer vorzugehen.“ Thorſtein ſagte, er wolle nun ſeinen Be⸗ 
ſcheid haben. Er forderte Zalldor auf, ihnen nun keinen Dunft 
mehr vorzumachen; ob er ſich auf den CLandkauf einlaſſen wolle 
oder nicht. Halldor antwortete: „Ich denke, wir wollen das 
nicht im Dunkeln laſſen, daß du ohne Kauf nach Haufe reiten 
mußt heute abend.“ Da ſagte Thorſtein: „Ich glaube, wir 
brauchen nun auch nicht Länger mehr mit der Erklaͤrung zuruͤck⸗ 
zuhalten, was wir im voraus beſchloſſen haben, naͤmlich dir die 
Wahl zwiſchen zwei Dingen zu ſtellen, denn wir meinen, die 
ſtaͤrkere Sache zu haben durch unſere Übermacht. Das eine 
iſt, daß du dieſen Handel freiwillig eingehſt und dafuͤr unſere 
Sreundfchaft bekommſt. Aber das andere und gewiß das 
ſchlimmere ift, daß du gezwungen deine Hand ausſtrecken mußt 
und Hof und Land Zjardarholt in meine Hand uͤbergibſt.“ Und 
als Thorſtein ihn auf dieſe Weiſe bedrohte, da ſprang Halldor 
ſo heftig auf, daß die Spange des Mantels zerbrach, und ſagte: 
gen ſich die beiden Beſucher ſo nahe an Gunnar, daß ſie auf ſeinem Mantel 
ſitzen. 


224 


„Eher wird noch anderes gefchehen, als daß ich etwas aus⸗ 
ſpreche, was ich nicht will.“ „Und was wird geſchehen?“ 
fragte Thorſtein. „Eine Holzart wird dir in den Kopf ge⸗ 
ſchlagen werden von dem elendeften Mann und fo dein Über- 
mut und deine Ungerechtigkeit zu nichte werden.“! Thorkel 
antwortete: „Das iſt eine boͤſe Prophezeiung, und wir hoffen, 
daß ſie nicht in Erfuͤllung gehen wird; und nun, ſage ich, liegt 
genug Grund vor, wenn du, Salldor, dein Land laſſen mußt 
und gar kein Geld dafür bekommſt.“ Da antwortete Halldor: 
„Eher ſollſt du nach den Tangblaſen greifen im Breidifjord,? 
ehe ich gezwungen mein Land verkaufe.“ 

galldor ging zum Haufe zuruͤck nach dieſen Worten. 

Zu gleicher Zeit ſammelten ſich die Männer auf dem Zofe, nach 
denen er geſchickt hatte. Thorſtein war furchtbar zornig und 
wollte auf der Stelle Halldor angreifen. Thorkel bat ihn, das 
nicht zu tun, — „das waͤre ſehr unſchicklich in dieſer heiligen 
Zeitz aber wenn fie vorüber iſt, will ich mich nicht widerſetzen, 
daß wir es auf einen Zufammenftoß ankommen laſſen.“ Hall: 
dor ſagte, er traue ſich zu, jederzeit für fie geruͤſtet zu fein. 
Darauf ritten die beiden fort und redeten noch viel miteinander 
uͤber ihre Sahrt. Thorſtein ſprach, es ſei wahr, ſagte er, ihre Sahrt 
ſei ganz jaͤmmerlich verlaufen, — „aber warum haft du dich fo 
geſcheut, Vetter Thorkel, Halldor anzugreifen und ihm eine 
Schmach an zutun? / Thorkel antwortete: „Sahſt du nicht Bei⸗ 
nir, wie er hinter dir ſtand mit der bereiten Axt. Das war ja 
gerade das allerbedenklichſte dabei; denn er haͤtte dir ſofort die 
Axt in den Kopf geſchlagen, wenn ich Miene gemacht hätte, 
irgend etwas zu wagen.“ Sie ritten nun heim nach Cjarſkogar. 
Die Faſtenzeit ging weiter und die Karwoche kam heran. 


76. Thorkel ertrinkt 
m Gruͤndonnerstag früh am Morgen ruͤſtete ſich Thorkel 
zur Sahrt. Thorſtein ſuchte ihn auf jede Weiſe zuruͤck⸗ 
zu halten, — „denn das Wetter ſcheint mir unſicher,“ ſagte er. 
1 Halldor ſagt dem Thorſtein einen gewaltſamen Tod voraus. Die islaͤndi⸗ 


ſchen Annalen berichten davon, die näheren Umſtaͤnde find nicht bekannt. 
1 Diefe Prophezeiung geht nach kurzer Zeit in Erfuͤllung. 


15 Meißner, Cachstalſaga 225 


Thorkel fagte, das Wetter würde ſehr gut werden — „und du 
ſollſt mich nun nicht zuruͤckhalten, Vetter, denn ich will nach 
gauſe vor Oſtern.“ Nun brachte Thorkel das Reiſeboot zu 
Waſſer und belud es. Thorſtein trug immer wieder ans Land, 
was Thorkel und ſeine Gefaͤhrten einluden. Da ſprach Thorkel: 
„Hör nun auf, Vetter, und hindere nicht unſere Fahrt, du be⸗ 
kommſt deinen Willen nicht diefes Mal. Thorſtein erwiderte: 
„So wird nun von uns beiden der ſeinen Willen haben, der 
das Unheil auf ſich zieht, und dieſe Sahrt wird verhaͤngnis⸗ 
voll werden.“ Thorkel ſagte, er hoffe, ſie wuͤrden ſich geſund 
wiederſehen. 

Thorſtein ging nun heim und war ſehr niedergeſchlagen. Er 
ging in die Stube und bat, ihm etwas unter den Kopf zu 
legen, und ſo geſchah es; die Magd ſah, daß die Traͤnen aus 
feinen Augen hinab aufs Kiffen floſſen. Und etwas ſpaͤter 
fuhr ein ſtarker Windſtoß gegen das Haus; da ſprach Thor⸗ 
ſtein: „Jetzt koͤnnen wir hören, wie der Mörder meines Vetters 
Thorkel einherbrauſt.“ 

Nun ift von der Reife Thorkels und feiner Gefährten zu er⸗ 
zaͤhlen. Sie ſegelten an dem Tage hinaus, den Hvammsfjord 
entlang, und waren zehn auf dem Schiffe; das Wetter begann 
ſehr ſcharf zu werden und ſteigerte ſich ſchließlich zu einem 
heftigen Sturme. Sie hielten wacker ihr Schiff in Fahrt; es 
waren Männer von größter Unerſchrockenheit. Thorkel hatte 
das Schwert Skoͤfnung mit ſich, es lag in einem Kaſten. 
Thorkel ſegelte, bis er in die Naͤhe von Bjarnarey kam, von 
beiden Ufern des Sjords konnte man ihre Fahrt beobachten. 
Und als fie ſoweit gekommen waren, fuhr eine 85 ins Segel 
und brachte das Schiff zum Bentern. Thorkel ertrank da und 
alle Maͤnner, die mit ihm waren. Die Bauhoͤlzer wurden weit 
unter den Inſeln herumgetrieben, die Eckpfeiler trieben auf die 
Inſel, die ſeitdem Stafey (Pfeilerinſel) heißt. Skoͤfnung wurde 
gehalten durch die Innenhoͤlzer des Reiſeboots; er fand ſich 
auf Skoͤfnungsey wieder. 

Aber am Abend desſelben Tages, an dem Thorkel mit ſeinen 
Gefährten ertrunken war, geſchah es in Zelgafell, daß Gudrun 
zur Kirche ging, als die Ceute ſchon zu Bett waren; und als 


226 


fie zur Kirchhofstuͤr kam, ſah fie einen Wdiergaͤnger vor ſich 
ſtehen. Er beugte ſich uͤber ſie und ſprach: „Große Neuig⸗ 
keiten, Gudrun,“ ſagte er. Gudrun antwortete: „So ſchweige 
du davon, Elender.“ Gudrun ging auf die Kirche zu, wie ſie 
ſich vorgenommen hatte, und als ſie zur Kirche gekommen 
war, glaubte ſie zu ſehen, daß Thorkel und ſeine Ceute heim⸗ 
gekommen waren und daß ſie draußen vor der Kirche ſtanden. 
Sie ſah, wie das Meerwaſſer aus ihren Kleidern tropfte. Gud⸗ 
run redete ſie nicht an, ſondern ging hinein in die Kirche und 
verweilte dort ſo lange, wie es ihr gut ſchien; dann ging ſie 
in die Stube, weil fie dachte, Thorkel wuͤrde mit feinen Leuten 
ſich dorthin begeben haben, und als ſie in die Stube kam, war 
dort niemand. Da fiel Gudrun ſchwer aufs Herz alles, was 
ihr begegnet war. 

Am Karfreitag ſandte Gudrun ihre Leute aus, die fich nach 
Thorkel und ſeinen Begleitern erkundigen ſollten, einige die 
Kuͤſte entlang, einige nach den Inſeln; da war das Schiffsgut 
ſchon weit umher angetrieben, an den Inſeln und den beiden 
Sjordufern. Am Sonnabend vor Oſtern erfuhr man, was 
geſchehen war, und die Runde machte tiefen Eindruck, denn 
Thorkel war ein großer Häuptling geweſen. Thorkel war acht⸗ 
und vier zig Winter alt, als er ertrank; das geſchah vier Wins 
ter bevor Konig Olaf der Heilige fiel.“ 

Gudrun empfand den Tod Thorkels ſchwer, aber trug doch 
den Verluſt mit Seelenſtaͤrke. Nur wenig von dem Kirchenholz 
wurde geborgen. Gellir war damals vierzehn Jahr; er über: 
nahm die Wirtſchaft gemeinſam mit ſeiner Mutter und die 
Zaͤuptlingswuͤrde. Es war bald an ihm zu erkennen, daß er 
wohl geeignet war fuͤr eine fuͤhrende Stellung. Gudrun wurde 
ſehr fromm. Sie war die erſte Frau in Island, die den Pſalter 
lernte. Lange lag ſie in der Kirche zur Nachtzeit im Gebet. 
Zerdis, Bollis Tochter, begleitete ſie immer in der Nacht. Gud⸗ 
run liebte Zerdis ſehr. 

In einer Nacht, wird erzählt, traͤumte der jungen Herdis, daß 
eine Frau zu ihr kaͤme, die war in wollenem Mantel, und um 
den Kopf hatte ſie ein Tuch geſchlungen; ſie ſchien ihr nicht 
1 Rönig Olaf fiel 1030 in der Schlacht von Stiklaſtadir. 


15° 227 


angenehm von Ausſehen. Die Srau begann zu fprechen: „Sag 
du das deiner Großmutter, daß ich fchlecht mit ihr zufrieden 
bin, denn ſie waͤlzt ſich alle Naͤchte uͤber mir und laͤßt ſo heiße 
Tropfen auf mich fallen, daß ich ganz und gar davon brenne. 
Und das ſage ich zu dir deshalb, weil du mir etwas beſſer ge 
faͤllſt; indeſſen ſchwebt auch uͤber dir etwas Sonderbares, und 
doch wuͤrde ich mit dir ſchon auskommen, wenn ich nur Ruhe 
fände vor Gudrun.“ Darauf erwachte gerdis und erzählte 
Gudrun ihren Traum. Gudrun meinte, daß die Erſcheinung 
gutes bedeute. 

Am Morgen darauf ließ Gudrun die Bretter des Fußbodens 
in der Kirche aufheben, dort, wo ſie gewohnt war, zum Gebet 
niederzuknien. Sie ließ dort in die Erde graben. Da fand man 
in der Tiefe Gebeine, die waren ſchwarz und unheimlich; man 
fand da auch ein Bruſtgehaͤnge und einen großen Jauberſtab. 
Daraus ſchloß man, daß dort das Grab einer Jauberin ge⸗ 
weſen war. Die Gebeine wurden weit fortgeſchafft an eine von 
Menſchen moͤglichſt wenig begangene Stelle. 


77. Bolli kehrt heim 

a: vier Winter ſeit dem Ertrinken Thorkels, des Sohnes 

des E yjolf, vergangen waren, kam ein Schiff in den Eyja⸗ 
fjord; das gehörte Bolli, dem Sohne Bollis; die Mannſchaft 
darauf waren meiſtens Norweger. Bolli brachte viel Gut mit 
nach Island und viele koſtbare Kleinode, die Sürften ihm 
geſchenkt hatten. Bolli hatte ein ſo prunkvolles Weſen an⸗ 
genommen, nachdem er von dieſer feiner Reife zuruͤckgekehrt 
war, daß er keine andern Kleider tragen mochte als Kleider aus 
Scharlach oder andern koſtbaren Stoffen, und alle ſeine Waffen 
waren mit Goldſchmuck verſehen; man nannte ihn Bolli den 
Stolzen. Er erklaͤrte ſeinen Schiffsgenoſſen, daß er die Ab⸗ 
ſicht habe, nach dem Weſtland in feine Heimatgegend zu reiten, 
und gab Schiff und Ladung in die Obhut ſeiner Schiffsge⸗ 
noſſen. Bolli ritt vom Schiffe mit elf Mann; ſie waren alle 
in Scharlachkleidern, die Gefolgsleute Bollis, und ritten auf 
vergoldeten Saͤtteln; alle waren ſie Maͤnner von gutem Aus⸗ 
ſehen, aber Bolli uͤbertraf ſie doch noch. Er war in den koſt⸗ 


228 


baren Kleidern, die ihm der Koͤnig von Miklagard geſchenkt 
hatte; daruͤber trug er einen roten Scharlachmantel, am Guͤrtel 
hing ihm Sußbeißer, Querſtange und Knauf waren mit Gold⸗ 
arbeit geſchmuͤckt, der Griff mit Golddraht umwunden; er 
hatte einen vergoldeten Helm auf dem Kopf und einen roten 
Schild an der Seite, auf dem ein Ritter in Gold dargeſtellt 
war; in der Hand trug er eine Stoßlanze, wie es Brauch iſt 
im Auslande; und wo ſie uͤber Nacht blieben, hatten die Srauen 
nichts anderes zu tun, als auf Bolli zu ſchauen, auf ſeine 
Pracht und die ſeiner Gefaͤhrten. 

In dieſem ritterlichen Aufzuge ritt Bolli in die Bezirke des 
Weſtlandes ein, immer weiter, bis er nach Helgafell kam mit 
ſeiner Schar; Gudrun war hocherfreut uͤber ihren Sohn. 
Bolli hielt ſich da nicht lange auf; dann ritt er wieder land⸗ 
einwaͤrts nach Saͤlingsdalstunga, um ſeinen Schwiegervater 
Snorri und Thordis, ſeine Frau, zu treffen. Das war ein ſehr 
frohes Wiederſehen; Snorri lud Bolli zu ſich ein, mit fo viel 
Mann, wie er wollte. Bolli nahm das an, und er war bei 
Snorri den Winter uͤber und ebenſo die Maͤnner, die mit ihm 
von Norden gekommen waren. Bolli wurde beruͤhmt durch ſeine 
Reife. Snorri war nicht weniger bemuͤht, Bolli mit aller Sreund⸗ 
lichkeit zu bewirten, als fruͤher, da Bolli bei ihm gewohnt hatte. 


78. Snorri ſtirbt. Gudruns hohes Alter 


und Tod 

U: als Bolli einen Winter in Island geweſen war, fiel 

Snorri in Krankheit. Die Krankheit machte keine ſchnellen 
Sortſchritte. Snorri lag ſehr lange danieder, und als die Krank⸗ 
heit ſtaͤrker wurde, ließ Snorri feine Verwandten und Verſchwaͤ⸗ 
gerten zu ſich rufen. Da ſprach er zu Bolli: „Es iſt mein Wille, 
daß du hier den Hof und die Gewalt über die Leute nach mei⸗ 
nem Tode uͤbernimmſt; ich gönne dir nicht geringere Ehre als 
meinen Söhnen; der unter meinen Söhnen iſt nun auch nicht 
im Lande, von dem ich denke, daß er der erſte unter ihnen ſein 
wird, ich meine Zalldor.“ ! Darauf ſtarb Snorri. Er war ſieben⸗ 


1 Halldor, der Sohn des Snorri, wurde berühmt durch feine Sahrten mit 
Konig Harald Hardradi. 


229 


undſechzig Jahre alt. Das war ein Jahr nach dem Tode Rönig 
Olafs des Heiligen; fo ſagt der Prieſter Ari der Gelehrte.“ 
Snorri wurde in Tunga begraben. 

Bolli und Thordis übernahmen den Hof in Tunga, fo wie 
Snorri beſtimmt hatte; die Söhne Snorris waren völlig da⸗ 
mit einverſtanden. Bolli wurde ein ſehr tuͤchtiger und allgemein 
beliebter Mann. 

gerdis, Bollis Tochter, wuchs in Helgafell auf und war ein 
wunderſchoͤnes Maͤdchen. Um ſie warb Orm, der Sohn des 
Zermund, des Sohnes des Illugi;“ und erhielt fie zur Frau; 
ihr Sohn war Rodran, der mit Gudrun, der Tochter Sigmunds, 
vermaͤhlt war. Der Sohn Kodrans war germund, vermaͤhlt 
mit Ulfeid, der Tochter des Runolf, des Sohnes des Biſchofs 
Ketil; ihre Söhne waren Ketil, der Abt war in Zelgafell, und 
Rein und Rodran und Styrmir; ihre Tochter war Thorvoͤr, 
die mit Skeggi, dem Sohne Brands, vermaͤhlt war, und da⸗ 
von ſtammt das Geſchlecht der Skogarleute.“ 

Oſpak hieß ein Sohn des Bolli und der Thordis. Die Tochter 
Oſpaks war Gudrun, die mit Thorarin, dem Sohne des Brand, 
vermaͤhlt war; ihr Sohn war Brand, der Zuſafell“ zum Prieſter⸗ 
gut machte; ſein Sohn war der Prieſter Sighvat, der dort 
lange wohnte. 

Gellir, der Sohn Thorkels, verheiratete ſich; er nahm Valgerd 
zur Frau, die Tochter des Thorgils, des Sohnes des Ari von 
Reykjanes;? Gellir fuhr nach Norwegen und war bei Koͤnig 
Magnus dem Guten; und empfing von ihm zwölf re Gold und 
ſonſt noch großes Gut. Die Soͤhne Gellirs waren Thorkel und 
Thorgils; Thorgils Sohn war Ari der Gelehrte; Aris Sohn 
hieß Thorgils, deſſen Sohn war Ari der Starke. 

Nun begann Gudrun ſehr alt zu werden und lebte in ihrem 
Trauerſtande, wie oben geſagt wurde, noch lange Zeit. Sie war 
die erſte Nonne in Island und Einſiedlerin; und das iſt die 


1 Nicht in der Islendingabok, vgl. S. 30, Anm. 3. Illugi war der vater 
des Dichters Gunnlaug Schlangenzunge. ? Skogar, ein Hof im Suͤdlande 
am Suͤdabhange des Spjafiallajökull.“ Huſafell liegt im innerſten Tal⸗ 
gebiet der Zita, die in den Borgarfiord muͤndet. Vgl. 8.33, Anm. 4. 
° Dem Sohne Olafs des Heiligen. Nicht wörtlich zu nehmen. 


230 


allgemeine Rede, daß Gudrun die hervorragendſte Frau ihres 
Standes hierzulande geweſen iſt. 

Einmal, fo wird erzählt, kam Bolli nach Zelgafell, denn Gud⸗ 
run freute ſich immer, wenn er ſie beſuchte. Bolli ſaß lange 
bei ſeiner Mutter und ſie redeten vieles miteinander. Da ſprach 
Bolli: „Willſt du mir etwas ſagen, Mutter, was ich ſehr gern 
wiſſen mochte? welchen Mann haft du am meiſten geliebt?“ 
Gudrun antwortete: „Thorkel war der maͤchtigſte und der 
groͤßte Zaͤuptling, und keiner war tuͤchtiger als Bolli und von ſo 
vollkommener Männlichkeit. Thord, der Sohn der Ingunn, war 
der kluͤgſte von ihnen und der beſte Rechtskenner; Thorvald 
nenne ich gar nicht.“ Da ſagte Bolli: „Ich verſtehe das ſehr gut, 
was du mir von dem Weſen aller deiner Maͤnner erzaͤhlſt, aber 
das iſt damit noch nicht geſagt, wen du am meiſten geliebt haſt. Du 
ſollſt mir das nun nicht laͤnger verbergen.“ Gudrun antwortete: 
„Stark draͤngſt du mich, mein Sohn,“ ſagte Gudrun, „doch 
wenn ich das jemanden bekennen ſoll, fo möchte ich dich am lieb⸗ 
ſten dazu auserſehen.“ Bolli bat ſie, es zu ſagen. Da ſprach 
Gudrun: „Dem ſchuf ich die bitterſte Stunde, den ich liebte aus 
Zerzensgrunde.“ „Nun glaube ich,“ erwiderte Bolli, „daß du 
ganz aus der Seele geſprochen haſt,“ und er fuͤgte hinzu, ſie 
habe recht daran getan, ihm das zu ſagen, was er gern wiſſen 
wollte. 

Gudrun erreichte ein hohes Alter und ſo erzaͤhlen die Leute, 
daß fie ihr Augenlicht verloren habe. Gudrun ſtarb in Helga= 
fell, und dort liegt fie begraben.! 

Gellir, Thorkels Sohn, wohnte in Zelgafell bis in fein Alter, 
und vieles Merkwuͤrdige wird von ihm erzaͤhlt; er kommt auch 
in vielen Erzaͤhlungen vor, wenn auch hier wenig von ihm be⸗ 
richtet wird. Er ließ eine Kirche bauen in Helgafell, ſehr ſtatt⸗ 
lich, wie Arnor der Skalde der Tarle? bezeugt in dem Nachrufs⸗ 
gedicht, das er auf Gellir gemacht hat; da ſpricht er deutlich 
hieruͤber. 

Und als Gellir ſchon in ein ziemlich hohes Alter gekommen 


Ihr Grab wird dort gezeigt. Berühmter Dichter; den Beinamen erhielt 
er, weil er die Jarle der Orkneys gefeiert hat. von dem hier erwähnten 
Gedicht auf Gellir, der 1073 geſtorben iſt, hat ſich nichts erhalten. 


231 


war, rüftete er ſich zur Ausreiſe. Er kam nach Norwegen, hielt 
ſich da aber nicht lange auf, ſondern verließ das Land gleich 
wieder und wanderte ſuͤdwaͤrts nach Rom, um das Grab des 
heiligen Apoſtels Petrus zu beſuchen. Auf dieſer Sahrt brachte 
er ſehr lange Jeit zu, dann reiſte er nach dem Norden zuruͤck 
und kam nach Dänemark; da wurde er krank und lag ſehr lange 
danieder und empfing alle geiſtlichen Segnungen. Dann ſtarb 
er und liegt in Roskilde begraben. 

Gellir hatte Skoͤfnung mit ſich genommen, und das Schwert 
kam nicht mehr in den Beſitz eines andern; es war aus dem 
Grabhuͤgel des rolf Krake geraubt worden. Und als der Tod 
Gellirs in Island bekannt wurde, da übernahm Thorkel, fein 
Sohn, das Vatererbe in Helgafell; aber Thorgils, der andere 
Sohn Gellirs, ertrank jung! im Breidifjord und alle, die mit 
ihm auf dem Schiffe geweſen waren. Thorkel, der Sohn Gel⸗ 
lirs, war ein ſehr tuͤchtiger Mann und wurde geruͤhmt wegen 
ſeines ungewoͤhnlichen Wiſſens. 

Und hiermit ſchließt nun die Geſchichte von den Leuten aus 
dem Lachswaſſertal. 


1 einige Jahre vor dem Tode feines vaters. Thorgils Sohn iſt der berühmte 
Geſchichtsſchreiber Ari. 


232 


2 


Skizze des Hvammsfjords 


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Inhalt 


Emleiunngsgada‚.. Seite 
Die Geſchichte von den Leuten aus dem Cachswaſ⸗ 
fer a a BI 

1. Retil Flachnaſe und feine Samilie .. 2. 22 22 20 20 
2. Retil befchließt, Norwegen zu verlaſſen 
3. Björn und Zelgi, die Söhne Ketils, und ihr Schwa⸗ 
ger Zelgi der Magere fiedeln ſich in Island an 

4. Ketil und Unn in Schottland. Unn verläßt Schottland 
5. Unn kommt nach Island und nimmt Land am 
Zvemmsſſe sss a a er 

6. Unn teilt Land aus 

7. Unn ſtirbt. Olafs Nachkommenſchaft. Zöͤs kuld, der 
Bohn 888. Rolli ĩ²ð¹¾. ³⁰ ¼ / ei 

8. Hrut, der Sohn Zerjolfs und der Thorgerd, wird ge⸗ 
boren. Nach dem Tode Zerjolfs kehrt Thorgerd nach 
Island ʒuruͤck und ſtirbbt e 

9. Zoͤskuld verheiratet ſich mit Jorunn. Ihre Rinder .. 
10. Hrapp der Totſchlaͤger und feine Leute 
11. oͤskuld reift nach Norwegen. 
12. Zoͤskuld kauft eine Sklavin 
13. Zoͤskuld kehrt nach Island zuruͤck. Olaf pfau wird 
geboren. Melkorka gibt ſich zu erkennen 
14. Thorolf erſchlaͤgt Hall, den Bruder des Ingjald, und 
findet Schutz bei Digdis auf Goddaſtadir 
15. Vigdis rettet Thor oll. 


16. Vigdis ſcheidet ſich von Thorr d.. 


17. Hrapp ſtirbt und geht uu nini 
18. Thorſtein Surt ertrinkt mit Tochter, Schwiegerſohn 

und eff”. a 
19. Hrut kommt nach Is ladet 
20. Melkorka verheiratet ſich mit Thorbjoͤrn Skrjup und 

ſendet Olaf ins Ausland 
21. Olaf in Norwegen und Irland. 
22. Olaf kehrt nach Island zurüd .. eke 
23. Olaf wirbt um Thorgerd, die Tochter Egils 


24. Olaf baut den Hof Hiardarholt . .. .. .. .. er 
25. Streit zwiſchen Hrut und Höskuld. ge der Sohn 
Thorleiks, wird . CC 
26. Zoͤskuld ſtirbt. % Br ae Era 
27. Olaf erbietet ſich, Boli. den Sohn . zu er⸗ 
ziehen”nnnnnnnznnn ne ne ne 00 ee 
28. Olafs Rinder .. 2. 02 20 00 00 ee ne ee en en en en 
29. Olaf holt Bauholz aus Norwegen und baut eine große 
Zalle. Vermaͤhlung der Thurid mit Geirmund Lärm 
30. Geirmund verlaͤßt Thurid. Sie raubt ihm das Schwert 
Sußbeißer. Er legt einen Fluch auf das Schwert 
31. Olafs Töchter. Der Stier Zarri. Olafs Traum 
32. Oſvifr auf Laugar und feine Sami lie 
33. Der weiſe Geſt deutet die Träume der Gudrun 
34. Gudruns erſte Che. 
35. Thord ſcheidet ſich von Aud und heiratet Gudrun. 
Thord ertrinkt infolge der Zauberei des Kotkel 
36. Rotfel wird von Thorleik, dem Sohne des 5 
im Lachs waſſertal angeſiedelt = 
37. Kari, Hruts Sohn, wird durch Zauber getötet. ir 
38. Olafveranlaßtfeinen Bruder Thorleik aus zuwandern 
39. Rjartan und Gudruunnn.nn ne en an ee 
40. Rjartan und Bolli in Norwegen 
41. Rönig Olaf ſendet Thangbrand nach Island. 
42. In Island wird das Chriſtentum angenommen. Bolli 
z 0.0 2: Su 35 Rene 
43. Bolli verheiratet ſich mit Gudrun. es o ent. 
Ast -Kjarian: 22.00. gn u 6 
44. Rijartan kehrt nach Island zuruͤck. 
an Kjartan wirbt um Hrefna und ſchenkt 95 bei der Zoch⸗ 
zeit das koſtbare Kopftuch. eee 
46. Kjartans Schwert wird geſtohlen und wiedergefun⸗ 
den, das Kopftuch der Hrefna wird entwendet und 
Venicht 
47. Kjartan reitet nach dem Saurbkoodd 
48. An der Schwarze hat einen böfen Traum 
49. Kjartan wird von Bolli getötet . 2. 2... cr 00 00 


50. Olaf ſchuͤtzt Boll. en 
51. Die Söhne des Oſpifr werden geächtet und verlaſſen 
IJsland, Plaf ſtitttttttte a 
52. Halldor, Olafs Sohn, tötet Thorkel von gafratindar 
53. Thorgerd reizt ihre Söhne auf, Rache an Bolli zu 
54. Der Jug gegen Bolli wird beſchloſſen. Thorgerd rei⸗ 
ter Mik. a erden 
55. Bolli wird uͤberfallen und getoͤteeet tete 
56. Snorri der Gode uͤbernimmt Tunga, Gudrun zieht 
nach Zelgafelllll 00 00 20 00 00 00 0° 
57. Thorgils, der Sohn der Halle, unterrichtet Gudruns 
Sohn Thorleik im Recht. Thorkel, der Sohn des Ey⸗ 
jolf, zieht aus, den geaͤchteten Grim zu uͤberfallen und 
leiht ſich das Schwert Skoͤfnuunn g 
58. Thorkel wird von Grim beſiegt, der ihm das Leben 
ſchenkt. Snorri gibt dem Thorkel guten Rae 
59. Snorri gibt Gudrun liſtige Katſchlaͤ ge 
60. Gudrun reizt ihre Söhne zur Rache auff 
61. Thorgils überredet Thorſtein und Lambi, an dem 
Kachezuge teilzunehmen 
62. Thorgils reitet mit ſeiner Schar nach dem Zofe des 
63. Ein Hirt Helgis entdeckt die Seinde im Wald und be⸗ 
ſchreibt ſie ihm 3 27%k 
64. Helgi wird getötet. 2. 3 ne 
65. Thorgils mahnt Gudrun an ihr Eheverſprechen und 
erfährt, daß er betrogen iſe 00 00 00 00 
66. Oſvifr und Geſt fterben und werden beide in Zelga⸗ 
fell begrabens 00 00 ne se 
67. Audgiſl, Thorarins Sohn, erſchlaͤgt Thorgils auf 
dem Allt hinge 
68. Thorkel, Eyjolfs Sohn, kehrt nach Island zuruͤck. 
Snorri wirbt für ihn um Gudrun. Die Hochzeit wird 
feſtgeſetz t aaa 
69. Hochzeit in gelgafall. Gudrun ſchuͤtzt den geaͤchteten 
Gunnar Thidrandi⸗Toͤter gegen Thorkel 


. 163 


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207 


70. Thorleik, Bollis Sohn, reift nach Norwegen. Bolli, 
Bollis Sohn, verheiratet ſich mit Thordis, der Toch⸗ 
ter nere . 

. Thorleif und Bolli befchließen, die Brüder Kjartans 
anzugreifen. Snorri bringt eine endguͤltige Suͤhne 
ZUIIANOR a aa a ĩðͤ 88 

72. Bolli beſchließt mit feinem Bruder Thorleit auszu⸗ 

reiſen 85 TREE 

73. Thorleif und Bolli reifen nach Norwegen . 

74. Thorkel reiſt mit ſeinem Sohne nach Norwegen und 

bringt eine Laſt Kirchenbauholz nach Island 

75. Thorſtein und Thorkel machen einen vergeblichen 

Verſuch, Zalldor zum Verkauf von Zjardarholt zu 
zwingen 

76. Thorkel ertrin n 

77. Bolli kehrt hein 

78. Snorri ſtirbt. Gudruns hohes Alter und cod. 


— 


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Beilagen: 


Stammtafel der Zauptperſonen 
Skizze des Fvammsfjorddddz ce 00 un 00 00 er 


. 209 


212 


216 
217 


219 


222 
225 
228 
. 229 


24 
232 


Gedruckt bei Dietſch & Bruͤckner in Weimar 
Von dieſem Buche wurden 50 Abzuͤge auf Buͤttenpapier herge⸗ 
ſtellt / in Ganzleder gebunden / und handſchriftlich numeriert 


Thule 


Altnordifche Dichtung und Proſa 


Herausgegeben von Profeſſor Felix Niedner 


eln ne Felix Niedner, Islands Kultur zur Wikinger⸗ 


zeit. Mit 24 Anſichten u. 2 Karten. br. M 4.50, geb. M 6.— 

Die Aufgabe dieſes einleitenden Bandes iſt, das hiſtoriſche Verſtaͤndnis der Sagas 
und der Skalden dichtung zu erſchließen. Große Sachkenntnis und Mare Darſtellungs⸗ 
gabe vereinigen ſich mit knapper kůnſtleriſcher Sorm. Unentbehrlich iſt aber dieſer 
Band fuͤr die Räufer der Sagas, weil er zwei von Profeffor Herrmann geseich⸗ 
nete Rart en enthält. Die eine verdeutlicht die Schauplaͤtze der Sagas, die andere 
gibt einen Überblid über die wiringerzůge bis nach Amerika und bis zum Mittelmeer. 


25.1 Edda IJ, Zeldendichtung. Überfegt von Selir Genzmer. Mit Anmer⸗ 
kungen und Einleitung von Andreas Zeusler. br. M 3z.—, geb. M4. 50 
Leipziger Neueſte Uachrichten: Genzmer kommt der Rongruenz mit dem 
Originale ſo nahe, daß man das Empfinden, eine Übertragung Zur Hand zu haben, 
vollſtändig verliert. Sie iſt vielfach von fo konzentriert anſchaulicher Darſtellung, 
daß fie wie gebämmert erſcheint, gehaͤmmert mit der Wucht bildſtarker, kurzer 
nadter Sätze. Dieſe Üverfeung geftattet uns ein Einleben in die heidnifch-heldige 
Zeit wie keine ihrer Vorgängerinnen. 


8e. 3 Die Geſchichte vom Skalden Egil. uͤberſetzt von Selix 
Niedner. br. M 4.—, geb. M 5.50 
Citerariſcher Sand weiſer: In Egli iſt der wilde Geiſt des alten heidniſchen 
nordiſchen Reckentums noch treu erhalten. Schrankenloſe Rachſucht, Habſucht, Zer: 
ftörungsluft, raffiniertefte Zinterlift gegen den Verräter auf der einen Seite, auf 
der anderen heldenhafte Surchtioſigkeit und Tapferkeit, Sreundestreue, Grotzmuͤtig⸗ 
keit, Rechts⸗ und Mannesſtolz — all das erſcheint hier ins Gigantiſche geſteigert 
und in der großen wilden Geſtalt dieſes Skalden zu lebendig Individueller Einheit 
verkörpert. Dem Beſten, was der moderne menſch in ſich trägt, kommt das bedeu⸗ 
tende Werk entgegen: feiner Sehnſucht nach Kraft. 


80. Die Geſchichte von dem ſtarken Grettir, dem Ge⸗ 


aͤchteten. uͤberſetzt von Paul Zerrmann. Mit 8 Anſichten und 


1 Karte. br. M 5.—, geb. M 6.50 

Diefe Saga gibt uns das herbtragiſche, von aberglaͤubiſchen Vorftellungen und 
maͤrchen umſponnene Bild eines vom Schickſal verfolgten Mannes. Grettir it Je: 
lands ſagenumwobener Nationalheld geworden, unter allen Charakteren der Saga 
ſteigt er allein ins Symboliſche hinauf. In dieſem ſtreitbaren, vom Ungluͤck gehetz⸗ 
ten, friedloſen Manne ſahen die Jslaͤnder ein Spiegelbild ihres eigenen bolksweſens, 
ihres eigenen Volksgeſchickes. 


— 


— 


837. 1 & 
150 


Die Geſchichte von den Leuten aus dem Lachs v0 6 


waſſertal. Übertragen von Rudolf Meißner. br. M 4.—, 
geb. M 5.50 

Die Saga umfaßt die Schickſale von 8 Geſchlechtern; ſie ſpielt im Taͤlerbezirk des 
z vammsfjords und reicht von der mitte des 9. Jahrhunderts bis 1073. Dieſe Bauern: 
geſchichte erhebt ſich in ihrem Hauptteil zu ergreifender Tragik. Schon um der Ge⸗ 
ſtalt der Gudrun willen gehört fie zu den ewigen meiſterwerken der Weltliteratur. 
. — . —7—v˖ð en 


Sieben Geſchichten von den Oſtland⸗ Familien. ».. 1. 


Überfegt von Guſtav Neckel. br. M 3.50, geb. M 5.— 

Inhalt: Die Erzählung von Thorſtein dem Weißen. Die Geſchichte von den Männern 
an der waffenfoͤrde. Die Erzählung von Thorſtein Stangenhieb. Die Erzählung von 
Gunnar, dem Töter Thidrandis. Die Geſchichte vom Sreysprieſter Hrafnkel. Die 
Geſchichte von den Söhnen der Droplaug. Das Bruchſtůck von Thorſtein, dem Sohn 
Siduhalls. 

Diefe Geſchichten find geographiſch und innerlich eine Einheit. Mehr novellſtiſch 
gehalten als andere Sagas ſtellen fie die Sagawelt mit ihrem Thema: „Menſchen⸗ 
größe und menſchenſchickſal / im Heinen dar. Ernft und unſentimental lehren fie 
eine weltbetrachtung, die nichts vertuſcht und nichts zu entſchuldigen braucht, 
keinen anklagt und jedem das Seine gibt. 


Groͤnlaͤnder und Faͤringer Geſchichten. uberſetzt ze. 13 
von Erich von Mendelsſohn. br. M 5.—, geb. M 6.50 

Inhalt: Die Geſchichte von Erich dem Roten. Die Erzählung von den Brönländern. 
Die Geſchichte von Einar, dem Sohne Sokkis. Die Geſchichte der Ceute aus Sloi. 
Die Geſchichte von Suche dem Ziſtigen. Die Geſchichte von den Schwurbruͤdern. 
Die Geſchichte der Ceute auf den Särdern. 

General-Anzeiger für Zamburg⸗ Altona: Wie die Egilſaga die Entdeckung 
und Beſiedelung Islands, fo behandeln die vorliegenden Geſchichten zum größten 
Teil die Beſiedelung Groͤnlands und Abenteuerfahrten nach dem amerikaniſchen 
Seſtland. Der geld, der ſtarke Menſch, iſt auch hier der Mittelpunkt der Erzählungen, 
die in dem vorliegenden Bande aus mehreren geſonderten, nur durch den hiſtoriſchen 
Hintergrund zuſammengehaltenen Schickſals ſchilderungen beſtehen . . Beſonders 
die Geſchichte von den Schwurbruͤdern mit ihrem wundervoll durchgefuhrten Ron: 
flirt einer Maͤnnerfreundſchaft iſt ein Meiſterſtuͤck voll feinfinniger Charakteriſtik. 
Dieſe Sagas uͤbertreffen bei weitem die weltberühmten Novellen der Romanen ... 


Im Zerbſt 1913 erſcheint: 
Fuͤnf Geſchichten aus dem weſtlichen Nord⸗ xs. 10 


land. Übertragen von Frank Sifcher und W. 3. Vogt. 
Inhalt: Die Geſchichte von den Ceuten aus dem Seetal. Die Geſchichte von Sinn⸗ 
bogi dem Starken. Die Geſchichte von Thord und feinem Jiehſohn. Die Geſchichte 
vom durchtriebenen Ofeig. Die Erzählung von Thorhall Biermuͤtze. 


. N N l 2 > 7 
Es ſchließen ſich an: 
8d. 2 Edda II, Goͤtterdichtung und Spruchdichtung. Übertragen von 


Felix Genzmer. 


Bd. 4 Die Geſchichtevomweiſen Njaluͤbertragen von Andreasgeusler. 

80. 7 Die Geſchichte vom Goden Snorri. übertragen vondelir Niedner. 

Bd. 8 Fuͤnf Geſchichten von Achtern und Blutrache. Übertragen von 
Friedrich Ranke. 


Inhalt: Die Geſchichte vom Hühnerthorir. Die Geſchichte von Zoͤrd dem Geaͤchteten. 
Die Geſchichte von Gisli dem Geaͤchteten. Die Geſchichte Havards aus dem Eis⸗ 
fiord. Die Geſchichte vom Sochlands kampf. 

85.9 Vier Skaldengeſchichten. Übertragen von Selir Niedner. 
Inhalt: Die Geſchichte von Gunnlaug Schlangenzunge. Die Geſchichte von Bjorn 


und Thord. Die Geſchichte von Rormak, dem Ciebes dichter. Die Geſchichte von gall 
fred. dem Königs ſkalden. 


Bb. 11 Fuͤnf Geſchichten aus dem Sftlihen Nordland. Übertragen 
von Wilh. Raniſch und Aug. Lütjens. 
Inhalt: Die Geſchichte der Ceute vom Cauterſee. Die Geſchichte der Leute aus dem 
Sparftal. Die Geſchichte des Cjot von vellir. Die Geſchichte vom Haudegen Blum. 
Die Geſchichte der Leute aus dem Kauchtal. 
Die erſten 13 Baͤnde werden 1915 vollſtaͤndig 
vorliegen. Die weitern Baͤnde werden nur in 
Angriff genommen, wenn der Verlag das entſpre⸗ 
chende Intereſſe des Publikums für Thule findet. 

85. 14/16 Snorris Königsbuch. 

858.17 Kleinere Novellen aus der Umgebung der älteren nor⸗ 
wegiſchen Könige. 

85. 18/19 Die Geſchichten der Rönige Sperri und akon im Auszuge. 
Die Geſchichte von den Seekriegern auf Jomsburg. Die Geſchichte 
von den Daͤnenkoͤnigen und die Geſchichten von den Jarlen auf den 
Orkneys im Auszug. 

8b. 20 Islands Landes» und Kirchengeſchichte. Aris Islaͤnder⸗ 
buͤchlein. Ausgewählte Stuͤcke aus dem Beſiedlungsbuch, den Stur⸗ 
lungengeſchichten und etlichen Biſchofsgeſchichten. 

Bb. 21 Heldenromane, Die Geſchichte von den Waͤlſungen, die Geſchichte 
von rolf Krake / und ein paar andere. 

88. 22/23 Die Thidreksſaga (Die Geſchichte von Dietrich von Bern). 

Bd. 24 Islands Grammatik und Poetik. Zwei grammatiſche Traktate 


aus dem 12. und 13. Jahrhundert. Snorris Skaldenlehrbuch: 
Die jüngere Edda. 


STANFORD UNIVERSITY LIBRARY 


Io avoid fine, this book should be returned on 
or before the date last stamped below 


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